Freundliche Täuschungen

„Vanessa hatte immer gesagt: „Alles, was ich mir für dich wünsche, ist, dass du glücklich bist, Liebling.“
Und nun, da ich es nicht war, erschien es mir als das mindestens, was ich tun konnte, es vorzutäuschen.“

Angelica Garnett war die Tochter von Vanessa Bell und die Nichte von Virginia Woolf. Sie wächst in einem Umfeld auf, das heute mit dem Level „queer“ bezeichnet werden könnte.

Während sie aufwächst ist es für ein offenes Geheimnis – außer für sie selbst – das sie nicht das eheliche Kind ist, sondern, dass ihr Vater der lebenslange – homosexuelle – Freund von Vanessa Bell ist. Zur Zeit ihrer Geburt hat dieser eine Liebesaffäre mit einem Mann, der an der Wiege von Angelika sagt, dass er sie – das Baby – heiraten wird.
Was er dann auch tut.

Eine ziemlich heikle psychische Gemengelage.

Ich lese das Buch jetzt schon zum wiederholten Mal. Mir kommen schon die Seiten entgegen, die sich im Taschenbuch gelöst haben. Und jedes Mal bin ich entsetzt über die Grausamkeit dieses Handelns.

Zwar fließt da kein Blut, aber die Verletzungen sind so rüde.
Wie ungeheuer destruktiv doch Eifersucht sein kann!

Wohlstandsinseln

Hab heute ein neues Wort gelernt: Wohlstandsinseln.

Sich abschotten und absondern von der Armut der Anderen.
Armut ist ansteckend. Trist. Öde und langweilig. Genau wie Leid auf die Dauer.

Leid hat ja zuerst immer so den leicht spektakuläre Touch. Vorerst. Nach einer Weile langweilt es, dann kommt wieder die Spaßwelle und irgendwann haben sie dann wieder die Muse sich auf das nächste spektakuläre Leid-Ereignis einzulassen.
Sie – die Wohlstandsinselbewohnerinnen und -bewohner.

Der nächste Schritt besteht dann darin aus der Wohlstandsinsel eine Wohlfühlinsel zu zaubern. Mit dekorativen Elementen und im minimalistischen Stil.
Wegen der Nachhaltigkeit.

Die ist wichtig: für die Nachkommen der Wohlstandsinselbrwohnerinnen und -Bewohner.
Denn das Paradies soll ja noch vererbt werden.

Zu viel Spaß ist ungesund

Alles soll Spaß machen heutzutage. Grammatik lernen, der Job sowieso, das Yoga, der Haushalt. Kranke dürfen auf keinen Fall ihre Lebensfreude verlieren, Frauen sollen spaßig auf Sexismus reagieren.
Überall ist Spaß gefragt. Vielleicht sogar beim Zahnarzt.

Mir macht diese Spaßinvasion überhaupt keinen Spaß. Ich bin immer nur irritiert, wenn ich höre, was mir alles Spaß machen soll.

Entbunden vom Spaß haben sind nur die klinisch depressiven Menschen. Über die darf kein Spaß gemacht werden. Obwohl auch sie nicht zu lange depressiv sein sollten, denn sonst macht die Depression ja kein Spaß.
Spätestens hier sind wir in einer Sackgasse.

Mein Alltag ist vieles: anstrengend, entmutigend, kompliziert, stressig, abwechslungsreich, langweilig, übersichtlich, öde, aufregend, anregend,

manchmal macht er auch Spaß.

An einigen Tagen bin ich zufrieden, das ist das Gefühl, das ich am meisten mag.

Sonntagmorgen

Der Oktober in seinem goldenen Kleid. Aber ich verschnupft und am Röcheln. Kann ich jetzt gerade gar nicht brauchen. Aber sagt sich dieser Spruch nicht viel zu leicht und viel zu oft daher?

Von der Buchmesse gibt es Schlägerei-Geschichten. Sie kommen wohl zwangsläufig mit der Entscheidung die rechten Türen und Pforten weit auf zumachen. Zu viel Aufmerksamkeit für Rechts auf allen Ebenen.

Dazu ist heute noch Wahltag. Ich mag gar nicht mehr hinhören. Ständig Hiobsbotschaften. Keine Lichtblicke der Vernunft. Keine Lichtblicke der Menschlichkeit.

Ich ziehe mich wieder zurück. Hege und pflege meinen verschnupften Körper. Der wird die nächsten 10 Tage beansprucht werden und braucht jetzt Ruhe.

Zufälligkeiten

1882 wurde Virginia Stephan – spätere Woolf – in London, Hyde-Park-Gate 22 geboren. Zwei Häuser weiter scheint zu dieser Zeit Victoria Woodhull gelebt zu haben.

Das Leben ist voller Zufälligkeiten. Manchmal erscheinen sie uns magisch oder schicksalhaft, aber oft sind es einfach nur belanglose Fakten, die keinen tieferen Sinn ergeben.

