Für ein paar Tage bin ich hinter die sieben Berge, über das Meer in eine andere Welt gereist. Hab mein Bündel Sorgen gepackt und mitgenommen. Sie gut verwahrt. Hege und pflege sie tapfer und stapfe durch eine wunderschöne Welt. Komme aus dem Staunen nicht mehr heraus und genieße was ich sehe, höre, schmecke, fühle.
Ein paar Tage nur. Ein paar Tage. Eine gute Zeit. Ich sammle Erinnerungen. Und Lebensgefühle. In einer zerbrechlichen Welt wir vieles kostbarer. Leben wir dringlicher. Lieben verbindlicher.
Für ein paar Tage bin ich eine Reisende. Atme Meer ein. Schlendere durch meinen eigenen Traum.
Trage meine neue Mütze mit Würde, Charme und Gelassenheit.
„Eigentlich haben wir also ein sehr flexibles Verhältnis zur Zeit. Wir können in sie hinein- und aus ihr hinausgehen, wie es uns paßt, und sie nach Belieben kurz oder lang machen. Wir können sie dazu bringen, davonzurasen, so daß wir nachher gar nicht wissen, wo die Zeit geblieben ist, oder dazu, sich derart hinzuschleppen, dass zwei armselige Sunden unweigerlich als eine Ewigkeit empfunden werden. Wir können alles nach dem Uhrenschlag tun, oder wir können unserem eigenen Rhythmus folgen und nur ab und zu nachschauen, was die Uhr geschlagen hat. Wir haben zwei grundlegende Strategien: wir behalten die Zeit im Auge, oder wir überlassen die Zeit sich selbst: diese Strategien vermischen wir, so dass die Zeit ihr Tempo den Wanderungen des Bewußtseins im Raume anpaßt. Die Zeit wird dadurch selber zu Raum, zu einer langen Reihe größerer oder kleinerer Räume, die bewirken, dass Leben und Ereignisse mehr ausmachen, als sie in einer nur chronologischen Aufzählung täten.“
Aus „Der Schatten der Nacht“ von Inger Christensen
Gegen Morgen im Traum verfangen. Auf der Schwelle zwischen dem Dunkel und dem Erwachen in Angst getaucht. Unruhige Gestalten, die mein Leben übernahmen. Bestimmt und unerbittlich. Zum Greifen nah. Sie kommen aus den Untiefen meines Seelenfriedens. Kämpfen sich durch viele Schichten und drängen über die Schwelle zum Hier und zum Jetzt. Sie wachsen über mich hinaus. Verfangen und verheddert. Aufgeblasen. Aber die Schwelle hält sie fest.
Tage an denen das Atmen schwerfällt. Nicht so tief. Nicht so schnell, sonst verändert sich der Lauf der Welt. Ich möchte sie anhalten, für einen Moment. Bin noch nicht so weit. Jetzt bitte nicht.
Mit Kinderglauben das Schicksal bezwingen. Gelingen wird es nicht.
Die Gedanken gleiten nicht mehr sie kriechen durch die Risse der Tage, die Gefühle erstarren zu Schatten, die sich an meine Fersen heften.
Ich strecke die Hände aus, doch die Luft ist dick von etwas, das atmet, ohne gesehen zu werden. Mein Gesicht, von fremder Kühle benetzt, spürt den Hauch einer Stimme, die einen Namen flüstert doch die Kladde zeigt nur leere Seiten.
„Tage wie diese“ stand da einst, doch jetzt schreibt etwas anderes mit unsichtbarer Tinte: Für dich.
Heute haben das Leben, das Wetter, die Bahn und der Streik gemeinsam daran gearbeitet mir einen anstrengenden Tag zu bereiten. Aber sie trafen auf mein gut präpariertes Ich, das sich nicht so leicht unterkriegen ließ. Entschieden ist entschieden, also musste ich da jetzt einfach durch.
Die äußeren Umstände konnte ich geduldig ertragen, was mir zu schaffen macht, sind die inneren Umstände.
Vor kurzem machte der Begriff Lifestyle Teilzeit eine unschöne Runde. Bei mir hier taucht eher die Lifestyle Administration auf. Kennt ihr das?
Das sind die Accounts, Konten und Zugänge, die ich für mir nahestehende hochbetagte Menschen verwalte. Da gibt es mal kurz hier etwas zu registrieren und schnell dort. Da muss ich nach Monaten auch mal wieder eingeloggt werden, aber bei den anderen haben sie die App verändert oder zu unser aller Sicherheit den Zugang. Ich kenne vier verschiedene Krankenkassen-Apps und lerne jetzt jeweils die dazugehörigen Apps für die elektronische Krankenakten kennen. Für die Zusatzversicherungen. Die verschiedenen Rentenzugänge. Ich habe mich gezwungenermaßen zur Expertin darin entwickelt, durch eine gewiefte Verhörtechnik herauszufinden, wo verschollene Registrierungsschreiben oder PUKs hinterlegt sein könnten. Früher waren es eher die klassischen Sekretariatsaufaufgaben, heute bereitet mich meine Lifestyle-Freizeit auf Kompetenzen vor, die es mir später erleichtern werden, meine eigene Bürokratie vom Pflegebett auf zu organisieren.
Meinen Trainingsplan trage ich als zusammengefalteten Spickzettel im Studio mit. Er sieht ziemlich ramponiert und zerfleddert aus. Manchmal trage ich handschriftlich die Gewichtserhöhungen ein. Bei einigen Geräten sind das ziemlich viele, an anderen nur einige wenige. Das Training fügt sich morgens recht gut in meinen Tagesablauf ein. Ich genieße es, mich erst mal trainingsfertig zu machen und dann sozusagen nach nebenan zu gehen. Es ist toll, dass das Sportcenter so nahe ist. Das gibt dieser Aktivität eine Leichtigkeit, die mir gut gefällt. Sportlicher bin ich in der Zeit zwar kaum geworden, aber ich nehme Veränderungen in meinem Körper wahr. Ja, eher in meinem Körper als an meinem Körper. Bald werden erste Herausforderungen beginnen. Unterbrechungen des Trainings, die einen Wiedereinstieg erfordern. Ich bin gespannt, wie ich das schaffe. Wie es sich anfühlt.
Was ich außer dem Sport im Studio noch lerne? Menschen sind von Kleinigkeiten getrieben. Im Guten wie im Schlechten. Nebensächlichkeiten treiben sie um.