8. Mai

Seit ich denken kann, fürchte ich mich.
Oder besser gesagt, seit ich von der Vergangenheit weiß, ist mir Angst und Bang.
Seit ich begriff, dass sich die Welt vor mir drehte.
Da gab es etwas, das schlimmer war als alles, was Menschen sich ausdenken konnten.

Vor meiner Geburt. Vor meiner Fähigkeit zu denken, aber allgegenwärtig in der Grausamkeit.

Dass es sich wiederholen kann, hätte ich nie ausgeschlossen.

Aber nie, nie, nie in meiner Lebenszeit.

Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Drei Links

Eine Sammelmappe ist zum Sammeln da.
Daher hinterlege ich mir hier heute die drei Links vom Wochenende, die ich nicht verlieren möchte.

Das wäre zum ersten das Interview mit der Holocaust-Überlebenden Renate Lasker-Harpprecht, die über das KZ Auschwitz spricht.

Der zweite Link nennt sich „Kritik des normierten Lesens“ und ist eine wunderbare theoretische Abhandlung darüber wie unterschiedlich Menschen lesen, was das mit Herrschaft zu tun hat, mit Abwertung und Abgrenzung usw. Er handelt auch davon, warum die Literaturkritik so Schnösel- und dünkelhaft auf die Buchblogger oder Buch-YouTuber runtersieht.

Der dritte Link führt zu einem Vortrag von Antje Schrupp über Maria. Wobei mich da nicht das Thema Maria fasziniert, sondern die Gedanken über das Muttersein – und wie sehr der Begriff Mutter aus dem Alltag verschwindet und der in der Familien- und Elternkiste untergeht, auch da wo die Mutter selbst doch noch so wichtig ist.

Das Interview mit Antje Schrupp zum Stand der Gleichstellung und pseudofeministische Argumente.

Lyrische Novelle

Lyrische Novelle
Annemarie Schwarzenbach
Cover - Lyrische Novele

Annemarie Schwarzenbach geb. 1908 stammte aus einer der reichsten Schweizer Familien.
Sie war eng mit Erika und Klaus Mann befreundet, drogenabhängig, psychisch instabil und starb früh. Außerdem schrieb sie und war lesbisch. Sehr androgyn. (So weit das mir bisher bekannte Klischee.)
Ich war schon länger neugierig, was das für eine Frau war, die immer wieder als Randfigur bei den Manns auftaucht.

Einige wenige ihrer Texte gibt es kostenlos bei den Kindle-Klassikern. Die Lyrische Novelle zum Beispiel.

Die Lyrische Novelle handelt von einer unglücklichen Liebesgeschichte. Als Leserin irre ich lange durch den Text, ehe das männliche Geschlecht des Erzählers benannt wird. Und ganz stimmig fühlt es sich auch dann nicht an. Der Erzähler – der eigentlich eine diplomatische Laufbahn einschlagen soll – ist auf der Flucht vor seiner leidenschaftlichen Liebe zu einer Varieté-Sängerin. Er schreibt seine Geschichte auf, um sich selbst zu vergewissern. Komplett aus der Bahn geworfen, sucht er Ruhe in einer kleinen Stadt und erinnert sich an die vergangenen Monate.
Äußerlich ist die Geschichte unspektakulär, aber auch ohne Kenntnisse des biografischen Hintergrunds, entspinnt sich eine seltsame Atmosphäre in der Erzählung. Getragen vor allem durch die Beziehungen des Erzählers zu den andren Figuren.
Die Verzweiflung und das Leid – vielleicht auch die Einsamkeit – durchziehen die Novelle so sehr, dass sie immer scharf auf der Kante zum Kitsch und ins Klischee entlang hangelt. Aus meiner Sicht wird sie durch die diffuse Geschlechtszuordnung und die dadurch entstehende Hintergrundspannung gerettet.

Linktipp: Vom Helden, der ein Mädchen ist

Wege gehen

inniger Blick

Nicht immer gehe ich vorwärts. Erst habe ich es mir mühsam angewöhnt, aber dann doch wieder verworfen.
Es hat sich einfach nicht bewährt. Immer diese Zielstrebigkeit und diese nervige Geradlinigkeit. Das war nicht so mein Ding. Na gut, ich hätte das noch optimieren können. Immer gerade aus. Immer vorwärts. Immer voran.
Aber mir ist schwindlig geworden, von diesem Unfug. Also lasse ich das jetzt.
Im fortgeschritten Alter besteht meine größte Kompetenz darin, Lichtblicke aus dem Alltag herauszuklitzeln.

