On the move

Oliver Sacks war Professor für Neurologie und ist im letzten Jahr gestorben. Früher hat er Bücher über Patienten als Fallgeschichten geschrieben. Kurz vor seinem Tod spülte mir Twitter eine Kolumne von ihm in meine Timeline, die ich so anrührend fand, dass ich seine Autobiografie beim letzten Büchereibesuch mitnahm.

Inhaltlich wurde ich überrascht, denn ich wusste vorher nicht, dass er schwul war. Die Beschreibungen vom Umgang mit Homosexualität in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts und die Auswirkungen auf sein Leben machten mich sehr betroffen. Ebenso die Selbstbeschreibung zu seiner Persönlichkeit, die extrem zwischen Introvertiertheit und Exotrovertiert hin und her pendelte.
Trotzdem ist diesem Buch eine große Distanz anzumerken. Ich hatte oft das Gefühl: dies oder jenes hätte ich gern ein bisschen genauer gewusst oder anders beleuchtet.
Enttäuscht hat mich auch, dass jemand, der so im Schreiben aufgeht, es nicht schafft, diesem Buch einen durchgehende Klang zu geben. Eine Stimme, die durch dieses Leben führt. In der zweiten Hälfte ist diese Zusammenhanglosigkeit besonders zu spüren. Da werden berufliche Fakten und Anlässe aufgezählt und das starke Ego ist deutlich zu hören und es ist deutlich zu spüren, dass es Streicheleinheiten braucht. Verständlich, aber langweilig für die Leserin.
Ich gebe dem Buch trotzdem vier Sterne, weil die erste Hälfte des Buches für mich so überwältigend war.

Leid

Eine tiefe Traurigkeit befiel mich gestern. Die zehn vergangenen Tage sind schlecht auszuhalten für mich und ich schaue mich um, wie das die anderen Menschen verkraften. In der Arbeit, im Büro waren Nizza und die Türkei kaum Gesprächsthema. Zu weit weg, nicht relevant für das eigene Leben. Mir fehlt der Schutzschirm. Ich kann das Leid und die Gewalt nicht einfach mit einem Schalter ausstellen und trage sie in mir fort. Ich bin ein Mensch mit Ängsten und Gefühlen. Aber auch mit einem klaren Verstand. Das Geschehene muss eingeordnet und strukturiert werden, damit ich es verarbeiten kann.

Heute morgen habe ich den Blogpost von Anke Gröner gelesen. Der hat mir ein Stück weiter geholfen, ein kleines Stück. Aber er hat mir auch meine Frage klargemacht: Soll das alles sein? Wir markieren uns als sicher, schauen nach ob unsere Liebsten sicher sind und dann ist alles gut? Alles klar und dass Leben kann weitergehen?

Ich habe noch viele Unklarheiten, die ich mit mir ausmachen muss. Hab Fragen und keine Antworten darauf. Fühle mich schuldig und voller Scham zu einer Gesellschaft zu gehören, die es zugelassen hat, dass wir jetzt am Abgrund stehen.
Ich fühle eine Hoffnungslosigkeit, weil Gewaltfrei kaum noch als Prinzip zu denken ist. – Für mich schon, aber mit diesem Prinzip scheine ich sehr allein dazustehen.
Die öffentlich-rechtlichen Sender haben gestern ein schlechtes Bild abgegeben. Sie kommentierten munter die Polizeistrategie und zeigten Fotos, Videos und Bildauschnitte, während sie ständig darüber schimpften, dass in den sozialen Medien, die Anweisungen und Empfehlungen der Polizei nicht beachtet wurden. Falschmeldungen und Spekulationen überrannten die Medien und lösten Panik aus. Da ist viel schief gegangen. So viel Leid, so viel Geschrei, so viel Aufmerksamkeit.

Ich werde noch einige Zeit brauchen, bis ich die Gefühle des gestrigen Tages verarbeitet habe.

Dann lese ich den Blogpost von Wortschnittchen und halte die Luft an.
Und bin still.
Ganz leise.

Angst

Ich stehe im Hauptbahnhof und warte darauf, dass das Glück auf Gleis 17 einfährt. Eine Tradition, die mir gut gefällt. Ich mag dieses Gefühl, diese leichte Spannung, die Erwartung und das Wiedersehen. Ich mag es, wenn die Liebe Einfahrt erhält. Wenn der Zug einfährt und die Menschen auf mich zukommen, weitergehen. Ich mag es Ausschau zu halten, nach dem einen Mensch. Dem wichtigsten Mensch. Ich mag das Erkennen, das Aufeinanderzugehen, das gemeinsame Weitergehen.

