Hier in der Wohnanlage wird Glasfaser verlegt und ich habe mich entschlossen, dass ich meinen Anschluss umstellen möchte. Seither habe ich mich schon mehrfach verflucht. Jedes einzelne Mal, wenn einer der notwendigen Vertragsveränderungen ins Haus bzw. ins E-Mail-Postfach flatterte. Und zwischendurch, wenn ich mir das Ausmaß der Veränderungen klar mache. Und unsere Abhängigkeit von der Zuverlässigkeit der Arbeit von so vielen Menschen, die daran beteiligt sind. Inklusive des für seine solide Arbeit bekannte Unternehmens Telekom. Ohne die geht ja bekanntlich gar nichts bei der Glasfaserumstellung. Das mit dem Monopol haben sie geschickt umgangen. Da sind sie gut drin. Jedenfalls zuckt bei mir das Nervensystem komplett bei dem Gedanken, dass ich jetzt für einige Zeit einfach vertrauen muss. Es gibt zwei kritische Termine und ich sehe uns schon für eine Weile abgehängt von der Welt. Fernseher, Telefon, Internet. Absolut alles hängt daran. Für mich ist das der Worst-Case. Dabei ist noch gar nichts passiert. Für die Wohnung wird es schon insofern eine Verschlechterung sein, dass der Anschluss nur noch im viel zu engen Flur sein wird. Bisher haben beide Zimmer die Anschlussmöglichkeiten geboten. Jetzt geht es also wieder zurück in die übers Kabel stolpern Zeiten. Das sind wir schon von vielen Dingen gewöhnt, dass wir uns daran gewöhnen müssen, dass sich die Technik und der Komfort nicht immer nach vorne sondern zurück entwickelt. Aber wenn es bei den Stolperfallen bleibt und kein größerer Ausfall folgt, dann wäre das ein Grund zum Jubeln für mich. So sind die Zeiten. Wir sind zufrieden mit dem was gerade noch geht.
Ein langer Countdown wird folgen. Mein Nervensystem wird einiges zu regulieren haben.
Genug geerdet und Wurzeln geschlagen. Sport gemacht und mich in Büchern verloren. Die Schnacken haben mich von Kopf bis zu den Zehen gezeichnet. Mit vergifteten Stichen, die sich nach und nach entzünden. Ansonsten gibt es viel Sommer, blauen Himmel, kühle Morgen, leichter Wind und ein neues, altes Café in der Nähe. Die Tage vergehen still und die Nächte berauschen sich am Gesang der Grillen. Julitage.
Nähere mich langsam wieder meinem Zuhause. Freue mich mit jedem zurück gelegten Kilometer mehr darauf. So gern ich bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur bin, danach falle ich immer erstmal in ein Loch. Irgendwie bin ich in die Ritzen von Zeit und Raum gefallen. Nur mein Zuhause kann mich erden. Nur das Zurück kehren füllt die Lücke aus.
Heute lassen wir die Preisverleihung sausen und gehen an den See. Meine Verdauung meldet sich und ich beobachte sorgsam das begleitende Magengrummeln.
Die Preisverleihung sehe ich mir beiläufig auf dem Handy an. Bin sehr versöhnt mit der Wahl von Lena Schütte für den Bachmannpreis und den Publikumspreis.
Für jeden dieser Blogposts muss ich mich überwinden, weil sich in mir eine Blogschwere breitgemacht hat. Wortkargheit breitet sich in mir aus. Das Gefühl alles schon mal gesagt und geschrieben zu haben. Alles schon mal erlebt zu haben.
Außerdem bin ich immernoch fassungslos über die Hitzekatastrophe der vergangenen Tage. Fassungslos, wütend und zutiefst entsetzt über die Selbstverständlichkeit mit der die Verantwortlichen sie hinnehmen.
Heute der dritte und letzte Lesetag in Klagenfurt. Ich stelle mich morgens an und kann die vier letzten Lesungen im Studio verbringen. Tauche ein in die Texte und finde vieles gut. Es ist ein besonderer innerer Zustand, wenn ich hier bin.
Dass die Texte so tief in mich eindringen.
Mein Lieblingstext bleibt der von Fiona Sironic.
Mehr mag ich gerade nicht aufschreiben dazu. Will lieber noch etwas in diesem Zustand schweben. Vollgesogen mit Literatur.
Hier in Klagenfurt sind es 33 Grad, die Telefonate mit den Hochbetagten Zuhause fühlen sich wie Anrufe in Krisegebiete an. 41 Grad und weitere drei Tage kein Ende in Sicht. Die Hitzewelle überrollt alles und es fühlt sich nicht ganz richtig an, dass die Vulnerablen in der Höllenhitze schmoren und wir uns bei sommerlichen Temperaturen in den Lesemodus verziehen. Heute ging es mir wieder besser und deshalb konnte ich es im Studio versuchen. Das hat gut geklappt. Ich mochte die Texte und konnte den Diskussionen gut folgen. Bin in der Lesewelt verschwunden.