Trotzdem suchen Menschen meistens genau das: den tieferen Sinn, der alles miteinander in Verbindung bringt.

Es tröstet und hilft sich im Leben zurechtzufinden, wenn es einen übergeordneten Plan gibt. Wenn es ein Muster gibt, an dem man sich orientieren kann. Wenn die Hoffnung auf ein Licht den Tunnel erträglich macht.
Das ist verständlich.

Abgefahren

Ankommen, abfahren, weitergehen.
Die Woche hinter mir lassen funktioniert nicht so einfach. Sie wird in die Tasche gepackt und mitgenommen.
Ballast. Physisch und psychisch.
Lange schon dran gewöhnt.

Ich sitze gerne im Zug. Fahren um des Fahrens Willen. In den leeren Zügen fast ein Genuss. Die Gedanken wählen sich dabei ihr eigenes Tempo. Wandern voraus, fallen zurück und holen mich wieder ein.
Ein ganz eigenes Lebensgefühl.

An Gleis 17 kommt das Glück an, das ist schon lange klar. Irgendwann werde ich mich daran erinnern, wie einfach es war, auf das Glück zu warten und es in die Arme zu schließen.

Manchmal pünktlich, manchmal mit Verspätung. Aber immer mit der Gewissheit: das Glück kommt an.

Der Bär steppt

Nein, der Bulle war’s!

Der DAX klettert über die historische 13000er-Marke. Der Bulle steppt an der Börse und Menschen wissen nicht, wie sie im Alter über die Runden kommen sollen.
Kinder wachsen in Armut auf.

2004 lag der DAX bei unter 4000. Reformziel erfüllt.
Es lebt sich leicht in der Welt der Reichen und Schönen, wenn die Armen schweigen. Nur schade, dass sie sich dabei so oft nach rechts umdrehen.

Könnte sein, dass das nicht im Sinne des Erfinders war.
Aber wir machen weiter. Beharrlich und bedächtig heben wir die Gräben zwischen den Gesellschaftsschichten aus.

Sieht so aus als gäbe es einige Liebhaberinnen des Lebensmotto: Tanz auf dem Vulkan.

Vergangenheitsbewältigung

Heute lange über längst Vergangenes gesprochen und darüber, wie diese Vergangenheit Gänsehaut auslöst, wenn sie plötzlich greifbar wird.

Das gilt für alte Fossilien genauso wie für Dokumente, die plötzlich vor dir liegen und von Geschichten erzählen, die stattfanden, als das eigene Leben nicht mal im Konzept denkbar waren.
Eine Unterschrift, die das Leid besiegelt, das sie dir verschwiegen.

Es erschien dann an anderer Stelle wieder im Leben. Gut getarnt.
Was wäre gewesen, wenn sie dir die Geschichte erzählt hätten. Du hättest so vieles besser verstanden, hättest nachträglich mitempfinden können.
Einen anderen Blick auf das Leben erhalten.
Was hat sie davon abgehalten?

Die Scham?
Das Leid?

Festgefahren

Ich stecke fest.
Ziemlich tief eingefahren. Fest gefahren.

Ich warte auf den Einfall, der nicht kommt. Auf die Idee, die nicht zündet.
Alle Tricks sind erfolglos ausprobiert. Kein Licht in Sicht.

Die Tage vergehen, die Deadline kommt näher. So nah. Eigentlich ist sie schon abgelaufen.
Noch nie war es so schwer, die Worte zu finden.
Keine Ahnung woran das liegt. Das Vertrauen schwindet.

Täglich steigt die Spannung. Ich halte dagegen. Versuche mich zu beruhigen. Aber wie könnte ich mir jemals vertrauen?
Bisher hat sich immer alles von selbst gefügt. Irgendwann fühlte es sich gut an, dann wusste ich: Jetzt ist es stimmig. Jetzt ist es rund. Jetzt kann ich vertrauen.

Das Festhalten der Tage

Die Sammelmappe ist für mich auch ein Versuch, die Tage festzuhalten. Sie aufzuhalten. Sie einzusammeln in ein Blogkörbchen.
Der Versuch einer symbolischen Ernte. Das zusammenzustellen, was übrig bleibt. Vom Tag. Von der Woche. Von der Zeit. Von meinem Leben.

Trotz Facebook, Twitter und Instagram bleibt das Bloggen doch etwas Besonderes. Ein eigener Bereich. Ein virtuelles Wohnzimmer. Ein Spielplatz auf dem eigenen Grundstück.
Manchmal ein Ort der Besinnung, des Rückzugs.
Für mich aber auch ein Spiegel. Ein Spiegel, der mir ständig den Lauf der Zeit vor Augen führt.
Da sind die flüchtigen Gedanken und die, die immer wieder kommen.

Ich halte sie fest. Für einen Augenblick.

Aber nie für die Ewigkeit.

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