Senorinnentage
Gestern zum ersten Mal in der Stadtbücherei das Puzzle auf dem Puzzletisch begonnen. Sonst immer nur bei dem angefangenen Puzzle schnell ein paar Teile gelegt. Wobei schnell sehr relativ ist, bei einem unbekannten Puzzle, das unbekannte Menschen mit mir unbekannten Strategien begonnen haben.
In Mittelhessen sind die Kraniche schon vorbeigeflogen und ich hab sie einmal kurz gehört, aber leider noch nicht gesehen. seither lebe ich gespannter Aufgeregtheit. Eine Sichtung eines Kranichzugs löst bei mir ein inniges Glücksgefühl aus. Ich kann es kaum erwarten, sie zu sehen.
Das schönste am Rentnerinnendasein ist, dass für alles viel mehr Zeit bleibt als früher. Erstaunlich für mich ist aber auch, wie schnell sich zeitliche Strukturen füllen. Damit hatte ich im Vorfeld nicht gerechnet. Aber ich genieße es sehr. Auch dass ich meinen Obsessionen so nachgehen kann, genieße ich. Bin jetzt in der Phase in der ich mir Bücher über die Fernleihe der Uni bestelle und sie im Notfall im Lesesaal lese, weil sie anders für mich nicht zugänglich sind. Die Autobiografie von Mary Jayne Gold ist es gerade. Bei meinem Tempo in ihr zu lesen wird es eine Weile dauern, bis ich sie wirklich durch habe. Aber ab und zu gehe ich und lese für eine Stunde im Lesesaal.
Mein Schwerpunkt für den Sport hat sich verändert. Zuerst begann ich mit dem Fitnessstudio, weil ich mir so eine gute Sportroutine aufbauen konnte. Jetzt ist Schwimmen dazugekommen und ein Kurs fürs Dehnen und Strecken der Muskulatur. Das war vor zwei Jahren noch nicht abzusehen, dass mich die sportliche Betätigung so fasziniert. Für mich waren diese Schritte auch nicht so einfach, wie sie sich jetzt hier niederschreiben lassen. Die Nachwirkungen der Angststörung haben da kräftig dagegen gearbeitet. Es war viel Beharrlichkeit und Strategie notwendig, meine Psyche davon zu überzeugen, dass ein Schwimmbad ein Raum ist, den ich durchaus betreten kann. Ich bin so froh und so stolz, dass mir das gelungen ist. Vor allem weil es so eine Freude ist, Zeit im Wasser zu verbringen. Es tut mir so gut!
Ich freue mich sehr darüber, dass meine Tage so ruhig verlaufen. Es sind nicht nur gute Tage, aber es sind Tage an denen ich mein Leben leben kann. Nach den langen Jahren der fremdbestimmten Arbeit ist das so eine Erleichterung.

Beneide dich für deine Begeisterung für die sportliche Betätigung! Bin viel zu selten im Fitness-Center, das mich vor allem mit seiner „Sauna danach“ lockt.
Schön, dass du dein Rentnerinnen-Dasein so genießen kannst. Für mich hat sich nicht viel verändert, ich schreibe immer noch Artikel für kleine Unternehmen, allerdings maximal zwei pro Woche – und ich interessiere mich nicht mehr für neue Aufträge. Solange ich noch tippen kann, wird das wohl so weitergehen.
Habe auch damit liebäugelt, ganz aufzuhören, meine kleine Rücklage zu verbrauchen und dann Grundsicherung zu beantragen (Rente ist minimal). Damit könnte ich leben, wenn auch mit kleinen Einschränkungen im Vergleich zu jetzt. Aber ich hab mich dagegen entschieden, denn wenn ich wirklich „etwas ganz anderes“ machen wollte, könnte ich das auch, indem ich die Arbeit an den Artikeln konzentrierter abarbeite und den Rest der Zeit anders nutze. Mache ich nicht, also ziehe ich es vor, noch ein wenig „gebraucht zu werden“. Habe mal bei einem Auftraggeber angedeutet, zum Ende des Jahres aufzuhören – heftiger Widerspruch, immerhin! 🙂
Das ist doch schön, dass du gebraucht wirst und es dir gefällt. Denn schließlich gefällt dir das Schreiben ja. Warum solltest du es dann aufgeben? Und das mit der Zeit „nutzen“ ist eine zwiespältige Angelegenheit. Wie könntest du sie besser nutzen, als das ohne Druck zu machen, was dir immer gefallen hat?
Ich finde das gut.