
Die Katalanen hinterlassen ihre gelben Schleifen überall. Riesengroß am Berg im Stil einer Inschrift, zu Hunderten an den Zäunen, an das Rever bzw. die Brust geheftet bei den Alten. Selbst aus dem Altenheim rollt ein Elektrorollstuhl mit der katalanischen Flagge und einem fidelen Schleifenträger.
Das Thema ist also noch lange nicht durch.
Es ist warm in Llanca und ich habe mir zusätzliche Hände bereitgelegt. Eisgefüllte Handschuhe, die mir als Kühlakkus dienen. Selbst bei 27 oder 28 Grad gelingt es mir nicht mehr mich ohne Hilfsmittel runterzukühlen. Jetzt verfüge ich über groteske kalte Zusatzhände.
Das Leben wird bizarr im Alter. Darauf hat mich nie jemand vorbereitet.
Jedes Mal wenn ich nach Llanca komme gibt es dort andere wollige Kunstwerke im öffentlichen Raum. Dieses Jahr ist es eine riesige gehäkelte Landkarte der Region. Hier auf dem Foto ist nur ein kleiner Ausschnitt zu sehen.

claudia September 17th,2018
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3 Comments
Zwei Tage Llanca und mein Körper und Geist sind umgestellt. Heruntergefahren auf einen Modus, der mir gut gefällt.
Leise, langsam, innig.
Den „Bungalow“ von Helene Hegemann las ich beeindruckt zu Ende. Irgendwie ist es das weibliche Gegenstück zu „Tschick“. Heftig, stark.
Es erzählt von Ängsten, Gewalt, alltäglicher Bedrohung. Einer Zukunft, die nichts Gutes bringt. Oder vielleicht doch?
Eine Gesellschaft, die auseinander rückt und doch in Sichtweite bleibt. Die Welt gerät aus den Fugen.
Ja, die Welt gerät aus den Fugen. Nicht nur in diesem Roman.

Der vertraute Blick in Llanca auf die Kirche. Am Freiheitbaum. Der ideale Platz zum Lesen.
Bungalow – von Helene Hegemann habe ich mir zum Einstieg ausgesucht. Ich ahne, worauf sie hinaus will.
Das aber hängt mit meiner Lebenserfahrung zusammen.
Ja, es ist gut das Millieu zu beschreiben. Sehr gut sogar. Weniger gut ist das das Millieu immer eine Rahmenhandlung bedarf. Es genügt nicht, dass die Armen arm sind und die Reichen reich. Das ist ungenügend. Immer bedarf es einer besonderen Begründung.
Als hätte es jemals eine Begründung dafür gebraucht arm zu sein.
Ankommen und da sein.
Bewusstsein.
Es fühlt sich an, als ginge ein Schalter an und alles ist präsent. Alles ist gleich wichtig, gleich bedeutend.
Die Zeronomie des Alltäglichen mit der Einschränkung, das das Alltägliche das Gegenteil von Urlaub ist.
So vertraut. So nah.
Ankommen in Llanca.
Zum letzten Mal.
Enttäuschungsstatus:
Ich habe Feierabend und bin zu erschöpft um meinen Schreibtisch zu verlassen.
Mir geht alles nah und viel zu viel geht in mich und durch mich hindurch. Ich bin als Emotionensaugerin zur Welt gekommen. Alle Emotionensauge ich weg, aber nun habe ich vergessen, wie der Beutel gwechselt wird. Bis oben hin bin ich voll mit Emotionsdreck und -staub und wie immer kümmert sich niemand um die Entsorgung.
Diese Fähigkeit hat mir nie jemand beigebracht.
Vielleicht wollte ich sie aber auch nie lernen.
„Das Leben wird langweiliger, damit man nicht enttäuscht ist, wenn man stirbt.“
Ella in „Please like me“

Der Blick ins Feuer ruft die Vergangenheit wach. Die nahe und die ferne. Das Knistern im Holz sorgt für ein ausgeprägtes Geborgenheitsgefühl. Die Funken fliegen bis zu den Sternen und verwandeln sich in Träume und gute Wünsche. Gutes Karma wird in die Welt hineingeschickt in dieser Nacht.
Gutes Karma und ein wenig Segen.
In den Gärten wachsen hier überall Sonnenblumen. Bis in den Himmel. Oder kurz davor.
„Die Vögel verteilten ihre Samen im Winter.“
„Vogelfutter?“
Sie nickt und verteilt die abgebrochenen Blüten auf die Vase.
Sonnenblumen überall.
Heute habe ich viel gelernt über die Ethik des Sammelns.
Und heute Morgen habe ich gelernt wie wichtig meine Präsenz ist.
Am Mittag wurde mir klar, dass man nicht genug Feedback geben kann.
Und am Nachmittag habe ich mich kräftig über eine doof Ziege geärgert.
Alles in allem ein erfüllter Tag.
