„Im Dunkel der Ängste den Sternenstaub suchen.“ – Nelly Sachs
Meine poetische Stimmung ist trüb, der Rest meiner Persönlichkeit stabiliert sich.
Alles was passierte, ist das, was sich schon so lange abzeichnete. Das magische Denken, dem sich so viele Menschen hingeben, ist verpufft. Die Strategien der Dreisten und Feisten gehen auf.
Ich werde immer wachsen, auch wenn mich nichts mehr trägt.
Rose Ausländer
Das Zitat passt heute besonders gut. Seid lieb zu euch und den anderen. Wir werden uns gegenseitig noch sehr brauchen.
Das magische, politische Wunschdenken hat nicht funktioniert und die Eskalationsstrategie der Rechten ist wieder aufgegangen. Wie im Bilderbuch. Alles läuft nach Plan. Weil die, die es könnten, den Knoten nicht durch schneiden. Sie wollen sich alle noch ihre Krümmel sichern, die unter den faschistischen Tisch fallen.
Auf der Suche nach kommenden Zeit. Der Bonuszeit. Die, die es obendrauf gibt. Eine Generation vor uns hieß es „Das haben wir uns verdient.“ Gemeint war der RenterInnenkonsum in all seinen Ausprägungen. Es war die Kriegskindergeneration, die überzeugt war, dass ihnen das alles zusteht. Sie hatten viel mitgemacht in ihrer Kindheit und später in ihrem Leben viele Geheimnisse, viel Leid und zwiespältige Gefühle weitergegeben.
Ich empfinde im Moment tiefe Dankbarkeit, dass ich in diesem Lebensabschnitt ankommen konnte. Dass er gestaltbar vor mir liegt. Was für ein Geschenk!
Ein Zitat von Anaïs Nin: „Das Leben schrumpft oder dehnt sich aus, proportional zum eigenen Mut.“
Es ist vollbracht. Heute Mittag bin ich über die Ziellinie gekrabbelt und habe das fremdbestimmte Leben hinter mich gebracht. Pünktlich zum letzten Lebensabschnitt mit fast halbierten Einkommen, sagen sich hier täglich neue Kosten an. Eine Mieterhöhung, die mich ca. 2,5 Rentenpunkte kostet, eine teure Zahnbehandlung und gestern gibt mein Laptop den Geist auf.
Willkommen im neuen Leben.
Ich bin ziemlich schlaflos in diesen Tag gestartet, die Anspannung war wieder deutlich beim Gehen zu spüren. Den ganzen Tag war ich mit Kram beschäftigt und zum Schluss stellt sich heraus, dass ich die einzige Sache, die mir wichtig war im Büro vergessen hatte.
Es sind Wellen. Das habe ich nun verstanden und bin nicht mehr jedesmal verzweifelt, wenn mir heute das nicht gelingt, was gestern noch möglich war.
Mein Radius ist immer noch klein, aber ich erkämpfe mir Sicherheit zurück. Vertrauen in meine Gehfähigkeit. Noch eine Woche im Dienst liegt vor mir und dann kann ich mir die nächsten Kreise vornehmen. U-Bahn-Stationen zum Beispiel. Der Bahnhof wird noch länger warten müssen. Wenn ich den Hauptbahnhof wieder schaffe, dann bin ich wohl über den Berg.
So stelle ich mir das vor. Bei der Heilung spielt die Vorstellung eine größere Rolle als mir je bewusst war. Es war gräßlich, als ich jedes Wellental als Rückschlag ansah. Heute sehe ich den Heilungsprozess als sich abflachende Welle an. Das nimmt mir die Verzweiflungsmomente.
flüchtige Zeichen, die das Dunkel durchschneiden
wie Schatten einer zarten Pflanze,
die einmal Vertrauen war
Der Herbst zeigt sich von seiner fotogenen Seite. Er berührt mein Gemüt. Ich wünsche mir so sehr, dass ich die Kraniche noch sehe, aber es sieht so aus, als wären die meisten schon weg.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie lange mich eine Kranich Sichtung glücklich machen kann. Dieses Jahr hätte ich dieses Gefühl gut brauchen können. Aber wer weiß, vielleicht sehe ich morgen noch welche.