Lebenslautstärke

Das Aufwachsen in einer lauten Umgebung hat mich leise gemacht. Andere macht es laut.
Nie wirkt etwas gleich. Es hängt immer davon ab, auf welche Erde die Saat fällt.

Stille ist mein Genuss.

Im Laufe meines Lebens habe ich gemerkt, dass es manchmal auch wichtig ist, gehört zu werden. Heute bin ich professionell genug mir dann ein Mikrofon zu suchen. Sowohl in der realen Welt, als auch als Metapher. LeiseSein ist mit vielen Vorurteilen belegt, denn in unserer Gesellschaft gelten die lauten Stimmen als tonangebend.

Wie absurd wir doch manchmal ticken.

Europäische Korrespondenzen

Annika Reich schreibt an Zeruya Shalev.

Großartig.

Unter dem Titel „FRAGILE. Europäische Korrespondenzen“ sind 28 Autorinnen und Autoren aus den Ländern Europas vom Netzwerk der Literaturhäuser eingeladen, in einen mehrmonatigen Austausch einzutreten: Sie schreiben in einem Briefwechsel mit einem Partner ihrer Wahl über aktuelle gesellschaftliche, kulturelle oder politische Themen, die Ihnen kostbar und wertvoll erscheinen und die ihrer Meinung nach jedoch zugleich auf dem Prüfstand stehen, deren Zerstörung oder Infragestellung droht.

Denn: Der „Versuch Europa“, der Versuch, ein nationenübergreifendes Gemeinschaftsmodell zu imaginieren und dieses politisch und kulturell zu stabilisieren, bleibt eine Anordnung mit politischer und kultureller Brisanz. Viele Autorinnen leben in anderen als ihren Geburtsländern, die Autoren reisen viel und sind mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen europäischen Ländern im Kontakt, sie sind Seismographen der Stimmungen und Diskussionen, die Europa beschäftigen. Und wir wollten lesen, was sie darüber denken.

Was vom Tage blieb

Der Intro-Anteil der letzten Tage lag bei einer der höchsten Quoten während meiner frei zur Verfügung stehenden Zeit.
Alleinsein ist großartig, wenn du nicht einsam bist.
(Vielleicht noch mit der Einschränkung, wenn du es auch jederzeit in eine Gemeinsamkeit umswitschen kannst.)

Vielleicht lebe ich ein Leben als bot und hab es noch nicht bemerkt.

Ich werde in Zukunft das Wort Bullshitreduktionsverfahren in meinen aktiven Wortschatz aufnehmen.

Das gefällt mir.
Und ein paar Entscheidungen habe ich getroffen. Klitzekleine unscheinbare Entscheidungen.
Außerdem habe ich festgestellt, dass es Fragen gibt, die besser sind, als es eine Antwort je sein könnte.

Eines jeden Glück

Eines jeden Glück – Mit Virginia Woolf durch den Garten

Für Menschen wie mich, die Virginia Woolfs Texte mögen, ist das kleine Buch eine Freude. Es enthält Texte und Fragmente aus ihren Romanen, Geschichten, Briefen und Tagebüchern. Virginia Woolf liebte Gärten, Blumen und Pflanzen. Naturbeobachtungen unterstreichen oft Stimmungen in ihren Texten. Die voller Sinnlichkeit sind. Die Natur blüht in prächtigen Farben, knistert, verbreitet ihren Duft, aber sie vertrocknet auch, bildet fantastische Formen und altert. Sie bringt uns die Jahreszeiten und durch die Jahre.

Wer Virginia Woolfs Werk nicht kennt, erhält durch die sorgfältig ausgewählte Zusammenstellung einen guten Einblick in ihr Schaffen, ihre Sprache und ihre Persönlichkeit.

Für mein Gemüt sicher die richtige Lektüre, um von den Gewaltmeldungen der letzten Tage runter zukommen.

Rechenmädchen

Aus der Reihe der verlorengegangenen Berufsbezeichnungen: Rechenmädchen.

Mehr dazu im Matheblog

On the move

Oliver Sacks war Professor für Neurologie und ist im letzten Jahr gestorben. Früher hat er Bücher über Patienten als Fallgeschichten geschrieben. Kurz vor seinem Tod spülte mir Twitter eine Kolumne von ihm in meine Timeline, die ich so anrührend fand, dass ich seine Autobiografie beim letzten Büchereibesuch mitnahm.

Inhaltlich wurde ich überrascht, denn ich wusste vorher nicht, dass er schwul war. Die Beschreibungen vom Umgang mit Homosexualität in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts und die Auswirkungen auf sein Leben machten mich sehr betroffen. Ebenso die Selbstbeschreibung zu seiner Persönlichkeit, die extrem zwischen Introvertiertheit und Exotrovertiert hin und her pendelte.
Trotzdem ist diesem Buch eine große Distanz anzumerken. Ich hatte oft das Gefühl: dies oder jenes hätte ich gern ein bisschen genauer gewusst oder anders beleuchtet.
Enttäuscht hat mich auch, dass jemand, der so im Schreiben aufgeht, es nicht schafft, diesem Buch einen durchgehende Klang zu geben. Eine Stimme, die durch dieses Leben führt. In der zweiten Hälfte ist diese Zusammenhanglosigkeit besonders zu spüren. Da werden berufliche Fakten und Anlässe aufgezählt und das starke Ego ist deutlich zu hören und es ist deutlich zu spüren, dass es Streicheleinheiten braucht. Verständlich, aber langweilig für die Leserin.
Ich gebe dem Buch trotzdem vier Sterne, weil die erste Hälfte des Buches für mich so überwältigend war.

