Nachtgedanken

Immer wieder. Mich vergewissern. Dass alles so richtig ist.
Oder wenigstens: dass es ist.

Es ist wie es ist – das beste Gedicht aller Zeiten.
Vertrau der Formel: es ist wie es ist.

Manchmal sammeln sich die Gedanken gleichzeitig in meinem Kopf. Alle rufen durcheinander und mir fällt es schwer, den Zusammenhang herzustellen zwischen innen und außen. Ein typisches Problem der Introvertierten. Die Erdung ist nicht unsere Stärke.
Ich suche den Weg, wie vor Jahrzehnten. Ich suche weiter und weiter. Die Wege werden schmäler mit dem Alter. Bald werden es Pfade sein. Das schreckt mich nicht. Ich werde sorgsam weitergehen.
Behutsam.

Es ist Unsinn, sagt die Vernunft.
Es ist was es ist, sagt die Liebe.

Und das Leben – auch das hat einiges zu sagen.

Entfesselter Staatstrojaner

Überwachung schadet der Demokratie.
So weit, so schlecht. Die Politik hält nach wie vor Überwachung für eine Möglichkeit und setzt mit einer dreisten Gesetzgebung Mäßstäbe. Der Staatstrojaner soll auf uns losgelassen werden. Nicht etwa als letzte Möglichkeit bei Verbrechen kriminellen Vereinigungen, im Krise Fall und um Menschen zu retten. Nein, um leichte Strafverfahren aufzuklären.

Ich war diese Woche auf einer Veranstaltung, da forderte der Chef des Verfassungsschutz das Recht auf „den digitalen Rettungsschuss“.

Ein Staat, der seine Bürgerinnen und Bürger als Feinde sieht, die es zu zerstören gilt. Oder wenigstens schaden kann er ihnen.
Wie war das früher mal?
Dienen?

Was dafür Konsequenzen ein entfesselter Staatstrojaner mit sich zieht, ist hier gut erklärt.
Mit welchen Tricks beim Gesetzgebungsverfahren vorgegangen würde, steht hier.
Es besteht die Hoffnung, dass das Verfassungsgericht – wie so oft in der Vergangenheit – den entfesselter Staatstrojaner wieder einfängt.

Und hier noch ein paar Worte über den misslungenen Social Media Gab der CDU, der digital daneben ging. Mit Einhorn und ohne Gehirn.

Ein Blick in den Abgrund des Kapitalismus

Grenfell Tower

Manchmal dauert es etwas, bis ich meine Sprache wieder finde. Manchmal Sekunden, Minuten, Stunden – dieses Mal Tage.

Der Kapitalismus hat viele grausame Gesichter. Jetzt hat er neues Gesicht dazu bekomme: den Grenfell Tower. Den brennenden Grenfell Tower. Den lohenden Grenfell Tower.
Warte, gleich habe ich es geschafft: Im Namen des Kapitalismus sind Menschen verbrannt. Vor unseren Augen.

Diese Menschen sind verbrannt, weil sie arm waren. Das ist der einzige Grund. Zu arm für Brandsicherheit. Zu arm, als dass ihr Schrei rund um die Welt zu hören wäre. Zu arm, als dass jemand ihre Geschichte erzählen würde.
Zu arm, als dass ihre Zahl in die Todesstatistik eingehen würde.
Sie werden vermisst, aber nicht gezählt. Sie verschwinden im Sommerloch. Dort taucht unversehens das Gespenst namens Helmut Kohl auf. Wir erinnern uns. Damals das waren die Zeiten als erste Weichen gestellt wurden. In England durch Margarete Thatcher. Damals begann das Verbrechen an den Armen Menschen. Später haben es viele Länder darin zur Meisterschaft gebracht.

Und heute sehen wir den lohenden Menschen zu. So sehr hassen sie uns, denke ich mir und begreife zum ersten Mal, wie ernst es ist.
So sehr hassen sie Menschen, dass sie in Kauf nehmen, dass sie in den Flammen verglü
hen.

Arme Menschen haben keine Wahl. Keine Hoffnung. Keine Würde.

Es wird lange dauern bis ich die Bilder vom Grenfell Tower verkraftet habe.

Sie gehen ins Innere. Treffen alle wunden Punkte. Ein Ausweg ist undenkbar.

Heiße Stunden

Ich versuche im Alltag Fuss zu fassen und stolpere unversehens über silberne Schwellen.
Das hätte schief gehen können, spricht die Besserwisserin in mir. Die, die alles immer schon wusste. Hinterher und überhaupt.

Vielleicht ist jetzt die richtige Zeit ein Stop-Schild herauszuholen. Nein, das ist die falsche Metapher.
Vielleicht ist es die richtige Zeit, den Halteknopf zu drücken. An der nächsten Haltestelle will ich aussteigen und auf anderen Wegen weiter gehen.

Es ist nichts Neues, dass ich für die kleinen Entscheidungen viel Aufwand betreibe. Ich lebe mein Leben akribisch, ich habe nur das eine. Das einzige, das ich kenne. Das einzige, das ich verstehe.
In diesen heißen Tagen scheint sich mein Leben etwas aufzulösen. Es wird irreal, fühlt sich seltsam an. Die Luft schwirrt und ich schmelze davon. Mein Leben schwächt sich ab. Wie ein Klang, der lange und ganz leise nachhallt.
Früher waren die heißen Tage Grund für einen Freudentanz. Lang, lang ist es her. Schleichend kamen die Veränderungen. Ich habe alle hingenommen. Staunend, beobachtend, manchmal auch bewegt.

