Jahrestage Band 1 von Uwe Johnson: Aus dem Leben der Gesine Cresspahl
Tagebuchliteratur auf höchstem literarischen Niveau
Wir wechseln vom Leben der alleinerziehenden Gesine Cressphal mit ihrer Tochter im New York Ende der 1960er Jahre zu Rückblicken auf die Familiengeschichte von Gesine während der Weimarer Republik und des Nazi-Regimes in einem Dorf in Mecklenburg. In täglichen Einträgen beschreibt der Autor detailgetreu das Alltagsleben. Ein weiterer Erzählstrang – oder eher Dokumentationsstrang – ergibt sich durch die ausführlichen Zitate aus der New York Times. Ich mag den Wechsel zwischen den Erzählstilen vom Dokumentarischen zu der bilderreichen literarischen Sprache.
Die Erzählweise taugt nichts für die Ungeduldigen, wer aber Journal-Literatur mag, kann hier eintauchen in die Tiefe.
Damit es nicht vergessen geht und für mich aufzufinden ist:
Entscheidungen zu Freifunk und öffentlichem WLAN in deutschen Parlamenten
Gestern Abend und in der Nacht den Putschversuch in der Türkei auf Twitter mitverfolgt. Ein irreales Erleben und ein seltsames Gefühl. Nach 22 Uhr auf die ersten Tweets aufmerksam geworden, die die Sperrung der beiden großen Brücken in Istanbul meldeten. Kaum ein paar Minuten später die ersten Vermutungen, es könnte sich um einen Putschversuch handeln.
Bei mir setzt in Krisensituationen immer der utopische Wunsch ein, es könnte wie durch ein Wunder alles gut werden. Alles. Auch das, was vorher nicht gut war. So auch gestern für einige Minuten ein Herzstolpern und das Bedürfnis nach einer neuen, besseren Türkei.
Mein Türkeiverständnis ist grottig, das muss ich voraus schicken, und wie die aller meisten Menschen im deutschsprachigen Raum, weiß ich nur sehr wenig über die Kräfte und Bewegungen innerhalb der Türkei. In dieser Nacht habe ich ein bisschen mehr darüber gelernt. Ein winziges bisschen. Es beruhigt mich nicht.
Noch mal zurück auf den gestrigen Twitter-Abend. Sofort wurden wieder die ersten Stimmen laut, die nach Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Medien riefen. Übellaunig und rechthaberisch. Ich ertappe mich dabei, dass auch ich mir das wünsche. Eine kompakte Sendung, die mir die Welt erklärt. Zu der ich mich positionieren kann. Nur wie soll das gehen, wenn die Welt gerade aus den Fugen ist? Erdogan war eine zeitlang abgetaucht. Was ist ein Generalstabschef? fragte ich mich und warum wird er als Geisel genommen? Das türkische Staatsfernsehen wird eingenommen, es werden Erklärungen verlesen. Später wird ein Studio gekarpert, aber den Soldaten gelingt es nicht – oder war es Absicht? – der Ton läuft weiter. Ein menschenleeres Studio, das einige Zeit nur die Tonspur des Putsches sendet. Gespenstig.
Auf Twitter finde ich langsam Twitterer, die mir helfen zu verstehen, was sich ereignet. Journalistinnen, die sich ihrer Profession und diesem besonderen Land verpflichtet sehen. Danke, Aslin Sevindim! Danke, Damla Hekimoglu!
Was ist das in diesen Tagen?, frage ich mich. Was sind das für Tage am europäischen Abgrund? Die westliche Politik hält sich zurück, bis sich Obama meldet – und jetzt suche ich seinen Tweet und kann ihn nicht finden, dabei könnte ich schwören und so – die westliche Politik schweigt eine Weile und erst gegen Morgen als der Putschversuch scheitert, melden sie sich und sprechen von Demokratie und demokratischen Strukturen. Aber im Grunde ist das doch alles egal, Hauptsache sie haben einen Vertragspartner, der ihnen die Flüchtlinge auf Distanz hält, das ist das Maß aller Dinge in diesen Tagen.
