Journal19092019

Heimat ist dort, wo die Menschen mich finden.

Die Sammelmappe trägt mich durch einen Teil meiner Erinnerungen. Behutsam und konsequent.

Die wichtigsten Eigenschaften für eindringliche Poesie.

Weit hinaus

Weit hinaus.
Die Träume kennen kein Ziel. Nur einen Zustand.
Sie fließen.

Weit hinaus.

Festung am alten Hafen in Marseille mit Blick auf das Meer

Journal17092019

Wie so oft vergesse ich vor lauter Sehen und Hören das Fotografieren. Später werden sie mir fehlen, die ungemachten Fotos. Die visuellen Erinnerungen werden sich ihre eigene Vorstellung kreieren. Mit viel Phantasie weit ab vom Wahrheitsrand.

Ich bin hier. Ich bin ich. Ich bin ein sehendes und hörendes Etwas. Ein Wesen auf Input eingestellt. Solange bis alles zuviel wird und sich die Schotten schließen.

Diese Woche schaue ich nicht nach rechts. Denn dort ist es viel zu ungemütlich. Ich schaue in die Welt und darüber hinaus.

Journal16092019

Wie die Zeit plötzlich dahinrennt, wenn die 60 nahe am Horizont erscheint.

Wie kostbar die Tage und Stunden mit einmal werden.

Wie dein Körper dir in vielen Sprachen und noch mehr Dialekten mitteilt, dass er sich in keine Schablone mehr pressen lässt.

Wie dein eh schon empfindliches Mimosenseelchen auf Schonhaltung besteht.

Wie die Erinnerungen immer wertvoller werden.

Wie deine Lebenserfahrung einen schalen Beigeschmack gekommt angesichts der anstehenden Veränderungen.

Wie das Wesentliche dann doch erhalten bleibt.

Und wie das innere Kind, die alte Frau tröstet.

Journal15092019

Hab ich in der Sammelmappe schon den Account der Tante Inge bzw. der Ingeborg Loh erwähnt? Sie hat einen großen Schatz an Lebens- und Alltagsdokumentation in Form von Fotos und Kalendern hinterlassen, den ihr Neffe in Form eines Twitter- und Instagram-Accounts präsentiert.

Ich bin fasziniert. So ein Schatz.

Und die Standseilbahn hat eine Liste a getippt, die die Namen von Schriftstellerinnen enthält nach denen Krater auf der Venus benannt wurden. Die Frauen sind also ausgelagert auf einen anderen Planeten. Nur das Universum teilen wir uns noch. Wenigstens das.

Journal14092019

Ich lese „Meine geniale Autorin“ von Nicola Bardola über das Verhältnis von Elena Ferrante zu ihren Texten, zur Öffentlichkeit und zu den Leserinnen und Lesern. Es geht voralllem auch um das Pseudonym und warum er es für richtig hält, dass über die Identität von Elena Ferrante spekuliert werden darf. Dass es für den Text auch wichtig ist, das zu tun.

Er steht auf dem Standpunkt, dass die Menschen in Deutschland in dieser Hinsicht zu streng reagieren. Er zieht als Erklärung für seine Argumente eine Vielzahl an Selbstaussagen heran, die in der deutschen Übersetzung erst vor kurzem zugänglich sind. In Italien schon seit 15 Jahren. Er argumentiert an diesen Selbstaussagen und hangelt sich durch ihre Texte.

Ich gebe zu, diese Vorgehensweise hat was.

Journal12092019

Zwanzig Grad an der Apotheke. Ein Tag zum Zerfleddern. Bietet dich direkt an.

Der Koffer gähnt mich an. Soll er doch! Kann sein schlechtes Gewissen für sich behalten.

Brauche Ruhe. Unsagbar viel Ruhe.

Zwei Sitzgelegenheiten im Supermarkt mit dem Rücken zum Fenster.

Der Hashtag-Tag. #12von12. Viele Bilder.

Journal11092019

Der 11. September zählt achtzehn Jahre. Es war ein seltsames Gefühl heute im Amt so viele Papiere mit diesem Datum abzuzeichnen. Als ob es ein Datum wie jedes andere sei.

Das eine einfach so hin schreibt neben die Unterschrift.

Achtzehn Jahre Hass und Gewalt. Ein Winter der Liebe und des Vertrauens wären jetzt dran. Dann ein Frühling der Nachhaltigkeit.

Zur Einstimmung könnten wir beginnen mit einem Herbst der Mitmenschlichkeit und der Solidarität.

Journal10092019

Unschönes Erlebnis heute morgen auf dem Weg ins Amt. Eine angedeutete Attacke auf mich, ein Angriff, eine Bedrohung. Ich finde das rechte Wort nicht dafür. Die Polizei habe ich nicht geholt. Wollte nicht, konnte nicht, hätte ich aber tun soll, denn der kranke Mann hatte vorher eine andere Frau angegriffen, geschrien, im letzten Moment von ihr abgelassen. Die angedrohte körperliche Attacke, im letzten Moment nicht ausgeführt.

Eigentlich fühle ich mich wohl in der Bahnhofsumgebung. Ich hab das schon öfters erwähnt. Der Bahnhof ist mir vertraut und wirkt heimelig und entspannend auf mich.

Aber heute Morgen hatte ich Angst. Das Schlimmste war plötzlich gegenwärtig. Da ist einer der dich vernichten will. Da ist einer, der den Hass mit sich trägt.

So viele Jahre sind vergangen und jetzt ist es soweit. Ich habe Angst, weil ich so viel über das Böse weiß. Weil die Angst mir überall in den Kopf eingetrichtert wird. Weil sie sich ein Gesicht sucht.

Journal09092019

Mir fehlt das Fräulein ReadOn mit ihren seltsamen Geschichten. Mit ihren Kommentaren und ihrem Twitter-Leuchten.

Vielleicht finden ihre Angehörigen irgendwann die Kraft, die Erzählungen von Marie-Sophie wieder online zu stellen. Denn da gehören ihre Geschichten doch hin. In den virtuellen Raum einer besseren Welt.

Mir hat an Marie Sophie immer gefallen, wie sehr sie sich für eine bessere Welt eingesetzt hat. Auch dann als ich begriff, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Bei mir kam der Punkt, als die Fragen an sie in den Twitter-Replays gestellt wurden und sie so heftig reagierte. Aber das war nicht so wichtig für mich. Sie schrieb ins Blog, sie lebte ein Online-Leben sie durfte auftrumpfen, selbst schwindeln im Namen der Gerechtigkeit und des Guten.

Ich bin mir ganz sicher, dass sie von einer der guten Märchenfeen abstammte. Bestimmt trug sie auch Gene der guten Elfe in sich. Sie war auf ihre Weise ein Frau voller Wahrhaftigkeit und mit einem barmherzigen Gemüt.

Egal was ich heute hier über sie schreibe, ich werde ihr nie gerecht. Nicht einmal im Ansatz.

Es ist so traurig, dass sie gehen musste. Sie fehlt in dieser Welt.

Sie und Ihre Geschichten.

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