Journal04092018

2500 Schritte bis zur U-Bahn-Station.

Früh am Morgen lege ich immer meine Schrittgrundlage für den Tag. Damit es mir leichter fällt, das Ziel von 10.000 Schritten nicht zu verpassen.

Am Bahnhof angekommen lacht mir die Anzeigetafel höhnisch zu: Zug fällt aus.

Am liebsten würde ich die Dienstreise einfach sausen lassen. Die nächste Verbindung ist abenteuerlich und zeigt auch schon zehn Minuten Verspätung an.

Den Schrittezähler im Auge laufe ich das Gleis hin und her. Eine Zigarette erschnorrt sich der Obdachlose am Ende des Bahnsteigs von mir. Zwei Euro die Frau, die mich nach Kleingeld fragt.

Als endlich der heiß ersehnte Zug einrollt, stürzen sich Menschenmassen hinein. Das Glück hält mir einen guten Strickplatz bereit.

Herbstlich

Der Wind schüttelt die Bäume ordentlich durch und wirbelt die Blätter durcheinander. Es wird Herbst. Lang ersehnt in schwülen Tagen.
Mein Leben tackert sich fest.
Zielstrebig peilt es die 60 an. Das Seniorinnen-Alter.

Langsam zählen die Erinnerung mehr als die Zukunftsvisionen.
Jede Erinnerung ein kleiner Herzensschatz.

Im Herbst werden wir ein Kartoffelfeuer anzünden. Zu Ehren der Vergangenheit, als Zeichen für die kommenden Jahre.

Lass es Freundschaft sein.

Das Licht im Alltagstunnel.

Gekauft. Gesammelt. Geraubt?

Stuhl mit handgeschriebener Losnummer auf der Unterseite, vermutlich auktioniert zwischen 1933 und 1945, Flohmarktfund von Angela Jannelli

Nächste Woche bin ich zum ersten Mal bei einen Social Media Event Frankfurter Museen dabei. Vier Museen machen bei den schwierigen Thema Raubkunst mit.
Noch habe ich keine Ahnung, was mich dort erwartet. Bzw. was da eigentlich von mir erwartet wird.

Meine Anmeldung ist sehr spontan gelaufen, denn wenn ich länger als drei Sekunden darüber nachgedacht hätte, wäre sie sicher nicht zustande gekommen. Zu stark bin ich im Moment mit meiner Arbeit beschäftigt und die kostbare Freizeit verbringe ich dann lieber im introvertiert-kompatiblen Igelmodus.

Auch in mir haben sich die Chemnizer Bilder festgebissen und mir tiefe Wunden zugefügt. Die Angst sitzt tief, dass sich alles wiederholen könnte. Dieses Unrecht auf allen Ebenen.
Ich will das nicht.

Schauen

Ich kann wegschauen, hinschauen oder etwas einfach ignorieren.

Heute mehr als gestern und morgen:
Wer denkt schon an morgen.

Die Welt färbt sich kackbraun ein.
Lautstark und unerbittlich.

Den Warnschuss haben zu viele nicht gehört.

Die anderen. Nun ja. Die wissen längst, wohin sie wollen.

Der Meister im Jammern auf hohem Niveau

„Stille Erbitterung, daß wieder die Woche bei nackten Fenstern ohne Vorhänge vergangen.“
7. März 1942

Thomas Mann in seinem Tagebuch

Journal28082018

Ich bin so müde.
So rundherum müde.

Vielleicht verwandle ich mich gleich in einen Schicksalshauch.

Der Spiegel

Kalenderspruch

Wer wüsste ohne den Spiegel von sich selbst?

Sonntagsblues

Natürlich bin ich müde.
Müde ist mein zweiter Vorname.
Ich ziehe mich zurück. Erschöpft. Ausgelaugt.
Bedürfnislos, mit Ausnahme des Bedürfnisses in einen tiefen Schlaf zu sinken.
Versinken in der Nacht. Im Tag.
In diesem Sonntag.

Ach was: wenigstens meine Träume habe ich wieder!
Optimismus kann ich auch.
Vor allem an Sonntagen.
Wenn sie noch nicht so weit fortgeschritten sind.

Zum Glück bleibt mir immer noch die Liebe, sagt die Stimme im Traum.
Zum Glück bleibt immer die Liebe, schreibe ich nach dem Aufwachen in mein Heft.

Mit Genugtuung und Genüsslichkeit geniese ich die einfachen Wahrheiten. Verscheuche die Wespen. Ziehe das Gestrickte wieder auf.

Zum Glück bleibt mir die Liebe.

Populismus

Alles eine Frage der geschickten Spaltung.
Oder einer überheblichen Herabsetzung von Lebensrealitäten?

Es tut weh, was da gerade passiert.
Die Selbstgerechtigkeit hat Hochkonjunktur. Die Intellektuellen wissen was richtig ist, aber leider, leider ziehen da nicht alle mit.

“In vielen Varianten kombiniert der Liberalismus der Elite soziale Toleranz mit politischer Intoleranz: Verständnis für alles, was gesellschaftlich anders ist, keinerlei Verständnis für das, was politisch anders ist.“

(Philip Manow im Merkur)

Egal aus welcher Richtung du schaust, du siehst eine Grenze. Wobei die Grenze nicht eingrenzt, sondern immer ausgrenzt.

Physisch, psychisch, symbolisch und was weiß ich noch.

Das Ende meiner mehrwöchigen Beziehung

Das Ende meiner mehrwöchigen Beziehung mit den Kühlakku traf vor einer halben Stunden ein. Exakt vorhergesagt von den Wetterexperten, die mich in den letzten Wochen zur Verzweiflung trieben mit ihren immer wieder revidierten Hoffnungen auf Abkühlung.
Es war eine harte Zeit in unserem verseuchten, lärm- und gestankgeplagten Behördenflur.

Jetzt ist der Regen da und mit ihm die vorübergehende Erleichterung.
Vorübergehend deshalb, weil der Behördenflur noch ein dunkles Geheimnis hütet, das in wenigen Wochen vielleicht ähnlich anstrengend wird, wie die vergangene Sommerzeit.

Da reden alle über Digitalisierung, dabei kann der öffentliche Dienst in Deutschland seinen Beschäftigten nicht mal Büro-Arbeitsplätze anbieten, die gesundheitlich unbedenklich sind.
Flächendeckend nicht.

Aber ich mag jetzt nicht daran denken, was in fünf oder sechs Wochen ist.
Ich freue nicht über den kurzen Regen, über das Leben und die Liebe.