Journal14032020

Pi-Day.

Ausnahmetag. So wie jetzt viele Tage zum Ausnahmetag werden.

Immer schwanke ich zwischen dem Gefühl, des Ausgeliefertseins und dem Gefühl, alles getan zu haben, was eine verantwortungsbewusste Person eben so tun sollte. In dieser Situation.

Immer wieder komme ich an den Punkt, an dem ich innerlich zur Ruhe komme, aber plötzlich schrecke ich wieder auf, mir scheint, dass ich etwas vergessen habe.

Heute ein Gespräch geführt, das mich sehr nachdenklich gemacht hat. Weißt du, sagt er zu mir, sie kommen am Montag und testen. Falls dann ein Coronafall dabei ist, wird die Einrichtung zugemacht und nicht jeder weiß dann wohin.

Nicht jeder Mensch hat ein Zuhause. Nicht jedes Zuhause ist ein geschützter Ort. In Krisenzeiten kommen die Ungerechtigkeiten noch mehr zum Tragen.

Am Vormittag dann zum ersten Mal tatsächlich auf Hamsterer im Reallife getroffen:

Heute vormittag in der Stadtbücherei in der Kinderbuchabteilung. Hohe Stapel Bücher und Medien trugen die Kleinen und ihre Eltern davon. Hab mein Vorhaben noch etwas auszuleihen aufgegeben, weil die Schlange so gigantisch war.

Die Bücherei ist heute das letzte Mal geöffnet.

Das Bundesgesundheitsministerium verkündet:

❗️Achtung Fake News ❗️
Es wird behauptet und rasch verbreitet, das Bundesministerium für Gesundheit / die Bundesregierung würde bald massive weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens ankündigen. Das stimmt NICHT!
Bitte helfen Sie mit, ihre Verbreitung zu stoppen
.

In der Zwischenzeit schließen öffentliche Einrichtungen bzw. werden geschlossen. Spanien, Frankreich machen fast alles dicht. Nur arbeiten, essen kaufen und zum Arzt gehen ist noch drin. Mir wäre recht, wenn dieses arbeiten noch rausfallen würde. Aber das ist wohl das Steinchen, das die Pyramide zusammenhält.

Manchmal schaue ich auf und sehe, wie es um mich herum grünt, blüht und gedeiht. Dann denke ich kurz: Ach ja, Frühling wird es auch.

Zahlen des Tages: 4200 und 8

Geschätzt, denn das Robert-Koch-Institut hängt zwei Tage mit den Zahlen für Deutschland hinterher und in den Nachrichten nennen sie die Zahlen der anderen Länder, nur nicht die aus Deutschland. Ein Schelm, wer sich dabei was Böses denkt.

Journal13032020

Hab mich zu Fuß auf den Weg ins Büro gemacht und 70 min für 5,5 km einfach gebraucht. Obwohl ich Glück mit den Ampeln hatte. Zurück bin ich ohne Zeitnahme gelaufen. Eingehandelt habe ich mir eine Blase am Zeh. Erspart die möglichen Viren in der U-Bahn.

Sorgen mache ich mir um die, die nicht ins Homeoffice können. Um die die vorne stehen. Seit Jahrzehnten. Immer und immer wieder.

Keine Ahnung, was am Montag sein wird.

Besser nicht die Phantasie einschalten.

Bildbeschreibung: Mein verschwommenes Spiegelbild im Glas des Bild mit dem Titel „Errechnetes Glück“, im Hintergrund spiegeln sich zwei Grafiken, die über meinem Bett hängen und in der Mitte die Lampe mit handgesponnener Wolle gestrickt.

Zahlen des Tages: wahrscheinlich 3600 zu 8

Journal12032020

Den #12von12 vergessen. Keine Fotos von diesem Tag. So langsam läuft sich der Krisenmodus warm. Wäre wirklich schön, wenn mehr Menschen verstehen würden, dass Vorsicht ein guter Ratgeber sein kann und nicht unbedingt mit dem Burschen Panik verbrüdert ist.

Trauer liegt hier in der Luft. Wie eine Glocke überzieht sie den Raum zum Atmen.

Ich muss langsam lernen ohne die U-Bahn auszukommen. Da das Fahrrad für mich ausfällt bleibt mir nur zu Fuß zu gehen. Uff. So weit.

Zahlen des Tages: 2369 und 5

Ab nächster Woche zählen sie anders. Selbst die Zahlen geraten ins Wanken.

Hiobsbotschaften

Über dem Hang leuchten die Lichter. Eins davon gehört zu dem Trauerhaus in dem die Töchter um ihre Mutter weinen.

