Es ist doch nur Sommer. Kein Grund zur Panik, sagt die alleswissende Freundin und jagt mir noch mehr Angst vor den kommenden Temperaturen ein.
Okay, denke ich. Lass dich ablenken. Mit dem Kühlakku am Körper liegt es sich gut im warmen Zimmer. Nicht an Morgen denken, nicht an das Büro denken, nicht an Klagenfurt denken, nicht an nichts und am Besten an alles denken.
Auf Duolingo habe ich chinesisch wieder rausgekramt und wundere mich, wie viele Zeichen mir in Erinnerung sind. Dieses Internet ist der reinste Segen für mich. Konkreter gesagt: das mobile Internet ist ein Privilegien-Paradies.
Das angenehme Wetter am Wochenende genießen, bevor die Hitzewoche über mich herein bricht.
forgive quickly – mahnt die Teetasse. Vergeben und vergessen. Manche können das nie. Da zwickt und zwackt es ewig im Herzen. Zum Glück gilt das für mich nicht.
Nächste Woche beginnen die Lesungen in Klagenfurt. Ohne mich. Habe es nicht mal geschafft, mir die Tage freizuschaufeln. Werde also abends nachschauen und nachhören müssen. Ausgeklinkt.
Irgendwie versehentlich. Aber vielleicht passt das in diesem Jahr einfach besser.
Keine Ruhe zum Lesen. Einiges angefangen und bei Seite gelegt. Beruflich wie privat eine ungewohnte Situation.
Das Leben ändert sich, ob du es willst oder nicht.
Ich ändere mich. Langsam nimmt die alte Frau, in die ich mich verwandle, Gestalt an.
Eine struppige, zerrupfte Mimose könnte ein passendes Selbstbild sein. Ein müdes Mimosenseelchen mit Ecken und Kanten kombiniert mit einem Überschuss an Konfliktscheue.
Wie sehr sich ein Kopf mit Gedankenkram füllen kann! Und wie wenig Schutz es davor gibt, dass andere ihr schlechtes Karma einwerfen.
Ich bin noch auf der Suche nach dem Unverwundbar-Gel. Schnell auf die Seele einreiben und alles wird wieder gut. Der Kopf frei und das Karma der anderen in alle Winde entlassen.
Das Private ist politisch. Kann gar nicht anders sein. Jede Entscheidung ist politisch. Ob ich will oder nicht, das spielt keine Rolle.
Bleibt immer noch die Möglichkeit, diese Tatsache zu verdrängen. Oder sie umzudeuten. Den Entscheidungen eine andere Interpretation zuzuschreiben. Die Tatsachen hin und her zu wenden, bis das Weltbild wieder passt.
So sind wir Menschen nun mal. Wir lügen im Zehn-Minuten-Takt. Wir phantasieren uns ein Selbstbild zusammen. Die einen mehr, die anderen weniger. Die Wissenschaft ist der Meinung, dass das zu unserem Wesen gehört.
Wir erzählen uns ständig unsere eigene Geschichte neu. Immer wieder. Wir sind unsere Geschichte.
Und unsere Geschichte wird immer eine politische sein.
Der Samstag zeigt sich von seiner freundlichen, sommerlichen Seite.
Wäsche waschen und auf dem Balkon aufhängen, Schuhe für das große Fest kaufen, quer durch den Wochenmarkt laufen und einen Stopp bei der Mokkateeria einlegen.
Das beste Leben im Doppelpack. Schöner als je ausgemalt.
Ich bin eine Frau, die im hohen Alter immer noch übt, gut auf sich aufzupassen. Geduldig gebe ich mich mit dem zufrieden, was ich mir mühsam erarbeitete. Allerdings stockt mein Lesefluss in den letzten Wochen doch sehr. Mein Leseparadies scheint etwas ausgetrocknet, das geschieht immer, wenn eine Unruhewelle mich überschwämmt.
Draußen ist Sommer. Richtiger schöner „Blauer-Himmel-weiße-Wolken-Sommer“. Mit angenehmen Temperaturen. Noch nicht zum Wegschmelzen.
Heute Morgen an den #12von12 gedacht und mir mit dem Weg zum Büro ein bisschen mehr Zeit gelassen.
Es ist ein schöner Weg am frühen Morgen. Seht selbst.
Gartenzwerg im Vorgarten Blick in unseren Innenhof am frühen Sommermorgen Die menschenleere obere Bergerstraße am frühen SommermorgenDer Wochenmarkt in Bornheim Mitte wird aufgebaut.Einer sorgt für Sauberkeit in der Bergerstraße. Am Hauptbahnhof in Frankfurt geht es steil nach oben.Am Busbahnhof arbeitet auch jemand.
Es gelingt mir nicht den Hashtag Llanca zu muten. Jedes Mal, wenn ich die Fotos auf Instagram sehe, stolpert mein Herz ein klein wenig. Ich zucke zusammen und kann nicht richtig erklären, was in mir abläuft. Die Landschaft und das Meer sind so traumhaft schön, dass mir die Erinnerung schmerzt.
Du musst den Hashtag löschen, sage ich mir dann. Das kannst du nicht die ganze Saison ertragen, sage ich mir.
Aber dann meldet sich dieses leise Stimmchen in mir, das wispert: nur noch ein kleines bisschen, dann kannst du immer noch entsagen. Du kannst das noch ein Mini-Bisschen aushalten.
Ich nehme an, das fällt unter die wunderliche Seite des Alters. Plötzlich bist du in einen Ort verliebt.