Journal20260121
Im „Hier und Jetzt“ zu leben wird überschätzt. Eindeutig. So verlockend sich dieser Vorschlag anhört, er eignet sich vor allem für den Sprüchekalender, den Notfalleinsatzplan und die Meditationsstunde zwischen Tür und Angel.
Wer ausschließlich im „Hier und Jetzt“ lebt, verpasst etwas. Stehen uns nicht tausend Traum- und Fantasiewelten offen? Ist es nicht ein leiser Luxus, sich ab und zu in Erinnerungen zu verlieren, ihnen nachzuspüren wie alten Wegen? Sich Traumschlösser zu bauen, sie mit Hingabe wieder abzureißen und aus dem gleichen Material neue zu errichten? Macht es nicht gerade deshalb so viel Freude, sich in der Literatur, im Museum oder im Konzert zeitweilig zu verlieren, um verändert zurückzukehren? Für einen Moment jemand anderes zu sein, oder mehr man selbst?
So viele Welten.
So viele Wirklichkeiten.
So viele Träume.
Und vielleicht besteht die Kunst nicht darin, immer im „Hier und Jetzt“ zu verharren, sondern darin, beweglich zu bleiben: verwurzelt und fließend zugleich.

