Der Morgen haut eine weitere Kerbe in mein ohnehin angeschlagenes Gemüt. Die Last des Lebens wiegt schwer auf den Schultern.
Mir ist es ein Rätsel, warum so viele Menschen psychische Gewichtheberinnen sind. Dieses Gen fehlt mir eindeutig.
Leid verursacht Mitleiden in mir. Durch und durch. In jeder Zelle.
Der Mond drängt sein Licht in mein Zimmer und jedes Mal bei Vollmond frage ich mich, ob er von Monat zu Monat größer wird.
Der Mond meiner Erinnerungen ist kleiner, die Linsen sind jedes Mal größer. In meiner Erinnerung. Die ja trügerisch ist, wie wir alle wissen.
Ich rolle meine Yogamatte aus und lasse Adriene freundlich schwatzen. Von Anfang an ist sie mir immer eine Spur zu geschwätzig gewesen. Aber hilft ja nix: eine Alternative gibt es nicht. Ich bin zum Jahreswechsel durch die Twitter-Timeline in ihre 30-Tage-Challage geraten und hängen geblieben. Hab gehadert und gemurrt und trotzdem weitergemacht mit meinen steifen Knochen, denen ich so dankbar bin, dass sie mich jetzt fast sechs Jahrzehnten klaglos durch das Leben trage. So kurz vor Schluss des Arbeitslebens packt mich dann aber doch das Motto der lieben K.
Gesund in Rente gehen. Das möchte ich gern.
Vermassel das nicht, sage ich leise zu mir. Vermassel das bloss nicht auf der Zielgeraden.
Der Paketdienstleister ist völlig durch den Wind. Aber ich hab Glück gehabt und mein Paket fünf Häuser weiter bei meiner freundlichen Nachbarin gefunden. Es gäbe einen Lieferstau, war mir schon in der Ankündigung der Sendungsverfolgung mitgeteilt worden. Abends sehe ich den Paketmenschen beim Stapeln und frage mich, wann er wohl Feierabend macht.
Bei mir liegen die Pakete von anderen Nachbarn, nur die von der anderen Straßenecke habe ich doch glatt abgelehnt. Wenn ich ins Wochenende fahre, gebe ich den Paketstab an die Nachbarin ab.
Vielleicht sind wir insgeheim schon alle als kleine Sammelstellen der Lieferdienste eingetragen. Nächstes Jahr dann auch bereit als Annahmestelle für die Lieferungsdrohne.
Das Internet ist schon eine feine Sache für introvertierte Menschen. Ich kann unzählige Sprachen lernen, ohne mit einem einzigen Menschen reden zu müssen. (Kleiner ironischer Spaß am Rande.)
Duolingo spricht sogar Navajo. Allerdings nicht besonders viel.
Seit Jahren klicke ich mich durch die verschiedensten Sprachen, aber jetzt bei türkisch habe ich zum ersten Mal das Gefühl mich immer nur im Blindflug durch die Übung zu bewegen. Immer wieder treffe ich allerdings ein richtiges Wort, obwohl ich keine Ahnung habe, wieso. Macht nichts: meine Ansprüche sind nicht hoch. Will mich nur aus dem Tal der totalen Unwissenheit befreien.