Bewältigungsstrategie
den Tag in Stücke gießen
in kleine Häppchen
nicht eins davon verdaulich
aber alle in Sorgfalt
gepackt
den Tag in Stücke gießen
in kleine Häppchen
nicht eins davon verdaulich
aber alle in Sorgfalt
gepackt
Regen, Wind, grau, Zugfahren, Baustellen, halten, warten, Überholung, Rufumleitung, vergewissern, Schreibtisch, Anteilnahme, kriminell, Zeitplan, unterhaltsam, Zucker, geputzt, Calamar, Respekt, von Herzen, Straßenbahn, Freifahrt, Routine, Tastaturbewegung, nicht gläsern sondern nackt, Wolken, Trauer, suchend, spanisch, Träume, Frieden, Kontoauszüge, verschlimmert, gute Nachrichten, von vorne, nie mittig
Nach dem gestrigen Regenguss und dem heutigen fast ganztägigen Auftritt in Grau wechselt der Himmel gerade auf strahlend blau. Ich schaue aus dem Fenster und sehe den Wolken beim Vorbeiziehen zu. Und den Bäumen durch die der Wind sanft fährt. Auf einmal ist das Wetter wieder auf Freundlichkeit aus. Ein Angebot zur Versöhnung, das ich gern annehme.
In Gedanken plane ich die nächsten beiden Tage. Versuche zu planen, aber ich schweife immer wieder ab. Da ist dieses Licht, da ist diese zarte Bewegung in den Bäumen, vielleicht hat das gerade mehr mit mir zu tun, als die Alltagspläne, die ich eben noch erstellen wollte.
Die Traumtänzerin fällt mir wieder ein. Aber heute gibt es nicht mehr den Wunsch mitzuziehen. Eher den im Grün zu verschwinden. Darin aufzugehen oder wenigstens mit dem Baum Freundschaft zu schließen.
Ende der Träumerei.
Für den Baum bin ich unbedeutend. Er hat pflegt seine eigenen Freundschaften. Wahrscheinlich hat er intensive Beziehung mit verschiedensten Regenfronten, die alle noch auf ihren Auftritt warten.
Der Sommer kann dieses Jahr nur binär. Entweder 35 Grad Hitze, die mich in einen Standby-Modus versetzen, von dem mir mein Verstand sagt, dass ich gerade noch so lebendig sei, aber mein Bewusstsein kauft es ihm schon nicht mehr ab – oder Regen der in Bächen vom Himmel fällt. Nicht sehr ausgehfreundlich, aber immerhin: ich fühle, dass ich am Leben bin.
Ich bin jetzt in dem Alter, in dem Wetter ein Wohlfühlthema geworden ist. Überhaupt sind so viele Themen anders als früher. Nicht dass das jetzt eine spektakuläre Erkenntnis wäre, spektakulär ist für mich nur der Wandel an der eigenen Person. Manchmal muss ich überlegen, welche Person ich jetzt denn gerade bin, muss außen und innen irgendwie zur Deckung bringen. Erinnerungen, Realitäten, Gefühle und Wünsche in Übereinstimmung kriegen.
Träume auch.
Träume ganz besonders.
Flugschnee von Birgit Müller-Wieland
Ein Buch über Familiengeheimnisse und Familiengeschichten. Geschrieben aus vielen verschiedenen Perspektiven, mit zahlreichen Rückblenden und Ortswechseln zwischen Berlin und Hamburg.
Lucys Leid über den verschwundenen Bruder Simon steht im Zentrum des Buchs und ist auch der Ausgangspunkt dieses Romans.
„Was macht das Glück einer Familie aus? Wenn es – neben vielen Komponenten wie der Abwesenheit von Krankheiten, sicherem Einkommen und dergleichen – gemeinsame Erinnerungen sind, die Zusammenhalt ermöglichen, miteinander gelebte Vergangenheit“, denkt Lucy nachdem Simon schon eine Weile verschwunden ist. Sie versucht sich alles in Erinnerung zurufen, was mit seinem Verschwinden zu tun haben könnte. Da ist dieser eine verschneite Tag im Haus der Großeltern in Hamburg vor zwanzig Jahren. Der seine Geheimnisse birgt und über den die Erwachsenen später schweigen.
