Es gibt ja jetzt diese Werbepausen bei Facebook und Instagram, die stoppen das Scrolling. Feine Sache. Sofort bin ich raus aus dem Algorithmus. Zack. Bin ich weg.
Ich nehme an, dass sie da noch etwas dran arbeiten werden. Für den Moment ist die Sache aber gegessen. Zurück bleiben nur die, die dem Algorithmus schon erlegen sind.
Dabei bin ich ja eigentlich ein leichtes Opfer. Hab mich durch unzählige Stunden von Werbung durch mein Spiel gequält und würde das auch weiter tun. Will ja meine Insel schön haben. Aber dieses Meta-Gedöns erinnert eher an eine Geiselhaft mit Notausgang. Und diesen Notausgang nehme ich schnell, solange es ihn gibt.
Im Moment ist große Balkonliebe angesagt. Zwischen Kabelgewirr und Balkonkastendschungel lässt es sich wunderbar in der Morgensonne schaukeln. Das sind die märchenhaften Seiten des Rentnerinnenleben.
Ich fotografiere weniger, sobald ich das feststelle, fühlt es sich wie ein Mangel an. Ein Verlust. Wenn es nichts zu fotografieren gibt, findet mein Leben dann überhaupt statt? Ist es lebenswert? So ganz ohne Bilder? Es sind schon seltsame Gedanken, die einem durch den Kopf gehen können. Das lässt sich immer weiter steigern. Die Skurilitätsskala ist nach oben offen. Vielleicht ändert sich das schon morgen wieder. Dann kommt vielleicht die Motivation wieder zuück, die Welt visuell zu dokumentieren. Kleine, feine Ausschnitte zu suchen und sie schön aufzubereiten. In der Zwischenzeit erfreue ich mich an der App zum Balkonkraftwerk. Sehe nach, wie der Strom fließt in diesen heißen Mai-Tagen. Ich lese Berichte, die alle davon handeln, dass wir Speicher brauchen. Viel Speicher. Damit kann ich jetzt wirklich nicht dienen. Das ist eins der vielen Themen, die die Politik zu lange ignoriert hat.
Wie weit wir schon sein könnten, wenn sie nicht immer alles so ausgebremst hätten. Und handeln doch auch jetzt noch so, als wollten sie alles ausbremsen, was irgendwie Sinn macht. Es kostet viel Energie, sich gegen den pessimistischen Sog abzugrenzen. Aber es lohnt sich. Es ist eine Überlebensstrategie. Ich übe mich darin. Mal mehr und mal weniger erfolgreich.
Manche Tage möchten festgehalten werden. Niedergeschrieben. Skizziert werden. Manche Tage möchten nicht enden und andere verstecken ihre beste Seiten. Dann gibt es wieder die ruhigen Tage, die ich besonders mag. Die bescheidenen Tage, die sich wie ein Nachhall des gestrigen Traums anfühlen.
Träume. Überhaupt Träume. Wie schön, dass es sie gibt. Diese andere Welt, die jede kennt und die doch für jede anders ist. Wenn die Träume nicht wären, könnten wir vielleicht so tun, als gäbe es nur eine Welt für uns alle. Dabei gibt es so viele Welten. Innen und außen. Und die Nachtträume.
Manchmal tauche ich auf aus einem Nachttraum und vermisse den Traum schon, während mir gerade bewusst wird, dass ich aufwache. Dann bin ich für eine kurze Zeit traurig, bis mir wieder einfällt: es wird ein nächster Traum kommen. Eine Sehnsucht, die mich zusammenhält.
Die Schnaken fressen mich. Sie überfallen mich und laben sich an meinem Blut. Keine Ahnung, wo sie in diesem Mai so zahlreich herkommen. Mein Körper wehrt sich heftig, was zu Kollateralschäden führt. Das kenne ich aus anderen Zusammenhängen schon von ihm. Ansonsten vergehen die Tage ruhig, ohne Daueralarmierung. Es dauerte eine ganze Weile, bis Körper und Seele dies nicht wieder als Ruhe vor dem Sturm deuteten und diese gespannte Wachsamkeit, beiseite legten. So schnell geht das bei mir mit dem Umschalten nicht. Manchmal beobachte ich andere Menschen und bewundere sie für ihre Leichtigkeit. Oder Ihre Beweglichkeit. Für ihr Anpassungsvermögen. Bei mir geht alles immer nur langsam und schwerfällig. Beharrlich. Wie immer im Leben bringt das Vor- und Nachteile mit sich. Es gibt nie nur die eine Seite der Medaille, aber trotzdem blinkt die eine Seite, die ich nicht haben kann, manchmal mehr als meine.
