Diese Alterweisheit ist eine Spaßbremse erster Güte. So viele Sprüche, die du schon kennst, so viele Filme, die du schon gesehen hast, so viele Politiker-Phrasen, die du voraus sagen kannst.
So viele Dinge die sich wiederholen. Wieder und wieder manchmal mit neuer Besetzung, aber billigen Kulissen.
Die Welt atmet Langeweile aus. Eine tödliche Krankheit mit schwerem Krankheitsverlauf.
Es gibt Tage, da schleiche ich um die Sammelmappe herum. Gern möchte ich etwas schreiben, aber das geht nicht. Es gehört eindeutig zur selbst auferlegten Tabu-Zone. Zur Privatsphäre von Menschen, die ich nicht verletzen möchte.
So kommt es dann zu den leicht benebelten Einträge hier in der Sammelmappe. Hinter dem Nebel sind sie dann versteckt: die verbotenen Zonen.
Beim Bloggen geht das ganz einfach, sich verschiedene Formen des Zugriffe anzugewöhnen. In der Realität klappt das nicht ganz so gut. Da sollte ich vielleicht noch üben.
Die Katastrophenmeldungen der letzen Tage verarbeite ich in dem ich noch mehr stricke und noch mehr spinne.
Den Kopf leer stricken wäre ein gutes Ziel.
Im Zuge meines Leserauschs durch den unbegrenzten Stadtbücherei-Lesekonsums, habe ich mich auch an ein paar Mainstream-Bestsellern vergriffen. An Büchern, die ich mir nie kaufen würde, weil ich zu geizig bin, um für sie Geld rauszurücken.
Diese Bücher haben einen seltsamen Effekt auf mich. Sie machen mich kirre, wenn ich sehe, wie viele Menschen auf diese Belanglosigkeiten abfahren.
Meine Reaktion überrascht mich, denn ich kenne meine Toleranz gegenüber beliebigen Quatsch-Fernsehsendungen, gegen Schundromane oder ähnlichen Kram. Das stört mich nicht, weil ich mir ausmalen kann, welchem Zweck – sprich Spannungsabbau – sie dienen.
Ganz kirre machen mich diese pseudo-wichtig-tiefgründig-originell Literatur. Da ist es so ähnlich wie bei den Talkshows, die ich mir nicht anschaue, deren Resonanz ich aber auf Twitter erlebe. Genau da steckt der gesellschaftliche Wurm, der unseren Apfel verfaulen lässt.
Hier ganz rechts. Immer dem Gestank nach.
Liselotte Pulver – Dem Leben ins Gesicht gelacht Gespräche mit Olaf Köhne und Peter Käfferlein
Sie lebt also noch. Liselotte Pulver lebt zurückgezogen in einer Altersresidenz in der Nähe von Bern. Die Frau, die wegen ihrem Lachen so berühmt wurde.
Ehrlich gesagt kann ich mich nur noch an die Liebesschnulze erinnern: Piroschka.
Faszinierend daran war das Ende. Ein Ende mit Sex und ohne Heirat. Gewagt für die damalige Zeit.
Liselotte Pulver spricht unaufgeregt über das Alter und ihre Entscheidung in eine Altersresidenz einzuziehen. Schon vor zehn Jahren nach dem Tod ihres Mannes traf sie diese Entscheidung und fühlt sich wohl damit. Sie spricht über ihr tägliches Programm und davon, dass es ihr einfach zu aufwendig und anstrengend ist, sich perfekt zu stylen, um dann auf einem Empfang herumzustehen, auf dem die vielleicht niemand mehr kennt. Sie schreibt Tagebuch und hat alle ihre Dokumente dem Deutschen Filminstitut in Frankfurt zur Archivierung und Aufbewahrung übergeben. Eine kluge, sehr strukturiert agierende und kühle Frau lernt man in diesem Buch kennen. Eine konservative Frau, die das Image der „Sauberfrau“ über die Jahrzehnte gerettet hat.
Das Buch ist im Plauderton geschrieben, Überraschungen enthält es keine und Tiefgang auch nicht. Sie will gefallen, dazu gehört für sie auch ihre politische Meinung nicht kundzutun.
Daher will sie auch keine emanzipierte Frau sein, das ist ihr zu schrill. Sie wollte nur eine Karriere, Geld verdienen, schnelle Autos fahren, keine typische Hausfrau sein. All die Sachen, die im Laufe ihres Lebens so vom Himmel gefallen sind und für die gar keine Frau gekämpft hat.
