Die Tage schwimmen davon. Einer nach dem andern. Ihre Anmut heißt Gleichförmigkeit.
Auf der arte-Mediathek läuft „Mord im Böhmerwald“. Vom Titel her keine Serie, die mich angezogen hätte. Aber sie entfaltet nach und nach ihren Reiz und lässt mich mit einem kalten Herzen zurück.
Es ist Donnerstagabend. Der Geruch des Wochenende breitet sich schon aus.
Der Tag beginnt feucht, aber er riecht gut. Zum ersten Mal seit vielen Wochen ist die Temperatur in meinem Zimmer auf zweiundzwanzig Grad gesunken. Mir ist kalt, ich schließe die Fenster.
wie gemalt
Leben in den Kleingartenkolonien wird gefordert. Als Alternative zum Plattmachen und neuen, teuren Wohnraum schaffen. Ich bin dafür, kann aber leider nicht einziehen. Mir liegen meine Kleingärten am Bornheimer Hand zu Füssen und plagen mich mit Pollenattacken. Ich richte mir lieber meine kleine, feine Wohnung her und erfreue mich am Grün.
Vorher hab ich einen Artikel über das Nicht-Verstehen-Können oder Wollen der Klimakatastrophe und den Untergang gelesen. Dass die Erzählung des Weltuntergangs so zum Unterhaltungsrepertoire gehört, dass die Menschen ihn nicht für real ansehen.
Mir kommt dabei der Gedanke, was es für ein Spaß machen könnte, endlich mal die Welt aufzuräumen und die unnötigen Sachen aus der Welt zu falten. Umwelt und Menschlichkeit zuerst, in allen Lebens- und Wirtschaftslagen. Wäre technisch und methodisch gar nicht so schwer. Nachhaltigkeit als Staatsziel.
Was wäre das für eine Freude, alle Kreativität in ein solches Unterfangen zu stecken! Wie machen wir das? Wie lösen wir jenes?
Unruhige Nächte. Dabei hat es deutlich abgekühlt. Irgendwas packt mich, wenn die Sonne untergeht und wälzt mich von Seite zu Seite. Jede Träne wiegt doppelt. Jedes Lachen klingt nach. Vielleicht die Begleitmusik der Wechseljahre. Zukünftig immer im Programm. Mal lauter und mal leiser, wer weiß das schon.
Vielleicht fehlt mir die entsprechende Reinigungszeremonie. Damit meine Seele in Harmonie und Schönheit weiterleben kann.
(Ich merke schon: ich sehe zu viele YouTube-Videos über die Navajo an. Die weben die Harmonie der Welt in ihre Teppiche mit ein.)
Gestern habe ich es noch nicht geschafft Fotos vom Gleis 7 zu machen. Heute habe ich mir Zeit zum Gedenken genommen und danach fotografiert.
Blumen und Kerzen vor dem Gleis 7 am Frankfurter Hauptbahnhof
Das ging dann. Mit Tränen und Gänsehaut.
Heute war rundum ein trauriger Tag. Das Fräulein ReadOn wurde bestattet und ich lese mich hilflos durch die wenigen warmen Worte, die ich über sie finden kann. Für mich ist es unbegreiflich wie hart und gezielt das Richtschwert gezückt wird.
Als ich am Gleis 7 vorbei ging, habe ich dann doch kein Foto gemacht. Obwohl ich die Trauer gerne festgehalten hätte. Mein Körper wollte das nicht, die Gänsehaut lief mir von Kopf bis Fuss und Tränen gab es auch.
Selten habe ich so oft den Satz gelesen: absolute Sicherheit gibt es nicht. Sogar von den Seiten, die das immer anders darstellen. Nein, die gibt es nicht. Aber trotzdem ist die Sehnsucht danach groß.
Die Vorstellung von einer sicheren Welt. Einer gewaltfreien Welt eher nicht. Sonst würden sich die Haßreden und -verbrechen nicht so schnell und weit verbreiten. Gewalt ist nur dann verbrämt, wenn sie das Wir trifft.
Die Ereignisse am Frankfurter Hauptbahnhof schlagen mir komplett auf den Magen und die Verdauung.
Ich liebe den Bahnhof und halte mich gerne dort auf, wenn ich etwas warten muss. Für mich ist er ein großes Wohnzimmer, in dem es viel zu sehen gibt. Es ist immer was los. In Frankfurt gibt es wohl kaum einen Ort an dem so viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen.
Manchmal denke ich trotzdem an die Geschichten von den Menschen, die aufs Gleis geworfen wurden und dann trete ich instinktiv einen Schritt zurück vom Gleis. Als wenn das was nutzen würde!
Täuscht es mich oder sind es verdammt viele Frauen, die es trifft? Kinder jetzt gar! Es scheinen Taten zu sein, bei denen der Täter zeigen will, dass er alles kann. Er kann einfach so das Leben nehmen. Es vernichten.
Das Leben und das Licht und das Vertrauen.
Zum Schluss bleibt nur eine panische Dunkelheit.
Die Schreie. Ich kann ich sie hören, obwohl ich gar nicht zur Tatzeit dort war.
Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. In der Seniorinnen-Variate.
Es geht auf und ab. Nach hinten und nach vorne. Noch während ich Pläne mache, falle ich zurück in die Erinnerung. So ein großer Schatz voll mit Erinnerungen und Geschichten. Langsam wird mir klar, was ich da für Kostbarkeiten mit mir herumtrage.