Licht und Schatten

Anleitung für eine Revolution

    Nadja Tolokonnikowa
    Anleitung für eine Revolution
    Cover "Anleitung für eine Revolution"

    St 74 „Von Kindheit an bringt man uns bei, Grenzerfahrungen zu vermeiden, obwohl man uns beibringen sollte, wie man sich so an Grenzen bewegt, dass man sich nicht den Arsch aufreißt und gestärkt daraus hervorgeht.“

    Nadja Tolokonnikowa ist eine der Gründerinnen der feministischen Punk Band Pussy Riot. Zwei Jahre verbrachte die junge Mutter in einem Straflager. Die Strafe für einen ihrer Auftritte in einer orthodoxen Kirche bei der die Aktivistinnen auf die unheilsame Verbindung zwischen Staatsmacht und Kirche aufmerksam machten.
    Nadja Tolokonnikowa ist mutig, beharrlich, stark. Sie erzählt in diesem Buch ihre Geschichte. Die Entstehungsgeschichte von Pussy Riot, ihre Zeit im Straflager, ihre Überzeugung, dass Widerstand Pflicht ist, wenn der Staat oder die Kirche Freiheit und Menschenrechte missachtet und mit Füssen tritt. In diesem Buch mit den 200 Notaten verarbeitet sie die Zeit des Prozesses und in der Gefangenschaft. Der Text gleicht einer Collage. Bunt, schrill, poetisch und mutig, auf literarisch hohem Niveau.

    Du hast keine 500 Jahre. Lebe mit voller Wucht.“ St 101

    Der Mut, die Kraft und die Aufrichtigkeit der Autorin berührt mich sehr.

Lebensticker

*** ach *** und noch mal ach *** lesen *** mich abwenden *** mich zuwenden *** vielleicht nein *** vielleicht doch *** klare Kante zeigen *** hahaha *** Ziele *** Ziele immer definieren *** will nach Süden ans Meer *** Frauenleben *** woman in love *** keine Zeit *** noch mehr Zeit *** den inneren Sternenhimmel betrachten *** lesen *** träumen *** erden *** Krone ablegen *** mich müde seufzen *** ach *** und weh ***

Ich lese mich durch Frauenleben. Auch eine Art abzutauchen. Um das „Gleisende Licht“ mache ich einen Bogen, obwohl es ganz gut begann. Hab den Fehler gemacht, noch etwas „über“ den Inhalt zu lesen. Häusliche Gewalt ist nichts für mein Mimosenseelchen. Aber wie so oft, ist da die Stimme, die sagt“ Stell dich nicht so an. Die Stimme höre ich seit zwei Tagen. Spüre sie im Genick – und trotzdem lese ich nicht weiter. Traue mich nicht.

Dafür schmeckt jetzt gerade alles nach Abschied, um es mit Brigitte Reimann zu sagen. War der erste Band ihrer Tagebücher schon überaus farbig und lebendig, expoldiert ihr Schreiben und Leben im zweiten Tagebuchband geradezu.

Die Männer, das Leben, das Schreiben, ihre Krankheit und die Geheimnistuerei darum. Ich ahne, wie unfair die Medizin damals mit den Patientinnen umging. „Aus Rücksicht“ wurde aus der Krebsdiagnose ein Bandscheibenvorfall. Es gab kaum Worte, kaum Trost in dieser Situation. Nur die Möglichkeit an ein Fortdauern der Arbeit zu denken.
Aber auch sonst fehlte diesem Leben, der Spiegel, der Halt. Der Spagat zwischen der ständigen Sehnsucht als Frau geliebt und trotzdem als Autorin ernstgenommen zu werden ist groß.
Es irritiert, wie sehr die fast täglichen Belästigungen Alltag sind. Und andererseits das eigene Ego immer wieder auf das „jungmädchenhafte“ Aufsehen fixiert ist.
Es war verdammt schwierig unter diesen Umständen als Frau gute Arbeit abzuliefern. Das ist das, was ich aus den Aufzeichnungen lerne.
Verdammt schwierig.

