Zuhause. Kontaktverbot zweiter Tag. Kein Ende in Sicht. Dienstlich macht sich die Erkenntnis breit, dass Lösungen für die Zeit nach den Osterferien gesucht werden müssen.
Der Frühling lacht uns aus. Mit kaltem Wind und strahlendem Himmel.
Beim Einkaufen hab ich einen Kloß im Hals. Handschuhe trage ich dabei, damit ich mich sicherer fühle. Schon seit Wochen.
Der Bus fährt um die Ecke, er ist ganz leer. Der Fahrer sitzt schon eine Weile hinter dem Absperrband. Gestern standen in der Apotheke, die Frauen mit einem durchsichtigem Gesichtsschutz. Wie bei Feuerwehrmenschen nur ohne Helm. Es sah schick aus. Improvisiert und cool.
Trauen Sie nur den seriösen Quellen, sagen sie. Kampf gegen die Fakenews, sagen sie. Informieren Sie sich, sagen sie.
Für die Informationen rund um Infektionskrankheiten ist in Deutschland das Robert-Koch-Institut zuständig. Ganz formell und offiziell. Aber es macht eine schlechte Figur in diesen Tagen. Eine ganz schlechte Figur. Letzte Woche verschätzen sie sich bei der Berechnung des Anstiegs der Corona-Infizierten-Zahlen. Am Wochenende veröffentlichen und verbreiten sie Zahlen, deren Informationsgehalt sie später abschwächen mit dem Hinweis, dass am Wochenende weniger Meldungen von den Gesundheitsämtern eingehen. An dem Wochenende an dem die Bundeskanzlerin und die Länder entscheiden, ob es schärfere Maßnahmen gegen die Verbreitung des Covid 19-Virus braucht!
Heute verbreitet der Präsident des RKI, dass sich nicht alle Menschen an die Regeln halten. Woher nimmt er diese Expertise?
Ach ja, und ihre eigenen Regeln dafür wie medizinisches Personal nach dem Kontakt mit einem Coronavirus-Infizierten umgehen kann, falls Personalmangel herrscht, die hat das Robert-Koch-Institut jetzt auch verändert. Aufgeweicht passt besser: Unter anderem könnten Betroffene dann nur sieben statt 14 Tage in häusliche Quarantäne oder unter bestimmten Bestimmungen sogar arbeiten.
Regeln dieser Qualität könnte auch ich aufstellen. Lasst mich mal ran. Das kann ich auch.
Zahlen des Tages: 30 000 und 118 und 422 Genesungen
Meine Selbstberuhigungsstrategie wirkt. Ich mache mir wegen dem Virus erst wieder Sorgen, wenn er es in meinen inneren Zirkel schafft.
Für meine sich sorgende Seele gibt es schließlich noch genügend andere Themen in dieser Welt. Ist ja nicht so, dass einem die Sorgen ausgehen müssen. Trotz Sorgenhamsterei.
Der Frühling lacht uns aus.
Er haut uns unter blauem Himmel die Kälte und die Viren um die Ohren.
2013 klang das bei mir noch so:
auf das Frühjahr wird immer gewartet weil es die Illusion mit sich bringt dass sich jemals etwas ändern könnte
Bildbeschreibung: Balkonkräuter vor grünem Hintergrund, leicht verdeckt eine blaue Glaskugel
Ausgangsbeschränkungsbalkonblick
Es ist kalt draußen und der Wind pfeift und heult um die Häuser. Heute passt das Wetter besser zum Zustand der Welt.
Passt gut auf Euch auf Ihr Lieben. Es ist eine besondere Zeit. Wir brauchen uns alle noch.
Zahlen des Tages kenne ich noch nicht. Aber jetzt weiß ich, dass es noch eine dritte wesentliche Zahl gibt, die der Menschen, die wieder gesund geworden sind.
Drei Stunden Schlaf heute Nacht. So langsam wird es kritisch mit mir. Heute morgen entschieden, dass ich mich nicht weiter sorge, denn krank ist noch keine von meinen Lieben. Falls ihr jetzt meint, daß ließe sich nicht so einfach entscheiden, muss ich widersprechen.
Manchmal klappt das. Deshalb ist es jetzt auch gerade meine Handbremse. Wo sollte das sonst noch enden?
Beim Einkaufen halte heute alle Abstand. Auf 1,5 m kommt er zwar nicht, aber einen guten Meter halten alle ein. Das beruhigt. Draußen das schönste Frühlingswetter. Wie jedes Jahr und doch so anders.