Heute stand ich wieder am Hauptbahnhof. Still in der Ecke, lesend. Verspätung war angesagt. Mein Glück verspätet sich. Das macht nichts, das ist nicht wichtig. Es kommt. Ich warte.

Bald fährt der Zug ein.

Der Lautsprecher ist klar und deutlich zu hören: Der Besitzer des schwarzen Rucksacks möge sich bitte sofort wieder zu seinem Gepäckstück begeben.

Mein Herz klopft und dieses Mal ist es keine freudige Erregung. Scheiße, denke ich. So eine Scheiße. Mein Schatz fährt ein. Nein, nicht.  Wenn das jetzt kein Fake ist, dann fährt mein Schatz jetzt eben gar nicht ein – und ich, was mache ich. Mein Herz klopft. Der Seiteneingang ist nicht weit. Es wäre sinnvoll gleich nach draußen zu gehen. Sofort. Gar nicht erst abwarten. Einfach gehen.

Der Bahnhof ist im Wochenend-Reisemodus. Voller Menschen. Wer stellt in so einer Situation den Rucksack ab? Merde!

So schnell wie das Adrenalin in die Höhe schoss, legt es sich wieder. Beruhig dich, Claudia. Bleib cool. Dein Glück fährt gleich ein.

So war es auch, die Angst vergessen und verdrängt. Das ging ganz gut.

Bis heute Abend um 18:00 als ich auf Twitter von den Ereignissen in München las.

Ich bin ein Opfer der German Angst. Meine Angst wird wachsen. Jeden Tag.

Jede Stunde.

 

Armut ist tödlich

Frauen mit höherem Einkommen haben eine um acht Jahre höhere Lebenserwartung als Frauen mit niedrigerem Einkommen. Bei den Männern ist der Unterschied mit elf (!) Jahren noch höher.

Ein Skandal, der nicht skandalisiert wird. Wir haben gelernt zu schweigen, zu vergessen, zu verdrängen. Armut wird in Deutschland institutionalisiert. Ist Teil unserer Gesellschaft geworden. Ein akzeptierter Teil.

Nur ich, ich kann das nicht akzeptieren. Ich empfinde es als Schande, dass die Gesellschaft so viele Menschen in Unwürde leben lässt. Das so viele Kinder unnötig in prekären Verhältnissen aufwachsen, dass behinderte Menschen systematisch behindert werden.

Ich empfinde es als Schande, dass Armut in Deutschland so viele Menschen krank macht und sie dann tötet.

 

 

Wird  Zeit für Warnhinweise an den Litfaßsäulen:

Armut gefährdet ihre Gesundheit.

Armut ist eine Bedrohung für ihre Familie.

Armut vernichtet Würde.

Armut führt zu Liebesverlust.

 

Sauber

Sauber ist keine politische Kategorie.

Säuberungen keine demokratische Reaktionen.

 

Beschädigte Flora und Fauna

Ich kann diesem Nasenspray nicht vorwerfen, dass es nicht wirkt. Nein wirklich nicht.

Manchmal bekomme ich solche Heuschnupfen-Attaken, dass meine Allergie-Tabletten milde abwinken. Ich nehme die Höchstdosis, die mir die Höchstmenge an unangenehmen Nebenwirkungen einbringt – keine Reaktion auf den Heuschnupfen. Der Taschentuch-Verbrauch liegt bei drei pro Minute und binnen einer halben Stunde sind Nase und Lippen außen wund. Das ist der Moment in dem ich zum Nasenspray greife. Einmal pffft pfft in die Luft um zu sehen, ob es sprüht, dann pffft in die Nase. Innerhalb von wenigen Minuten schwillt der Heuschnupfen ab.

So weit so gut, wenn das jetzt alles wäre. Mein letztes pffft ist drei Tage her und die ganze Nasenschleimhaut ist gründlich und nachhaltig zerstört. Alles abgetötet und verätzt, innen fühlt sich meine Nase an, als wäre sie eine einzige große Wunde. Salzsäure hätte nicht effizienter wirken können.

Das ist wohl ein typisches Beispiel für den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

 

Jahrestage

Jahrestage Band 1 von Uwe Johnson: Aus dem Leben der Gesine Cresspahl

Tagebuchliteratur auf höchstem literarischen Niveau

Wir wechseln vom Leben der alleinerziehenden Gesine Cressphal mit ihrer Tochter im New York Ende der 1960er Jahre zu Rückblicken auf die Familiengeschichte von Gesine während der Weimarer Republik und des Nazi-Regimes in einem Dorf in Mecklenburg. In täglichen Einträgen beschreibt der Autor detailgetreu das Alltagsleben. Ein weiterer Erzählstrang – oder eher Dokumentationsstrang – ergibt sich durch die ausführlichen Zitate aus der New York Times. Ich mag den Wechsel zwischen den Erzählstilen vom Dokumentarischen zu der bilderreichen literarischen Sprache.

