Journal23062021

Fühlt sich gut an, wieder ein denkender Mensch zu sein. Wie ein paar Grad weniger, die Welt beeinflussen können. Im Großen und im Kleinen. Ich hab den Fußball ausgeblendet, er findet ohne mich im Nachbarzimmer statt. Ich lausche den Vogelstimmen am offenen Fenster. Und den Flugzeugen. Sie fliegen wieder. Noch nicht im eineinhalb Minutentakt wie vor der Pandemie, aber deutlich verstärkt.

Hier in Frankfurt sinken die Inzidenzen seit ca. einer Woche nicht mehr. Die Delta-Variante ist angekommen, die Schulen sind im maskenfreien Präsenzunterricht und bis zu den Ferien dauert es noch eine Weile. Das wird ein spannendes Rennen. Wer wird es gewinnen? Die Impfungen treten gegen die Mutante an. Das wird spannender als dieses Fußballgedöns.

Aber immerhin: Das Fußballgedöns übernimmt Freuden strahlend die europäische Virenverteilung.

Helau.

Journal21062021

Der Himmel färbt sich rot und die Bäume winken vor dem Fenster. Kühle Luft. Meine Lebensretterin: kühle Luft. Ich kann endlich atmen und ein bisschen auch wieder denken. Genieße das sehr.

Heute morgen die Sonnenwende verpasst. Per Webcam und Lifstream den Sonnenwend-Sonnenaufgang Online betrachten. Das wäre es gewesen! Aber ich bin immer zu spät mit meinen Einfällen.

Kühle Luft.

Bin durchgehend fasziniert von ihr.

Journal20062021

Sonntagmorgen 6 Uhr. Ich laufe durch das Viertel und suche die Abkühlung. Der Wind, der über den Hang weht erstaunt mich. Obwohl alle Fenster einschließlich der Balkontür seit 2 Uhr geöffnet waren, spürte ich in der Wohnung keinen Lufthauch.

Der Schrittzähler an meiner Armbanduhr macht sich heute wieder lustig über mich. Ich bin nachsichtig mit ihm, immerhin zeigt mein Handy jeden einzelnen Schritt an. „Du weißt gar nicht, wie nahe Du dran bist, abgelöst zu werden.“

Wohin ich auch laufe, die dienstliche Verärgerung läuft mit. Unnötigerweise. Wie ich sehr gut weiß. Aber ich kann den Ausschaltknopf dazu nicht finden. Die anhaltende Verärgerung macht mir und denen Gegenüber zu schaffen. Um mich ist es schade, um die Gegenüber nicht. Sie besitzen viel Macht und setzen sie gnadenlos ein. Sie rümpfen die Nase und fühlen sich unwohl, weil sie direkte Reaktionen nicht gewohnt. Das Gesetz sieht vor, dass sie meine Reaktionen formal aushalten müssen. Ein paar Minuten Unwohlsein, dass ist alles, was ich zu bieten habe. Davon erlöse ich sie nicht. Trotzdem ist mir der persönliche Preis zu hoch.

So weit kann ich gar nicht laufen, dass ich mir diesen Ärger von der Seele laufe.

Journal18062021

Die Lesungen zum Bachmannpreis werden mich tragen„, schrieb ich und tippte nicht auf veröffentlichen.

Danach 48 Stunden Höllen-Feuertanz. Heute morgen noch in der Glut der fremdbestimmten Arbeit geschürft, die Rollläden runtergelassen. 34 Grad Hitze ausgesperrt und mich mit zwei mobilen Endgerät vor den Fernseher gesetzt.

Obwohl mir die Jurydiskussion manchmal tief auf den Geist geht, gebe ich zu, dass von diesen Klagenfurter Tagen eine Magie ausgeht. Dieses Eintauchen in Texte ist ein Wunderschutzschild. Es ist fast egal, dass es vorher und nachher die dienstlichen Desaster gibt.

Eine der besten Parallelwelten, die ich kenne.

Ob ich zu den Texten noch etwas schreibe, weiß ich nicht. Bin erschöpft und Hitze geschädigt.

