Gedächtnis jäten

Mit dem Alter wächst der Garten der Erinnerungen. Jedes Jahr kommt ein Stück hinzu und mittlerweile besitze ich eine ganze Parklandschaft davon.
Vorne sind die kleinen gepflegten Beete, aber gleich hinter dem Ententeich geht es los. Lange bin ich dort nicht mehr gewesen, hab in der Hektik des Alltags nur vorne am Lageplan gestanden und mir gedacht, dass ich doch auch mal wieder beim Rosengarten meiner Jugendlieben, dem Kinderkarussell und den Ponys oder bei der Liegewiese vorbeigehen sollte. Da sind mittlerweile so viele vernachlässigte Plätze, so viele Beete sind ungejätet, das Unkraut wuchert wild und verdirbt den Blick auf die schönen. Erinnerungen. Manche Ecke ist schon abgesperrt, weil sie unzugänglich wurde und an anderen Wegkreuzungen, liegt nur noch Schutt und Schotter.

Da das Leben im Wesentlichen durch die Geschichten und Erinnerungen lebendig ist, da wir ohne Erzählung nicht denkbar sind, verschwindet mit jeder Erinnerung ein Teil von uns.

Mehr Details

Einzelheiten. Ich brauche mehr Details um mir ein Bild zu machen. Mehr Ausführungen. Mehr Identifikationsmöglichkeiten.
Von von allem ein bisschen mehr.

Storytelling nennt sich das heutzutage. Ein Leben ist nur sichtbar, wenn es erzählenderweise seine Spuren als Geschichten zurücklässt.

Jetzt soll dein Leben also nicht nur gelebt werden, nein!, es soll sich in trollige Geschichten unterteilen lassen. Viel Spannung und zum Schluss möglichst noch ein Happy End. Denn ganz so traurig mögen wir die Stories dann doch nicht. Und vor allem nicht so grausam, wie das Real Life. Denn das schaft selbst grausam nur in einem grau in grau Ton.

Ich wünsche mir aber auch manchmal mehr Details im eigenen Leben und weiß doch wie keine andere: dass die vorhandenen Einzelheiten mich schon begraben. Mir die Luft zum Atem nehmen.

Auf der Suche

Bin auf der Suche.
Nach dem Ausweg, nach dem Gefühl.
Bin immer auf der Suche.

Wo ist der Notausgang?
Und darf ich den benutzen?

Notausgänge haben die Eigenschaft, dass sie dich nicht unbedingt wieder hineinlassen. Du bist draußen, wenn du den Notausgang benutzt.

Du musst eine Strafe zahlen, wenn du die Notbremse mutwillig ziehst. Mit diesem Satz bin ich quasi aufgewachsen. Ich sah ihn sechs Jahre lang täglich 30 min Morgens und 30 min Mittags vor meiner Nase. Die Zeit, die ich eingekeilt in der Straßenbahn verbrachte, die mich zu meiner Schule fuhr.

Wer würde denn jemals diese Notbremse ziehen? Wenn da eine Strafe gleich miteingebaut ist?

Versteckte Tage

Gestern forderte ich das Warnschild für graue, triste Alltagstage. Dabei bedachte ich nicht, dass es manchmal auch von Vorteil ist, wenn der Tag sich in der Landschaft des Alltags versteckt. Wenn er sich tarnt und dem Schicksal keine Gelegenheit bietet, auf sich aufmerksam zu machen. Nicht herausragen, heißt eben auch nicht aufzufallen, damit keine der Schicksalsgöttinnen auf blöde Gedanken kommt.

Versteckte Tage im Alltagstrott. Eine kleine Form des Alltagsglück. Wo doch jede weiß: Das Glück schleicht sich wortlos an.
Es ist eine spezielle Begabung, das Glück in jeder seiner Erscheinungsformen zu erkennen.
Trauriger Weise viel zu wenig verbreitet auf dieser Welt.

Journaleintrag

So ein Tag will festgehalten werden.

Jeder Tag will festgehalten werden.
Ganz besonders dieser Dienstag. Dieser blasse, unscheinbare Dienstag. Dieser Tag, der zu dem Geröllhaufen gehört, der mit Alltag beschildert ist. Ohne Warnzeichen. Ganz grau und fad. Etwas aufgepeppt durch die Gewissheit, dass es ein Tag deines Lebens ist. Die magst du ja alle, schon aus Pflichtgefühl. Was könnte kostbarer sein als dein Leben?

Aber vielleicht ist es fahrlässig, dass dieser Dienstag ohne Warnkennzeichnung daher kommt. Vorsicht Alltag! Er könnte dich auffressen, ganz langsam. Er könnte dich gar kochen, wie den Frosch im warmen Wasser, der nicht davon springt.

Vorsicht Alltag!
Vergiss es nicht.

Selbstbeschreibung

man hat mich in Stein gemeiselt
zum Glück wachsen Blumen
aus meinem Herzen
und das Unkraut sprengt den Fels

Sachen machen

So sehen sie aus, die Sachen, die aus alten T-Shirts entstehen können.

Auf versunkenen Wegen

Auf versunkenen Wegen von Sylvain Tesson

Seit seinem Buch „In den Sibirischen Wäldern“ ist viel passiert im Leben von Silvain Tesson. Er kletterte betrunken nach einem Fest die Fassade eines Hauses hoch und ist dabei schwer verunglückt. Im Krankenhaus wird er monatelang behandelt und statt zur Reha, wandert er durch Frankreich. Er wandert die Wege entlang, die am Verlassensten sind. Keine ausgezeichneten Wanderwege, sondern verborgene Wege durch Gegenden, die ihre Bevölkerung längst an die Urbanisierung verloren haben. Sein Körper erinnert ihn mit jedem Schritt daran, dass er ein anderer geworden ist.

Die vielen Flaschen Wodka aus der Blockhütte sind jetzt Vergangenheit. Die Mediziner haben ihm das Trinken verboten.

„Auf versunken Wegen“ ist noch etwas intensiver und nachdenklicher geschrieben als das Buch in seiner Zeit in der Blockhütte.

Sylvain Tesson ist in Frankreich als großer Denker bekannt und seine Bücher sind mehr als nur Reisebeschreibungen. Sie sind auch tiefgründige philosophische Betrachtungen über das Leben, geschrieben in einer bewegenden poetischen Sprache.

T-Shirt-Verarbeitung

Hab ein neues Projekt am Laufen. Alte T-Shirts aufarbeiten. Meine alte Schere fand das nicht so cool und weigert sich, ihnen Gewalt anzutun. Keine Ahnung, wie ich sie schärfen könnte. Vor einiger Zeit gab es auf dem Wochenmarkt einen Messerschleifer, der hätte sie für viel Geld schleifen können. Aber den habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.

Ein bisschen ärgere ich mich über mich selbst, dass ich an so einer Sache scheitere. Immer dieser banale Alltagskram, der sich als unbezwingbar erweist.

Die Hindernisse meines Lebens sind gerade sehr überschaubar. Ich weiß das zu schätzen. Jedenfalls in den Augenblicken in denen meine Stimmungsschwankungen mir mild gesinnt sind.

Heute gelernt

Heute habe ich etwas gelernt, was für mich – als im Zeichen der Schnecke geborene – besonders wichtig ist.

„Die Schnecke weicht nie zurück.“