Journal03042020

Tag elf Kontaktverbot. 

So müde. So schlapp. So allergiegeplagt. So viele Gedanken.
Bald werde ich mir auch ein Tuch um meinen Kopf wickeln müssen, damit er nicht platzt.

Gestern bei zwei Grad minus morgens losgelaufen und Mittags in der Frühlingssonne wieder zurück. Wenn ich die Winterjacke ausziehe und mitschleppe, behindert das meinen Hindernis-Slalom durch die durchlässig bevölkerten Straßen. Deshalb zog ich gestern Pullover und T-Shirt aus – die passen in den Rucksack – und zog die Jacke über die Unterwäsche. 
Ich laufe Seitenstraße und versuche meinen Weg zu finden. Das dauert und dauert.

Ich mag nicht klagen.

mit bloßen Händen
die Stimmung abschöpfen
um mein Gesicht
mit Atmosphäre zu benetzen

Das Gedicht von mir ist zehn Jahre alt und klingt heute gefährlich.

Zahlen des Tages: 90.964 und 1.234, sowie 24.575 und 65.155 aktive Fälle.

Journal02042020

Verschnupft. Erledigt.

Zahlen des Tages: 81.728 und 997 sowie 19.175 und 61. 556 aktive Fälle.

Journal01042020

Tag zehn Kontaktverbot

Der Frühling entwickelt eine distanzierte Idylle und dringt dann doch durch alle Ritzen und Poren.

Mir ist es ein Rätsel, wie andere es schaffen, nur einmal in der Woche einkaufen zu gehen. Vielleicht sind sie organisierter, konzentrierter als ich. Immer wieder fehlt etwas, immer wieder fällt mir ein, was wir noch brauchen könnten. Überhaupt Konzentration ist das, was mir fehlt in diesen Tagen.

Was macht mir am meisten Angst an dieser Situation? Nicht, dass ich oder M an Corona erkranken könnte. Mir macht die große, große Einschränkung Angst, die die Umstände jetzt schon für viele Menschen bedeutet. Die Situation in den Heimen, Kliniken und Praxen ohne soziale Kontrolle und ohne emotionale Unterstützung. Die Situation von Behinderten Menschen aus den gleichen Gründen. Alle Situationen in denen Menschen Beistand brauchen, sind jetzt traumatisierend. Das macht mir Angst.

Es macht mir Angst, dass sich so eine Haltung durchsetzt als sei es in Ordnung Menschen unter dem Mäntelchen des Schutzes auszugrenzen. Schutzisolation für Risikogruppen nennen sie das. Was das bedeutet, las ich heute hier.

Mich freut es, dass mir Menschen Masken nähen und schenken. Weil meine Versuche mit blutigen Fingern endeten. Fast wie bei Schneewittchen, nur nicht so anmutig.

Noch eine Aufgabe, die wiedermal von den Frauen übernommen wurde. Care. Unbezahlt. Aber dieses Mal bemerkt.

Zahlen des Tages:76.544 und 858, sowie 18.700 und 56.986 aktive Fälle.

Journal31032020

Tag neun Kontaktverbot

Könnt ihr euch noch erinnern, als es hieß: „Ich brauche kein Socialmedia, ich habe ja richtige Freunde.“ https://t.co/KtSbbdY8Xe

Selten so schlecht geschlafen. Etwas in mir will einfach nicht abschalten. So als könnten die Zahlen explodieren, wenn ich gerade nicht hinsehe.

Gestern vergessen zu notieren, wie bizarr es im Morgengrauen ist, auf Obdachlose zu treffen, die mit Mundschutz in den Mülleimern nach den Pfandflaschen wühlen. Nicht einer, nicht zwei. Es sind viele unterwegs. Ein Bild, das die Schäbigkeit dieses Wirtschaftssystem so treffend darstellt wie kein anderes.

Zahlen des Tages: 70.985 und 682. 15.824 genesene Personen sowie 54.479 aktive Fälle.

Journal30032020

Tag acht Kontaktverbot

Die Schutzmasken werden in den nächsten Wochen immer wichtiger und akzeptierter werden. Ich kann leider nur mit der Hand nähen, da ist es echt schwer, aber alle Menschen, die eine Nähmaschine haben, tun jetzt gut daran, welche zu nähen. Sie werden gebraucht werden.