Und ständig war einer mit den Fingern, den Händen, den Blicken viel zu nah. All diese Ehemänner, Familienvater oder sonst in Beziehungen stehenden Männer. Ohne Grenzen, ohne Scham.
So selbstverständlich.

Zukunftserinnerungen

Der Angriff der entschlossenen Pollen bringt mich in Verbindung mit der erbitterten Verteidigung durch die Antihistamine in eine seltsame Zwischenbefindlichkeit.
Bin ich noch da? Bin ich hier? Träume ich von der Vergangenheit? Plane ich Zukunft?

Alles ist gleich fern. Alles, bis auf den Montag. Da sollte ich wieder reagieren können. Funktionieren. Repräsentieren.
Wie konnte ich nur an einen Job gelangen, bei dem Repräsentieren zum Tätigkeitsprofil gehört?

Ich suche noch ein Motto für die kommende Arbeitswoche. „No risk, no fun.“ Wäre vielleicht ein bisschen zu ketzerisch.

Was beruhigendes wäre angebrachter.

Liebe Pollen, ihr könnt euch langsam wieder verdrücken. Eure Arbeit habt ihr jetzt schon vorbildlich vollbracht.

Ich bedauere nichts

Brigitte Reimann
Ich bedaure nichts
Tagebücher 1955-1963

Anna Seghers sprach mich an. Sie zog mich an den Haaren und fragte mit ihrer tiefen rauben Mainzer Stimme:“Wer bist du, Mädchen mit dem Pferdeschwanz? Du bist mir schon öfters aufgefallen.“ St. 308

Ja, wer war die Frau mit dem Pferdeschwanz? 1933 in der Nähe von Magdeburg geboren, dann früh erfolgreich veröffentlicht.

In ihren Tagebüchern versucht sie dieser Person selbst auf die Spur zu kommen und hält alles fest. Die Verliebtheiten, die Flirts, den Alkohol, das Schreiben, die Diskussionen mit den Funktionären, die Anwerbeversuche der Staatssicherheit. Sie glaubt an die Kraft von Ideen, die den Menschen in seinem innersten verwandeln. An den Sozialismus.
„Die Menschen um uns haben das Recht, sich in unseren. Büchern wiederzufinden.“ Sie lässt sich ein. Im Schreiben und im Leben in der Kleinstadt Hoyerswerda. Bei der Arbeit mit der Brigade. Aber da ist auch die andere Seite.

„Man erwartet von mir, dass ich ein einwandfreies Leben führen – einfach nur, weil ich Bücher schreibe. Was für ein Blödsinn!“

Sie lebt. Und sie lebt ausschweifend. Sie schreibt, sie diskutiert, sie flirtet, sie trinkt, sie tanzt, sie raucht. Alles öffentlich. Ein sehr junge Frau agiert sich aus vor den Augen einer Gesellschaft, die sich noch immer um ein männliches Zentrum dreht.

„Bei mir geht die Liebe immer zuerst durch den Kopf.“ Sagt Brigitte Reimann und stürzt sich in die nächste Affäre. Liebe, Sex, Anerkennung, Verliebtheit – alles fliesst ineinander. Lässt sich nicht von einander trennen. Der starke Wunsch nach dem eigenen Kind wird von Anfang an klar rationalisiert: Ihre Bücher sollen ihre Kinder werden. „Das Buch“ – das eine gute Buch, das nach ihrem Leben zählt soll ihr Kind sein.

Zurückdenken

Wochenend-Träumereien

Anmerkung zur Anleitung

108

Bevor du in Russland eine Aktion startest, vergiss nicht zu klären, ob Gott Exkremente und Erbrochenes erschaffen hat (und wenn nicht, wer hat sie dann erschaffen?)