Ich mag kein Militär. Auch keins das putscht. Aber ich mag auch keine faschistische Systeme oder faschistische Strukturen. Zu viele dieser Systeme haben unter dem Deckmäntelchen der Demokratie begonnen. Mir macht das Angst. Ich habe Angst um das zerbrechliche Europa. Es ist zerbrochen vor unseren Augen, nur liegen die Scherben noch dicht nebeneinander, so dass es den Anschein hat, es gäbe noch ein ganzes Stück.
Alle sagen Erdogan geht gestärkt aus dieser Situation. Ein „Säuberungswelle“ läuft schon heute an. Ganz viele Richterinnen und Richter werden abgesetzt. Ob das Wort säubern auf türkisch nicht diesen unheimlichen Klang hat, frage ich mich jetzt.
Vielleicht gibt es etwas, das ich übersehe, das diesen Tag etwas heller macht.
Vielleicht gibt es eine Erklärung, warum keine Frauen zu sehen sind?
Vielleicht?
claudia Juli 16th,2016
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2 Comments
Jetzt noch die Nachrichten aus der Türkei. Die Brücken in Istanbul gesperrt und Schüsse in Ankara. Von einem Putschversuch ist die Rede. Die Welt wangt und schwankt.
Zu viele Tränen heute. Viel zu viele Tränen?
Wieder ein Tag der Tränen. Wieder Tote und Verletzte. Wieder und wieder. So viele Tote sind zu beweinen. Nicht nur heute. Nicht nur in Nizza.
Noch haben wir kein Wort für diesen Zustand des Nicht-Friedens, den niemand Krieg nennen möchte. Aber bald schon wird diese Zeit einen Namen tragen und die, die nach uns kommen, werden fragen: Wie konnte ihr das zulassen? Wie konntet ihr so leben?
Die Angst, werden wir sagen. Die Angst hat uns verletzlich gemacht. Wir wurden schwach und schwankten zwischen Überreaktion und Verdrängen. Diese Tage, werden wir sagen, diese Tage haben sie alle PokemonGo gespielt, weil sich da die Monster fangen lassen. Weil sie vergessen wollten.
Wir haben ihnen den Spaß gelassen, weil Spaß haben ein Statement war. Eine Botschaft. Wir mussten da raus mit unserem Spaß. Und die Toten, die werden doch auch nicht wieder lebendig.
Die Angst beherrscht, diese Nicht-Friedenszeit. Wir füttern und trainieren unsere Angstmonster, verstecken sie unterm Bett und brüten ein Nest aus. Die Angst will betüdelt werden.
Was waren das für Tage?
Ob wir wirklich wissen, was wir antworten sollen.
Meine Laune heute? Ich sehe mir die Dokumentation „Alleine im All“ an. Genau. Das ist das Problem über das wir uns jetzt unbedingt Gedanken machen müssen. Es lenkt so schön von der Dummheit der Menschheit ab.
Ja, in Ordnung. Ich nehme das zurück mit der Dummheit für das Kollektiv. Obwohl, warum suchen sie so krampfhaft nach intelligentem Leben im All. Vielleicht, weil sie die Intelligenz vermissen.
Nein, schon klar. Das war ein Witz. Die Menschheit neigt zum Wettbewerb. Sie will sich messen. Will sich dem Wettbewerb stellen und was könnte schöner sein, als der Wettbewerb im Universum.
Da wäre vielleicht der Wettlauf zu gewinnen, wer als schnellste Spezie den eigenen Planeten ruiniert. Oder wie nachhaltig er zerstört wird.
Wäre doch schön, das mal im universellen Vergleich festzustellen.
Ja, ist schon recht. Meine Laune ist nicht zur Ansteckung empfohlen. Da sollte ein Warnhinweis aufpoppen. Vorsicht realistischer Augenschein!
Seit Tagen schon ist die Kaltfront angekündigt und ich weiß nicht mal, ob sie einen Namen hat. Ich setze gleichzeitig Hoffnung und Furcht in sie. Die Hoffnung der Hitze zu entkommen. Die Furcht, der Kälte nichts Angemessenes entgegenzusetzen.
