Die letzten Jahre im Büro haben bei mir so etwas wie ein Hitzetrauma ausgelöst. Sobald in der Wettervorhersage Werte wie 38 Grad auftauchen, kommt eine tiefe Verzweiflung in mir hoch. Obwohl ich mich heute viel besser schützen kann als damals, inszeniert mein Körper im Zusammenspiel mit meiner Psyche ein Gefangenendrama. Objektiv weiß ich, dass die Hitze sehr unangenehm, aber nicht existentiell gefährlich für mich ist. Nicht mehr. Aber der Rest von mir weiß das nicht. Ich fühle mich wie in einer Falle, aus der ich mich nicht befreien kann. Es kostet mich viel Überwindung, die dunkle Wohnung zu verlassen und den Sommer von außen zu betrachten. Manchmal schaffe ich das, manchmal gelingt es mir nicht. Wenn ich es schaffe, geht es mir besser, weil ich merke, dass ich der Hitze nicht mehr so schutzlos ausgeliefert bin, wie damals in diesem heilos überhitzten Büro. Für einen Moment weiß ich genau, es wird etwas dauern, dann lernen Körper und Seele, dass Hitze etwas ist, was ich ertragen kann. Wohldosiert selbstverständlich. Aber diese Erkenntnis vergeht wie ein Hauch. Es wird ewig dauern, bis sich das in mir eingeschriebene Hitzetrauma löst. Bis dahin lebe ich meine Verzweiflung aus. Meistens Tagsüber. Wenn es schlimm kommt Nachts. Das ist unschöner.
Am Dienstag früh mache ich mich auf den Weg nach Klagenfurt. Dort sind 33 Grad vorhergesagt. Und jede Menge Lesungen. Das wird eine Freude. Ich war schon so lange nicht mehr dort und langsam wächst die Vorfreude.
Ein guter Tag für die Sonnenernte mit dem Balkonkraftwerk. Bin sehr froh, dass ich mich aufgerafft und das Projekt umgesetzt habe. Auch wenn es langsam vorangeht. Irgendwann haben wir unseren ersten Baum eingespart. Das rettet zwar nicht die Welt, aber es fühlt sich trotzdem gut an.
Gute Taten werden unterschätzt. Sie bringen etwas für die Lebenszufriedenheit. Aber dieses Wissen scheint mehr und mehr verloren zu gehen. Irgendwo im Dschungel der Optimierungen ist es untergegangen.
Klagenfurt kommt näher. Ich bin mental noch gar nicht darauf vorbereitet. War schon so lange nicht mehr vor Ort bei den Lesungen und jetzt traue ich mich nicht mal, mich zu freuen. Der Gedanke wieder hinzufahren fühlt sich fremd an. Vielleicht kommt die Vertrautheit, wenn ich im Theatergarten bin. Ein letztes Mal, flüstern einige Stimmen. Ein letztes Mal zu dem Doppelgeburtstag von Ingeborg Bachmann und dem Bachmannpreis. Ob sie uns wieder zum Bürgermeisteremfang einladen?
Drei Waschbären spazieren gemütlich auf der Wiese vor meinem Balkon. Die Mutter mit ihren zwei Kindern. Sie sehen so friedlich aus, so niedlich. Es sind wilde Tiere, das weiß jede, die schon mal von Nahen das Vergnügen mit ihnen hatte.
Die Tage vergehen und mir bleibt nicht genug Zeit, sie zu loben und preisen. Vielleicht ist es auch nicht die Zeit, mir fehlt die Übung zum Loben und Preisen. Die große Welt ist im Eimer, aber meine kleine Welt ist voller Zufriedenheit und Dankbarkeit. Es sind Tage in denen alles stimmt. Die Abwesenheit von großen Sorgen, Vorfreude auf die kommenden Wochen. Dankbarkeit für die Alltagsroutinen.
Luft zum Atmen. Wie oft vermisse ich sie. Im Moment ist sie da.
„Man muss vorsichtig sein mit Worten über einen, den man liebt.“
Lese mich durch die Bücher von Natascha Wodin. Bin fast ertrunken beim Lesen von „Die späten Tage“ und schaffe mich nach vorn in die 80er Jahre, in der Hoffnung, dass diese Bücher schon etwas abgekühlter sind.
Auf der Suche nach Wodin ein 90er Jahre Geschenk zu Sarah Kirsch gefunden. Beglückt.
Noch immer betrachten wir fasziniert unser Balkonkraftwerk und zerren die Panele hin und her, um die Sonnenausbeute zu betrachten. Das Aufkommen des Gewitters ist eine willkommene Testsituation. Nie dürfen die Panele wehen im Wind. Das schwarze Rechtrecht bewegungslos im Sturm verheißt mir Freude.
Es gibt ja jetzt diese Werbepausen bei Facebook und Instagram, die stoppen das Scrolling. Feine Sache. Sofort bin ich raus aus dem Algorithmus. Zack. Bin ich weg.