So schrill, nein danke.
claudia Oktober 21st,2016
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Hinten sind Rezepte drin: Geschichten, die Männern nie passieren würden von Katrin Bauerfeind
Feminismus ultralight. “ … es geht hier um die komischen Seiten des Frauseins.“
Wer es leicht mag, wird das Buch mögen. Katrin Bauerfeind schreibt wie sie spricht: flott, schnell, mit Themenwechsel, immer an der Oberfläche und mit einem aufgesetzten Humor. Die kurzen Erzählungen stehen alle für sich selbst, zusammengehalten durch den ironischen Titel. Frausein heißt anders sein in unserer Gesellschaft. Das ist manchmal komisch. Im Sinne von seltsam genauso wie unter humoristischen Aspekten. Religion, Geld, Dates, Kinderspiele, Sex – es gibt kein Thema, das nicht in diesem Buch angesprochen wird. Alles in kleinen Häppchen, ganz ohne Rezepte.
Was das Buch nicht ist: eine tiefgängige Reflexion der Gesellschaft.
Es ist schnell gelesen und schnell wieder vergessen. Somit passt es hervorragend in unsere Zeit.
Nach der Arbeit in Rekordzeit nach Hause um zu spinnen. Diese Woll-Infektion hat mich in ihrer Krallen. Wolle ziehen, auf den Drall achten.
Nach Mitternacht noch Spinn-Videos anschauen. Eins noch. Und dann noch eins.
Wolle ist so ein schönes Material. Ich lege sie zwischen mich und die Welt.
Da isoliert sie gut.
Sehr gut.
Fräulein Jacobs funktioniert nicht
von Louise Jacobs
Mein Lesestoff türmt sich materiell und virtuell seit ich die Stadtbücherei wiederentdecke.
Gestern in der Mittagspause brachte ich zwei Bücher weg und da stand Fräulein Jacobs in meinem Weg. Vor drei Jahren war sie ziemlich lang auf der Bestsellerliste, aber da habe ich sie ignoriert.
Ich nehme sie mit und warte gespannt, was das Mädchen aus der Kaffeefamilie Jacobs mir zu sagen hat.
Aha. Ein Cowboy-Traum. Der Einstieg ist gewagt. Mal sehen, was Louise Jacobs daraus macht. Sie erzählt in Zeitsprüngen. Nicht immer weiß ich, von welchem Ort und von welcher Zeit sie schreibt. Legasthenie und Dyskalkülie sind hart. Sie erzählt davon, wie in einer Fallgeschichte. Zählt minutiös die Therapieversuche auf und auch, wie sehr die Therapien sie von den anderen Kindern fernhalten.
Schon als Kind mag sie Natur und Pferde. Sport ist obligatorisch in ihrer Gesellschaftsschicht. Sie erzählt von der phantasievollen Ausgestaltung ihrer Ängste bei Nacht.
Mit Jungen wollte sie sich messen und in ihrem Mädchenkörper fühlte sie sich nicht wohl. Der Junge als Inbegriff von Stärke und Freiheit.
Mit fünfzehn nimmt sie ihre Tante mit nach Argentinien und dort fühlt sie sich wie zuhause bei den Pferden und in der Natur. Aber sie sieht zum ersten Mal in ihrem Leben auch eine Armut, die sie aus der Schweiz nicht kennt.
Trotzdem kommt ihr bei ihrer Rückkehr alles nur noch eng vor. Sie möchte fliehen und da das nicht möglich ist, wählt sie den inneren Rückzug.
„In der Gesellschaftsschicht, in der ich steckte, gab es nur den Aufstieg. Die einzige Form der Rebellion war also, weiter an meine Träume zu glauben.“
Weil es in der Schweiz mit dem Abitur nicht klappen würde, geht sie an die Vermont Academy. Dort gelten andere Regeln und zum ersten Mal fühlt sie sich als Teil einer sozialen Gruppe. Sie vermisst ihre gewohnten Rückzugsmöglichkeiten.
Es folgen ihre erste Verliebtheit, ihre erste Beziehung. Aber Anfassen lassen möchte sie sich nicht. Warum ist sie so anders, fragt sie sich. Kindlich stellt sie sich Liebe ohne Sex vor. Sex eher als einen Gewaltakt.
Sie wollte eine neue Louise werden. Eine, die in allem gut ist.
„Manchmal ist die Selbstzerstörung der letzte Versuch gehört zu werden.“
Das konnte nicht gut gehen und endet wegen Essstörungen in der Klinik.
Auch dort wieder der Kampf mit sich Selbst.
Mein Fazit: Ich kann dem Erzählten folgen, aber es reißt mich nicht mit. Innerlich lässt es mich kalt. Identifizieren kann ich mich nicht mit der Erzählerin und das liegt vielleicht auch daran, dass sie auch die Leserinnen immer auf Distanz hält.
claudia Oktober 18th,2016
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Katjas Mutter – Das außerordentliche Leben der Hedwig Pringsheim von Inge und Walter Jens
Hedwig Pringsheim war die Tochter der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm und die Mutter von Katja Mann. Grund genug neugierig auf ihre Biografie zu sein.
