Genervtes Lesen
Langsam wird ein Muster daraus. Wieder sitze ich mit einem Buch in der Hand, das meine Genervtheit in die Höhe treibt. Nach der Großzügigkeit der Felsenbirne hat mich dieses Mal das Werk „Ein Raum zum Schreiben“ von Kristin Valla auf die Palme gebracht. Es ist nicht so, dass das Buch schlecht geschrieben wäre. Im Gegenteil, die Sprache fließt, die Sätze sind wohlgeformt, und die recherchierten Passagen, in denen Valla die Beziehungen anderer Autorinnen zu ihren Häusern, ihrem Schreiben und ihren Lebensumständen beleuchtet, sind tatsächlich faszinierend. Diese Einblicke in die Lebensrealitäten von Schriftstellerinnen sind wie kleine Fenster, die einen Blick auf die oft verborgenen Kämpfe und Triumphe gewähren.
Doch der weit größere Teil ihres Buches handelt von ihrer eigenen Suche nach einem Haus zum Schreiben. Diese Suche entwickelt sich zu einer Renovierungsarie, die nicht nur ihre Nerven, sondern auch ihre Familie und ihre – beinahe hätte ich Freundschaften geschrieben, aber das sind es nicht – ihre sozialen Beziehungen belastet. Die ständigen Erwähnungen von Kosten und Fehlentscheidungen, die sie trifft, ziehen sich wie ein roter Faden durch die Seiten. Es ist, als würde sie mit aller Macht versuchen, das Thema Schreiben in den Mittelpunkt zu rücken, es zu überhöhen, während ich das Gefühl habe, dass es letztlich immer nur um ein Mittelstandsstatusgedöns geht.
Die Beschreibungen ihrer Renovierungsprojekte sind oft so detailliert wie trist und feuscht. Die Wände, die sie streicht, die Böden, die sie verlegt, scheinen mehr Raum einzunehmen als die eigentlichen Gedanken, die sie zu Papier bringen möchte. Es ist, als würde sie versuchen, das Schreiben in einen physischen Raum zu pressen, der nicht existiert. Der Raum zum Schreiben, den sie so verzweifelt sucht, wird zu einem Symbol für ihre innere Zerrissenheit. Aber geht es ihr nicht immer nur um den Erfolg? Auch den finanziellen?
Die Bewertungen, die das Buch erhält, sind endlos positiv. Alle finden es toll, diesen Raum zum Schreiben, der keiner ist. Ich kann nicht nachvollziehen, warum. Vielleicht liegt es an einer Art von Verständnis der Welt, das aus einer überstrapazierten Ich-Perspektive heraus entsteht. Es ist, als ob die Leser*innen in Vallis Suche nach dem perfekten Raum eine Art von Bestätigung für ihre eigenen Träume und Sehnsüchte finden. Doch für mich bleibt die Genervtheit, die sich in mir aufstaut, unerklärlich.
Valla malt ein Bild von einem Leben, das viele anstreben, und doch bleibt es unerreichbar. Die ständige Suche nach dem perfekten Raum, nach dem idealen Ort zum Schreiben, wird zu einer Metapher für die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt. Und während ich die Seiten umblättere, wird mir klar, dass es nicht nur um das Schreiben geht, sondern um die Frage, wo wir uns selbst verorten, wo wir uns sicher fühlen können, um unsere Gedanken und Gefühle auszudrücken.
In dieser Auseinandersetzung mit dem Raum, den wir für uns selbst schaffen, wird die Genervtheit zu einem Spiegel meiner eigenen Unsicherheiten. Vielleicht ist es das, was mich so sehr stört: die ständige Suche nach einem Raum, der nicht nur physisch, sondern auch emotional existieren muss. Ein Raum, der nicht nur Wände und ein Dach hat, sondern auch die Freiheit, die Gedanken fließen zu lassen. Und so schließe ich das Buch, mit einem Gefühl der Ausgeschlossenheit, als ob ich einen Raum betreten habe, der nicht meiner ist.
Danke Claudia, für die Rezension. Ich dachte schon, ich wäre zu blöd für das Buch, denn ich bin erst gar nicht reingekommen. Ich fand keinen Zugang, obwohl es locker und gut geschrieben ist.
Du hast mein Weltbild wieder gerade gerückt. Liebe Grüße