Schwangere Regenwürmer

Es heißt, das sei die Standard-Qualitätsstufe, wenn Anfängerinnen spinnen. Schwangere Regenwürmer.

Gestern habe ich mein Starter-Kit für die Handspindel abgeholt und war beim Auspacken nicht auf Anhieb in der Lage, die drei mitgelieferten Wollstränge zu identifizieren.
Gut, beim zweiten Blick habe ich dann gesehen, dass die Stränge ineinander verknotet waren. Ein ganz anderes Wollgefühl ist das. Nach 24 Stunden bin ich jetzt in der Lage sehr lange merkwürdige Regenwürmer herzustellen. Eine Qualitätssteigerung lässt sich leider nicht feststellen.
Das dauert bestimmt.
Jedenfalls macht das Spinnen mit der Handspindel mehr Spaß, als ich dachte.

Wolle ist ein so angenehmes Material.

Die Menschheit hat den Verstand verloren

Treffender könnte der Titel nicht gewählt werden für die Kriegstagebücher der späteren Kinderbestseller-Autorin.

Astrid Lindgren entscheidet sich sehr bewusst zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ihre eigenen Aufzeichnungen zum Geschehen zu machen. Sie will verstehen.
Ich bin nach wenigen Seiten wie gebannt in der Lektüre gefangen. Mich fasziniert der Wechsel zwischen den offiziellen Kriegs- und Lageberichten und der Beschreibung ihres Alltags. Wie sie ihre Einkäufe festhält, die Spenden notiert. Die Sorge um ihre Kinder. Frauensichten sind eben auch und gerade im Krieg andere als die von Männer.

Noch nie zuvor habe ich eine Schilderung des Zweiten Weltkriegs aus skandinavischer Sicht gehört oder gelesen. Astrid Lindgren beschreibt akribisch die Lage, die Gerüchte, die offenen Strategien, die Hoffnungen oder Befürchtungen. Sie dokumentiert welchen Preis Schweden für seine Neutralität zählen muss, wägt ab ob der Preis zu hoch ist.
Manchmal meldet sich ein schlechtes Gewissen, weil der Krieg für ihre Familie auch eine Erhöhung des Wohlstandes bedeutet.
Ich habe das E-Book gelesen, was vielleicht etwas schade ist, da die Bilder und Original Abschriften nicht so zur Geltung kommen.

Diese Kriegstagebücher sind ein Kulturschatz.
Nach ihrer Lektüre bin ich erschrocken, wie viele Parallelen es zu unserer heutigen Situation gibt. Leider nehmen wir den Frieden als so selbstverständlich hin, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, wie kostbar er ist.

Innenwelt

Die Heizung ist aufgedreht und das Heizkissen an. Gegenhalten ist die Devise.
Der inneren Kälte entgegen wirken. Haschi. Der Wecker klingelt um 5 Uhr und ich liege seit zwei Stunden wach. Mein Körper reagiert auf das, was die Psyche nicht begreift, der Kopf nicht versteht.

Ich sollte fit sein. Heute und Morgen. Der wichtigste Tag im Jahr.
Keine Routine. Nie Routine.

Mein Körper lässt sich fallen. Ich bin in Verhandlungen mit ihm eingetreten. Überrede ihn vorsichtig. Behutsam. Ist ja nicht so, dass ich ihn nicht ernst nehmen würde.
Aber, flehe ich ihn an, aber doch bitte nicht jetzt.
Jetzt bitte nicht hier.

Schmerz

Unter den Tisch kriechen und drei Tage dort verweilen. Der aktuelle Wohlfühlfaktor hat sich den Abgrund hinabgestürzt.
Wissen schützt nicht vor dem Schmerz. Schreien auch nicht. Die Tränen kümmern sich nicht um ihre Daseinsberechtigung.
Sie fließen.

Trauertränen. Traurige Tränen.
Es ist die zweite Tür im Flur, die ganz routiniert verschlossen wurde, die aber nie wieder aufgehen wird. Nicht so.

Ich weine. Die Tränen fließen.

Mitleiden. Niemand hat mich gefragt.
Niemand wird mich fragen.

DAZWISCHEN:ICH

DAZWISCHEN:ICH von Julya Rabinowich

Ein Buch nicht nur für Jugendliche.

Das Thema könnte nicht aktueller sein. Die fünfzehnjährige Madina ist mit ihren Eltern, ihrer Tante und ihrem kleinen Bruder vor einem Bürgerkrieg geflüchtet. Jetzt muss sie sich zurechtfinden in einem neuen Leben. In der Enge des Flüchtlingsheim, in einer Welt mit einer anderen Sprache und mit neuen Regeln. Aber auch mit ihrer Rolle als Mittleren zwischen ihrer Familie und dem unbekannten Leben außerhalb des Flüchtlingsheim.
Das Buch erzählt die Geschichte der introvertierten Madina behutsam in einer poetischen Sprache, die mir gut gefällt. Ihre Schwierigkeiten in der Schule, ihre Zerrissenheit, die langsame Veränderung ihrer Persönlichkeit werden sehr sanft erzählt, obwohl auch die Schrecken des Krieges nicht unerwähnt bleiben. Täglich steht Madina vor der Frage, wie sie mit den Kulturunterschiede umgehen soll. Sie hinterfragt vorsichtig die Geschlechterrollen und als es dann notwendig wird, trifft sie Entscheidungen. Für ihr neues Leben. Für eine gemeinsame Zukunft.