Feenland

Hier gibt es kein Entkommen. Der ganze Ort weiß, dass drei Frauen angekommen sind, die sich zu Fuss durch das Gelände kämpfen. Wir werden versorgt mit weisen Ratschlägen und guten Tipps. Nicht, dass wir eine der drei Sehenswürdigkeiten eventuell verpassen. Das wäre eine Enttäuschung für die Dorfehre.

Am dritten Tag suchen wir dann auch endlich das Kloster auf, wer weiß, was uns sonst für Sanktionen gedroht hätten.

Im Land der Feen spielt der Wind mit den Wolken. Wetter ist immer präsent und wir lernen schnell uns im zehnminütigen Rhythmus kleidungsmäßig anzupassen. Genauso schnell lernen wir dem entgegenkommenden Verkehr ruhig ins Auge zu sehen und gelassen in die Kurven hinein zu schreiten.

Weit hinaus

Weg durch die Dünen bei bedecktem Himmel

Der Wind treibt sein ganz eigenes Spiel. Mit den Wolken, mit dem Gras, mit dem Sand. Es geht weit hinaus auf diesem Weg. Das Meer kündigt sich tosend an. Sehnsuchtsort. Sehnsuchtsbild. Sehnsuchtsweg.

Die Metaphern für die Lebenszeiten drängen ihre Symbolik auf.

Der Weg ist leichter zu verstehen, wenn er ein Ziel und eine Richtung hat. Im wahren Leben allerdings windet er sich am Alltag entlang.

Und es ist Sommer

Dass es Sommer ist, entnehme ich euren Instagram-Bildern. Ihr streckt mir die Füsse entgegen. Abgehobene Füsse, die sich dem Laufen entziehen.
Dass es Sommer ist, habe ich selbstverständlich schon zuvor bemerkt und rechtzeitig die Rollladen heruntergelassen. Denn lang, lang ist es her, dass der Sommer eine Sehnsuchtszeit war. Die habe ich einfach umgeswitcht, weil ich es sonst nicht aushalten konnte.
Der Sommer ist eine Herausforderung, die es zu über stehen gilt. Gekoppelt an unfaire admistrative Bedingungen und ein Arbeitsrecht, das keine Sanktionen kennt.
Kapitalismus heißt das System, das es sich bequem macht und Gesetzesüberschreitungen ohne Konsequenzen hinnimmt.

Ein Verstoß gegen das Gesetz ohne Folgen, das ist im Arbeitsschutz im öffentlichen Dienst die Normalität. Immerhin, wir nennen die Dinge beim Namen ….

Und schauen dann weg.

Das wissen wir schon

Das wissen wir schon

von Naomi Schneider

Das Buch beschreibt eine „Villa-Kunterbunt-Welt“ für Erwachsene. Die Protagonistinnen und Protagonisten kommen aus der Kunstwelt, der Politik, des Aktivismus. Aber dann sind da noch die Geflüchteten, die Nichten und der junge Salafist, der sich mit einem Nerz befreundet. An einer Stelle im Buch heißt es: „Wir leiden leise und lachen laut.“

Vor allem leben sie bunt und tolerant. Es ziehen sich mehrere Spannungsbögen durch den Roman, die die Geschichte am Laufen halten und ihr den nötigen Drall verleihen. 

Ein bisschen mehr Komödie als Satire mit einem kleinen Hauch Trauer und ein Pony darf auch nicht fehlen.

Vorsicht

Um ein Haar den Duolingo Strike verpasst. Nicht vergessen, nur einfach das Gefühl sehr präsent, es einfach sein lassen zu wollen.
Aber nein, zum Schluss doch noch die Kurve gekriegt.

Ich bin stur. Ich bin penetrant. Ich mache immer weiter.
Bis ein anderer Modus startet.

Sammelmappen-Prioritäts-Modus.

Gibt mir Wege vor. Gibt mir Richtungen vor. Zeigt mir Perspektiven an.

Stellt alles auf den Kopf.

Die U-Bahn fährt an und die Welt gerät ins Schwanken. Meine Welt. Hab mir die Krankheit der weltweiten Verunsicherung geholt.

Mich angesteckt.

P.S.
Als Gegenmittel ist nur die Leichtigkeit des Seins denkbar.

Über das allmähliche Verschwinden

Könnt ihr bitte alle mal schnell „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ lesen und mir sagen, wie ihr es findet?
Zuerst fand ich das Buch richtig ärgerlich und konstruiert. Aber nach ca. 30 Seiten fing ich an es zu mögen, dann wieder nicht. Jetzt bin ich ungefähr in der Mitte und zwischendrin gab es eine Sexszene mit einer Frau und ihrem Baum. Ja, mit ihrem Baum auf dem Balkon. (Keine Autokorrektur).
Ich lese schon seit Tagen in einem für mich unglaublich langsamen Tempo und kann mich einfach nicht entscheiden, wie ich das Buch finde. Außerdem weiß ich nicht mehr, wie ich auf das Buch gekommen bin. Hatte es in der Bücherei vorbestellt, also muss ich in irgendeinem Zusammenhang von dem Buch gehört haben.
Juliana Kálnay heißt die Autorin

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