Mit dem Tablet und dem Fächer vor dem Fernseher die Lesungen zum Bachmann Preis verfolgen

Journal16062021

Die Lesungen zum Bachmannpreis beginnen und ich bin nicht vorbereitet. Hab mir selbst das Timing vermasselt. Dafür hab ich kein Händchen in den letzten Wochen.

Jetzt heißt es frei schaufeln, frei schaufeln, frei schaufeln. Ich raune mir zu: alles wird gut.

Bestimmt. Die Lesungen werden mich tragen. An andere Zeiten und andere Orte.

Alles wird gut. Irgendwann.

Journal13062021

Sommertag. Anne-Frank-Geburtstag. Alles friedlich und ruhig. Eine einzige dunkle SorgenWolke schwebt direkt über mir. Blitz und Donner hält sie zunächst für mich bereit.

Nachdenken über das Vergessen und das Verschwinden. Krönchen richten, das sei wichtig, sagten sie mir. Meins sitzt immer sorgenvoll schief. Von Kindheit an.

Sommertag. Die Flieger fliegen wieder.

Aus Kuba kommen verzweifelte Mails. Es sieht nicht gut aus. Nirgends auf dieser Welt sieht es ohne Impfstoff gut aus. Für viele nicht mal mit.

Sommertag. SonnenSonntag. Der Wahlkampf rumpelt und poltert.

Ich hoffe inständig, wir geraten mit der Mutantenwelle nicht mitten in einen handlungsunfähigen Regierungswechsel.

Journal12062021

Die Sammelmappe hat sich in ein seufzendes Müdigkeitsjournal verwandelt. Nach und nach schalte ich höhere Müdigkeitslevel frei.

Aber es gibt auch Licht. Der Plan, sich in den Zug zu setzen für einen Tag. Zehn Stunden Reise, viereinhalb Stunden Aufenthalt. Ich freue mich drauf und hoffe, ich weiß noch, wie eine sich die Reisezeit gut einteilt. Außerdem gibt es weitere Pläne am Horizont.

Ach, ach. Hoffentlich setzt der ganze Fußball und Olympiakram nicht noch eine Welle in Gang. Großbritannien ist uns da ja immer ein paar Wochen voraus und wirft Schatten. Aber nachdem die Kultusminister*innen, die Pandemie für beendet erklären und ohne Plan A und schon gar nicht mit einem Plan B in die Zukunft schauen, wird sicher wieder alles wie gehabt.

Journal07062021

Abschiednehmen. Wer nimmt da wem den Abschied?

Wie lange ein Leben bröckeln kann! In sich zusammenfallen. Meine Aufgabe dabei ist es, aufrecht zu stehen. Ein Licht zu halten. Sanft zu sein. Respekt und Würde als Fahne hissen.

Das Dunkle am Horizont zieht gnadenlos auf uns zu. Was es genau mitbringt, weiß keine von uns. So lange ich kann, will ich das Licht behüten.

So lange ich kann.

Wilde Stille

Ein schöner Titel für ein lesenswertes Buch. Das erste Buch dieser Autorin ist irgendwie an mir vorbei gegangen. „Der Salzweg“. Ein Spiegel-Bestseller. Oft ist das eher ein Hinweis für mich, das Buch zu meiden. Aber eben nicht immer.

Heute Morgen gab es wieder Besuch auf dem Balkon.

Krähe auf dem Balkon
Bildbeschreibung: Schwarze Krähe auf dem Balkon

Regen gab es auch. Ergiebig nennt er sich wohl. Heimelig. Er zaubert Grün in allen Schattierungen.

Journal04062021

Friederike Mayröcker ist gestorben.

Ich hätte gedacht, dass sie locker die 100er Marke nimmt. Oder ganz unsterblich ist, das hätte ich durchaus für möglich gehalten. Aber nun hat sie doch etwas früher ihren Abschied aus der Zettelhöhle genommen.

Sie hinterlässt Worte und Poesie. Lyrik von ausgesuchtem Reifegrad.

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