Julya Rabinowich ist mit diesem Buch etwas ganz Besonderes gelungen. Den lauten, rechten Stimmen in Österreich und Deutschland stellt sie diese liebevolle und starke Erzählung von Flucht, Vertreibung und Ankommen entgegen.

Lichtblicke

Der Lichtblick der Woche ist eindeutig der Sieg der polnischen Frauen beim Tauziehen um das verschärfte Abtreibungsgesetz.
Sie haben es tatsächlich geschafft! Das gibt mir Hoffnung und Kraft. Es ist ein Zeichen, dass diese nationalistischen Schurken sich nicht alles erlauben können. Dass sie auch einlenken müssen, wenn ihnen der Gegenwind entgegen bläst.

Die Frage kommt auf, ob unsere Demokratie überhaupt etwas taugt. Sie ist anfällig wie ein Mimosepflänzchen. Ratzfatz kann es sein, dass sie ihre Kinder frisst. Die schlimmsten Diktatoren des letzten Jahrhunderts im Herzen von Europa kamen alle durch Wählen an die Macht. Es stimmt schon von Selim Özdogan sagt, dass wählen alleine noch keine Demokratie ergibt.

Ich suche immer den Hoffnungsschimmer. Mein Herz sucht. Mein Kopf weiß schon, dass die Suche ergebnislos ist. Seht ihr, sage ich dann. Seht ihr, es ist alles noch viel schlimmer, als ich es euch ausgemalt habe! Ich bin die Schwarzseherin mit dem Hang zur Schneekugel. Ich schüttle mir die Welt, wie sie mir gefällt.

festhalten

Den Tag festhalten wollen.
Noch immer stellt sich manchmal dieses Gefühl ein, den Tag an seinem Restzipfel festhalten zu wollen.
Er macht sich langsam bereit, hat zum zweiten Mal Tschüs gesagt, aber ich will ihn einfach nicht gehen lassen.
Dabei war es nicht mal ein besonders schönes Tag. Durchschnittlich. Alltäglich.
Klassisch träge pendelt er aus, Obwohl er so dynamisch begann.
Immer festhalten wollen.

Nie loslassen.
Die Lebenszeit fest anspannen.

Was für Bilder das mit sich bringt.

Kraft schöpfen für den neuen Tag wäre eine Alternative. Aber die kindliche Verzweiflung über das Vergehen der Zeit überwiegt.
Was soll das mit der Nacht? Was sollen wir mit dem Dunkeln, wenn das Helle die Seele nährt?

Die hellen Tage. Nur die hellen Tage zählen.

Nie im Leben. Nie.

Herbstliches

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Der Herbst ist jetzt meine Lebenszeit. Das merke ich, wenn ich am Morgen aus dem Bett aufstehe. Es lässt sich nicht leugnen, die Lebenszeit schnurrt zusammen.
Ich sitze auf einem Viererplatz und mache mich breit, intensiv mit meinem Strickwerk beschäftigt. Fein, dieses Mal. Sehr sein und leicht ist die Wolle. So unterschiedlich ist dieses Strickgefühl mit den verschiedenen Wollsorten. Manche robust, sie laden zum Schnellstricken ein. Dabei klappern die Stricknadeln stilgerecht.
Manche Wollsorten sind ganz zart und fein. Die aktuell will besonders sanft behandelt werden.
Aber bitte, gerne!

Das Meer wurde am Wochenende Herbstfest gemacht. Es wurde von den Bojen befreit. Was für eine Weite das plötzlich gab!

Ich mache mir keine Illusionen und denke nicht, dass mir mein Lebensherbst viel Weite bringt. Vielleicht Tiefe. Damit bin ich einverstanden.

Jetzt heißt es, mich erst mal wieder zurechtzufinden.
Vom Paradies in den Alltag des Büroflurs wechseln. Die Stimmung anpassen. Die Sinne wieder umstellen. Die Einstellung neu justieren.
Ach, da kracht und knirscht es schon wieder.
Wird schon werden mit dem Herbst.
Wird schon werden.

hinhalten

die leichte Schulter
an die Wange
halten

die hingehaltene
nie schlagen

Juli Zeh – Alles auf dem Rasen

Kein Roman heißt der Untertitel des 2006 erschienen Buchs von Juli Zeh. 30 Erzählungen oder Essays aus vergangenen Jahren, manche davon zuvor als Zeitungsartikel veröffentlicht. Es hat was, aus heutiger Sicht ihre Beiträge in der Kategorie Politik oder Gesellschaft zu lesen.
Die Erinnerung an die geführten Debatten wird wieder wach.
Mein Verhältnis zu Juli Zeh ist etwas zwiespältig und das merke ich auch beim Lesen dieses Buches. Sie schreibt gut und greift intelligent breite Themen auf. Auf mich wirkt ihre Sichtweise aber oft von oben herab.

Für alle die gerne in den Zeiten stöbern, kann ich das Buch empfehlen.
Es ist eine Rückschau der unterhaltsamen Art.