Altersmythen

Gestern habe ich an der Umfrage der Krautreporter zum Thema „Hat dich das Älterwerden positiv überrascht?“ teilgenommen.

Nein, mich hat bisher beim Alter nichts positiv überrascht. Ich bin auch etwas allergisch gegen den Vibe dieser Fragestellung. Es geht so in die Richtung Romantisierung des Alters und wer hier mitliest weiß, dass ich das nicht mag. Ich denke nicht, dass das Alter Menschen gelassener, weiser, tiefgründiger oder empatischer macht. Das halte ich eher für eine der urbanen Altersmythen. Genauso wenig denke ich, dass das Alter eine dunkle Zeit ist. Eine Zeit, die sich ausschließlich über Verfall und Verluste auszeichnet.

Aber mir ist im Laufe der Umfrage klargeworden, dass es etwas gibt, dass am Alter durchaus überraschend ist, wenn ich die Erfahrung in einem Satz ausdrücken müsste. Das Alter stellt sich für mich als die Zeit der Veränderungen dar. Es ändert sich so viel. Es fängt an mit den körperlichen Veränderungen, den Veränderungen in der Lebensgestaltung, dem Lebensrhythmus, den Veränderungen in den sozialen Beziehungen. Bei mir, die ich jetzt gerade im Senorinnenalter angekommen bin, sind das noch ziemlich anregende Veränderungen, die Weichen stellen und mich auf interessantes neues Terrain locken. Im Leben der Hochbetagten, das ich täglich begleite, sieht das anders aus. Da brechen die Veränderungen massiv in den Alltag ein. Weiterleben heißt da zum Teil sich stündlich auf neue Veränderungen einzulassen. Die Privatsspähre von Pflegebedürftigen Personen verlangt eine kontinuierliche Verschiebung der Grenze. Wenn ich ehrlich bin, bestand mein verinnerlichter Altersmythos darin, dass ich glaubte, dass das Alter eine Zeit des Stillstands und vielleicht auch der Langeweile ist. Damit lag ich weit von der Lebensrealität des Altern entfernt. Sehr weit.

Comments (1)

muetzenfalterinOktober 14th, 2026 at 07:35

Sehr spannend. Jetzt, da ich es bei dir so klar formuliert lese, merke ich, dass ich das vermutlich auch gedacht habe: Alter als Stillstand. Und auch ich beobachte, dass es vielmehr eine Zeit der Veränderungen ist.

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