Tränen

Nein, hier geht es nicht im Melancholie und auch nicht um den Weltschmerz.
Manchmal geht es einfach nur um das Mitleiden.

Wenn die Ungerechtigkeit sich das Denkmäntelchen der Objektivität umhängt. Wenn das Schicksal zuschlägt und dir die Bürokratie anschließend den Stinkefinger zeigt. Wenn fünfmal täglich das passiert, das in Deutschland angeblich nicht möglich ist.

Manchmal bleiben einfach nur die Tränen.

Steuern zahlen

Wenn ein Roman einen Menschen zu einem ehrlichen Steuerzahler machen kann, dann dieser.

Bin erst auf Seite 250 von „Der Bleiche König“ und schließe mich jetzt schon dieser Ansicht an. Da rührt einer alle Themen an, die die Alltags-Arbeits-Routine so schwergewichtig machen und führt eine durch ein Spiegel-Labyrinth – in dem sie überall eine orientierungslose Version von sich selbst sieht.
So viele Perspektiven. So viele Entlarvungen. So viele tiefgründige Gedanken.

Ich lese immer langsamer. Wiederhole einzelne Stellen und weiche dann auf die anderen Bücher aus. Hab mich auch wieder an das Hörspiel vom „Unendlichen Spaß“ gewagt. Lese weiter. Denke weiter.

Da war einer, der alles sehr genau genommen hat.
Der Worte unter das Mikroskop legen musste, weil er sonst nicht zufrieden war.

Maryam Mirzakhani

In Gedenken:

Sie hat 2014 als erste Frau die Fields-Medalle erhalten und ist heute leider an Krebs verstorben.

Melancholie

Der Zeitgeist mag keine Melancholie.
Sie ist konsumfeindlich. Wenig kapitalismuskompatibel. Dazu muss man ihr schon mit pharmazeutischen Mitteln beikommen.
Dann passt alles wieder ins sonnige, luftige, fluffige System der unbegrenzten Marketing-Parallel-Welten.

Melancholie ist nur in der Kunst sexy. Im Alltag wird sie beargwöhnt. Zusammen mit ihrem Bruder dem Weltschmerz in einer Ecke abgestellt. Damit sie die heiteren Kreise nicht stört.

Ich sehe ihr gerne zu. Wie sie schimmert und glänzt. Manchmal leise vor sich hinsummt. Sie ist ganz in ihrer Welt.

Emily Dickinson und der Wind

Gunhild Kübler – 33 Gedichte

Fast 1800 Gedichte hat Emily Dickinson (1830 – 1886) hinterlassen von denen nur ganz wenige anonym zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurden.
Der Wind ist das Thema der Gedichte in dieser kleinen Zusammenstellung. Die Herausgeberin stellt jeweils das Original geschrieben der deutschen Übersetzung gegenüber und gibt kurze Hintergrundinformationen zu ihnen. Dadurch ist ein leichter Zugang möglich, auch für Lyrikinteressierte ohne viel Vorkenntnisse.

Was du nicht tun musst

You are not required to set yourself on fire to keep other people warm.

Banksy

Literatur-Kopf-Chaos

Nach drei Lesetagen herrscht Literatur-Chaos in meinem Kopf. Neben meinem Bett liegen fünf Bücher von David Foster Wallace von denen ich vier gleichzeitig lese, in meiner Onleihe-App sind sieben ausgeliehen Bücher, davon fünf angelesene, zwei von ihnen habe ich schon einmal vor kurzem gelesen.
Aber ja, ich gehe morgens ins Büro und komme am Nachmittag wieder. Mehr als acht Stunden ohne Lesezeit und schlafen tue ich auch. Viel sogar, denn ich bin müde. Mit der aktuellen Lesemethode kriege ich natürlich kein Buch zu Ende gelesen, jedenfalls nicht in der üblichen Geschwindigkeit.
Ich stecke die Texte gleichzeitig in meinen Kopf. Als wären es Süßigkeiten, die in einem Heißhungeranfall verschlungen werden müssen. Alle auf einmal. Immer mehr und mehr. So viele Wörter und Sätze in meinem Kopf. So viele angefangene Geschichten, so viele Figuren, die auf ihre Entwicklung warten. Alle rein in diesen Kopf. Das ist meine Abschottungsstrategie gegen die Übel der Welt. Die großen und die kleinen. Erst nach und nach wird es mir wieder gelingen mit der Verdauung zu beginnen. In der Zwischenzeit ist alles eine Frage des Überlebens. Des Ertragens.
Die Welt wird sich wieder ordnen, wie die Geschichten in meinem Kopf.