Die Autorin lässt ihren Figuren viel Raum, um die eigene Perspektive auszubreiten. Besonders gelungen sind die Passagen, in denen die Großmutter Helene um jede Erinnerung kämpft.
Nicht ganz so gut gefiel mir die überinszenierte Spannung, die sich dann doch nicht bis zum Ende durchhalten ließ. Mir erschien sie etwas aufgesetzt, vor allem weil ich die Geschichten selbst sehr berührend und mitreißend fand, sie tragen auch ohne künstlichen Spannungsbogen weiter.
In Wellen und meist anlassbezogen ziehen sich die Diskussionen über den Umgang mit Depressionen hoch. Betroffene melden sich, Unbeteiligte zeigen Verständnis in den Kommentaren, im Arbeitsleben wird dann eher gelästert, wenn die Kolleginnen nicht zur Arbeit erscheinen.
Letztendlich enden die Diskussionen hilflos und drehen sich nur immer weiter um das große schwarze Loch, dessen Sog die einen so gut kennen und das für die anderen nur ein diffuses Lichtspiel ist.
Es ist eine heimtückische Krankheit, die immer auch den Tod mit im Gepäck tragen kann. Selbst wenn sie für einige Zeit, ganz offen Harmlosigkeit ausstrahlt.
Es ist eine Krankheit, die nicht nur den Betroffenen viel abverlangt. Auch die Angehörigen lernen die Macht des schwarzen Loches kennen.
Bald beantragte ich die Mitgliedschaft im Club der Unbewegten.
Überhaupt gibt es viel zu viel Bewegung auf dieser Welt. Immer ist Bewegung positiv besetzt. Tausend Assoziationen gehen mit ihr einher, um ihren guten Ruf zu stärken.
Nur so ein Griesgram wie der alte Blaise Pascal hat es gewagt sich gegen sie zu stellen. In dem Zitat in dem er sinngemäß sagt, dass viele schlechte Dinge auf dieser Welt passiert sind, weil zu viele Menschen einfach nicht mit ihrem Popes zuhause bleiben können.
Der Club der Unbewegten ist natürlich ein Scherz. Aber einer mit Potential. Im Club der Unbewegten könnten Menschen ihre Bewegtheit ablegen. Stundenweise. Als Ausgleich.
Je stärker die innere Bewegtheit, desto mehr erstarre ich äußerlich. Der Ausgleich der Seele sucht sich seine eigene Balance.
Historische Adressbücher aus Frankfurt digital zugänglich.
Zum Recherchieren und nachfühlen.
Schwül und heiß ist es. Anstrengender Tag. Noch anstrengender die Rückfahrt im zögerlichen Zug, der sich seiner Strecke nicht sicher scheint. Wir stehen an jeder Biegung, an jeder Weiche, an jedem mystischen Entscheidungsort.
Die Wahl des Sitzplatz ließ keine Kategorie der Himmelsrichtungen zu. Anders ausgedrückt: ein Platz an der Sonne war noch frei.
Die Wolken türmten sich hoch ins Himmelsgewölbe, immer höher.
Kündigen Veränderungen an, Unwetter, Regen, Kühle, Erleichterung und Katastrophe.
Ich träume von klarer Luft und Atem der durch mich fließt. Ich träume von anderen Zeiten. Wieder einmal.
Der Wind macht den starken Max und peitscht die Bäume hin und her. Ist sich seiner Stärke bewusst und spielt mit Türen, Toren und Tonnen. Ein Orchester, dass sich Gehör verschafft.
Ich schaue nach vorne, ich schaue zurück.
Nach vorne möchte ich die Zeit beschleunigen und je öfter ich auf das Gas trete, desto heftiger wirft es mich in die Vergangenheit zurück. Der Wirkung einer inneren Zeitmaschine sehr ähnlich.
Die Weichenstellungen der Vergangenheit holen mich wieder und wieder ein.
Auf der anderen Seite der ungebändigte Sog, der mich der Zukunft entgegenzieht.
Zu kurz kommt gerade die Gegenwart. Die Präsenz. Das Dasein. Das Hier und Jetzt.
Dafür werden mir Karmapunkte abgezogen werden, ich sehe das schon kommen.
Vielleicht richten sie sogar eine Karma-Hölle für mich ein, weil ich die wichtigsten Lebensregeln mißachte.
Möglich wäre aber auch, dass ich wenigstens noch Trostpunkte für Aufrichtigkeit gekomme.