„Wir sind weit gegangen und haben uns nicht verloren“
Rose Ausländer
Wie glücklich kann ein Mensch sein? Es ist Frühling, die Sonne wärmt, die Pollen sind freundlich gesinnt, die Stadt heißt uns Willkommen. Um ein Haar hätte es nicht geklappt mit der Reise. Aber im letzten Moment war uns das Glück hold. Reinsetzen in den Zug und dem Meer entgegen rollen.
Ankommen und für ein paar Tage eintauchen in das Gefühl im richtigen Leben und zur richtigen Zeit dazusein. Glücklich sein.
Bei den Krautreportern wird gerade die Frage „Sind wir schon im dritten Weltkrieg?“ beantwortet. Kleine Frage, komplizierte Antwort. Krieg und Frieden sind nicht mehr so recht auseinander zuhalten. Der Krieg beginnt nicht immer erst dann, wenn die Bomben auf Häuser fallen. Der Krieg hat schon so viele Herzen erreicht. Herzen und Seelen. So viele sind schon besessen vom Hass. Vielleicht hat er da angefangen. Als der Hass auf alles, was anders ist als man selbst sich wie eine Epidemie verbreitet hat. Einmal rund um den Globus und wieder zurück.
Die Zeit atmet leise in meinem Zimmer; jeder Atemzug trägt einen vergangenen Tag.
Zukunft sortieren – schrieb ich vor einigen Jahren im Bewusstsein, wie kostbar die kommenden Jahre werden. Alles wird kostbar und wertvoll im Alter; das ist wohl meine verblüffenste Erkenntnis aus den ersten Jahren als Seniorin. Erinnerungen ebenso wie Freundinnen, Augenblicke, Träume. Die Aufzählung könnte noch lange weitergehen.
Ich pflege akribisch meine Wünsche, meine Pläne, meinen Körper, meine Seele. Manchmal lösen sich Augenblicke aus der Zeit und gleiten durch mich hindurch. Dann schaue ich hinaus in die blaue Stunde; vor meinem Fenster breitet sie lange und eindringlich ihre intensive Stimmung aus. Im Leben angekommen – so lässt sich das für mich vielleicht zusammenfassen.
Als Seniorin bin ich jetzt endlich in meinem Leben angekommen. Ich bin die Gastgeberin; ich darf die Musik wählen und den Takt bestimmen. Oft fühle ich, wie weniger Dringendes Platz macht für das, was wirklich zählt: ehrliche Begegnungen, das stille Genießen kleiner Dinge, das Zulassen von Pausen. Es ist ein behutsames Zurückschalten und zugleich ein freudiges Öffnen, ein Aufatmen, das Platz schafft für Neues und Vertrautes zugleich.
Manchmal schrecke ich zurück vor der Tiefe mancher Erinnerungen, doch meist nehme ich sie an wie alte Weggefährten: nicht zum Aufbewahren in Museen, sondern zum Weitergehen. So ordne ich meine Zukunft nicht mehr nach Leistung oder Plänen, sondern nach dem, was mein Herz leichter macht. Und das ist ein sorgsamer, manchmal zärtlicher Prozess, ein Sortieren, das kein Ende sucht, sondern volle Aufmerksamkeit schenkt.
Vor ein paar Tagen bin ich in ein Leseloch gefallen und habe mich durch tausende Seiten gelesen. Da waren die unterschiedlichsten Bücher dabei. Es hat mir gut getan, mich durch die unterschiedlichsten Themen durchzulesen. Briefwechsel und Tagebücher. Sachbücher und Poesie. Romane und Geschichten. Wie es gerade kam.
Im Moment sind meine Hauptaktivitäten Lesen und schlafen. Allergiebedingt bin ich ziemlich eingeschränkt in meinen Möglichkeiten, aber solange Lesen klappt, gibt es darüber keine Klagen. Manchmal habe ich einen kurzen Blick raus aus meinem Leseloch gewagt und bin gleich wieder zurückgezuckt. Was für eine verrückte Welt. Ich tue mich schwer mit ihr. Gleichzeitig weiß ich: sie war nie anders. Früher nicht, woanders nicht.
Der amerikanische Präsident legt sich mit dem Papst an. Das könnte fast lustig sein, wenn es nicht so brenzlig wäre. Die Straße von Hormus wird jetzt blockiert geblockt. Oder wie wollen wir das nun nennen?
Der Lichtblick des Tages waren die Wahlergebnisse aus Ungarn. Dort haben sich die Menschen ihre Demokratie wieder zurückgeholt. Aber nicht nur durch die Wahlen, sondern vorallem durch ihre Beharrlichkeit. Das ist ein gutes Gefühl. Es geht also doch nicht immer nur in die eine Richtung.
Ich verkrieche mich jetzt wieder in meine Lesehöhle. Habt Spaß und passt gut auf euch auf!
Sanft verschwindet eine Sorge. Nimmt Last von meinen Schultern. Aufatmen. Die verbleibenden persönlichen Sorgen sind auszuhalten. Die umfassenden Weltsorgen hinterließ ich schon vor einer Weile am Wegesrand. Zu viel Explosionsgefahr. Ob ich sie mit mir trage oder nicht, ändert nichts in dieser Welt. Leben heißt sich Sorgen. Aber eine Sorge weniger, heißt heute für mich, dass die Welt etwas bunter und munterer ausfällt. Sie klingt sanft und duftet gut. Verspricht etwas Leichtes, etwas Lockeres. Eine Sorge weniger macht heute den Unterschied aus. Nicht mehr niedergedrückt, sondern gut gelaunt.
Einundzwanzig Jahre Sammelmappe. Kein Grund zum Feiern, aber zum Nachdenken und Wertschätzen. Die Sammelmappe hat mich durch gute und schwere Zeiten getragen. Ich habe mich mit ihrer Unterstützung durch Höhen und Tiefen geschrieben. Große Dankbarkeit für diese Möglichkeit. Für dieses Entdecken. Genauso große Dankbarkeit für all die Menschen, die ich über und durch die Sammelmappe kennenlernte. Obwohl ich in letzter Zeit spürte, dass ich ein wenig mit ihr zu fremdeln begann, nimmt ihre Bedeutung in meinem Leben nicht ab. Sie bleibt mein Ausgangspunkt im Netz. In der Zwischenzeit gibt es viele Spielplätze, an denen man sich tummeln kann. Noch immer habe ich meine Freude daran, wie viel ich im Internet über mich und die Welt lernen kann. Es gibt auch noch Orte, an denen es sanft oder heiter zugeht. Oasen der Ruhe. Genau mein Ding.
Immer noch allergiegeschwächt, aber bald sind die Birken durch, das gibt Hoffnung auf besseres Atmen. Heute ein Bilderbuch-Frühlingstag. Stimmungshebend solange nicht aus Versehen Nachrichten die Bewusstseinsgrenze überwinden. Morgens stehe ich auf dem Crosstrainer im Sportcenter und sehe Bruchteile von Meldungen, die auf den Bildschirmen eingeblendet werden. Die meisten kann ich nicht lesen, aber ab und an reime ich mir Sätze zusammen. Ich bin nicht neugierig genug, um zu überprüfen, ob ich mit meinen Vermutungen richtig liege. Hatschi. Das Leben geht weiter. Das Warten auf der kleinen Lebensbühne geht weiter, auch wenn die große Weltbühne ihre Szenen spielt. Kein Mucks vom Medizinischen Dienst. Stille. Kein Weiterkommen auf dieser Ebene. Geduld ist gefragt.