Du kannst immer dein Leben ändern: du musst nur die richtige Tasche packen.
Ich erinnere mich. Taschen packen war damals eine Routinesache und für jeden Zweck gab es eine ganz eigene Pack-Philosophie. Allerdings galten immer zwei Regeln:
1. Nur so viel einpacken, dass du alles bequem tragen kannst.
2. Immer etwas für die Seele und für das Gemüt dabei haben.
Wahrscheinlich konnte ich mir das damals gut vorstellen. Hab es ja auch einmal tatsächlich gemacht: bin mit einer Tasche aus meinem Leben spaziert. Voller Traurigkeit und mit schwerem Herzen.
2022 hat also begonnen und tarnt sich noch. Sitzt unspektakulär in der Ecke, hält allerdings ein Omikron-Warnschild hoch und auf seinem T-Shirt feiert es die vierte Welle.
Ansonsten alles wie gehabt. Die Politik verbreitet gekonnt den verbalen Unsinn, den sie in zwei Jahren Pandemie eingeübt hat. Die Wirtschaft soll weiterlaufen und da müssen ein paar Opfer auf den Altar. Freizeitbeschäftigung findet im Augenblick durch unzählige Varianten des Ausdeutens und Beschimpfens von Pandemie-Undisziplinierten statt. Ach, ach, da gibt es vielfältige Spielfelder. Für jeden Charakter ist etwas dabei.
************
Dennoch gehe ich hoffnungsvoll in dieses Jahr. Es riecht nach frischem Karma und alten Träumen. Am Horizont leuchtet ein heller Schein. Vielleicht eine Fata Morgana.
Morgen 15 Grad, kündigt die Wetter-App an und ich weiß nicht, ob das eine Drohung ist. Den Dienstkalender habe ich schon abgeheftet, die Termine für morgen bleiben mir auch so im Kopf. Es fühlt sich nicht richtig an, dass das Jahr zuende geht. Eher so, als hätte es gar nicht stattgefunden. Dabei habe ich mehr denn je gearbeitet. Keine richtige Pause, es ist immer Krisenmodus.
Es gibt in dieser Wohnung keinen Kaminofen und kein offenes Feuer, sonst wäre es eine Option in die Flammen zu schauen und zu meditieren. Träumen von besseren Zeiten und Welten. Von Solidarität, Verantwortung und Menschlichkeit.
Ich habe mir vorgenommen, die Pandemie vor der Haustür stehen zu lassen. Sie für ein paar Tage aus dem Kopf zu kriegen. Aber gleichzeitig will ich eine Entscheidung treffen bei der die Pandemie eben nicht außen vor bleiben kann.
Nicht weniger als die Quadratur des Kreises, das kennen wir mittlerweile alle.
Meine Zuversicht steigt und fällt im Stundentakt. Selbst professionelle Sich-Sorgenmacher*innen kommen in diesen Tagen an ihre Grenzen.
Raus, raus aus dem Kopf! Hatte ich mir das nicht vorgenommen?
„Um 14 Uhr schneit es in Frankfurt“, raunt mir die Wetter-App zu. Normalerweise ist sie zuverlässig, aber heute scheint sie zu großen Sprüchen aufgelegt.
Ich atme, ich spiele, ich esse Schokoladeneis.
Es wäre längst an der Zeit, einen Jahresrückblick zu schreiben, einen Pandemierückblick vielleicht.
Ich setze mich lieber in die Ecke und stricke die Socken weiter. 20 % Seide und einen hohen Wollanteil. Der reinste Luxus zwischen meinen Fingern. So fühlt sich Zuversicht an.
Lerne die Gedichte von Louise Glück kennen und möchte mich andächtig auf den Boden werfen und lauschen.
Still, Liebes. Es bedeutet mir nichts, wie viele Sommer ich lebend zurückkehre: in diesem Sommer haben wir die Ewigkeit betreten. Ich fühlte, wie deine beiden Hände mich begruben, um ihre Herrlichkeit zu entbinden.