Zeit
„Eigentlich haben wir also ein sehr flexibles Verhältnis zur Zeit. Wir können in sie hinein- und aus ihr hinausgehen, wie es uns paßt, und sie nach Belieben kurz oder lang machen. Wir können sie dazu bringen, davonzurasen, so daß wir nachher gar nicht wissen, wo die Zeit geblieben ist, oder dazu, sich derart hinzuschleppen, dass zwei armselige Sunden unweigerlich als eine Ewigkeit empfunden werden. Wir können alles nach dem Uhrenschlag tun, oder wir können unserem eigenen Rhythmus folgen und nur ab und zu nachschauen, was die Uhr geschlagen hat. Wir haben zwei grundlegende Strategien: wir behalten die Zeit im Auge, oder wir überlassen die Zeit sich selbst: diese Strategien vermischen wir, so dass die Zeit ihr Tempo den Wanderungen des Bewußtseins im Raume anpaßt. Die Zeit wird dadurch selber zu Raum, zu einer langen Reihe größerer oder kleinerer Räume, die bewirken, dass Leben und Ereignisse mehr ausmachen, als sie in einer nur chronologischen Aufzählung täten.“
Aus „Der Schatten der Nacht“ von Inger Christensen

