Morgens stemme ich mich gegen den Regenschirm und kämpfe gegen das Graupeln an. Der Gehweg ist glatt und zwingt mich langsamer zu gehen, als sich mein Körper wünscht bei diesen Temperaturen. Letzte Woche um diese Zeit lag ich in der Karibik am Strand. Ich hab Gastfreundschaft genossen und ins Innere eines Landes geblickt, das mir am Herzen liegt.
Mit jeder Stunde, die vergeht, merke ich, dass sich das Herz wieder verschließt. Alarmstufe gelb ist ausgerufen, das Schiff befindet sich möglicherweise in einer gefährlichen Situation.
Möglich ist auch, dass es nie wieder einer geringere Warnstufe gibt, wenn das Lebensalter die 60 schrammt.
Gesund in Rente gehen, sei ihr Ziel, sagte die Kollegin immer.
Zurück im Büro. Ausgerechnet am Frauen*streiktag. Schlechte Planung meinerseits.
Das Büro nimmt mich trotzdem freundlich auf. Der Stuhl dreht sich wie immer im Kreis. Der Computer leidet unter akutem Update-Entzug und rödelt und röschelt vor sich hin, als sei es um sein letztes Bit geschehen. Die Büropflanze gibt dazu passend eine traurige Gestalt ab.
Sieht so aus, als sei ich hier wieder rechtzeitig angekommen.
Der Koffer ist ausgeräumt und ich sortiere mein Leben neu. Es wird langsam zur Daueraufgabe. Aber vielleicht ist es einer der sinnvollen Lebensinhalte. Die Sortierung des Lebens.
Innen und außen. Beides gleich wichtig und bedeutsam. Beides in intensiver Wechselwirkung miteinander stehend.
Ich vergewissere mich, dass ich mein richtiges Leben führe, indem ich es täglich neu ordne. Mal mit mehr und mal mit weniger Leidenschaft.
So einen Zwischenzustand wie dieses Mal kenne ich sonst nicht von der Rückkehr einer Reise. Dieses Mal habe ich mich zwischen den Welten verhakt. Und zwischen den Zeiten. Der Koffer steht im Flur und ist nicht ausgepackt. Nicht mal aufgemacht.
Meine Seele braucht noch ein bisschen bis sie hinterher kommt. Sie reist langsamer als der Rest.
Wie so oft komme ich mit einem gespaltenen Herzen aus Kuba zurück. Ich sehe, was ich sehe, erlebe, was ich erlebe, höre, was ich höre und weiß doch, dass das nicht die Welt ist, die die Menschen in Kuba sehen, erleben und hören. Wie immer trage ich eine große Dankbarkeit mit mir und nehme Demut mit in meinen Alltag.
Niemand darf die Geschichte verlassen bevor sie zu Ende erzählt worden ist.
Das Ende der Reise verheddert sich in emotionalem Gestrüpp. Abschied und Ankunftsfreude geraten in einen Strudel. Noch während des Erlebens verwandelt sich die Realität in Erinnerungsanekdoten. Die einfachste Art, das unbegreifliche zu verarbeiten.
Als introvertierte Frau durch dieses extrovertierte Land reisen, kostet Kraft. An jeder Ecke gibt es was zu sehen, zu hören und zu staunen. Ein Gratiskurs in Sachen Lebensbewältigung.
Er wird mir nicht helfen, dieser Kurs, so war es die vorhergehenden Jahre auch. Etwas demütiger wird er mich machen. Etwas geschmeidiger.