Blühen heißt sich dem Leben hinzugeben. Es bedeutet aber auch, sich in Unsicherheit zu begeben. Mit voller Kraft und in Schönheit das Leben in die Welt zu tragen. So lange bis der Wind Samen und Blütenblätter weiter trägt. Der Sommer ist bald vorbei und hier ist selbst der Lebensherbst schon angebrochen.
Die Vergänglichkeit macht sich breit. Das Leben wird sehnsüchtiger dadurch, kostbarer und demütiger.
Ich kämpfe mich durch alte Strukturen, die tief in mir sitzen. Versuche sie aufzulockern, ab und zu einen Faden aufzutrennen, etwas altes Gewebe wegzurubbeln.
Rot wie das ungestüme Herz, das sich ganz dem Leben hingibt.
Im Bethmannpark löst sich die wilde Blumenpracht langsam auf. Die Farben leuchten immer noch intensiv, aber die Hitze und vorher der Regen, lassen die Beete zerfleddern und jetzt, jetzt hängt alles, die Blumen, die Blätter, die Stängel, die sich biegen, als wollten sie sich hinlegen, hinlegen und nie mehr aufstehen. Langsam setzt der Charme des Altweibersommers ein.
Dafür streift wieder ein Lüftchen durch die alten Bäume. Durch den Ginkobaum an der hinteren Mauer. Weil ich ständig in die Luft schaue, weil ich mitfliegen will, stolpere ich über das Gras und spüre schmerzlich, dass ich auf die Erde gehöre. Unverwurzelt und flügellos.
Dieser Sommer ist schon so festgezurrt wie eine dichte Erinnerung. Meine ganze Willenskraft steckt darin. Mein erster Rentensommer. Mein hart umkämpftes Trauerjahr.
Heiße Tage. Der erste Sommer seit über einem Jahrzehnt in dem ich mich gesundheitlich angemessen vor der Hitze schützen kann. Keine Verzweiflungsanfälle mehr, beim Anschauen der Wettervorhersage mit Temperaturen von über 35 Grad. Mit Grauen denke ich daran, wie ungeschützt Arbeiternehmerinnen manchmal an ihrem Arbeitsplatz sind. Einen Büroarbeitsplatz vor Hitze zu schützen ist nicht unmöglich. Genauso wie die Bewohnerinnen eines Pflegeheims, das in 2020 fertiggestellt wurde. Dort sollte es in den Zimmern und im Gemeinschaftsraum nicht über 30 Grad sein.
„Die Blume, die du in deiner Seele trägst, stirbt nie.“
Bin wiedereinmal durch den #Bethmannpark gestreift.
Bildbeschreibung: Mehrere kleine, weiße Blüten mit zarten Blütenblättern stehen in einem Strauß aus dünnen, grünen Stielen. Im Hintergrund schimmert weiches Sonnenlicht, das die Blüten leicht durchleuchtet.
Antje Schrupp hat ein neues Buch mit dem Titel „Unter allen Umständen frei“ geschrieben. Darin schildert sie die Lebensläufe der drei revolutionären Feministinnen Victoria Woodhull, Lucy Parsons und Emma Goldman und zeigt, wie sie im späten 19. Jahrhundert in den USA wirkten. Es war eine Zeit großer Umbrüche, ein „goldenes Zeitalter“, in das heute manche Menschen offenbar nostalgisch zurückblicken. Es war aber vorallem eine dunkle Zeit für die Mehrheit der Bevölkerung. Alle drei Frauen führten auf ihre Weise ein sehr selbstbestimmtes Leben und kämpften mit großem Einsatz für die Rechte der Frauen. Ihre Lebensgeschichten verlaufen nicht bürgerlich glatt, sondern sind schillernd, widersprüchlich und voller überraschender Wendungen.
Nebenbei erfährt die Leserin viel über die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen dieser Epoche – und stößt dabei auf etliche Tatsachen, die gängigen Vorstellungen widersprechen. Mich verblüfft beim Lesen immer wieder, wie viel sich von dem, was heute in den USA passiert, aus jener Zeit heraus erklären lässt. Es war eine Ära, in der es den Arbeiter*innen sehr schlecht ging und die Arbeitgeber über nahezu unangefochtene Macht- und Gewaltmonopole verfügten. Die Lebensrealitäten von Frauen sind aus meiner Sicht besonders geeignet, um ein lebendigeres und umfassenderes Bild von einer historischen Epoche zu bekommen als es die traditionelle Geschichtsschreibung oft vermittelt. Dass dies anhand von drei so außergewöhnlichen und radikal eigenständigen Frauen geschieht, macht das Buch umso faszinierender.
Ich habe es mit großer Begeisterung gelesen. Es regt zum Weiterdenken an. Nicht nur über Feminismus, sondern auch über Freiheit, politische Utopien und die Kraft des Widerstands.
Das Buch lädt ein, gängige Narrative zu hinterfragen, und macht Mut, gesellschaftlichen Wandel auch heute nicht für unmöglich zu halten. Es ist zugleich ein politisches, historisches und spannendes Buch.
Ich bin in die Natur gegangen – nicht um zu denken, sondern um zu blühen.
Die Obstbäume in den Kleingärten hängen voller Äpfel und Birnen. Die Zweige der Walnussbäumen werden von den Nüssen nach unten gedrückt. Das diesige, kühle Wetter verbreitet Herbststimmung. Diese wehmütige Stimmung, die darin erinnert das die Zeit unerbittlich fortschreitet. Die Illusion der mittleren Jahre, dass die Zeit eine scheinbar unerschöpfliche Ressource ist, ist längst enttarnt.