Identity Leak Checker

Identity Leak CheckerZum Überprüfen, ob die eigene E-Mail-Adresse schon ausgespäht wurde.

TDDL – Tag 3

Bin gerade nicht in der Stimmung den letzten Lesetag zusammenzufassen und verweise vorerst auf den Artikel von Hans Huett im Freitag.
Seine Einschätzung stimmt zwar wenig mit meiner überein, aber dafür ist seine fundiert begründet.

Mir gelang es nach einem nachdenklichen Morgen, wenigstens die ersten drei Lesungen noch konzentriert zu verfolgen. Aus der letzten Lesung bin ich relativ schnell ausgestiegen, jetzt steht der Vorsatz im Raum, mir den einen oder anderen Text noch mal in Ruhe anzuschauen. Später. Irgendwann.

Immer noch nachdenklich, ziehe ich mich für heute zurück.

Vielleicht noch eins: der Jury würde etwas Vielfalt gut tun. Ihr fehlt Farbe, Jugend, Frische und Risiko. Zuviel vom immer gleichen ist nie gut.

Engl scheint ähnliches zu empfinden.

TDDL – Start in den Tag 3

Bin gerade total raus aus der Thematik lesen. Hab die snapchats aus der Nacht von Hamburg gesehen. Ich vermeide schon seit einigen Jahren die Fernsehberichterstattung von Krieg, Terror, Gewalt und Alltagspolitik. Die Wettervorhersage, die sehe mir im Fernsehen an, bei allen anderen „Nachrichten“ vertraue ich auf Print, das ist besser für mein Gemüt.

Hamburg erinnert mich so sehr an Frankfurt 2015 bei der Einweihung der EZB. Da habe ich mir im Traum nicht vorstellen können, was da passieren wird. Diese Gewalt, diese Schäden, dieser Hass. Was da abgeht ist irgendwie komplizierter als: die Polizei macht dies. Wir machen das. Irgendwer hat zuerst angefangen. Wir wollen doch nur demonstrieren.
Klar, das auch. Menschen möchten ihre Meinung sagen. Menschen möchten demonstrieren. Menschen möchten ihre Wohlfühlzone. Polizei will durchgreifen. Polizei erhält Druck. Politik will Größe zeigen. Stärke. Macht.
Macht hält Macht mit starkem Arm fest. Und mitten in dieser Gemengelage agieren Menschen wie in einem Fun-Eskalations-Event.
An solchen Tagen, in diesen Nächten tritt zutage, wie zerstört unsere Gesellschaft schon lange ist. Die Gewalt auf der Straße ist schrill, laut und sichtbar. Die Gewalt, die unsere Gesellschaft täglich erlebt, wird eher leise, unspektakulär und unsichtbar ertragen. Die zehn Jahre Lebenserwartung weniger, die den Armen bleiben. Die Kindergeneration, die von der Armut in die Armut wächst. Der die Perspektivlosigkeit in die Wiege gelegt wird. Die Reichen, die unsere Lebensgrundlage zerstören, die Mittelschicht, die mit dem Abgrenzen nach unten beschäftigt ist.
Das ist alles sehr schlimm. Das sind ungute Zeiten.

Und ich schaue jetzt wieder weg, weiche aus, weil ich nicht weiß, wie ich das Wissen anders ertragen könnte. Wie ich es verarbeiten kann. Ich nehme mich raus.
Ich kann das.
Ich bin privilegiert.