Leid

Eine tiefe Traurigkeit befiel mich gestern. Die zehn vergangenen Tage sind schlecht auszuhalten für mich und ich schaue mich um, wie das die anderen Menschen verkraften. In der Arbeit, im Büro waren Nizza und die Türkei kaum Gesprächsthema. Zu weit weg, nicht relevant für das eigene Leben. Mir fehlt der Schutzschirm. Ich kann das Leid und die Gewalt nicht einfach mit einem Schalter ausstellen und trage sie in mir fort. Ich bin ein Mensch mit Ängsten und Gefühlen. Aber auch mit einem klaren Verstand. Das Geschehene muss eingeordnet und strukturiert werden, damit ich es verarbeiten kann.

Heute morgen habe ich den Blogpost von Anke Gröner gelesen. Der hat mir ein Stück weiter geholfen, ein kleines Stück. Aber er hat mir auch meine Frage klargemacht: Soll das alles sein? Wir markieren uns als sicher, schauen nach ob unsere Liebsten sicher sind und dann ist alles gut? Alles klar und dass Leben kann weitergehen?

Ich habe noch viele Unklarheiten, die ich mit mir ausmachen muss. Hab Fragen und keine Antworten darauf. Fühle mich schuldig und voller Scham zu einer Gesellschaft zu gehören, die es zugelassen hat, dass wir jetzt am Abgrund stehen.
Ich fühle eine Hoffnungslosigkeit, weil Gewaltfrei kaum noch als Prinzip zu denken ist. – Für mich schon, aber mit diesem Prinzip scheine ich sehr allein dazustehen.
Die öffentlich-rechtlichen Sender haben gestern ein schlechtes Bild abgegeben. Sie kommentierten munter die Polizeistrategie und zeigten Fotos, Videos und Bildauschnitte, während sie ständig darüber schimpften, dass in den sozialen Medien, die Anweisungen und Empfehlungen der Polizei nicht beachtet wurden. Falschmeldungen und Spekulationen überrannten die Medien und lösten Panik aus. Da ist viel schief gegangen. So viel Leid, so viel Geschrei, so viel Aufmerksamkeit.

Ich werde noch einige Zeit brauchen, bis ich die Gefühle des gestrigen Tages verarbeitet habe.

Dann lese ich den Blogpost von Wortschnittchen und halte die Luft an.
Und bin still.
Ganz leise.

Angst

Ich stehe im Hauptbahnhof und warte darauf, dass das Glück auf Gleis 17 einfährt. Eine Tradition, die mir gut gefällt. Ich mag dieses Gefühl, diese leichte Spannung, die Erwartung und das Wiedersehen. Ich mag es, wenn die Liebe Einfahrt erhält. Wenn der Zug einfährt und die Menschen auf mich zukommen, weitergehen. Ich mag es Ausschau zu halten, nach dem einen Mensch. Dem wichtigsten Mensch. Ich mag das Erkennen, das Aufeinanderzugehen, das gemeinsame Weitergehen.

Heute stand ich wieder am Hauptbahnhof. Still in der Ecke, lesend. Verspätung war angesagt. Mein Glück verspätet sich. Das macht nichts, das ist nicht wichtig. Es kommt. Ich warte.

Bald fährt der Zug ein.

Der Lautsprecher ist klar und deutlich zu hören: Der Besitzer des schwarzen Rucksacks möge sich bitte sofort wieder zu seinem Gepäckstück begeben.

Mein Herz klopft und dieses Mal ist es keine freudige Erregung. Scheiße, denke ich. So eine Scheiße. Mein Schatz fährt ein. Nein, nicht.  Wenn das jetzt kein Fake ist, dann fährt mein Schatz jetzt eben gar nicht ein – und ich, was mache ich. Mein Herz klopft. Der Seiteneingang ist nicht weit. Es wäre sinnvoll gleich nach draußen zu gehen. Sofort. Gar nicht erst abwarten. Einfach gehen.

Der Bahnhof ist im Wochenend-Reisemodus. Voller Menschen. Wer stellt in so einer Situation den Rucksack ab? Merde!

So schnell wie das Adrenalin in die Höhe schoss, legt es sich wieder. Beruhig dich, Claudia. Bleib cool. Dein Glück fährt gleich ein.

So war es auch, die Angst vergessen und verdrängt. Das ging ganz gut.

Bis heute Abend um 18:00 als ich auf Twitter von den Ereignissen in München las.

Ich bin ein Opfer der German Angst. Meine Angst wird wachsen. Jeden Tag.

Jede Stunde.

 

Armut ist tödlich

Frauen mit höherem Einkommen haben eine um acht Jahre höhere Lebenserwartung als Frauen mit niedrigerem Einkommen. Bei den Männern ist der Unterschied mit elf (!) Jahren noch höher.

Ein Skandal, der nicht skandalisiert wird. Wir haben gelernt zu schweigen, zu vergessen, zu verdrängen. Armut wird in Deutschland institutionalisiert. Ist Teil unserer Gesellschaft geworden. Ein akzeptierter Teil.

Nur ich, ich kann das nicht akzeptieren. Ich empfinde es als Schande, dass die Gesellschaft so viele Menschen in Unwürde leben lässt. Das so viele Kinder unnötig in prekären Verhältnissen aufwachsen, dass behinderte Menschen systematisch behindert werden.

Ich empfinde es als Schande, dass Armut in Deutschland so viele Menschen krank macht und sie dann tötet.

 

 

Wird  Zeit für Warnhinweise an den Litfaßsäulen:

Armut gefährdet ihre Gesundheit.

Armut ist eine Bedrohung für ihre Familie.

Armut vernichtet Würde.

Armut führt zu Liebesverlust.

 

Sauber

Sauber ist keine politische Kategorie.

Säuberungen keine demokratische Reaktionen.

 

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