Es ist ein trauriger Tag. In so vieler Hinsicht. Auch aus der anderen Himmelsrichtungen kommen Hiobsbotschaften an, die das Herz schwermachen.

Tränen für den Augenblick und die Vergangenheit.

Dazwischen die Kopfschüttel-Entscheidungsträgerinnen. Eine geballte Ladung an Inkompetenz und Menschen in strategischen Verantwortungspositionen, die nicht an das Virus glauben.

Super. Ganz super.

Ach, ich weine.

Zahlen des Tages: 1500 3

Journal10032020

Die traurigste Twitter- Timeline ever. Vielleicht fühlt sich so the End of the f***ing World für die Ü60er an.

Der Covid-19-Virus holt das Schlechteste in der Menschheit hervor. Kackbraune Mäntelchen wehen im Wind. Angeklammert an Stangen mit der Inschrift „Inkompetenz“.

Und ich kann euch sagen: sie wehen so gut. Den Geruch überriechen wir mal lieber.

Wir tanzen nie auf dem Vulkan.

Wir bauen eine verbotene Stadt. Mit ganz besonderen Regeln. Dem Himmel nah.

Im Viren Nebel.

Zahlen des Tages 1200 2

Journal09032020

*** Lebensticker *** mehr als 1000 Corona-Invizierte *** zwei Tote *** aber die sind ja auch schon schrecklich alt gewesen *** dreimal Schnappatmung verursacht durch zwischenmenschliche Grausamkeit *** Vollmond *** Börsencrash *** Ölcrash *** Menschenrechtscrash *** Vorfrühling *** Sturheit *** die Macht der Schwachen *** kalt geträumt *** Nachhall *** Panik im Griff *** zur Seite stehen *** Außengrenzen *** 

Journal08032020

Weltfrauentag. Coronavirus. Das Leid der Geflüchtenden an der Grenze. Die Trauer über die Ermordeten in Hanau. Die Sorge um die Kranken, die Schwachen.

Alles auf einmal. War das schon immer so?

Wahrscheinlich schon.

Heute morgen las ich beiläufig die Forderung nach einer EU-weiten Gesundheitsstrategie im Krisenfall. Nach einer Art Robert-Koch-Institut für Europa.

Vor einem oder zwei Jahren hätte ich das noch für eine gute Idee gehalten, aber jetzt wo sich die Rechten in alle Ecken der EU einnisten, stockt mir bei diesem Gedanken der Atem. Über die klassische Seuchenbekämpfung lassen sich so viele Überwachungsszenarien und Diskriminierungsmaßnahmen einführen, allein der Gedanke gruselt mich.

Andererseits ist es ein Armutszeugnis, dass im Moment nicht mehr passiert, um das Virus einzudämmen. Sie lassen munter die Menschen in die Fussballstadien und so ein Lackaffe von der krankenkassenärztlichen Vereinigung redet dummes Zeug.

Fast wäre ich in Versuchung zu sagen, wie ist der denn an seinen Job gekommen?

Dabei weiß ich doch sehr gut, wie das in diesen Zeiten geht.

Journal07032020

Hab den Überblick verloren. Lebensfreude gefunden. Mich geborgen gefühlt. Aufgeatmet über schlechte Nachrichten, sie hätten noch schlechter sein können.

(Bildbeschreibung: Nächtlicher Blick vom Balkon auf das erleuchtete Stadion am Bornheimer Hang)

Jeden Tag fühle ich mehr, dass sich mein Energiereservoir leert. Peinlich genau achte ich auf meinen persönlichen Akkustand. Der darf nicht zu sehr absinken. Hab noch was vor.

Ein, zwei, drei, vier Sachen hab ich noch vor im Leben. Nicht viel, nicht groß, aber wichtig für mich.

Journal04032020

Keine Ahnung womit dieser Schwung Optimismus, der in mir wächst, sich nährt.

Er drängt sich zur Oberfläche, obwohl es keinen äußeren Anlass gibt. Zu viel Last lässt sich auf Dauer nicht tragen.

Ich fühle in mich hinein und nehme ein kleines Pflänzchen wahr. Zwischen Trauer, Angst, Scham regt sich Lebensfreude.

Kein lautes „Jetzt erst recht“.

Eher ein stilles „Ich bin noch da mit meiner Liebe“.

Journal02032020

Ich sehe weg. Schweren Herzens, aber mir bleibt keine Kraft mehr. Keine Energie. Keine Idee. Kein Vertrauen, dass sich an den Grenzen etwas zum Guten wenden könnte.

Tief durchatmen hilft nicht mehr. Das Leid hat System und die Gewalt hat die Macht.