Ich werde die sein, die euch das Fussspray weghamstert. Und das Blasenpflaster.
Jede Erwähnung der Hamsterei führt zu neuem Hamsterverhalten. Wir sind da in einer Schleife gefangen. Haha, das Hamsterrad führt uns dieses Mal direkt ins Unvorhersehbare.
Menschen möchten sich ihren Alltag erhalten, das ist gut nachvollziehbar.
Geht mir in Teilen genauso.
Es sind diese wunderbaren ersten Frühlingstage, die dieses Mal so überschattet werden.
Seit zwei Tagen schlafe ich mit Igor Levit ein. Ich lege ihn mir neben das Kopfkissen und lasse die Musik wirken. Ich, die Musik-Analphabetin, lausche und träume mich in die Welt der anderen Seite der Nacht.
Es ist gerade ziemlich gruselig in die Abgründe der Twitter-Seelen zu sehen.
Ich lasse mir von der Sonne die gute Laune herbeikitzeln. Sortiere meine Lebensmittel nach Haltbarkeitsdatum und sehe zu, dass ich dem dienstlichen Krisenmodus gewachsen bin.
Morgen kann ich wieder in die Arbeit gehen, der Bann wurde aufgehoben. Entwarnung. Das Wort ist gerade so leer.
Apropo Arbeit und Laufen, meine Füsse wollen nicht so recht. Sie sind schon immer recht anspruchsvoll, Schuhe sind irgendwie nicht für meine Füsse gemacht. Ich tröste sie mit Salben und Cremes. Die Reihe der Schuhe im Flur wird immer länger. Eingeteilt stehen sie da, kategorisiert nach der Anzahl der Schritte, die sie ertragen und wann sie zum letzten Mal getragen wurden.
Wenn die Kirchen schließen, dann ist das Leben tot, sagt eine Frau vor der Bäckerei. Noch ist es nicht tot, denke ich bei mir. Es lebt sich nur anders.
Der Spielplatz vor dem Haus ist abgesperrt und die Kinder verstehen die Welt nicht.
Beim DM sitzen die Kassiererinnen hinter Plastikfolie, den ersten Schutz in dieser Hinsicht den ich sehe.
Immer noch schaltet mein Krisenmodus ständig um zwischen „ich hab an alles gedacht“ und „um Himmelswillen ich bin nicht vorbereitet“. Nun hat mein Gemüt noch einen anderen Schalter entdeckt, mit dem es sich gut spielen lässt. Damit lässt sich die Dringlichkeit des dienstlichen Krisenmodus ganz rasch von 0 auf 10 stellen und wieder zurück.
Ich bin nervös und betrachte mein Umfeld genau. Beim Einkauf halten alle plötzlich mehr Abstand ein. Manche rechnen in der nächsten Woche mit der Ausgangssperre, das Personal des Supermärkte weiß nicht, ob sie geöffnet bleiben. Wir sind so klein, sagen sie. Ich wundere mich über diesen Zusammenhang und nehme Ihre Angst zur Kenntnis.
Die Apotheke ist – abstandsbedingt – überfüllt. Alle haben ernste Probleme und werden ruhig beraten. Ein ihnen bekannter, sichtlich aufgeregter Kunde wird beiseite und bevorzugt drangenommen. Er erhält ein Desinfektionsmittel und ist verblüfft, als ihm die Apothekeangestellte nicht nur Einmalhandschuhe anbietet, sondern auch noch Auswahl bei der Größe anbietet. Ich decke mich mit Allergiemittel ein. Wenn ich in dieser Pollenfalle in den nächsten Wochen aushalten muss, dann brauche ich wenigstens entsprechendes Dope dazu.
Ich drücke dem Paketboten die Tür auf und er klingelt wie verrückt weiter. Beschämt gewinne ich den Wettkampf und er ruft mir über die Treppe zu: Wir dürfen die Pakete nur noch unten abgeben. Ich drücke ihm das Trinkgeld in die Hand und entschuldige mich.
Meine Nervosität steigert sich dienstlich bedingt und endet damit, dass ich im Supermarkt ein Glas Kirschen runterwerfe. Volltreffer. Hab es nicht gesehen und über die Kante geschubst.
Den Geist niederlegen, bis der Schmerz ein Lebenszeichen gibt.
Meine Seele seufzt sich die Lage zurecht.
