Seit ich in Rente bin, muss ich viel weniger Seelenaussauger ertragen als früher. Was habe ich unter ihnen gelitten! Es war wie eine toxische Nebenwirkung des Berufslebens. Dieses Ausgeliefertsein an Menschen, die ihre Energie daraus ziehen anderen Menschen die Seele auszusaugen.
Heute entscheide ich selbst und frei, welchen Menschen ich meine Zeit widmen und was ich ihnen geben möchte. Dafür bin ich jeden Tag dankbar. Überhaupt ist Dankbarkeit ein Gefühl, das mich ständig begleitet, seit ich im Ruhestand bin. Die Tage fühlen sich an, wie ein großes Geschenk.
Das Altern besteht aus Veränderung. Stetiger Veränderung. Jeder Tag eine neue Herausforderung. So würde ich heute das Leben von Hochbetagten beschreiben. Der andere Aspekt ist die Gelassenheit, die notwendig wäre, mit den ständigen Veränderungen klarzukommen. Nicht jeder ist mit Geduld gesegnet. Fehlt sie, zerrt das an der Lebensqualität. Wirbelt Unglück auf.
Die Kunst des geduldigen Alterns wird also darin bestehen, sich in Gelassenheit zu üben. Zulassen, dass der Wind des Lebens die Dinge verweht, deren Laufzeit abgelaufen ist. Vertrauen, dass der Wind freundlich aufräumt. Das Leben leichter zurück lässt.
Langsam werden die Tage länger, aber die Kälte fährt dennoch durch mich hindurch. Die Frühblüher bahnen sich ihren Weg durch die Erde, strecken ihre grünen Knospen dem Licht entgegen. Es gibt Licht, es gibt Schatten. Die Winterlinge kommen zum Vorschein.
Ich versuche krampfhaft die Sammelmappe politikfrei zu halten. Sie vor den Aufregerthemen zu verschonen. Von allen Seiten prasseln die Unvorstellbarkeiten auf mich ein. Die obskuren Reden und Taten. Wie ein trotziges Kind, denke ich: Ich will das alles nicht.
Ich will das nicht und weiß sehr gut, dass die schlimmsten Dinge in meiner Lebenszeit nicht mehr überwunden werden.
Caretag. Im Prinzip ist jeder Tag ein Caretag, aber manchmal sind die Caretage lang und anstrengend. Das gehört dazu. Ist eben so. Manche Aspekte daran schwanken zwischen lächerlich und ärgerlich. Meistens ist das der bürokratische Kleinscheiss. Wenn wir Boomer in den Pflegekreislauf hineingeworfen werden, wird sich kaum noch jemand dem organisatorischen Mikromanagment der Pflegeleistungen widmen können. Bin sehr gespannt, was zuerst zusammenkracht: die Pflege oder die Bürokratie der Pflege.
Das Eis trägt nicht die Eiligen. Es trägt die, die horchen.
Der Tag ging mir entgegen mit blanken Stellen. Der Weg ein Spiegel, der mich prüfte. Ich setzte den Fuß wie eine Frage. Kein Sprung heute. Nur das leise Verhandeln mit dem Boden. Ein Vor, ein Zögern, ein Atem, der bleibt. So lernt man gehen, wenn der Winter spricht. Die Kälte legt ihre Hand auf alles Bewegliche, doch darunter arbeitet ein heimliches Grün. Es schiebt, es hebt, es glaubt an das Weiter. Vielleicht ist Vertrauen kein Aufbruch in die Ferne, sondern das Einverständnis mit dem nächsten Schritt. Nicht das Fliegen. Das Gehen auf unsicheren Flächen. Und irgendwo im Eis ein feiner Riss – genug für Licht.
Heute wieder das Abenteuer Bahn hart am Limit erlebt. Große Enttäuschung meinerseits, dass es mir nicht gelingt, die ewig gleichen Szenarien mit mehr Gelassenheit zu ertragen. Das Trauerspiel ist jeweils absehbar und dennoch zum Verzweifeln. Und kein Ende in Sicht.
Vor 16 Jahren zeigte mein Außenthermometer Minus 15 Grad an. Heute schmolz das Wintermärchenland dahin. Auch die großen Schneemenschen, die die Kinder aus unserem Gelände herzallerliebst zusammentrugen. Alles dahin geflossen. Vergangen wie die Lebenszeit, die hinter mir liegt.