Klagenfurt ist ein Ort

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er damit recht hat. Jedrnfalls wäre es schön, wenn Klagenfurt genau so ein Ort wäre.

Gestern war ich sehr müde und wie erschlagen nach der Intensität der Klagenfurter Rede. Bin dann im Regen nach Hause gelaufen und versuchte mich dort noch einigermaßen zu sortieren.

Überhaupt: Hier in Klagenfurt bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur hat man ständig etwas zu tun. Der Zeitplan ist vorgegeben und dann muss ich dies noch aufschreiben und das noch raussuchen und rechtzeitig hier sein und später dort.
Bis zu einem gewissen Grad finde ich das ganz witzig und angenehm, diese selbst gesteckten Ziele zu erfüllen.

Nur gestern war ich einfach so unglaublich müde.

Jetzt schreibe ich mir die Lesereihenfolge raus und kuck mir die Autorinnen an, die heute lesen. Dann gehts zum Frühstück, danach Proviant besorgen, dann hoffentlich rechtzeitig zur Warteschlange für Studio.

Meine Jugend verblasst

Meine Jugend verblasst. Nicht nur in der Erinnerung. Auch die Fotos verblassen.
Ich ahnte nicht, dass die Fotos so vergänglich sind.
Die der Großeltern und Eltern sind noch scharf. Voller Kontrast in ihrem Schwarz-Weiß-Outfit.
Nur meine Jugend verblasst. Sie überzieht sich mit einem hellbraunen Ton. Passend zur Zeitgeschichte, könnte eine meinen.

Mir gefällt das gar nicht, denn parallel zum Verblassen der Fotos verblassen meine Erinnerungen. Es gibt kaum noch ein Name der SchulKameradinnen oder der Menschen aus der Ausbildung, der mir geläufig wäre. Die intensivste Zeit meines Lebens versinkt im Einheitsbraun.

Ich sehe die vielen Stapel mit Fotos durch, auf die ich einmal sehr stolz gewesen bin. Viel Geld kosteten diese Abzüge in einer Zeit, da ich kein Geld besaß. Die Fotos sind enttäuschend. Nicht nur, weil sie verblassen oder sich in ein unerträgliches Braun hüllen. Auch und vor allem, weil so viele von ihnen so belanglos sind. Wieder und wieder krame ich die Schachteln durch. Das kann es doch nicht gewesen sein? Ich bin ganz sicher, dass es noch andere Fotos geben muss.
Schönere, bessere, tiefgründigere.

Irgendwo müssen sie sein.
In meinem Herzen sind sie nicht. Da sind andere Erinnerungen.
Die verblassen gerade.

Woher die Hoffnung kommt

Die Hoffnung, heißt es, stirbt zuletzt.
Als sei es immer sicher, dass sie da ist.

Was doch schon die größte Täuschung ist. Die Hoffnung lebt nicht immer mit im Haus. Nicht immer mit im Dorf und auch nicht immer am anderen Ende der Welt.
Es ist unklar, wann genau sie verloren geht und kaum jemand weiß, wie man sie am sichersten vermehrt.
Ab und zu tauchen Ableger auf, die sind mit Vorsicht zu genießen. Die wurden in großen Kulturen hochgezüchtet und verenden sehr bald. Dabei hinterlassen sie eine schmerzende Leere.

Überhitzungsmodus

Seele und Körper laufen schon lange im Überhitzungsmodus.
Die Vorbereitungen für Klagenfurt sind in vollem Gange. Wie immer kommt zur Vorfreude das leichte Unbehagen wegen der langen Zugreise. Wie immer alles eng in den Alltag reingeschnitten. Alles muss gut gehen, alles klappen.

Die Aussicht auf die intensiven Lesetage wird von meiner inneren Unruhe getrübt. Da ist das Kleid, das zu lang ist und jetzt auf die Schnelle nicht gekürzt werden kann. Da ist die ewige Angst etwas zu vergessen, etwas verpasst zu haben. Da ist das Gefühl, dass ich alles hätte anders planen sollen.

Unsinn. Selbstverständlich ist das alles Unsinn. Aber die Unruhe ist real. Sie ist da. Begründet oder nicht, sie lässt sich mit logischen Argumenten nicht verscheuchen. Sie macht sich breit und breiter.

Ich kenne sie aus anderen Zusammenhängen und weiß, dass ich sie nicht verscheuchen und vergrämen kann. Mir bleibt nur sie mit auf die Reise zu nehmen. Irgendwann auf der Reise sieht sie ein, dass sie mich nicht abhalten kann. Dann wird ihr langweilig und sie verlässt mich.
Das ist der Zeitpunkt, zu dem ich mich zurücklehnen kann und dem Rattern des Zuges lauschen.

Dann geht die Freude richtig los.

Schaut Nanette!

Drüben auf beziehungsweise weiterdenken hab ich aufgeschrieben, warum ich euch Hannah Gadbsy mit ihrer Show Nanette auf Netflix ans Herz lege.
Im wahrsten Sinn: ans Herz.