Zahlen des Tages: 8000 und 20 dabei ist es erst 17 Uhr
Der ungewöhnlichsten Montag meines Arbeitsleben. Seit Freitag hat die Corona-Krise so dermaßen an Fahrt aufgenommen, dass einem schwindlig werden konnte.
Da stehen wir also, wir armen Tröpfe und die Realität pustet uns unsere Wichtigkeit vom hohen Roß.
Eilverfügungen, verbindliche Erlässe. Notbetrieb. Alles wird runtergefahren und ausgesetzt. Von vielen Kolleginnen und Kollegen verabschiede ich mich bis in vier Wochen. Frühestens. Sie packen ihre Sticks und gehen in die Heimarbeit.
Ich erhalte eine Mail, darauf steht ich sei jetzt eine Kontaktperson. Nur eine mittelbare, aber für zwei Tage bin ich auch verbannt. So schnell kann es gehen.
Als ich das Gebäude verlasse, ist es abgesperrt und mit Hinweisen versehen. Die Zeiten sind zu kompliziert, als dass sich jemand traut einfach „geschlossen“ dranzuschreiben.
Auf dem Heimweg komme ich ins schwitzen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Zuviel Gepäck und eine dicke Jacke, die mich in der Mittagssonne fast erstickt. Die Lektion habe ich schnell gelernt, wenn ich mich wieder auf den Fußweg mache, darf ich nicht zu viel mit mir herum schleppen. Jedes Gramm zählt. Wie beim Bergsteigen.
Dass an den Bussen vorne Hinweise kleben, sah ich gestern schon. Heute sehe ich, dass sie den vorderen Bereich mit Absperrband verklebt haben.
Den ganzen Nachmittag und am Abend kommen noch dienstliche Mails rein. Nur eine beunruhigt mich, obwohl sie inhaltlich eher nebensächlich ist: Die Personalratswahlen werden wahrscheinlich verschoben. Bis zu einem Jahr sind im Gespräch. Mir wird mulmig, als ich das lese.
Morgens dieser erstaunte Moment, als ich las, dass die Pharmafirma, die Trump aufkaufen wollte dem Fußball-Hopp gehört. Der, der sich sein gutes Gewissen erkaufen möchte. Wenn er durchhält, hat er einen Coup gelandet.
Ansonsten beruhigt es mich, wenn ich von möglichst vielen Menschen höre, wie es ihnen geht. Was ihnen ihr Alltag für Sorgen mit sich bringt und wie sie damit umgehen. Ich muss mehr wissen in diesen Tagen um mich zu beruhigen.
Es nimmt mich mit. Das Virus. Die Menschen und die Sorgen.
Ich bin so müde.
Mein Körper würde jetzt gerne in einen sechswöchigen Corona-Schlaf fallen.
Zahlen des Tages: Es gibt so viele verschiedene, ich nehme heute mal die der Johns Hopkins University. 7174 und 13
Aufschreiben, was passiert. Die Geschehnisse verarbeiten. Abgleichen mit dem, was andere erfahren.
Ich lese von Entschleunigung. Das würde ich mir wünschen. Als introvertierte Person sowieso. Aber ich erlebe keine Entschleunigung, ich erlebe Krisenmodus. Ständig sind Entscheidungen zu treffen, aber wie sollen sie getroffen werden, wenn die Rahmenbedingungen unbekannt sind.
Manchmal träume ich davon, dass die Menschheit aus dieser Situation etwas lernt. Solidarität zum Beispiel. Aber dann heißt es in den Nachrichten, dass Trump sich exklusiven Zugang zu einem Medikament verschaffen möchte. Wo das Geld ist sitzt die Macht. Auch und gerade in der Krise.
Am Mittag meldet die Deutsche Bahn, dass sie den Regionalverkehr auf einen Krisenfahrplan umstellt. Das Netz zieht sich langsam zu.
Ruhe bewahren. Ich verstehe nicht warum alle ständig das P-Wort verwenden. Weiß doch mittlerweile jede, dass sich im Gehirn die Negation nicht einprägt. Der rosa Elephant steht dadurch laut trompetend im Raum.
Ruhe bewahren und aufmerksam sein.
Hab heute etwas von einem Pandemie-Plan gelesen, den jeder Haushalt für sich aufstellen sollte. Darin ist von einem Tandem-System die Rede. Eine Verbindung zu einem ähnlich strukturierten Haushalt. Wie bei einem Backup, damit man sich gegenseitig helfen könnte. Mir fällt niemand ein, der unser Tandem-Haushalt sein könnte.