Es ist wieder kälter geworden und ich bin angeschlagen. Verschnupft und schwach. Dieser Winter lässt uns so schnell nicht aus den Fängen. Aber längst träume ich vom Frühling, von dem Licht, den Pflanzen, die sich recken und strecken.
Aber zuerst schöpfe ich noch ein wenig Kraft. Kuschle mich ein. Bedecke mich mit Wärme. Träume. Lasse die Welt konsequent draußen aus mein Gemüt. Ziehe mich zurück. Solange bis ich ihr und ihrem Leid wieder gewachsen bin.
„Was man spürt, wenn man ein Gedicht liest, sind die Bewegungen des Gemüts.“
Das ist ein Zitat von Inger Christensen mit dem sie ihren Essay „Der Geheimniszustand“ beginnt. Ganz, ganz langsam arbeite ich mich durch einen schmalen Essay-Band von ihr. So eine kluge Frau. Auf sie gekommen bin ich durch die Tagebücher von Sarah Kirsch, darin wird sie erwähnt und ich wollte unbedingt etwas von ihr lesen.
Sieht so aus, als ich ich etwas zum Lesen und zum Denken gefunden.
Seltsam trockene Witze finden sich hier in der Sammelmappe. Beim Nachlesen kann ich sogar selbst darüber lachen. Aber das waren doch noch Vor-Corona-Zeiten. Die ganz heftigen Aufräumhypes fanden doch während der ersten Welle statt? Oder täuscht mich da meine Erinnerung?
Heute morgen bin ich im Regen endlich mal wieder durch den Bethmannpark gelaufen. Die Wege durchnässt und fast sumpfig, der chinesische Garten glatt. Den Schneezauber, der vorher bestimmt über dem Park lag, habe ich verpasst. Denn da war es mir nicht möglich zu Fuß hinzugelangen. Die beste Party ist ja immer die, auf der eine gerade nicht ist. So ist das im Leben. Nicht alles läuft so wie im Film und manchmal kann eine dafür auch dankbar sein. Ich mag den Park auch versumpft und nass.
Seit Neujahr poste ich wieder täglich in der Sammelmappe. Ich weiß nicht warum, jedenfalls ist es kein Neujahrsvorsatz. Es hat sich einfach so ergeben. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen: Dass es wieder Dinge in meinem Leben gibt, die sich einfach so ergeben.
Das Glatteis wirft die Struktur des Tages über den Haufen. Sicherheit geht vor, ich knurre tief in mich hinein und lasse die Vernunft siegen. Ungern. Der Preis ist eine tiefe innere Unruhe. Ein Rumoren. Ablenkung erfolgt durch die Planung einer weiten, langen Reise.
„Ich gehe fort, um mich zu finden, und finde unterwegs die Welt.“
Prächtiger Wintertag. Knackig kalt. Bilderbuch-Januartag fürs Gemüt. Training am Morgen. Der Körper pocht weiter. Gibt Lebensrhythmus vor. Wege entstehen durch Gehen. Pläne werden neu geschmiedet. Frisch aus der Lebensschmiede. Die Glatteiswarnung für Morgen kommt per Krisenapp. Die Amsel verweilt an der Futterstelle, die Elster beobachtet das Treiben auf dem Balkon aus der Ferne. In den Vorgärten kämpfen sich die ersten grünen Triebe durch die Erde. So früh schon? Jedes Jahr die gleiche Frage.
Heute Morgen vorsichtig rausgetastet und festgestellt, dass die Wege begehbar sind. Heute Nachmittag beschlossen aus Vorsicht drinnen zu bleiben. Es wurde kälter und kälter und kälter und so geht das wahrscheinlich bis morgen früh, wenn ich vorsichtig meine Nase zur Tür rausstrecke und entscheide, ob der Weg ins Training begehbar ist. Danach scheint der Abwärtstrend vorbei zu sein. Also morgen überstehen, dann geht es tagsüber wieder mit Plusgraden weiter.
Die Kälte hält die Welt fest.
Die Wege glänzen hart, der Atem wird sichtbar. Doch unter dem Frostliegt etwas Ungeduldiges, ein leises Wissen.
Ich habe das Format der Journaleinträge endlich so angepasst, dass es sortierten Sinn ergibt. Jahrelange hat es mich gestört, aber die Formatierung nach so langer Zeit zu ändern erschien mir absurd. Jetzt bin ich in ein Lebensalter eingetreten, in dem mir wichtiger ist, das es jetzt für mich stimmt. Ist doch sowieso nur für mich wichtig. Also kann ich es auch ändern. Es ist erstaunlich, wie lange ich für so eine selbstverständliche Einsicht brauche. Und genauso erstaunlich ist es, wie stabil und sicher sich diese neue Einsicht anfühlt.
Wir hatten heute Glück bei der Wetterlage. Hier war fast glatteisfreie Zone. Der Winter meint es in diesem Jahr so richtig ernst. Damit wir ihn nicht vergessen.
Mein Körper pocht. Von innen. Es ist ein sonderbares Gefühl. Nicht einmal spürte ich Muskelkater seit ich ins Fitnessstudio gehe. Nur dieses innere Pochen. Mein Körper sortiert sich neu. Orientiert sich neu.
Ich verliere kein Gewicht. Gewichtsreduktion war nie mitgedacht bei der Entscheidung für den Sport. Ich habe mehr Hunger als früher und esse ungeniert. Ich bin durstig und renne immer wieder zum Wasserhahn. Mein Körper pocht.
So langsam werde ich neugierig, wie es weitergeht. Was wird sich noch verändern? Was werde ich noch dazu lernen?
Heute ist es schwer und leicht zu gleich. Anstrengend und verlockend. Ich habe einen Schatz entdeckt und weiß noch nicht, ob ich ihn heben kann.