In meinem Umfeld spreche ich mit möglichst vielen Menschen darüber. Dass die Atemmasken von staatlicher Seite für den persönlichen Gebrauch zuerst als nicht nützlich eingeordnet wurden, lag einfach daran, dass nicht genügend da waren. Nicht mal für die Kliniken und die Heime.

Manchmal ist es eben so, dass politische Aussagen auch richtig sind, wenn sie nicht wahr sind. Politisch ist es richtig, zuerst dafür zu sorgen, dass die medizinischen Schutzmasken in den klinischen und pflegerischen Bereich gehen.

Wenn die Masken aber zusammen mit den anderen Optionen dafür sorgen, dass wir die Steigerungsrate der Infektionen drücken können. Dann sollten wir sie tragen. Näht wenn ihr könnt! Wir werden Masken brauchen.

Bildbeschreibung: Blick über den Schreibtisch im Büro mit Telefon und Thermoskanne vor dem Fenster mit den Pflanzen auf dem Fensterbrett.

Zahlen des Tages: 63929 und 560, sowie ca. 9000 Genesene und 54.000 aktive Fälle.

Journal29032020

Tag sieben Kontaktverbot.

Gestern schon die schockierende Nachricht über die Selbsttötung des Hessischen Finanzminister vernommen.

Das auch noch. Wenn schon Krise, dann aber richtig.

Das Wetter ist umgeschlagen. Kalt und windig. Wahrscheinlich bleiben dann mehr Leute zuhause.

Ich habe selten in meinem Leben so wenig gelesen, wie in den letzten vier Wochen. Keine Konzentration.

Irgendwo lese ich heute zum ersten Mal, dass der Einzelhandel es sich wünschen würde, wenn die Kund*innen beim Einkaufen Schutzmasken trügen.

„Sei höflich“, verabschiedet mich M gestern, als ich zum Einkaufen ging. Ich sah ihn fragend an. „Setz die Maske auf.“

Falls es mit der Wirtschaft bergab gehen sollte: Ich war es nicht! Hab die letzten vier Wochen gut das Zweieinhalbfache von dem ausgegeben, was ich sonst ausgebe.

Ich beneide sie
um ein Herz, das imstande war, für den ganzen Erdkreis zu schlagen.
(Simone de Beauvoir über Simone Weil)

Zahlen des Tages: 58 247 und 455, 8481 Genesene sowie 49.311 aktive Coronafälle

Journal28032020

Tag sechs Kontaktverbot

Die Buchung für Klagenfurt abgesagt. Die dritte Reise hintereinander abgesagt. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es kaum vorstellbar, wann das mit dem Verreisen wieder gehen könnte.

Wann kann ich meine Familie wieder sehen?

Gestern las ich einen schlimmen Artikel über spanische Altersheim in dem das Militär Leichen fand. Sie ließen die Menschen alleine sterben. Das Personal war nicht mehr Vorort und da kein Besuche zugelassen sind, fiel das nicht auf. Es war mir unmöglich den Artikel weiterzuleiten. Keine Besuche bedeutet in so einem Kontext auch, dass die Patient*innen vor Machtmissbrauch schwer zu schützen sind.

Schlechtes Timing, um in einen Müllcontainer zu steigen. Mit elegantem Schwung werfe ich meinen Handschuh hinein und behalte meinen Müll in der anderen.

M trägt eine schwarze Schutzmaske. Mit seinem Hut und der Sonnenbrille sieht er aus wie ein Revolverheld aus einem Film.

Zahlen des Tages: 56 202 und 403, sowie 6658 Gesundete.

Unser Ende

Tag fünf Kontaktverbot

Zwischendurch vergesse ich, dass sich das Ganze Kontaktverbot nennt. Kontaktvermeidung passt für mich besser. Heute ist ein Tag, der sich nicht bereitwillig meinem Kontrollprinzip unterwirft. Zuerst gerät der dienstliche Teil außer Fugen und ich in wortlos in Rage.

