Das Schöne an den Seminartagen ist für mich als Frühaufsteherin, dass Zeit für ein Morgenspaziergang bleibt. Viel Zeit, um raschelnd durch das Laub zu laufen. Zeit um den Vögeln zuzuhören von denen ich nicht einen einzigen bestimmen könnte, Zeit um durch Zäune zu blicken und dabei meine Gedanken in die Vergangenheit schweifen zu lassen.
Dann geht wieder alles schnell. Theorie wird in meinen Kopf gestampft. Die Zeit rennt davon und ich dem Bus hinterher. Der Zug muss auf seine zweite Hälfte verzichten, während das Bahnpersonal souverän, die Lage entschärft.
Es ist längst dunkel als ich in meine Wohnung zurückkehre und sie wieder in Besitz nehme. Jetzt verfliegt die Zeit und ich würde sie mir am Liebsten ganz festhalten. Sie an mich reisen. Es ist meine Zeit.
Sie gehört mir.
Noch nie war ich im Frühling oder im Sommer am Wannsee. Noch nie sah ich den Garten der Liebermann-Villa blühen.
Immer wieder enttäuschend: der See ist eingekreist und eingekesselt von Privateigentum. Hier und da mal ein kleinster Blick, ich laufe am Morgen zur Villa und stehle mir die Sicht auf den See.
Das Seminar ist anstrengend, intensiv und eröffnet neue Arbeitsfelder. So viel zu tun, so furchtbar viel zu tun.
Ich lese Sarah Kirch „Krähengeschwätz“ und höre die Sudelbücher, Sissinghurst und nie Musik.
Mit dem kleinen Webrahmen zaubere ich mir kleine Quadrate. Sie sollen meine Welt verschönern. Mein Zimmer, das für mich allein.
Bei mir werden Entscheidungen hin und her gewälzt. Kräftig. In alle Richtungen werden sie gedreht und abgewogen.
Aber ganz plötzlich ist die Entscheidungszeit vorbei, mit einem Mal – wie aus dem Nichts – ist die Entscheidung da. Empor gekrochen aus der Dunkelheit.
Den Höhepunkt des Jahres hinter mich gebracht. Mit Fassung und unter Spannung.
Es ist vollbracht.
Ein weiterer Einschnitt. Ein wichtiger Kalendereintrag.
Jetzt ist endlich Zeit, die kleinen, aufgeschobenen Entscheidungen abzuwägen.
Eine ganze Liste liegt an. Aufgeschoben bis nach dem Tag der Tage.
Aufgeschoben, noch nicht aufgehoben.
Was wird sein? Was soll sein?
So schnell, zu schnell.
Das Leben nimmt Fahrt auf, aber der Fahrtwind bekommt mir nicht.
Nachts um zwei wache ich auf und greife nach dem Handy. Ich muss mir ein Hotel suchen. Unbedingt brauche ich ein Hotelzimmer, um mit meinen Sorgen dort einzuchecken.
Vielleicht ist es nur einer dieser Nachtgedanken geht es mir durch den Kopf. Aber ich weiß trotz Müdigkeit sehr genau, dass das nicht stimmt. Es ist die Nacht, die feinfühlig macht. Hypersensibel.
In der Ferne stimmt etwas nicht und am Liebsten würde ich die Atmosphäre einfangen.
Zähmen und verschließen.
Mich und andere gesund träumen.
Der Herbst strahlt golden wie im Märchenbuch. Sechsundzwanzig Grad zeigte gestern die Anzeige der Apotheke in der Bergerstraße an. Ein Traum.
Ich rücke die Möbel in meiner Wohnung zurecht. Bald werden die Fenster ausgetauscht und da heißt es Platz zu schaffen. Bewegungsraum für die Handwerker.
So viele Sachen, denke ich bei mir. Ich besitze immer noch so viele Sachen. Obwohl ich kaum jemand kenne, die weniger Dinge besitzt als ich.
Fünf Jahre in dieser Wohnung haben aber dann doch wieder dazu geführt, dass andere Sachen dazu gekommen sind. Es sind die Gefühle, die sich unversehens in Materie verwandeln.
Mein Zoom-Loom Webrahmen ist jetzt auch gekommen. In Rekordzeit.
Das beste Stück für die Herbst- und Wintertage.
Mir geht die ganze Zeit, dieser kleine Zoom Loom Webrahmen nicht aus dem Kopf. Mit ihm kann man kleine Quadrate weben, aus denen man schöne Sachen machen kann.
Das Teil ist sehr einfach, kostet allerdings mehr als 50 Euro in der Plastik-Ausführung.
Aus Holz gibt es sie nur mit Lieferung aus Amerika, also ungefähr vier Wochen Lieferzeit und ebenfalls sehr teuer.
Obwohl das Prinzip so einfach ist, traue ich mir nicht zu, mir selbst einen Zoom Loom zu bauen.
Am Schönsten wäre es, ich könnte das Teil einfach mal irgendwo probieren und auf Tauglichkeit dabei achten.
Aber auch gebraucht ist so ein Rahmen nicht aufzutreiben.