Kann ich nur jedem empfehlen.
Sie purzeln dann manchmal schillernd aus den Wochentagen heraus.

Ministerium für öffentliche Erregung

Cover - Ministerium für öffentliche Erregung

Amanda Lee Joe – Ministerium für öffentliche Erregung

Fünfzehn Geschichten aus Singapur in denen die Liebe die Hauptrolle spielt, ohne dass eine der Geschichten in Kitsch und Klischee abrutscht. Das ist fast nicht vorstellbar. Die Autorin schafft das, indem sie die Liebe und Anziehung zwischen den Menschen aus den verwegensten Blickwinkeln beschreibt. Es gibt viel Traurigkeit, aber auch Trost in den Geschichten. Die Liebe lastet schwer auf den jeweiligen Protagonisten. Sex, Identität, Abhängigkeit und Ängste werden thematisiert.

Die Autorin hat viele internationale Preise für ihre Texte bekommen und beim Lesen dieser Erzählungen über verpasste Lieben, versäumte Gelegenheiten und schicksalhaften Begegnungen wird klar warum. Sie führt uns ein in eine Welt voller bunter Figuren, die um ihr Leben kämpfen, sich darin zurechtfinden.

Ein melancholisches Buch mit viel Tiefgang.

Die Stadt mit der roten Pelerine

Cover - Die Stadt mit der roten Pelerine

Dass ich keine Feuilleton-Leserin bin, bringt manchmal auch Nachteile mit. Auf die wunderbare türkische Autorin Asli Erdogan bin ich erst aufmerksam geworden, als sie in der Türkei verhaftet wurde. Zur Zeit ist sie frei, aber sie rechnet damit, dass sie verurteilt wird. Einfach so. Einen Grund gibt es nicht. Aber das kennen wir ja leider schon.

Ich habe jetzt von ihr „Die Stadt mit der roten Pelerine“ gelesen. Einen Roman, den sie schon 1998 veröffentlichte. Ein Buch einer türkischen Autorin, dessen gesamte Handlung in Rio der Janeiro spielt. Protagonistin ist Özgür, eine junge, gebildete Türkin, die seit zwei Jahren in Rio lebt und dort einen Roman schreibt.
Ein Roman im Roman. Viele Leben im Leben. Chaos, Leid und Tod ist in dieser Stadt allgegenwärtig. Der Text hat so viele Ebenen, dass einem schwindlig werden kann. So viele Interpretationsansätze. So viel Spiel mit der Sprache und immer wieder dieses Leid, die Gewalt und der Tod. Durch das ganze Buch hindurch möchte eine der Protagonistin zurufen: Geh weg! Rette Dich! Noch kannst du weglaufen.
Aber so ist das leider nicht. Weglaufen lässt diese Stadt nicht zu, das Abenteuer geht schlecht aus. Der soziale und mentale Abstieg ist konsequent und unausweichlich.

Das Nachwort von Karin Schweißgut sortiert die Erzählung im Anschluss noch mal, mir tat es gut, mit dem harten Ende nicht weggeschickt zu werden.

Licht und Schatten

Anleitung für eine Revolution

    Nadja Tolokonnikowa
    Anleitung für eine Revolution
    Cover "Anleitung für eine Revolution"

    St 74 „Von Kindheit an bringt man uns bei, Grenzerfahrungen zu vermeiden, obwohl man uns beibringen sollte, wie man sich so an Grenzen bewegt, dass man sich nicht den Arsch aufreißt und gestärkt daraus hervorgeht.“

    Nadja Tolokonnikowa ist eine der Gründerinnen der feministischen Punk Band Pussy Riot. Zwei Jahre verbrachte die junge Mutter in einem Straflager. Die Strafe für einen ihrer Auftritte in einer orthodoxen Kirche bei der die Aktivistinnen auf die unheilsame Verbindung zwischen Staatsmacht und Kirche aufmerksam machten.
    Nadja Tolokonnikowa ist mutig, beharrlich, stark. Sie erzählt in diesem Buch ihre Geschichte. Die Entstehungsgeschichte von Pussy Riot, ihre Zeit im Straflager, ihre Überzeugung, dass Widerstand Pflicht ist, wenn der Staat oder die Kirche Freiheit und Menschenrechte missachtet und mit Füssen tritt. In diesem Buch mit den 200 Notaten verarbeitet sie die Zeit des Prozesses und in der Gefangenschaft. Der Text gleicht einer Collage. Bunt, schrill, poetisch und mutig, auf literarisch hohem Niveau.

