Die Deutsche Bahn bedauert, dass meine gewählte Reiseverbindung nicht mehr möglich ist und bittet mich eine alternative Verbindung zu wählen. Die Suche nach der eben von der Bahn verworfenen Verbindung hat ziemlich lange gedauert. Nicht sehr verwunderlich, weil es in die Pampa geht und viele Umstiege involviert sind. Also gilt es eine neue, längere Verbindung zu suchen. Eine Verbindung, von der jetzt schon feststeht, dass sie sich nicht realisieren lässt. Irgendwo bei den vielen Umstiegen wird es schief gehen. Mir wird also nichts anderes übrigbleiben als auf den Abenteuermodus Bahn umzuschalten, wenn ich die Reise antrete. Mein Gehirn und mein Nervensystem darauf einstellen, dass der Weg mit zum Ziel gehört. Es ginge etwas zu weit, wenn ich sagen würde, der Weg sei in diesem Fall das Ziel. So spirituell bin ich dann doch nicht aufgelegt. Ich werde mich dem System Bahn ergeben müssen und darauf vertrauen, dass ich irgendwann schon ankommen werde. Es ist noch eine Weile hin bis zur Fahrt. Die Bahn kann sich also noch ein paar Überraschungen für mich ausdenken. Vielleicht ist das gerade eine Zeit, an dir wir später zurückdenken als die Zeit, als wir das Risiko Bahn noch auf uns nehmen konnten. Als das noch keine waghalsige Option war. Nur eine unangenehme.
Unter den Platanen raschelt das Laub und erinnert an den Herbst. Wenn da nicht der wolkenlose Himmel über uns wäre. Und die 32 Grad mit denen der Einstieg in die neue Hitzewelle beginnt. Mein Verstand weiß sehr genau, was uns in nächster Zeit erwartet, aber Herz und Gefühl zögern noch. Sie wollen noch nicht mit in Richtung Klimakatastrophe laufen. Als ob sie eine Wahl hätten!
Ich lebe mein Leben still und kleinlaut vor mich hin. Sortiere alles aus, was ich nicht ertragen kann. Konsequent und hartnäckig. Egoistisch. Barmherzig mir selbst gegenüber.
August. Schon wieder August. Der Sommer schmilzt in der Hitze sprichwörtlich zu einer difusen Erinnerung. Heiß. Einfach heiß. Bis auf heute. Heute ist Hitzepause. Sogar ein bisschen Regen haben wir abbekommen. In den vergangenen Wochen, haben sich die Regenwolken immer nur oben oder unten vorbeigedrückt. Oder sie haben sich ganz in heiße Luft aufgelöst, bis sie bei uns angekommen waren. Jedenfalls vergeht dieser Sommer und hinterlässt kaum mehr als eine Hitze-Erinnerung.
In der Zwischenzeit gehe ich weiterhin ins Sportsstudio und habe zusätzlich einen weiteren Sportkurs belegt. Es ist notwendig. So fühlt es sich für mich an. Es ist anstrengend, zäh und notwendig. Spaß macht das nicht, aber es schafft ein Gefühl der Zufriedenheit. Nicht gleich danach, aber insgesamt. Mehr kann ich nicht erwarten. Zufriedenheit ist ja ein gutes Gefühl.
Ein tiefes Gefühl.
Ansonsten bin ich sehr passiv. Kaum Fotos. Kaum Aktivitäten auf SocialMedia. Ich lese und lese und lese. Als könnte ich einen Rekord aufstellen. Als müsste ich alle Bücher der Welt mal gelesen haben. Ich lese und sauge das Gelesene in mich auf. Es verschwindet in mir.
Bei uns um die Ecke hat ein Konditorei-Café aufgemacht, das mein Herz zu schmelzen bringt. Oder meinen Magen. Und meine Verdauung. Ich stehe wie gebannt vor der Thecke und schaue mir die Meisterwerke an. Eins schöner als das andere.
Meine Vergnügungen und Alltagsfreuden sind übersichtlich geworden. Vielleicht auch demütiger. Bewusster auf alle Fälle.