Es hat durchaus seine Vorteile ohne Video- oder Präsenzmodus zu kommunizieren. Jedenfalls war ich fassungslos über das ausuferndende Zeitgefüge. Meine unsichtbaren Grimassen halfen nichts und nur meine gute Erziehung ließ mich bis zum Ende der Telefonkonferenz durchhalten und nicht zu dem Mittel greifen, das so verführerisch in der Luft lag: die Telko verlassen, denn rausgeschmissen wird ja doch andauernd jemand.

Kann sich denn niemand kurz fassen, solange ich auf Toilettenpapiermission bin?

Spulen wir einfach weiter, dann kann ich gleich zum Höhepunkt des Tages kommen: Der Vorrat von Klopapier ist aufgefüllt. Vierzehn Tage Quarantäne würden wir hoffentlich überstehen. Allerdings bereitet es mir Sorgen, dass mir gestern all die Menschen mit dem Küchenpapier entgegen kamen. Wenn nur 5% von denen das in die Toilette stecken, dann ist die Kacke sozusagen am Dampfen.

Heute zum ersten Mal mit Schalmaske unterwegs. Der Menschentrubel in der Berger Straße war so krass, dass es gar nicht anders ging.

Dann mit Schalmaske im vollen Supermarkt, sie lassen eine fast nur noch mit Einkaufswagen rein, was eine Frau zum Ausrasten brachte: Jetzt muss ich hier doch noch etwas anfassen!, rief sie. Verzweifelt. Wie es mir schien.

Mittendrin verlor ich mein Geld und fand es dann wieder. Es ist schwer, sich auf alles zu konzentrieren, wenn du nicht richtig atmen kannst.

Insgesamt würde ich schätzen, dass ein Drittel der Menschen mit Masken, Schals oder anderem Gesichtsschutz unterwegs waren.

Zahlen des Tages: fast 50.000 und mehr als 300 Tote 5673 genesen

Journal26032020

Um sechs Uhr morgens durch die Geisterstadt zum Büro gelaufen. Es tauchen immer mehr Masken auf. Selbst gemachte und spezielle Masken. Schwarz, weiß, bunt.

Auf dem Rückweg klappere ich fünf Supermärkte und vier Drogerien ab. Jeder Markt hat nun ein anderes Zutrittsmodel. Meistens zwingen sie einem jetzt einen Einkaufswagen auf. Ein einziger Markt desinfiziert die Wägen nach Gebrauch. Keiner hat Toilettenpapier. Dafür gibt es an einem mehrere große Schilder mit dem Hinweis, dass es in Deutschland keinen Toilettenpapiernotstand gibt. Ich hab seit drei Wochen keins mehr in einem Geschäft gesehen. „Morgen früh um sieben kommt welches“, sagt mir jemand. Morgen früh bin ich dienstlich verpflichtet.

Sieht so aus, als gäbe es da zwei Welten, die nicht zueinander kommen.

Zahlen des Tages: 43.000 und 239 und 3600 sowie 5600 Gesundete

Journal25032020

Zuhause am Tag drei Kontaktverbot.

Gestern machte sich dienstlich die Erkenntnis breit, dass zum Ende der Osterferien nicht alles in Butter sein wird. Heute war ins dienstliche Bewusstsein gesickert, dass es eventuell eine wellenförmige Ausstiegsstrategie geben wird. Und dass diese eine gefühlte Ewigkeit dauern würde.

Die Gewinnung von Erkenntnissen passen sich dem Exponentialformat der Infektionskurve an.

Zuhause ist das etwas anders. Würde ich eine mentale Landkarte meiner Gefühle in diesen Zeiten zeichnen, dann gäbe es dort ganze Gebirgszüge der Furcht. Mit Abgründen und Gletscherspalten sozialer Kälte. Es gäbe Traumlandschaften mit Panoramablick in eine bessere, sozialer und gesündere Welt. Es gäbe Einsiedeleien zum Tanken spiritueller Energie, Hotspots zur medialen Kontaktaufnahme. Seen zur Kontemplation und Wiesen zum Rasten.

In der Realität weichen die Menschen sich vorsichtig bei der Begegnung aus.

Am Telefon sagt jemand kichernd zu mir, treffen darfst du dich jetzt nur noch mit Menschen treffen, die du nicht leiden kannst.

Zahlen des Tages: 37 000 und 205 und 3400