Ich schreite unter den Nussbäumen wie durch ein grünes Gewölbe, ich laufe die Berger Straße entlang und lande immer wieder im Bethmannpark. Bei den Blumen, bei den großen Gingkobäumen, im chinesischen Garten.
Ehe ich mich versehe, wird mein erster Rentensommer vorbei sein. Dieses Jahr ist so ganz anders gelaufen, als ich es mir jemals vorstellen konnte. Mit massiven gesundheitlichen Einbrüchen. Aber ich bin froh, um jeden Tag den ich jetzt arbeitsfrei verbringen kann. Ich bin dankbar und sehr bei mir selbst, wenn ich zum Blühen in den Park gehen kann. Ich bin erleichtert, dass das Bullshit-Bingo-Spiel ohne mich weiter geht.
Spaziergänge zwischen den Regenschauern. Alles gut, solange das Thermometer nicht über 30 Grad steigt. Dieser Sommer ist grün, das erfreut mein Gemüt. Die alten Nussbäume am Hang werfen ihre ersten Nüsse ab und die Krähen lassen sie auf den Asphalt knallen, weil sie sich nur so öffnen lassen.
Nachts träume ich komplizierte Traumfolgen und strenge mich an, möglichst bald zu entkommen. Das hat nichts mit mir zu tun, beruhige ich mich im Traum. Der Traum ist nicht auf dem neusten Stand. Das ist so ähnlich wie bei der KI, die ist so lange hinterher, bis sie plötzlich vorne dran ist. Lang dauert das nicht mehr. Ganz und gar nicht mehr.
Blumen für das Gemüt und die Seele gibt es im Bethmannpark. Dort blüht es in allen Farben. An manchen Plätzen sind die zarteren Blüten etwas zerfleddert. Die Unwetter der vergangenen Tage hinterlassen ihre Spuren.
Bin heute zum ersten Mal am Merianplatz vorbeigelaufen, nachdem die beiden vergifteten Platanen jetzt gefällt sind. Das hinterlässt ein seltsames Gefühl. Rechtlich wird das Vergiften der Bäume als Sachbeschädigung eingeordnet. Aber irgendwie fühlt sich das nicht richtig an.
Nun ja. Gefühltes Recht. Das ist ein schwieriges Gelände.
Stürme möglich. Mein Smartphone warnt schon ein paar Tage immer wieder. Stürme möglich. Manchmal ist Wind draußen. Manchmal liegen kleine Äste auf dem Boden. Manchmal werden Bäume vergiftet. Aber das ist wieder ein anderes Thema.
Stürme möglich. Draußen und drinnen. In meiner Seele. In meinem Gemüt. Mein Nervensystem schüttelt sich zurecht und verursacht gewaltige Stürme. Hartnäckig und beharrlich. Nicht im mindesten kompromissbereit.
Schreiben als Selbstvergewisserung. Ich bin noch hier. Ich drücke mich aus. Ich gebe laut. Es kam in den letzten Jahren immer wieder vor, dass es in der Sammelmappe ruhiger wurde. Manchmal weil mir die Worte fehlten, manchmal, weil ich lieber woanders schrieb oder las. Bisher bin ich aber immer davon ausgegangen, dass ich bis ans Ende meines Lebens hier bloggen würde. Da bin ich mir mittlerweile nicht mehr so sicher. Zwar schätze ich die Sammelmappe, als eine wertvolle Begleiterin durch nicht ganz einfache Zeiten und ein tolles Archiv intensiver Erinnerungen, aber davon gibt es mittlerweile viele im Internet-Land. Es gibt verlassene Baustellen und wildes Gelände. Nie hätte ich gedachte, dass mich Facebook und Instagram so lange begleiten. Der Abschied von Twitter tat weh und ich habe ihn auch nur passiv vollzogen. Ich poste dort nicht mehr, aber mein Konto habe ich nie gelöscht. Heute würde ich keine Wette darauf abschließen, wo ich mich im nächsten Jahr im Internet tummle. Ich weiß aber sicher, dass ich weiter für mich schreiben werden. Mit dem Stift auf Papier. Das ist mir am Nähesten. Da bin ich bei mir. Das wird das letzte sein, was ich im Leben aufgeben.
Über alles andere kann ich nur spekulieren. Mit den Jahren hat sich allerdings meine Neigung verstärkt, möglichst unauffällig und unter dem Radar zu bloggen. Mir ging es immer viel zu sehr an die Nieren, als dass ich hier oder anderswo Konflikte ausrollen oder ausdebatiieren wollte. Dazu nehme ich die Welt zu persönlich und gute Moderation war noch nie meine Stärke.
Hier in der Sammelmappe war daher oft auch ein ausgesprochener Rückzugsraum. Meine Blase, die ich dringend brauchte. Eigentlich hätte ich sie noch viel ausgeprägter gebraucht. Im Nachhinein ist eine da klüger. In Erinnerung an dieses konfortable Wohlfühl-Blasen-Gefühl werde ich die Sammelmappe wahrscheinlich länger betreiben, als es sinnvoll ist. Das ist jetzt schon klar. Aber irgendwann, wird die Wehmut auch ein Ende nehmen und dann ziehe ich weiter.