„Laut dem Glaubensbekenntnis hat Gott alles Sichtbare erschaffen, folglich auch Exkremente. Worte, die Unreinheit bedeuten, werden an und für sich im Laufe eines orthodoxen Gottesdienstes regelmäßig benutzt, zum Beispiel das Wort „Erbrochenes“ “
(Aus einer Zeugenaussage der Verteidigung)

Zitate aus Anleitung für eine Revolution von Nadja Tolokonnikowa

Aus der nahen Ferne

Rebecca Solnit
Aus der nahen Ferne

Cover - Aus der nahen Ferne

„Welche Geschichte ist deine? Alles liegt im Erzählen. Geschichten sind Kompass und Architektur, wir orientieren uns an ihnen, wir bauen unseren Glauben aus ihnen, und ohne Geschichte zu sein hieße, sich in der ungeheuren Weite der Welt zu verlieren, einer Seite, die sich wie die arktische Tundra oder das Eismeer in alle Richtungen auszudehnen scheint.“

Rebecca Solnit erzählt uns die Geschichten ihres Schmerzes und ihres Leidens. Die Demenz ihrer Mutter, ihre eigene Krebserkrankung und ihrer Suche.

Sie beschwört die heilende Wirkung der Menschheitserzählungen, der Märchen und Mythen. Welche Geschichte ist deine? Diese Frage scheint ihr Schlüssel bei der Suche nach den eigenen Lebenszielen zu sein. Sie glaubt fest daran, dass Krisen durch die Entwicklung einer neuen Identität, das Erzählen einer neuen Geschichte gelöst werden können. Unser Leben wird durch seine Bruchstellen reich, wenn wir die dazugehörigen Erzählungen finden.
Empathie entsteht auf der Vorstellungskraft, in das Hineinversetzen in das andere Leben. In seine Geschichte. Durch unsere Geschichten kommen wir uns näher, sie verbinden uns.
Andererseits ist es ein großes Unrecht, Menschen zum Schweigen zu bringen. Sie ihre Geschichten nicht erzählen zu lassen, denn sie werden ihre Identität verlieren. Ihren Halt und ihre Verwurzelung.

Zur Not mit dem Besen

Kalenderblatt

„Ich habe schon als Kind von einer Reise zu den Sternen geträumt. Zur Not wäre ich auf einem Besen hingeflogen.“
Walentina Wladimirowna Tereschkowa

Ich liebe meinen Kalender mit den Frauenzitaten und kaufe ihn mir jedes Jahr neu für meinen Büroschreibtisch. Dort lerne ich dann mir so unbekannte Namen wie Walentina Wladimirowna Tereschkowa kennen. Eine sowjetische Kosmonautin, die als erste Frau die Erde umrundete. Die Rückseite des Kalenderblatts zeigt eine Kurzbiografie der jeweiligen Frau.

Jetzt ist nicht gerade Kalenderzeit, aber vielleicht denke ich daran, Euch später im Jahr noch mal zu erinnern.
Der Kalender ist von Harenberg und heißt „Starke Worte von starken Frauen“.

Sehr zu empfehlen.

Gott ist nicht schüchtern

Gott ist nicht schüchtern
Olga Grjasnowa
Cover- Gott ist nicht schüchtern

Syrien – Olga Grjasnowa traut sich etwas zu mit dieser Thematik.
Ihre Figuren leben ein westliches, privilegiertes Mittelstandsleben und werden von den politischen Ereignissen aus diesem Leben gerissen. Der Plot des Romans ist gut durchdacht und trotzdem bleiben mir die Figuren fremd. Ob es an der Grausamkeit des Bürgerkrieges oder der Unterdrückung durch das Regime liegt? Mir kommen die Ereignisse vor, als entstammen sie aus Nachrichten oder Dokumentationen, die von der Autorin personalisiert wurden. Da bleibt eine Distanz und nach einmaligem Lesen kann ich nicht sagen, ob der Text oder die Thematik zu dieser Distanz führt.

Auf jeden Fall ist es ein lesenswertes Buch. Eins zum Nachdenken darüber, was der Krieg in Syrien mit unserem Leben zu tun hat.

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