Weinen.
Das ist die angemessene Reaktion auf den aktuellen Zustand.
Tränen für die Toten und die Einsamen.
Tränen für die Abgeschnittenen.
Tränen für eine Gesellschaft, die ihre Ethik nicht verteidigen kann.
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Wäre ich eine Künstlerin, würde ich eine Wein-Performance inszenieren. Eine Demonstration der Tränen. All die Verzweiflung, die Wut, die Trauer, die Ohnmacht will weggeweint werden.
Tag und Nacht und Nacht und Tag.
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In Sachsen heben sie das Sonntagsarbeitsverbot für die Bestatter*innen auf. Soll niemand sagen, dass die Politik untätig bleibt.
Und die Bundeswehr steht bereit, um die totkranken Menschen durch das Land zu schippern. Soll niemand sagen, der Politik seien Menschenleben egal.
Und die Menschen brauchen jetzt Weihnachtsmärkte und Mandelduft, sagt der Oberbürgermeister. Soll niemand sagen, dass nichts für die Psyche der Menschen getan wird.
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Von der Wirtschaft und der kassenärztlichen Vereinigung schweige ich heute lieber.
claudia November 19th,2021
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Ignorieren und wegducken ist jetzt meine Strategie. Die Politik verabschiedet heute ein Gesetz, mit dem sie die einzig wirksamen Maßnahmen während einer grassiert grassierenden Pandemie verhindert. Gleichzeitig mit 65.000 neuer Höchststand an Infektionen. So müde.
So müde. So müde. Müde in allen Schattierungen. In jeder Lautstärke. Müde. Jede Zelle gibt Müdigkeit ab. Verwandelt Zeit in Müdigkeit.
Bin unentschlossen wie meine persönliche Strategie der nächsten Wochen aussehen könnte. Meine mentale Strategie, meine ich. Die praktische Strategie durch die vierte Welle zu kommen, lautet: Kontakte reduzieren. Auf allen Ebenen. Allerdings nicht mehr auf Kosten der Hochbetagten. Das mache ich nicht noch einmal.
Mental schwanke ich zwischen ignorieren und „das halte ich im Kopf nicht aus“. Um durch Krisenzeiten durchzukommen brauche ich Linien. Rahmen. Thesen an denen ich mich festhalten kann.
Für den Beginn der Pandemie habe ich den richtigen Halt gefunden. Nun bin ich mir nicht sicher. Jetzt ist es anders. Jetzt ist alles, was passiert vorsätzlich. Wir werden wieder vierstellige Todeszahlen innerhalb von 24 Stunden bekommen. Geopfert auf verschiedenen Altaren.
Fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge ist kein Synonym für Freiheit. Und Regierungsverweigerung ist tödlich.
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Ignorieren. Wenn es irgendwie geht, entscheide ich mich fürs Ignorieren.
Exponentielles Wachstum gleich in zwei Krisenbereichen. Der Druck wächst von allen Seiten.
Diese Pandemie liefert der Geschichte stimmungsreiche Untergangsbilder. Die Dekadenz schwurbelt vor sich hin und schunkelnd zu Karnevalmusik reißt die vierte Welle täglich ihre Rekorde.
Der persönliche Krisenherd riecht schon ziemlich angebrannt. Aber ein Feuerlöscher ist nicht in Reichweite. Dieser Schwelbrand lässt sich nicht mehr austreten. Das ist sicher.
Fortsetzung folgt.
Dieses tiefschwarze Loch genannt Arbeitsplatz brodelt bedrohlich und stößt toxische Dämpfe aus. Alle Warnleuchten blinken, alle Warnsignale heulen.
Niemand ist unverletzlich, jede ist verwundbar.
In mir regt sich ein kleines Seelenwesen, das die Freude am Widerstand anfacht. Nicht übermütig werden, flüstere ich.
Das kleine Wesen kichert höhnisch.
Im Traum geben mir ungeliebte Menschen Gepäck mit, das ich nicht ablehnen kann. Oder darf. Das ist nicht klar. In meinem Unterbewusstsein nimmt die Angst Anlauf. Ich verbot ihr das Betreten meines Gemüts schon vor einiger Zeit, jetzt versucht sie es durch die Hintertür.
Langsam erkenne ich das Motto der neuen Corona-Strategie: Volksbeschimpfung scheint gerade sehr in. Angewandt wird es von Politiker*innen und dem beschimpften Volk gleichermaßen lautstark.
Jetzt in der vierten Welle wird klar, dass meine schlimmsten Befürchtungen zu Beginn der Pandemie alle – wirklich alle – eingetroffen sind.
Noch hoffe ich, dass es mir gelingt, diese Weltenangst abzuschütteln. Sie ist unnützt. Ballast, den ich nie hätte aufnehmen sollen.
Heute Nacht im Traum flatterte ein Schwarm Stieglitze um mich herum und trieb mich vor sich her.
Meine Untergangsphantasien märchenhaft verpackt.
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Mich nach meiner letzten Lektüre daran erinnert, wie wichtig Freundlichkeit und Höflichkeitsrituale sind. Wie schnell sie eine Atmosphäre schaffen. Wie schnell das Gift um sich greift, wenn sie fehlen.
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Ich würde so gerne diesen Sonntag festhalten. Ihn anhalten. Die Bremse ziehen. Aber der Alltag wird weiter rollen. Diese vierte Welle wird alles durcheinander wirbeln. In der Zwischenzeit verhandeln andere einen Koalitionsvertrag, begleitet vom allseits beliebten Kröten schlucken. Jeweils im Tausch gegen eine Personalie. Da können es gerne ein paar Kröten mehr sein.
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Und wieder rollt die Welle. Ungebremst in diesem Herbst. Die politische Verantwortungslosigkeit schreit zum Himmel, gemeinsam mit ihren Schwestern Korruption und kriminelle Energie.
Ich sehe weg und höre nicht mehr hin. Es gibt so viele Bereiche, da möchte ich einfach nicht mehr dazu gehören. Was hat das alles noch mit mir zu tun?
Es ist November. Grauer November. Ich zähle die Wochen durch und die Wochenenden. Gut planen ist eine solide Selfcare-Maßnahme. Keine Lücke im Kalender. So vieles auf Kante genäht. Und dann ist da noch die seit Jahren immer wieder aufgeschobene Entscheidung. Da braucht es einen Freundschaftscut. Einen Schnitt, der lange fällig ist. Wenn er nur nicht so weh tun würde.
Wort für Wort
nähern wir uns
immer in der Gewissheit,
dass das nächste
uns auseinander bringt.
Status: Leben in Zeiten einer Pandemie-Achterbahn.
Auf dem politischen Zielschild steht „Normalität“ geschrieben. Meine Eltern im Pflegeheim tragen sichtbar „Verzweiflung“ im Herzen und in der Seele.
Auf dem Fußballplatz schreien Millionäre ihre Privilegen lauthals in die Ränge.
Im Büro ringen wir diskret um Fassung.
Das ist keine Welle, das ist ein Tsunami. Ein Tsunami der Gefühle der Disziplinierten und Regeleinhalter*innen. Wir fahren ohne Netz und doppelten Boden in den Infizierungs-Loop. Schnappen nach den letzten Präsenzkontakten. Alles wird gut.
Nichts wird mehr gut.