Ins Herz geschaut

Mich rührt dieser Blick.
Für einen Moment hab ich dir
Ins Herz geschaut.

Mit steigendem Lebensalter weiß ich diese Momente immer mehr zu schätzen. Kann sie öfters deuten, bin viel aufmerksamer, wenn der Zeitpunkt sich ergibt. Manchmal ist es der Blick, das Zögern mitten im Satz, die Bewegung der Hände, die Körperhaltung.

Traurig daran ist nur, dass der Blick in die Herzen von manchen Menschen, direkt zur Mördergrube führt. Mittenhinein ins Fegefeuer.

Wahre Worte

Moralische Insolvenz.

Wie treffend ausgedrückt.
Sie ist abgesoffen, die Moral.

Im kackbraunen Sumpf erstickt.

Mitgemeint oder angesprochen

Dieses Ansprechen ist ein Punkt, den ich mir merken möchte. Immer wenn die Diskussion auf den Punkt kommt, dass dieses Mitgemeint ausreichend sei. Willst Du mich „mitmeinen“ oder mich ansprechen? Will eine Firma ihre Kundin mitmeinen oder ansprechen?
Bin ich dir wichtig genug, dass Du mich ansprichst?
Empörst Du Dich über meine Sichtbarkeit? Oder geht sie dir sonst wo vorbei?

Es gibt ganz viele Bereiche, in denen es sich lohnt, diese Frage zustellen.
Aber vor allem sollte ich mir die Frage auch selbst stellen. Will ich immer im Dunkeln tappen, ob ich mitgemeint bin oder möchte ich angesprochen werden? Wahrgenommen werden?

Es stimmt schon, ich kann auch mit unhöflichen Menschen und Institutionen klar kommen. Mache ich oft, wenn ich das Gefühl habe, dass die Wertschätzung dann auf einem anderen Level stattfindet. Ich nehme das in Kauf.
Aber ich muss es nicht! Das ist der Punkt. An vielen Stellen muss ich das nicht hinnehmen. Kann mich einfach selbst fragen, was ich möchte:

Mitgemeint sein oder angesprochen.

Ansteckungsgefahr

Satz des Tages: Verzweiflung ist ansteckend, aber Hoffnung zum Glück auch.

Vielleicht weinen

Vielleicht weinen
Das Leben schmerzt

Immer wieder hoffen
Das Licht am Horizont herbei phantasieren

Zum Glück
Die Hände ringen

Am Ende den Sternen vertrauen

Reputation

Wenn Teilen und Schenken ein besseres Image hätte als “andere Menschen übers Ohr hauen“ dann wäre schon viel gewonnen in dieser Gesellschaft.
Aber was erwarte ich denn? Es sind schon so viele Züge abgefahren und all diese Zügen waren mit vertanen Chancen beladen. Wir driften ab und gleiten aus.

Für mich bleibt dieses Kratzen auf der Seele. Abgerieben und aufgerauht.

Die Zeit heilt längst nicht mehr alle Wunden. Sie fügt neue hinzu.
Aber das ist ein Geheimnis, das niemand mit dir teilt.

Strategisches Bahnfahren


Hach, heute konnte ich unter Zuhilfenahme meiner gesamten Bahnfahr-Kompetenzen aus zwei Verspätungen der Bahn eine pünktliche Ankunft kreieren. Aber nur, weil ich geistesgegenwertig und risikofreudig, meinen gerade verlassenen Zug wieder geentert habe.

Das war schön.

Das Studio

Das Fernsehstudio hat es ganz schön in sich. Bzw. auch nicht. Es ist heiß und stickig. Eine Zuschauerin klappt zusammen und nur weil der Autor Jakob Nolte nachdrücklich insistiert, wird kurz die Sendung unterbrochen.
Mir ist bei der Diskussion zur letzten Lesung schwindlig. Ich versuche mich an meinem Platz auf dem weißen Sofa festzuhalten. Überlege, ob ich rausgehen soll. Traue mich nicht. Bin mir nicht mal mehr sicher, wie eine das macht:
aufstehen, rausgehen, die Treppe hinunterlaufen.

Ich pausiere jetzt und verschiebe das Bloggen der Lesungen. Lieber erst entspannen und zurück legen.

Nur eins kann ich jetzt schon sagen: So viele gute Texte, das ist etwas ganz besonderes. Das habe ich noch nie erlebt.
Morgen kommen von den vierzehn Autorinnen und Autoren sieben auf die Shortlist. Fünf können dann einen Preis gewinnen.
Nur fünf – kann man in diesem Jahr dazu sagen.

Die Lesungen zum Bachmannpreis – 2. Tag

Das war ein starker zweiter Tag, wenn er auch leider mit einem peinlichen ersten Text begann, über den ich mich hier diskret ausschweige.
Ally Klein brachte dann Schwung in die Veranstaltung mit einem Text, voller Atmen und Leben. Beklemmend, mit einem magischen Sog. Ich saß hinter ihr und konnte sehen, wie ihre Beine sich beim Lesen bewegten, als sei sie auf der Flucht. Ein Weltschöpfungstext, hieß es. Eine Selbstbegegnung mit Schrecken.

Die Geschichte von Tanja Maljartschuk hörte ich beim Gehen draußen im Sendegarten. Zum ersten Mal ist dort der Ton so gut, dass das er überall wirklich hörbar ist. Das war ein fast meditaives Erlebnis. Ihre Geschichte kam gut an. Endlich eine Geschichte! War der Tenor im Saal und im Internet. Eine gute Geschichte, rund und abgeschlossen.