    Du hast keine 500 Jahre. Lebe mit voller Wucht.“ St 101

    Der Mut, die Kraft und die Aufrichtigkeit der Autorin berührt mich sehr.

Lebensticker

*** ach *** und noch mal ach *** lesen *** mich abwenden *** mich zuwenden *** vielleicht nein *** vielleicht doch *** klare Kante zeigen *** hahaha *** Ziele *** Ziele immer definieren *** will nach Süden ans Meer *** Frauenleben *** woman in love *** keine Zeit *** noch mehr Zeit *** den inneren Sternenhimmel betrachten *** lesen *** träumen *** erden *** Krone ablegen *** mich müde seufzen *** ach *** und weh ***

Ich lese mich durch Frauenleben. Auch eine Art abzutauchen. Um das „Gleisende Licht“ mache ich einen Bogen, obwohl es ganz gut begann. Hab den Fehler gemacht, noch etwas „über“ den Inhalt zu lesen. Häusliche Gewalt ist nichts für mein Mimosenseelchen. Aber wie so oft, ist da die Stimme, die sagt“ Stell dich nicht so an. Die Stimme höre ich seit zwei Tagen. Spüre sie im Genick – und trotzdem lese ich nicht weiter. Traue mich nicht.

Dafür schmeckt jetzt gerade alles nach Abschied, um es mit Brigitte Reimann zu sagen. War der erste Band ihrer Tagebücher schon überaus farbig und lebendig, expoldiert ihr Schreiben und Leben im zweiten Tagebuchband geradezu.

Die Männer, das Leben, das Schreiben, ihre Krankheit und die Geheimnistuerei darum. Ich ahne, wie unfair die Medizin damals mit den Patientinnen umging. „Aus Rücksicht“ wurde aus der Krebsdiagnose ein Bandscheibenvorfall. Es gab kaum Worte, kaum Trost in dieser Situation. Nur die Möglichkeit an ein Fortdauern der Arbeit zu denken.
Aber auch sonst fehlte diesem Leben, der Spiegel, der Halt. Der Spagat zwischen der ständigen Sehnsucht als Frau geliebt und trotzdem als Autorin ernstgenommen zu werden ist groß.
Es irritiert, wie sehr die fast täglichen Belästigungen Alltag sind. Und andererseits das eigene Ego immer wieder auf das „jungmädchenhafte“ Aufsehen fixiert ist.
Es war verdammt schwierig unter diesen Umständen als Frau gute Arbeit abzuliefern. Das ist das, was ich aus den Aufzeichnungen lerne.
Verdammt schwierig.

Und ständig war einer mit den Fingern, den Händen, den Blicken viel zu nah. All diese Ehemänner, Familienvater oder sonst in Beziehungen stehenden Männer. Ohne Grenzen, ohne Scham.
So selbstverständlich.

Zukunftserinnerungen

Der Angriff der entschlossenen Pollen bringt mich in Verbindung mit der erbitterten Verteidigung durch die Antihistamine in eine seltsame Zwischenbefindlichkeit.
Bin ich noch da? Bin ich hier? Träume ich von der Vergangenheit? Plane ich Zukunft?

Alles ist gleich fern. Alles, bis auf den Montag. Da sollte ich wieder reagieren können. Funktionieren. Repräsentieren.
Wie konnte ich nur an einen Job gelangen, bei dem Repräsentieren zum Tätigkeitsprofil gehört?

Ich suche noch ein Motto für die kommende Arbeitswoche. „No risk, no fun.“ Wäre vielleicht ein bisschen zu ketzerisch.

Was beruhigendes wäre angebrachter.

Liebe Pollen, ihr könnt euch langsam wieder verdrücken. Eure Arbeit habt ihr jetzt schon vorbildlich vollbracht.