Draußen regnet es gerade. Der Mai macht gerade alles grün. Alles wächst und gedeiht draußen und ich finde eine Gedicht von mir, das fast 20 Jahre alt ist. Ich schenke es euch heute für einen Augenblick.
der Mai weint nicht über mich denn ich gebe ihm keinen Grund zum Weinen ich weine mit dem Mai
Mein Projekt Balkonkraftwerk ist gerade im vollem Gang. Obwohl mein Balkon solartechnisch nicht die günstigsten Voraussetzungen bietet und meine Stromrechnung minimalistisch niedrig ist, wünschte ich mir schon lange ein Balkonkraftwerk. Einfach aus Prinzip. Weil es wichtig ist. Weil Energie heutzutage ein politisches Statement ist. Auch weil der Erwerb des Wissens zur Technik Spaß macht. Aber die ganze Zeit kam immer irgendetwas dazwischen. Bis ich endlich die Entscheidung traf: ab diesem Sommer nur noch mit Balkonkraftwerk.
Ich entschied mich für ein Modell mit flexiblen Solarmodulen, denn mein Balkongeländer lässt keine Außenhängung zu. Als Mieterin muss ich außerdem extrem vorsichtig sein, dass ich keine Schäden durch die Aufhängung verursache. Die Realisierung des Projekts wird nicht die optimale Leistung herausholen, denn ich möchte meinen Balkon ja trotzdem noch für andere Zwecke benutzen. Im Moment liegt ein Berg von Kabelsalat auf meinem Balkon und wir haben ständig neue Ideen, wie wir alles ausrichten und befestigen. In der App läuft das Kraftwerk schon und der Strom tröpfelt langsam dahin. Die Tage sind regnerisch und bewölkt. Trotzdem zählt der Zähler leise hoch.
Jetzt muss das Balkonkraftwerk noch angemeldet werden und irgendwann werden wir die Position installieren, die uns am Besten zusagt.
Vom Vermissen und dem Durchs-Leben-Stolpern. Kopf hoch und Krönchen richten. Im Traum für die Seligkeit geübt. Nie Verzargen.
Dem Schicksal die kalte Schulter zeigen und das Hoffnung nennen. Niemals ist damit jemand durchgekommen. Langsam rückwärts zählen. Bei 100 beginnen. Nur die ungeraden Zahlen. Oder was ganz anderes ausprobieren. Verwunderung über die Ernsthaftigkeit, die in diesen Vorschlägen liegt.
Bin umgeben von Lyrik und Poesie. Ein Nest aus Büchern und ein Kopf voller Worte, die sich finden und wieder voneinander lösen.
Hab mir ein Buch von Marie Luise Kaschnitz aus der Bücherei geholt. Nicht das, was gerade bei „Frankfurt liest ein Buch“ gelesen wird, denn das ist selbstverständlich überall ausgeliehen. Das lese ich später.
Als ihr Mann verstarb, schrieb sie ein intensives Gedicht, in dem ihr Schmerz zu erkennen ist.
Dein Schweigen Meine Stimme Dein Ruhen Mein Gehen Dein Allesvorüber Mein Immernoch da.
Ich kenne leider nicht viele Texte von ihr. „Das dicke Kind“ ist mir aus der Schulzeit in Erinnerung. Aber in den letzten Wochen stieß ich immer wieder auf ihren Namen, dachte mir das muss ein Zeichen sein. Will mehr über und von ihr erfahren.
Die Tage vergehen im Glück. In der Zufriedenheit. Mit dem Staunen über das schreiende Grün vor dem Fenster, der explodierenden Natur, der Blüten, die vom Himmel rieseln. „Das sind die Wochen im Jahr, die ich am meisten liebe.“ Warum flüstere ich? Immer aufs Neue überwältigt von der Kraft der Natur und ihrer Anstrengung der Auferstehung. Wer könnte da nicht an die Möglichkeit einer Wiedergeburt glauben? Strozend in ihrer Potenz lebt sie uns vor, was sie alles kann.