Grüß Amsterdam

Der Briefwechsel zwischen Brigitte Reimann und ihrer Freundin Irmgard Weinhofen ist für mich so etwas wie der Höhepunkt, der biografischen Lektüre von Brigitte Reimann.

Die Briefe gehen unter die Haut. Ganz besonders, die im letzten Drittel des Buches, als die Krankheit von Brigitte Reimann immer weiter fortschritt.
Sie kann dann oft gar nicht mehr selbst schreiben und Freunde von ihr halten den Kontakt zu der in Amsterdam lebenden Freundin aufrecht.

Schonungslos ist das Wort, das einem dazu einfällt.
Grausam ehrlich wird das Endstadium der Krankheit geschildert.

Eintauchen

Mit Schnee begrüßt uns dieser Tag am Morgen.
Grau in grau in weiß.
Vorweihnachtliches Schneeidyll.

Ich tauche ein in die Zeit.
Viel zu früh, denn es steht noch ein Endspurt an. Ein Rennen bei dem es nichts zu gewinnen gibt.

Trotzdem halte ich fest an dem Lauf.

Zu früh

Eingetaucht.

Journal14122018

Der Tag breitet sich vor mir aus und entzieht sich sofort wieder. Auf mein Zeitgefühl ist kein Verlass.
Die Zeit dehnt sich und verfliegt dann ganz unvermittelt. Sie fühlt sich schwer an und ungelenk.

In zehn Tagen ist Heiligabend. Ein Anker im Zeitenstrudel. In zehn Tagen steht die Welt kurz still.

Ich werde lauschen und zum Himmel schauen. Meinen Herzenswunsch dem Universum vorsummen.

Wann trifft er endlich ein?
Frieden auf Erden.

Wer glaubt noch daran?

Journal13122018

Facebook macht ein Filmchen aus meinem Jahr 2018 und übrig bleibt der Urlaub und die lieben Freundinnen.

Den langweiligen Bürokram und die Nervensägen verstecke ich offline.




So wie mein Gesichtsausdruck so ganz und gar nicht meine Emotionslage wiederspiegelt, so bildet mein Online-Leben nicht meine Lebensrealität ab.
Trotzdem ist es ein Teil davon.

Ein wichtiger Teil. Ich mag das Spiel mit dem Dokumentieren des eigenen Leben. Die eigene Geschichte schreiben.

Nachdrücklich.

Adventsstimmung

Der Frankfurter Bahnhof atmet Adventstimmung ein und aus. Die obdachlosen Frauen verlieren die Nerven, die Pendler hasten weiter in ihrem Trott. Ungeübte Reisende versperren den Menschenströmen die gewohnten Wege.

An der Seite steht das Klavier und wenn ich daran vorbei gehe und jemand darauf spielt, dann klingt das ganz wunderbar. Vielleicht trauen sich nur Menschen an das Klavier, die richtig gut spielen können.
Mag aber auch sein, dass alles nur Zufall ist.

Erst heute Morgen an den Bahnhofsdisplays erfahre ich, dass es gestern wieder Tote gab. Schüsse, die Menschenleben vernichten. Gewalt in besinnlichen Zeiten.
Der Terror ist wieder da.

Er war nie weg.

Journal11122018

Wie gewonnen, so zerronnen.  

Nie um einen Kalenderspruch verlegen.

Die Weisheit auf den Punkt gebracht.

Journal10122018

Lektüre, die unter die Haut geht. Ein Buch, das etwas in mir in Bewegung bringt. Einen Gedanken, eine Idee vor mir ausbreitet und einen Ton erklingen lässt.

Schau dir das Mädchen noch mal an.
Hör deiner Erinnerung zu.
Woher bist du gekommen? Lohnt es sich weiterzugehen? Was hat dir das Mädchen von damals zu sagen?

Für einige Jahre war ich mir sicher, dass ich sie hätte trösten können. Alles wird gut! Würde ich ihr gerne aus der Gegenwart in die Vergangenheit rufen.
Alles wird gut!

Seit einiger Zeit denke ich, das Mädchen kann mir vielleicht mehr aus der Vergangenheit in die Gegenwart vermitteln, als ich je zu lies.
Viel könnte ich wieder von ihr lernen.
Nach so vielen Jahrzehnten der Anpassung ist mir viel verloren gegangen.

Wenn ich es wiederfinden möchte, sollte ich ihr zuhören.
Es wird Zeit.

Erinnerung eines Mädchens

Aus der Reihe: berühende Lektüre.

Die Erzählung haut richtig rein. Den Schutz des fiktionalen Erzählens bietet sie nicht an. 

Den Trost, des Schreibens im flüchtigen Alltag, bietet sie nicht.

Übrig bleibt die Scham und das Wissen, dass sich bestimmte Lebenswege gar nicht so sehr unterscheiden.

Wenn du von unten kommst.

Wenn du weiblich bist.

Wenn du nicht über Superkräfte verfügst.

Journal08122018

In Llanca trägt der Freiheitsbaum Weihnachtsbeleuchtung. Sehnsüchtig scrolle ich mich durch den entsprechenden Instagramm-Hashtag.

Vor meinem Fenster tanzen die Bäume den Wintertanz. Der Wind meint es ernst mit ihnen und der Himmel bietet mir ein Spektakel als wolle er mich trösten.

Mit der Schere zerschneide ich die zerrissene Jeans, bereite sie auf ihr neues Leben vor. In Gedanken zähle ich die Tage. Zuwenig Zeit ist das Ergebnis. Es bleibt einfach zu wenig Zeit.

Wie immer bin ich maßlos, wenn es um mein Leben geht.

ausgehaucht

heute
und nicht nur heute
atmet es sich schwer
leichter wäre es
wenn die Luft dünner wäre
hauchzart
hauchfein

ein Hauch von Leben
ausgehaucht

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