Journal05072020

11 Millionen Infektionen. Ich mache URLAUBSPLÄNE.

Bildbeschreibung: Sonnenblumen

Journal04072020

Bildbeschreibung: vierfach gekippte und gespiegelte Gleislandschaft in schwarzweiß

Notizen:

Gestern im vollen ICE dienstlich durch Hessen gefahren und versucht, die bösen Infektionsgedanken auf die Gleisstrecke zu schicken und im Nivana verschwinden zu lassen.

Auf dem Balkon spielen sich dramatische Szenen ab. Die Blattläuse sagen die Kapuzinerkresse aus, der Salbei ist ertrunken und der überfürsorglich gehegt und gepflegte zarte Dill ist über Nacht einer geheimnisvollen Attake erlegen.

Für ein paar Jahre war es mir gelungen, alle meine mobilen Endgerät mit einem Ladegerät aufzuladen. Seit dem Wechsel des Diensthandys bin ich bei stolzen vier verschiedenen Ladegeräten und Steckern für vier mobile angelangt. Kindle, Handy 1, Handy 2 und Tablet regelmäßig aufladen ist jetzt ein logistisches Projekt.

Journal02072020

Die neueste Formulierung für nicht fallende Infektionszahlen nennt sich: stabil.

Kreative Wortfindungen haben sie drauf. In der Zwischenzeit rast das Virus durch die Welt. Es wächst und gedeiht auf fruchtbarem Boden.

Journal01072020

Ein Alltag, der wahllos lebendig macht.

Lyrik tröstet mich durch die Tage. Vor einigen Jahren besaß ich eine Werksausgabe der Gedichte von Sarah Kirsch. Ich trug sie zum Bücherschrank an der Ecke wie so viele Bücher. Eine Maßnahme gegen meine Stauballergie und meine Besitzstandshaltung. Bücher, die in Bibliotheken zu leihen sind, braucht eine nicht zu besitzen. Denke ich heute immer noch. Selbst seit ich weiß, dass die Stadtbücherei tatsächlich viele Werke von bekannten Frauen gar nicht oder nicht mehr in ihrem Bestand hat. Von Sarah Kirsch würde ich jetzt gerne ihr Allerlei Rauh lesen. Gibt es nicht. Von Marlen Haushofer wollte ich gerne eine bestimmte Biografie lesen. Gibt es nicht. Die Tapetentür. Gibt es nicht.

Marlen Hausdorfer wäre im April 100 Jahre alt geworden. Eine Werksausgabe: Gibt es nicht.

Ich könnte das endlos fortsetzen.

Aber lieber stelle ich Beschaffungsanträge, damit wenigstens die Neuerscheinungen von Autorinnen in der Bestand der Büchereien kommen.

Journal30062020

Ich trage die Aufzeichnungen aus der Vor-Corona- und Anfangs-Corona-Zeit nach und wundere mich, wie lange es dauerte, bis wirklich gehandelt wurde. Sieben gefühlte Tage ergeben sieben Wochen. In der Zwischenzeit haben sich meine wundgelaufenen Füße an zehn tägliche Kilometer Stadtgang gewöhnt und meine Virenphobie gewöhnt sich an die Fahrten gemeinsam mit Mitreisenden die kreativen Mund-Nasen-Schutz betreiben. Was sich bisher nicht ändert ist der Ärger über Schifahrende Pandemiereisende und Regierungen, die keine Katastrophenvorsorge betreiben. Oder Gesundheitsministerien, die den Infektionsschutz nicht im Griff haben.

Ansonsten bin ich heute versöhnlich, melancholisch gestimmt. Es gibt schlechte Nachrichten, die durch ihre Wiederholung eine Traurigkeit in mein Leben bringen. Dinge, die sich nicht ändern lassen, aber in der Seele weh tun.

Die Grünen Wipfel

Tanzen im Sommerwind

Hörst du das Kindergeschrei?

Journal29062020

„Durch Ruhe und Ordnung kann die Demokratie ebenso gefährdet werden wie durch Unruhe und Unordnung.“

Hildegard Hamm-Brücher

Irgendwo dazwischen, zwischen diesen Polen, scheint die Demokratie sich abzuspielen. Aber vielleicht sind ihre guten Tage längst vorbei.