Die beste Geschichte lieferte dann am Nachmittag Bov Bjerg mit “Serpentinen“. Die Jury war sich da ziemlich einig. Nur ihre Begründungen unterschieden sich von einander. Für mich ist die Lesart der Geschichte noch melancholischer, als die Juroren es ansprachen. Aus meiner Sicht handelt es sich um einen Vater der ständig mit seiner Depression ringt, der seine ganze Kraft aufwenden muss, um gegen den Drang zum Suizid anzukämpfen.

Zum Schluss trug dann Anselm Neft seine Geschichte “Mach’s wie Miltos!“ sehr stimmgewaltig vor. Klaus Kastberger meinte dass diese laute Geschichte in einem anderen Rahmen besser zur Geltung käme, und Hubert Winkels mag es nicht, wenn er zur Empathie erpresst wird. Nora Gominger erwähnt die durch Trauer zerstörte Biografie, die einen Menschen erfrieren lässt. Keiner erwähnt den Alkohol, der seine eigene Realitäten schafft. Auch Erscheinungen hervorruft, die sonst eher im Innern einer Persönlichkeit verborgen bleiben.

Ich bin jetzt voller Geschichten und Emotionen. Randvoll und brauche eine Pause.

Die Lesungen zum Bachmannpreis – 1. Tag

Puh, jetzt bin ich ganz erschöpft von den Lesungen. Nach dem Programm bin ich noch schnell zum Supermarkt, um mir etwas zum Essen zu holen. Heute Abend gibt es ja wieder den Empfang am See bei der Bürgermeisterin.

Jetzt bleibt mir noch eine kurze Pause zum erholen. Bin mir nicht ganz sicher, ob ich wirklich alle Lesungen hier durchgehen soll. Ich fasse vielleicht einfach zusammen.

Erstens: Bei jeder Änderung der Juryzusammensetzung merke ich, dass ich mich erst an die neue Dynamik gewöhnen muss, die zwischen den Juroren besteht. In diesem Jahr habe ich noch keine Favoritin bei ihnen. Immer wenn ich denke, oh, cool, tolle Analyse, gutes Argument, kommt kurz darauf ein Statement mit dem ich ganz und gar nicht einverstanden bin. Ihr wisst schon: einige Menschen sind gerne Fussball-Bundestrainer und mir kann es kein Juror recht machen.
In der Vergangenheit war das etwas anders, aber vielleicht kommt das ja noch an Tag zwei oder drei.

Zweitens: Der Lesetag starte gut, obwohl ich ihn – trotz disziplinierten Schlangestehen – zuerst zwei Stunden stehend verbringen musste. Die ersten vier Lesungen gefielen mir gut. Jede auf andere Art, die fünfte Lesung fand ich etwas daneben und ärgerte mich natürlich über Teile der Jury, die das unbedingt anders sehen wollten. (Siehe Erstens)

Drittens: Raphaela Edelbauer – “Das Loch“ gefiel mir gut. Die Unheilsgeschichte mit der Figur des Auffüllungstechnikers ohne Innenleben. Nora Gomringer meinte dazu, dass in einem gewissen Sinn alle Männer Auffüllungstechniker seien. Die Jury war sich uneins über die Statik, ich denke, die Autorin kann noch besser werden. Die Geschichte ist solide. Sieht mir aber nicht nach einem Hauptpreis aus.

Viertens: Martina Clavadetscher – Schnittmuster hat mir sehr zugesagt. Ich habe ja bekanntermaßen eine Vorliebe für poetische Texte und wenn darin noch gesponnen und mit Text gearbeitet wird, dann mag ich das sehr. Was ich an dieser Geschichte auch mochte, war die Frauenperspektive. Eine Geschichte, die sich mit dem Weitergeben – dem erfolglosen in diesem Fall – weitergeben von Erfahrungen von einer Frauengeneration an die nächste beschäftigt. Die thematisiert, dass Frauen lange nicht gelernt haben über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen.

“So steht es geschrieben, in der Natur,
In der Bibel und im Gesetzbuch – und zwar:
Schwarz.
Auf.
Weiß,
hat jede der anderen Frauen gesagt,
und mit dem Finger so, als läse sie es nach.“

Vielleicht sollte ich über diesen Text später in Ruhe noch etwas mehr schreiben. Der scheint wichtig zu sein.

Fünftens: Der Text von Stephan Lohse – Lumumbaland hat wohl auf Twitter für Rumoren geführt. Die Perspektive des Weißen, der sich in ein schwarzen Menschen reinempfindet ist sicher heikel. Ich hab den Text in dieser Hinsicht nicht so kritisch gehört, mir ist nach den zwei vorausgegangenen Texten der Frau allerdings aufgefallen, dass diese typisch männlich Konstellation viel leichter zugänglich ist. Und zwar sowohl den Männern als auch den Frauen.

Sechstens: Anna Stern – Warten auf Ava
Hmm, Anna Stern hat mir gut als lesende Person gefallen, aber zu ihrem Text habe ich noch keine klare Meinung. Werde ihn noch mal in Ruhe lesen.

Siebtens: Joshua Groß – Flexen in Miami
Da ich keine Literaturkritikerin bin, muss ich auch keinen Verriss schreiben, wenn mir das zuwider ist. Ich kann mich zurück ziehen und einfach sagen: der Rest war Schweigen. Zur Diskussion der Jury siehe Erstens.

Ich ziehe mich jetzt zurück, sonst artet das alles in Arbeit aus.

Nachtrag

Achtens: Die Links der anderen Bloggerinnen zu den TDDL will ich noch nachtragen.

Sturmpost
Engl
Kaltmamsell
Andrea Diener
Miriam Vollmer im Podcast beim Literaturcafe