Kein Herz

Meine Timeline hat kein Herz für Fussball-Fähnchen.

Genau darin besteht unser Problem in dieser Gesellschaft: Sie verstehen nicht, welche Lücke der Fussball füllt.
Von oben urteilt es sich immer so schön, sicher und unverzargt.

Wir haben ein Klassenproblem. Das ist ganz klar. Die einen sind im Recht und die anderen werden untergebuttert.

Da das untergebuttert zu sehr nach Opfer klingt sucht es sich andere Wege.
Es ist wie beim Wasser: es füllt alle Ritzen, findet die geheimen Spalten und seine perfideste Eigenschaft ist, dass sich einige Stoffe ganz unbedarfst damit aufsaugen. Das Wasser verschwindet im Reis und das Machtverhältnis der Klassen im Faschismus.

Von oben urteilt es sich immer so schön, sicher und unverzargt.

Hausaufgaben

Die Lesungen zum Bachmannpreis rücken näher. Es gäbe so viel Möglichkeiten für mich, mich schon im Vorfeld vorzubereiten. Die Autorenvideos ansehen, die Interviews nachlesen und ansehen, die Literatur der lesenden Autorinnen und Autoren, die ich beschaffen konnte, lesen. Tausend Möglichkeiten. Aber ich schaffe es nicht. Ich schaffe es einfach nicht.

Schade, schade. Ich mag es gut vorbereitet zu sein, aber damit ist auch ein hoher Preis verbunden. Viel Zeit. Ich werde geizig mit meiner Lebenszeit. Sie verrinnt eh viel zu schnell. Ich mag mich nicht mehr hetzen lassen und lasse es doch immer noch zu. Viel zu häufig. Viel zu übergriffig.

Ach, ich freu mich jetzt einfach. Hausaufgaben können meinetwegen die anderen machen.

Alles schmeckt nach Abschied

Die Onleihe schenkt mir den Genuss der Tagebücher von Brigitte Reimann als Hörbuch. Gesprochen wirken sie noch intensiver als beim Lesen.
Diese Frau, die immer liebt. Die nur im Lieben auch leben kann. Diese Frau, die immer leidet. Ein lebendes Klischee voller Würde und mit der tiefen Sehnsucht nach Respekt.

Aus heutiger Sicht ist das Tagebuch eine unendliche Geschichte des Sexismus im Literaturbetrieb der 60er Jahre. Eine Aneinanderreihung von Belästigungen und Übergriffen für die sich Brigitte Reimann immer wieder selbst die Schuld gibt.

Und dann noch: Nanette.
Der großartige Auftritt der Hannah Gadsby gestreamt auf Netflix.

Hannah macht One-Woman-Comedy. Steht da auf der Bühne und erzählt, warum sie keine Comedy mehr machen möchte. Bringt die Zuschauerinnen zum Lachen und zum Weinen. Zum Zittern und Erzittern. Haut richtig rein in unser NormaloLeben. Macht so richtig deutlich, wie es ist, nicht dazu zu gehören.

Schaut es euch an!
Schaut es einfach an.

Dann wisst ihr welche Stunde schlägt.

Später Feierabend

Ich kann mir nicht erklären, wie ich zu dieser Hotelsuit gekommen bin. Im 8. Stock mit einer Fensterbreite von mehr als 5 m. Ungewohnter Luxus.

Gegenüber die Großbank mit ihrem Bürohochhaus. Um Mitternacht ist noch Licht in einigen Büros. Der Kapitalismus schläft nicht, denke ich bei mir. Schon gar nicht an Freitagabenden.

Ich sehe einen Mann ans Fenster treten, der sich über sein Smartphone beugt. Ob er wohl Zuhause Bescheid gibt, dass er später kommt?

Mein Vorurteil wird gleich darauf zurechtgerückt: der Mann greift nach einem Gegenstand und jetzt ist zu sehen, dass er das Büro sauber macht.

Der Kapitalismus schläft nicht, aber anders als gedacht.

Und wenn wir zu spät sind?

Ich sitze in Konferenz des Frauenrats und höre den Akademikerinnen zu, die endlich die Digitalisierung als gesellschaftliches Thema entdeckt haben.
Zum Schluss sitzen auf dem Diskussionspodium drei Politiker (ohne mitgemeinte Frauen) und zwei Verbandsfrauen und bedauern ratlos die Situation der Gleichstellung in der Digitalisierung.

Mir geht angesichts des aktuellen Sachstands in dieser Sache immer die eine Frage durch den Kopf: Was ist, wenn wir zu spät sind?
Europa rückt nach rechts, die USA rücken rechts in den Verschwörungsraum. Dort ist kein Platz für Geschlechtergerechtigkeit, für Frauenförderung, für Maßnahmen, die Geld kosten und erst in Jahren oder Jahrzehnten greifen.

Was ist, wenn wir es schlicht und einfach vermasselt haben, weil wir zu langsam sind?