Die Erzählweise taugt nichts für die Ungeduldigen, wer aber Journal-Literatur mag, kann hier eintauchen in die Tiefe.

 

 

Entscheidungen zu Freifunk

Damit es nicht vergessen geht und für mich aufzufinden ist:

Entscheidungen zu Freifunk und öffentlichem WLAN in deutschen Parlamenten

 

Putschversuch in der Türkei

Gestern Abend und in der Nacht den Putschversuch in der Türkei auf Twitter mitverfolgt. Ein irreales Erleben und ein seltsames Gefühl. Nach 22 Uhr auf die ersten Tweets aufmerksam geworden, die die Sperrung der beiden großen Brücken in Istanbul meldeten. Kaum ein paar Minuten später die ersten Vermutungen, es könnte sich um einen Putschversuch handeln.

Bei mir setzt in Krisensituationen immer der utopische Wunsch ein, es könnte wie durch ein Wunder alles gut werden. Alles. Auch das, was vorher nicht gut war. So auch gestern für einige Minuten ein Herzstolpern und das Bedürfnis nach einer neuen, besseren Türkei.

Mein Türkeiverständnis ist grottig, das muss ich voraus schicken, und wie die aller meisten Menschen im deutschsprachigen Raum, weiß ich nur sehr wenig über die Kräfte und Bewegungen innerhalb der Türkei. In dieser Nacht habe ich ein bisschen mehr darüber gelernt. Ein winziges bisschen. Es beruhigt mich nicht.

Noch mal zurück auf den gestrigen Twitter-Abend. Sofort wurden wieder die ersten Stimmen laut, die nach Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Medien riefen. Übellaunig und rechthaberisch. Ich ertappe mich dabei, dass auch ich mir das wünsche. Eine kompakte Sendung, die mir die Welt erklärt. Zu der ich mich positionieren kann. Nur wie soll das gehen, wenn die Welt gerade aus den Fugen ist? Erdogan war eine zeitlang abgetaucht. Was ist ein Generalstabschef? fragte ich mich und warum wird er als Geisel genommen? Das türkische Staatsfernsehen wird eingenommen, es werden Erklärungen verlesen. Später wird ein Studio gekarpert, aber den Soldaten gelingt es nicht – oder war es Absicht? – der Ton läuft weiter. Ein menschenleeres Studio, das einige Zeit nur die Tonspur des Putsches sendet. Gespenstig.

Auf Twitter finde ich langsam Twitterer, die mir helfen zu verstehen, was sich ereignet. Journalistinnen, die sich ihrer Profession und diesem besonderen Land verpflichtet sehen. Danke, Aslin Sevindim! Danke, Damla Hekimoglu!

Was ist das in diesen Tagen?, frage ich mich. Was sind das für Tage am europäischen Abgrund? Die westliche Politik hält sich zurück, bis sich Obama meldet – und jetzt suche ich seinen Tweet und kann ihn nicht finden, dabei könnte ich schwören und so – die westliche Politik schweigt eine Weile und erst gegen Morgen als der Putschversuch scheitert, melden sie sich und sprechen von Demokratie und demokratischen Strukturen. Aber im Grunde ist das doch alles egal, Hauptsache sie haben einen Vertragspartner, der ihnen die Flüchtlinge auf Distanz hält, das ist das Maß aller Dinge in diesen Tagen.

Ich mag kein Militär. Auch keins das putscht. Aber ich mag auch keine faschistische Systeme oder faschistische Strukturen. Zu viele dieser Systeme haben unter dem Deckmäntelchen der Demokratie begonnen. Mir macht das Angst. Ich habe Angst um das zerbrechliche Europa. Es ist zerbrochen vor unseren Augen, nur liegen die Scherben noch dicht nebeneinander, so dass es den Anschein hat, es gäbe noch ein ganzes Stück.

Alle sagen Erdogan geht gestärkt aus dieser Situation. Ein „Säuberungswelle“ läuft schon heute an. Ganz viele Richterinnen und Richter werden abgesetzt. Ob das Wort säubern auf türkisch nicht diesen unheimlichen Klang hat, frage ich mich jetzt.

Vielleicht gibt es etwas, das ich übersehe, das diesen Tag etwas heller macht.

Vielleicht gibt es eine Erklärung, warum keine Frauen zu sehen sind?

Vielleicht?

 

 

 

 

 

Türkei

Jetzt noch die Nachrichten aus der Türkei. Die Brücken in Istanbul gesperrt und Schüsse in Ankara. Von einem Putschversuch ist die Rede. Die Welt wangt und schwankt.

Zu viele Tränen heute. Viel zu viele Tränen?

 

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