1855 in Berlin geboren und 1942 in Zürich gestorben, erlebte sie ein sich ständig veränderndes Deutschland. Sie wächst im Kaiserreich auf, erlebt den ersten Weltkrieg, die Zeiten der Inflation und die Weimarer Republik und gegen Ende ihres Lebens erträgt sie die Nazi-Diktatur bis sie mit ihrem Mann sozusagen in letzter Minute als Hochbetagte in die Schweiz ausreist.
Sie muss eine sehr außergewöhnliche Frau gewesen sein. Sie kam aus einem kulturell aktiven Haushalt und heiratete – nach einer kurzen Karriere als Schauspielerin – einen steinreichen Ehemann. Sie ist eigensinnig und originell. Durchgehend pazifistisch in ihrer politischen Einstellung. Ganz selbstverständlich fährt sie Fahrrad zu einer Zeit in der das für Frauen undenkbar war.
Die Autoren haben das Leben der Hedwig Pringsheim anhand ihrer Tagebücher und der erhalten gebliebenen Briefwechsel detailliert recherchiert und anschaulich dokumentiert. Immer darauf bedacht, auch die äußeren politischen bzw. gesellschaftlichen Umstände dazu in Beziehung zu setzen.
claudia Oktober 18th,2016
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Nachrichten vom Krankenbett in brutaler Sachlichkeit. Der Versuch zu einer Kommunikation zu kommen.
Und immer wieder die Trauer.
Überfallartig.
Die allgemeingültige Tatsache, dass das Leben nicht gerecht ist, schmerzt auch im fortgeschrittenen Alter.
Es fühlt sich nach einem Einschnitt an. Gravierend.
Vielleicht auch ein Wendepunkt.
Gabriele Münter – Eine Romanbiografie von Stefanie Schröder
Gabriele Münter war eine begnadete Malerin und eine großartige Frau. 1877 in Berlin geboren, wächst sie hinein in eine Zeit, in der Frauen nicht als eigenständige Personen betrachtet werden. Offizielle Ausbildungsgänge sind für Frauen weder im künstlerischen noch im wissenschaftlichen Bereich vorgesehen. Da Gabriele Münter nach dem Tod ihrer Mutter über etwas Geld verfügt, kann sie sich zunächst privaten Malunterricht und später die Schule an der Kandinski lehrt besuchen.
Zu dieser Zeit beginnt der Klassiker: der verheiratete Lehrer beginnt eine Beziehung mit seiner Schülerin, verspricht ihr die Ehe und bringt sie in eine gesellschaftlich schwierige Situation.
Das Künstlerpaar reist zwischen 1904 und 1908 viel, 1909 kauft Gabriele Münter in Murnau ein Sommerhaus, in dem sie Besuch von anderen bekannten Malerinnen und Malern bekommen. Franz Marc, Marianne Werefkin, Alexej Jawlenski und August Macke.
Der Almanach „Der blaue Reiter“ entsteht und mit ihm eine neue Sicht auf die Malerei. Als der erste Weltkrieg beginnt, lässt sich Gabriele Münter in Schweden nieder, damit sie besser Kontakt mit Kandinski halten kann, der nach Russland geht, um dort angeblich die Heiratspapiere zu besorgen, sich bei dieser Gelegenheit aber mit einer anderen Frau verheiratet, was Gabriele Münter erst Jahre später erfährt. Sie tut sich schwer mit diesem Verrat, gerät auch als Malerin in eine Krise.
Erst 1931 kehrt sie wieder nach Murnau zurück, muss ertragen wie während der Nazi-Diktatur die expressionistische und die abstrakte Malerei als entartete Kunst verunglimpft und verfolgt werden. Sie versteckt mit ihrem neuen Lebensgefährten Johannes Eichner viele Gemälde bei sich im Keller. 1962 verstarb sie in Murnau.
Ich bin immer etwas skeptisch bei dem Genre Romanbiografie bzw. generell bei fiktionalen Darstellungen von historischen Ereignissen oder Lebensbeschreibungen. Vorallem wenn die Quellenlage nicht ausreichend ist, weil sich dann die Fakten von der Fantasie manchmal schwer unterscheiden lassen. Für dieses Buch gab es eine breite Faktenlage, die die Autorin verantwortungsvoll verwendet hat. Entstanden ist ein informatives und spannendes Buch über eine herausragende Malerin und einen wichtigen Aufbruch in der Malerei.
Anmerkung: Ich habe das Buch in der E-Book-Fassung gelesen.
claudia Oktober 16th,2016
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