Vielleicht haben wir nicht intensiv genug über Freiheit geredet. Der Freiheitsbegriff liegt verrottet als Konsumfreiheit getarnt in der Vitrine.

Journal28062020

Mehr als 10.000.000 Infektionen und fast 500.000 Tote weltweit. In der Zwischenzeit rechnet sich Deutschland die Zahlen schön und erfindet kreative Erklärungsansätze. Tatsache ist und bleibt: die Zahlen steigen. Wir nehmen Fahrt auf.

Ich verkrieche mich in meinen Büchern und lese viel gleichzeitig. Mal hier, mal dort, alles was ich kriegen kann. Nicht dass ich mich besonders konzentrieren könnte, aber das ist auch nicht so wichtig. Hauptsache lesen.

Bin wieder an Bord

Hilft ja nix. Die Pandemie nimmt ihren menschengesteuerten Verlauf. So oder so. Egal wie sehr ich hadere. Mit Ansage sind wir in diese Pandemie hineingesteuert, mit Ansage steuern wir jetzt auf ihre Fähigkeit alle in Bann zu halten zu.

Die bittere Quittung dafür, dass nie auf der Agenda stand, das Virus auszumerzen. Ich nehme die Quittung an und gehe wieder an Bord. Wo sollte ich auch sonst hin in diesen Tagen.

Journal24062020

Mag immer noch nicht richtig weiterbloggen. Obwohl es ein paar Dinge zu dokumentieren gibt.

Den Montag zum Beispiel, als ich schon aus der Ferne beim Ankommen zum Büro sah, dass etwas passiert sein muss. Kein Fenster offen weit und breit. Das ganze Gelände abgesperrt. Unser Eingang sei ein Tatort, sagte der Polizist. Ein Tatort ohne Fernsehen. Später kam ein Reinigungsteam und hat alles Blut weggeschrubbt. Die hellen Flecken bleiben. Von der Ecke am Eingang bis zur Schranke beim Busbahnhof. Nach zwei Metern wird der Fleck immer etwas größer. Es ist gruslig, das zu sehen.

Corona ist eine Welle näher gekommen. Hat den Pflegedienst der Lieben erreicht. Es wäre allerdings zu viel verlangt, die Betroffenen zu informieren.

Was für eine Zeit!

Wochenticker

Ist ja nicht so, dass es nichts weiter zu berichten gibt, nur weil ich Blogpause mache.

Montag: Dankbar und gerührt über die Tatsache, dass Hessen zum ersten Mal keine Neuinfektionen und keine neuen Toten meldet.

Dienstag: Gemerkt, dass die Null Endungen einem Fehler geschuldet sind. Am frühen Morgen in der sonst menschenleeren Stadt viele Polizisten gesehen, einige grüßten mich, erst am Abend den Zusammenhang mit dem Mordprozess gegen Walter Lüpke erkannt, das war wohl die Einheit, die lange vorher das Umfeld um das Gerichtsgebäude in Augenschein nahm.

Mittwoch: Hektik vor sechs Uhr morgens und Angstausbrüche, falscher Alarm, wöchentliches Schwesternzerimoniell,

Donnerstag: Erster Tag der Lesungen zum Bachmannpreis mit spannenden Autorinnen.

Freitag: Gestern mehr als 60 Neuinfektionen in Hessen. Soweit waren wir Mitte Mai schon mal. Wie gut, dass gestern die neuesten Lockerungen verkündigt wurden. Die Schulen machen nach den Sommerferien ohne Abstandsregeln weiter. Wer denkt sich diesen Schwachsinn aus.

Auch Freitag: Drei Runden Pech bei den Lesungen aus Klagenfurt. Hat wohl nicht sein sollen.

Samstag: Im Navajo-Reservat ziehen die Infektionen ihre tödliche Kreise. Sie sind stärker betroffen als jede andere Region. Da das Reservat über mehrere Staaten verteilt ist, geht das aus den üblichen Statistiken nicht so hervor. Jetzt schließt die Navajo-Times für zwei Wochen, weil es auch bei ihr Covid-19 Fälle gibt.

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