Was ich ganz und gar nicht geniese ist mein neuer Sportkurs. Für Anfängerinnen geeignet. Haha. Bin nicht sicher, ob ich mir dabei noch mal meine Gliedmassen ausrenke. Manchmal konzentriere ich mich so sehr auf die Koordination, dass meine Balance total aus dem Gleichgewicht gerät. Nun ja. Ich nehme meine Schwäche hin, hab ich immer schon so gemacht. Bin neugierig genug um weiterzumachen. Jedenfalls fürs erste. Wie lange, wird sich zeigen. Ansonsten bin ich immer noch im Lesefieber. Ich lese und lese und lese. Hab Bücher aus zwei Büchereien ausgeliehen und bei der Onleihe. Zu meinem Unglück gibt es aber auch noch den Bücherschrank und den Büchertisch vor dem Antiquariat. Der Lesestrom wird also lange nicht versiegen. Das Leseparadies ist schon auf Erden angekommen.
Es sind die Jahre, die im Zeichen der Demut stehen. So viel erreicht. So viel erlebt. Ich hab mich am Leben entlanggehangelt und nun blüht es ruhig vor sich hin. Ein paar Früchte hängen am Lebensbaum.
Vielleicht ist das gerade, die schönste Zeit in meinem Leben. Die entspannteste Zeit in meinem Leben. Eine Ruhepause der Sorgen.
Ich wache morgens auf und freue mich eine Senorin zu sein. Es bleibt noch Zeit. Kostbare Lebenszeit. Erfürchtig schaue ich zurück und nehme mein Staunen mit in die kommenden Tage.
Die Wetter-App trollt auf einem neuen Level. „Regen in der Nähe“ schreit sie durch die schwüle Luft. Seit gestern ziehen die Gewitter rechts und links, nördlich und südlich an uns vorbei. Manchmal halten sie den Kurs ein und verschwinden auf dem Regenradar, wenn sie in unsere Nähe komme.
Ich gebe es ungern zu, aber ich leide. Ich leide an der Hitze, ich leide an der Schwüle, ich leide an den schlaflosen Nächten. Dass für heute niedrigere Temperaturen angesagt wurden, hielt mich aufrecht, all meine Hoffnung lag darauf. Aber die Schwüle setzt mich auch so außer Kraft.
„Regen in der Nähe“ als Buchtitel würde mir das gefallen. Als Statusanzeige der Wetter-App wächst meine Verzweiflung.
Die Sammelmappe erinnert mich daran, dass sich mein Leben vor dreizehn Jahren sehr veränderte. Hoffnungsvoll bin ich in dieses neue Leben gestartet und privat haben sich alle meine Hoffnungen erfüllt. Ich bin dort angekommen, wo ich mich wohlfühle. Seit diesem Umzug ist wohl kein Tag vergangen an dem ich nicht froh war, damals diese Entscheidung getroffen zu haben. Ich fühle mich immer noch so wohl in meiner Wohnung. In meinem Viertel, in meinem Leben.
Nur wie sich die Welt außenrum entwickelt, das hätte ich vor dreizehn Jahren nicht so schlimm eingeschätzt. Und das obwohl ich doch im Grunde meines Herzens eine Pessimistin bin. Aber so pessimistisch zu sein, hätte ich mich nicht getraut.
Nun ja. Jetzt sind die Zeiten wie sie sind. Damit gilt es zu leben.
Das Publikum in der Sonntagsvorstellung am Mittwoch war zu 98% weiblich und zu gefühlt 80% über 80 Jahre alt. Einige von den Frauen, waren sicher schon lange nicht mehr im Kino gewesen und haben sich in den Saal geschleppt, um den Film mit Sandra Hüller über Ingeborg Bachmann zu sehen.
Auf mich wirkte er sehr berührend und genauso wie ich es mir gewünscht hatte, nachdem ich den Trailer dazu so oft sah.
Die Mischung aus Spielszenen und dokumentarischem Material war gelungen und die Atmosphäre des ganzen Films war intensiv ohne düster zu werden. Viele der Zitate, die im Film vorkamen kannte ich. Das schuf bei mir eine große Vertrautheit. Es war schön, dass der Film ohne Klatsch auskam. Ich hätte ihn umgehend noch ein zweites Mal anschauen können, so sehr war ich im Bann dieses Films. Für diesen Film, die besten Szenen und Zitate auszuwählen ist sicher ein schwieriges Unterfangen. Es hat sich gelohnt.
Für mich auf jeden Fall und ich bin sicher, dass es den Ü 80 Frauen, die sich am Sonntag ins Kino schleppten ähnlich ging.