Ich nehme an, dass sie da noch etwas dran arbeiten werden. Für den Moment ist die Sache aber gegessen. Zurück bleiben nur die, die dem Algorithmus schon erlegen sind.
Dabei bin ich ja eigentlich ein leichtes Opfer. Hab mich durch unzählige Stunden von Werbung durch mein Spiel gequält und würde das auch weiter tun. Will ja meine Insel schön haben. Aber dieses Meta-Gedöns erinnert eher an eine Geiselhaft mit Notausgang. Und diesen Notausgang nehme ich schnell, solange es ihn gibt.
Im Moment ist große Balkonliebe angesagt. Zwischen Kabelgewirr und Balkonkastendschungel lässt es sich wunderbar in der Morgensonne schaukeln. Das sind die märchenhaften Seiten des Rentnerinnenleben.
Ich fotografiere weniger, sobald ich das feststelle, fühlt es sich wie ein Mangel an. Ein Verlust. Wenn es nichts zu fotografieren gibt, findet mein Leben dann überhaupt statt? Ist es lebenswert? So ganz ohne Bilder? Es sind schon seltsame Gedanken, die einem durch den Kopf gehen können. Das lässt sich immer weiter steigern. Die Skurilitätsskala ist nach oben offen. Vielleicht ändert sich das schon morgen wieder. Dann kommt vielleicht die Motivation wieder zuück, die Welt visuell zu dokumentieren. Kleine, feine Ausschnitte zu suchen und sie schön aufzubereiten. In der Zwischenzeit erfreue ich mich an der App zum Balkonkraftwerk. Sehe nach, wie der Strom fließt in diesen heißen Mai-Tagen. Ich lese Berichte, die alle davon handeln, dass wir Speicher brauchen. Viel Speicher. Damit kann ich jetzt wirklich nicht dienen. Das ist eins der vielen Themen, die die Politik zu lange ignoriert hat.
Wie weit wir schon sein könnten, wenn sie nicht immer alles so ausgebremst hätten. Und handeln doch auch jetzt noch so, als wollten sie alles ausbremsen, was irgendwie Sinn macht. Es kostet viel Energie, sich gegen den pessimistischen Sog abzugrenzen. Aber es lohnt sich. Es ist eine Überlebensstrategie. Ich übe mich darin. Mal mehr und mal weniger erfolgreich.
Manche Tage möchten festgehalten werden. Niedergeschrieben. Skizziert werden. Manche Tage möchten nicht enden und andere verstecken ihre beste Seiten. Dann gibt es wieder die ruhigen Tage, die ich besonders mag. Die bescheidenen Tage, die sich wie ein Nachhall des gestrigen Traums anfühlen.
Träume. Überhaupt Träume. Wie schön, dass es sie gibt. Diese andere Welt, die jede kennt und die doch für jede anders ist. Wenn die Träume nicht wären, könnten wir vielleicht so tun, als gäbe es nur eine Welt für uns alle. Dabei gibt es so viele Welten. Innen und außen. Und die Nachtträume.
Manchmal tauche ich auf aus einem Nachttraum und vermisse den Traum schon, während mir gerade bewusst wird, dass ich aufwache. Dann bin ich für eine kurze Zeit traurig, bis mir wieder einfällt: es wird ein nächster Traum kommen. Eine Sehnsucht, die mich zusammenhält.
Die Schnaken fressen mich. Sie überfallen mich und laben sich an meinem Blut. Keine Ahnung, wo sie in diesem Mai so zahlreich herkommen. Mein Körper wehrt sich heftig, was zu Kollateralschäden führt. Das kenne ich aus anderen Zusammenhängen schon von ihm. Ansonsten vergehen die Tage ruhig, ohne Daueralarmierung. Es dauerte eine ganze Weile, bis Körper und Seele dies nicht wieder als Ruhe vor dem Sturm deuteten und diese gespannte Wachsamkeit, beiseite legten. So schnell geht das bei mir mit dem Umschalten nicht. Manchmal beobachte ich andere Menschen und bewundere sie für ihre Leichtigkeit. Oder Ihre Beweglichkeit. Für ihr Anpassungsvermögen. Bei mir geht alles immer nur langsam und schwerfällig. Beharrlich. Wie immer im Leben bringt das Vor- und Nachteile mit sich. Es gibt nie nur die eine Seite der Medaille, aber trotzdem blinkt die eine Seite, die ich nicht haben kann, manchmal mehr als meine.
Draußen regnet es gerade. Der Mai macht gerade alles grün. Alles wächst und gedeiht draußen und ich finde eine Gedicht von mir, das fast 20 Jahre alt ist. Ich schenke es euch heute für einen Augenblick.
der Mai weint nicht über mich denn ich gebe ihm keinen Grund zum Weinen ich weine mit dem Mai