Der Himmel macht auf Dramaqueen, die Wolken inszenieren ihren Auftritt gewissenhaft. Der Baum vor meinem Haus holt Schwung im Wind. Gibt sich nicht mit der Nebenrolle ab. Will Dirigieren. Den Einpeitscherjob übernehmen.
Ist das die angekündigte Kaltfront, die den Regen prasseln lässt? Unwetterwarnung und Hochwassergefahr?
Die Temperatur rutscht auf ihrer Skala. Tiefstwerte fordern Respekt. Der Sommer macht Pause.
Ich glaube nicht daran.
Die Kaltfront kommt, aber wir werden nicht vorbereitet sein. Sie ist keine Überraschung und berechenbar. Aber sie wird uns trotzdem kalt erwischen. Einmal weil das ihr Wesen ist, einmal weil wir die Augen und Ohren verschließen.
Es wird kalt in Deutschland. Es ist schon lange kalt auf diesem Planeten.
Wer fühlt wird immer leiden.
Über mir fliegt der Adler am Himmel. Müde bin ich. Verschlafen. Es gelingt mir nicht, ihn zu snapchatten. So ein Mist!
Er sah so schön aus. Majestätisch schön vor dem blauen Himmel. Ich reibe mir die Augen. Der Adler war nicht das einzige, das ich verpasste. Mein ganzes Leben, scheine ich im Traum verpasst zu haben.
Aber den Adler, den habe ich sehr vermisst.
Ich bin gut geworden im Loslassen in den letzten Jahren. Ich bin gut geworden darin, weil ich die Geister und die Göttinnen und Götter täuschen will. Nehmt mir alles, nur nicht das Ein und Alles. Nehmt alles, nur nicht das.
Die Strategie ist durchsichtig und haltbar wie ein Spinnennetz. Nein, stopp! Die Parallele zählt nicht. Mein Zauber wirkt nicht und meine Ängste sind schon im Abwärtsgefälle mitten im Lawinengeröll.
Ich reibe mir zur Beruhigung die Augen ehe ich weine.
Wenn Teilen und Schenken ein besseres Image hätte, als „andere Leute übers Ohr hauen“, dann wäre schon viel gewonnen in dieser Gesellschaft.
Rufus Wainwright nimmt mit 1500 Menschen „Halleluja“ auf. Ich hab so meine Schwierigkeiten mit dem Text. Ich verstehe nicht alles und bin immer vorsichtig mit Texten, die sich mir nicht ganz erschließen.
Jetzt kommt das ABER.
Ich habe eine tolle Erinnerung an einen Tatort in dem das Lied oft gespielt wurde. Mag den Tatort nicht googlen und ihn nicht noch einmal sehen, weil sonst dieses Traumgefühl vielleicht verschwindet. Dieses Gefühl etwas ganz besonderes anzusehen, fast Teil einer ganz besonderen Geschichte zu sein – und vielleicht hab ich mir den Tatort mittlerweile in meiner Erinnerung zurecht gekitscht. Vielleicht gibt es ihn in dieser Form gar nicht und falls das so ist, dann kann die Ursache nur dieser Song sein.

Gärtner sind wir, blumenlos gewordene.
Und stehen auf einem Stein, der strahlt.
Und weinen.
Nelly Sachs die Nobelpreisträgerin der Literatur kämpft in ihren Briefen mit der Grammatik und der Zeichensetzung der deutschen Sprache. Wer bringt jetzt den Literaturkritikern bei, dass es nicht nur eine Integration in die deutsche Sprache gibt, sondern auch eine Ausbürgerung. Oder wäre Verflüchtigung der bessere Ausdruck, wenn dir die Heimatsprache abhanden kommt, weil sie dir ausgetrieben wurde und du flüchten musst.
Mir bleibt die Zeit und der Ort und der Traum. Der Klang der Blicke. Ein schöner Buchtitel. Ein Anlass zum Träumen.
Das Wochenende füllt mich aus. Nicht nur mit Klang.
Vieles ist gut.
man hat mich in Stein
zum Glück wachsen Blumen
und das Unkraut
claudia Juli 8th,2016
Fühlen,
Gedanken,
Leben,
nur für mich,
Poesie,
Vorsicht Literatur! | tags:
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Gemüt,
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Poesie |
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