Abendspaziergang

Journal 14082018


Sag den Wölfen ich bin Zuhause – ein wunderschöner Buchtitel und ein noch schöneres Buch.
Hab gestern bis um 2 Uhr Nachts gelesen. Seite um Seite, obwohl klar war, dass mein Tag um 5:15 starten muss. Kurz vorm Ende zögerte ich und entschloss mich dann, nicht mehr weiter zu lesen. Um eine Nacht und einen Tag, die verschiedenen unterschiedlichen Möglichkeiten des Ausgangs der Geschichte in mir zu tragen.

Was für eine Lesefreude!
Was für ein Vergnügen!

Dabei ist sie so traurig, die Geschichte.

#12von12 im August 2018

Stimmen in mir

Du könntest längst fertig sein.
Und viel erfolgreicher.

Du könntest es besser machen, länger und weiter.
Du müsstest mehr rechnen und resoluter entscheiden.

Das meiste kannst du sowieso nicht.
Und falls doch, dann machst du alles falsch.

Es braucht Jahrzehnte die Stimmen zum Schweigen zu bringen, die sie in dir säaten, nur zu deinem Besten. Das flächendeckende Kontaminieren von Kinderseelen wurde empfohlen von Staat, Kirche, Gesellschaft und den Nachbarn sowieso.

Journal 10082018

So ein bisschen Zorn bleibt ja immer.
Dieser Groll darüber, dass die Welt so ungerecht ist, wie sie ist.
Das Schicksal sowieso. Da bleibt nur demütiges Fügen.

Aber die Menschen, die machen mich kirre.

Wie sie sich so selbstverständlich den Rahm vom kapitalistischen Leben abschöpfen und sich gegenseitig auf die Schultern klopfen, weil sie es so toll anstellen, die anderen Menschen auszubooten.

Hurra, wir sind die Gewinner, wir schubsen täglich andere Menschen weg vom Futtertrog, aber wir wissen doch alle, dass in Deutschland niemand verhungert.

Ha ha. Wir setzen uns ein Rahm-Häubchen auf, vielleicht auch zwei oder drei und prämieren die tollste Rahm-Häubchen-Trägerin. Wir tragen Wettbewerbe aus, damit wir eine klare Rahmhauben-Rangfolge unter uns ausmachen.
So viel Rahmabschöpferei wie heute war noch nie.

Und die, die nicht zum Rahmtopf vorstoßen können oder die, die nicht wissen, wo er steht, sind irgendwie doch alle selbst schuld. Wahrscheinlich sind sie einfach ein bisschen langsam und nicht so tüchtig.

Deshalb brauchen sie weder Butter auf ihr Brot noch Messer, um es zu bestreichen.
Ach ja, und die Teller würden sie auch nur belasten, die sind doch zerbrechlich. Es weiä ja schließlich jede, dass diese Menschen nicht auf Zerbrechliches aufpassen können.

Dann nehmen wir ihnen diese Sorge doch auch gleich ab.

Wie gut das alles klappt. Wie leicht das Rahmabschöpfen doch fällt.

Journal 09082018

Ich ändere jetzt meine Hitzebestastungsstrategie und erkläre diesem Sommer meine uneingeschränkte Liebe.
Mit jeder Faser meines Herzens werde ich ihn erdrücken.
Darin bin ich sehr gut.

Ich werden ihn erdrücken bis er nur ein klägliches Restchen Spätsommer ist.
Auf dass er dann genug Kraft in sich trägt, um sich zu einem gemäßigten goldenen Herbst zu mausern.

Letzte Chance für ihn.

Allerletzte Chance.

P.S. Falls ihr den Regenguss gesehen habt, der hier immer wieder angekündigt wird und nicht auftaucht: Schickt mir ein Foto von ihm. Mir dürstet.

Journal 07082018

Meine Selbstdisziplin ist dahin geschmolzen in der wochenlang anhaltenden Hitzehölle. Ich kann nicht mehr. Vorallem kann ich mir selbst nicht mehr zuhören. Seit Tagen – Wochen – fixiere ich die Wetterdaten, aber die Abkühlung kommt nicht. Andere Menschen halten die Hitze besser aus und das macht mich kirre.
Ich will das nicht! Ich möchte robuster sein und belastbarer. Wie ein Kind im Trotzalter akzeptiere ich meine Grenzen nicht. Das ist ungewohnt für mich. Normalerweise kenne ich meine körperlichen Grenzen recht gut und kann es auch aushalten, dass andere Menschen weitere Grenzen haben.
Aber hier in der Hitzehölle kommt doch etwas anderes hoch. Etwas Existentielleres. Ich gerate in Panik, weil ich nicht mehr funktioniere. Keine Kontrolle mehr habe.

Also jammere ich. Ich jammere mir meine Kontrolle wieder herbei.

Die Hoffnung auf Donnerstag scheint sich auch in Luft aufzulösen.
Satz mit x. War wohl nix mit der Abkühlung.

let the sky explode

Jedes Jahr wenn es August wird, heiß, Sommer, dann kommt die Erinnerung an das Schreckliche. An das Grauen.
An den kleinen Jungen. The Little Boy. So nannten sie die Bombe.

Nie, nie, nie hab ich das Leid ermessen können.

Hiroshima.

There’s a shadow of a man at Hiroshima
where he’d pass the noon
in a wonderland at Hiroshima
’neath the August moon

And the world remembers his face
– remembers the place was here…

Fly metal bird to Hiroshima
and away your load
Speak the magic word to Hiroshima
let the sky explode

Journal 05082018

Der Hitzehöllen-Kreislauf wird noch bis zum Donnerstag in Schwung bleiben. Gebannt schaue ich von Stunde zu Stunde auf die Wettervorhersage.
Heute Nacht scheint es gut abzukühlen. Am Dienstag ist ein Hitzehöllen-Wetter mit gefühlten 40 Grad angesagt. Mag mir wirklich nicht vorstellen, wie die Menschen in Portugal sich bei 47 Grad fühlen.
Das bite-away hitzt bis 50 Grad auf, wird sechs Sekunden angewendet und die Freundin bekam Brandblasen davon.

Zum Glück habe ich heute noch die treue Begleitung meines Kälteakkus.

Überschätzt

Menschen überschätzen systematisch ihre Fähigkeiten. Der Dunning-Kruger-Effekt erklärt auch, dass Menschen, die Fähigkeiten von anderen systematisch unterschätzen.

So kommt ein abstruses gesellschaftliches Gebilde heraus, in dem sich jede ihre eigene Perspektive zulegt, bis sie am Ende gemütlich vom Aussichtsplateau auf alles unter ihr kucken kann.

Alles dreht sich um mich. Ich bin der Mittelpunkt meines eigenen Universums und wie Pipi Langstrumpf rücken wir uns die Welt zurecht, wie sie uns gefällt.

So erklärt sich das Selbstvertrauen von so vielen Menschen, die völlig ungeniert ihre Unwissenheit wie eine Trophäe vor sich hertragen.

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