Passt gut auf euch auf! Ich weiß, dass das nicht einfach ist. Aber das sind richtige Katastrophentage. Denkt dran. Take care!
Diesen Tag hatte ich mir anders vorgestellt. Den Morgen des 100sten Geburtstag von Ingeborg Bachmann wollte ich eigentlich im Studio verbringen. Aber das hat nicht sein sollen. Die Umstände erspare ich der Sammelmappe, mein Körper zeigt mir manchmal Grenzen auf und dann hilft nur: mich darauf einstimmen und weitermachen. Schade, aber nicht zu ändern. Jedenfalls konnte ich dann trotzdem noch drei Texte und drei Diskussionen im Fernseh-Garten verfolgen. Schon beim ersten Text ging es mir an und unter die Haut, den zweiten Text betrachtete ich mit einer Abstandsbrille und den dritten Text fand ich witzig und das will was heißen.
Der Nachmittag führte zu einem Ausfall meinerseits und gegen Abend konnte ich wieder einsteigen beim Geburtstagsfest in der Henselstraße, wo Ingeborg Bachmann als Kind und Jugendliche aufwuchs.
Jetzt bin ich wieder da, wo ich schon öfter war: Es gilt Kräfte einteilen und vorsichtig sein. Nicht über die Stränge schlagen. (Kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich das zum letzten Mal tat.)
Die letzten Jahre im Büro haben bei mir so etwas wie ein Hitzetrauma ausgelöst. Sobald in der Wettervorhersage Werte wie 38 Grad auftauchen, kommt eine tiefe Verzweiflung in mir hoch. Obwohl ich mich heute viel besser schützen kann als damals, inszeniert mein Körper im Zusammenspiel mit meiner Psyche ein Gefangenendrama. Objektiv weiß ich, dass die Hitze sehr unangenehm, aber nicht existentiell gefährlich für mich ist. Nicht mehr. Aber der Rest von mir weiß das nicht. Ich fühle mich wie in einer Falle, aus der ich mich nicht befreien kann. Es kostet mich viel Überwindung, die dunkle Wohnung zu verlassen und den Sommer von außen zu betrachten. Manchmal schaffe ich das, manchmal gelingt es mir nicht. Wenn ich es schaffe, geht es mir besser, weil ich merke, dass ich der Hitze nicht mehr so schutzlos ausgeliefert bin, wie damals in diesem heilos überhitzten Büro. Für einen Moment weiß ich genau, es wird etwas dauern, dann lernen Körper und Seele, dass Hitze etwas ist, was ich ertragen kann. Wohldosiert selbstverständlich. Aber diese Erkenntnis vergeht wie ein Hauch. Es wird ewig dauern, bis sich das in mir eingeschriebene Hitzetrauma löst. Bis dahin lebe ich meine Verzweiflung aus. Meistens Tagsüber. Wenn es schlimm kommt Nachts. Das ist unschöner.
Am Dienstag früh mache ich mich auf den Weg nach Klagenfurt. Dort sind 33 Grad vorhergesagt. Und jede Menge Lesungen. Das wird eine Freude. Ich war schon so lange nicht mehr dort und langsam wächst die Vorfreude.
Ein guter Tag für die Sonnenernte mit dem Balkonkraftwerk. Bin sehr froh, dass ich mich aufgerafft und das Projekt umgesetzt habe. Auch wenn es langsam vorangeht. Irgendwann haben wir unseren ersten Baum eingespart. Das rettet zwar nicht die Welt, aber es fühlt sich trotzdem gut an.
Gute Taten werden unterschätzt. Sie bringen etwas für die Lebenszufriedenheit. Aber dieses Wissen scheint mehr und mehr verloren zu gehen. Irgendwo im Dschungel der Optimierungen ist es untergegangen.
Klagenfurt kommt näher. Ich bin mental noch gar nicht darauf vorbereitet. War schon so lange nicht mehr vor Ort bei den Lesungen und jetzt traue ich mich nicht mal, mich zu freuen. Der Gedanke wieder hinzufahren fühlt sich fremd an. Vielleicht kommt die Vertrautheit, wenn ich im Theatergarten bin. Ein letztes Mal, flüstern einige Stimmen. Ein letztes Mal zu dem Doppelgeburtstag von Ingeborg Bachmann und dem Bachmannpreis. Ob sie uns wieder zum Bürgermeisteremfang einladen?