Prioritäten
in der Kindheit
mich vor allem klein
gefühlt
groß werden war
ein Ziel
das Innigste
in der Kindheit
mich vor allem klein
gefühlt
groß werden war
ein Ziel
das Innigste
5:30 in der Frühe
Schon von weitem sehe ich sie huschen. “Das ist bestimmt keine Maus,“ sage ich mir aufmunternd. In hundert Fällen ist es nur einmal eine Maus, sonst eher ein Blatt oder etwas, das der Wind vor sich herträgt. Aber sie huscht wieder zurück, dann wieder hin.
Ich gehe immer langsamer in der Hoffnung, dass sie die grosse Bedrohung erkennt, die sich ihr nähert. Deckung! Sie sollte sich lieber Deckung suchen, sich verstecken und mir den Weg freimachen. Aber sie läuft weiter, hin und her über den Gehweg. Sie immer schneller, ich noch langsamer. Sie soll aufhören damit. Ich will jetzt hier vorbei.
Aber ich will auch nicht, dass sie mir über die Füße läuft. Einmal in meinem Leben ist mir das passiert, dass eine Maus über meine Füße lief.
Das war gar nicht gut. Überhaupt nicht.
Keine Ahnung, warum ich in dieser Hinsicht so zimperlich bin.
Mir fällt Franz Kafka ein mit seiner Mäusephobie. Oh, wie ich den verstehen kann!
Aber ich muss da jetzt weitergehen. Das Mäuschen ist außer Rand und Band und bei mir rast der Puls.
Wir kreuzen unsere Wege haarscharf.
Puh, aber ohne Berührung.
So ist es gut, denke ich im Weitergehen.
Keine Grenzüberschreitungen.
Das ist gut.
Ungefähr die Hälfte habe ich jetzt gelesen vom Briefwechsel zwischen Astrid Lindgren und Louise Hartung.
Sollte ich mein Empfinden dazu ganz kurz zusammenfassen, dann fällt mir kaum etwas originelleres ein als: Louise, Louise, Louise!
Die Briefe der Astrid L. verblassen geradezu neben denen von Louise.
Die von Louise sind so ziemlich das Beste, was ich in den letzten fünf bis zehn Jahren gelesen habe.
Lass es Leben sein. Lass es Louise sein. Lass uns lesen, lesen, lesen.
Was für ein Leben!
Ich schreite mein Leben ab.
Schritt für Schritt messe ich mein Leben aus.
8000 Schritte bis zum Feierabend.
1000 Schritte zur U-Bahn-Station. 650 Einkaufschritte. Den Staub auf meiner Seele nach einem Arbeitstag laufe ich mir in durchschnittlich 3000 Schritten ab. Vermeintlich.
Allerdings bleibt da immer eine Schicht Gemütsstaub liegen. Für deren Entfernung müsste ich
3 000 000 000 Schritte laufen.
Das ist natürlich nur eine Schätzung von mir. Eine unprofessionelle Hochrechnung, die die Dimensionen klarmachen soll.
Also messe ich weiter mein Leben in Schritten aus. Schreite die Angst ab, die Verzweiflung und die Hoffnung.
Manchmal bleibe ich stehen und mag nicht mehr. Dann messe ich den Himmel anhand der ankommenden Flugzeuge aus.
„Es zeigt sich, dass der Staat mehr Freiheit vorsieht, als die gelebte Wirklichkeit in der Gesellschaft erlaubt.“
#liebenmussmanunfrisiert
Nadine Kegele
@annalieder
Getreu meinem Motto, die guten Bücher musst du in die Bibliothek tragen, stellte ich einen Beschaffungsantrag für das Buch in der Onleihe. Mein Wunsch wurde erhört und jetzt ist es dort auch für andere Leserinnen zugänglich.
Astrid Lindgren hat 660 vollgeschriebene Stenoblöcke hinterlassen.
Sie schrieb ihre Bücher sehr modern: liegend im Bett.
Allerdings mit Bleistift und Block ausgestattet.
Louise Hartung schickt andauernd Blumen aus ihrem Garten in Berlin nach Stockholm und ich frage mich, wie sie das wohl gemacht hat. In welcher Verpackung die Blumen angekommen sind. Ob die Post früher blumenfreundlicher lieferte. Muss sie wohl, sonst wären nicht so viele in gutem Zustand angekommen.
Früher scheint halt doch ab und an etwas besser gewesen zu sein.
„Eine Freundschaft zu halten ist ungefähr das Schwerste, was es auf der Welt gibt, sie bedarf einer sorgfältigen Pflege, sonst verblasst allmählich aller Glanz, alle Wärme vergeht, und was bleibt, ist Erinnerung. Im besten Fall. Selbst die kann verblassen.“
Ich habe auch gelebt – Briefe einer Freundschaft
Astrid Lindgren – Louise Hartung
Bloggen? Nicht mehr bloggen? Facebook, Twitter?
Kommentare? Kommentarlos. Immer wieder stellt sich die Frage in der Timeline. Manchmal folgt eine Runde aussetzen, manchmal Frust und Enttäuschung. Vereinzelt der Notausschalter.
Jede dieser Reaktionen kann ich verstehen, alle Argumente leuchten mir ein. Währenddessen läuft die Sammelmappe weiter, fast auf Autopilot. Hab es letzte Woche schon geschrieben, bei mir überwiegt, der Selbstzweck des Festhaltens, des Dokumentierens. Ein Halt, den nur das Aufschreiben geben kann. Ich schreibe hier und schreibe dort. Mit der Hand und in die Datei, auf dem Blog, in Twitter und wo auch immer.
Ich bin nicht fasziniert von dem Austausch mit den anderen, bin eher angetan, von dem mit mir selbst. Lese, was ich vor Jahren dachte, versuche mich zu erinnern, wer ich damals war. Versuche die Frau zu verstehen, die heute müde vor dem Tablet sitzt und immer weiter dokumentiert.
Versucht ihre Leben mit allen Werkzeugen fetszuhalten.
Ich war wohl klug, dass ich dich fand.
Briefwechsel zwischen Luise Justine Mejer und Heinrich Christian Boie.
„Wir töten Stella“ als Film.
Dazu gibt es kaum etwas zu sagen. Vielleicht einfach nur die Luft anhalten. Wie bei der „Wand“. Ich muss mir den Text rausholen und die Novelle wieder lesen. So böse, so traurig, so leer.
Was für eine Schriftstellerin Marlen Haushofer doch war! Eindringlich bis unter die Haut, mitten ins Herz und die Seele ausgeraubt.
Mit Worten Menschenleben bloß legen. Das gelingt ihr. Frauenleben sollte ich vielleicht schreiben. Es sind die Frauen, die sie auf den Altar des Schreibens legt.
So großartig. So traurig und so leer.