Mein Vergangenheits-Ich

Eins der Dinge, die ich an der Sammelmappe so liebe, ist der Blick auf mein Vergangenheits-Ich. Je länger sie existiert, je ruhiger sie hier im Fahrwasser der vergehenenden Lebenszeit liegt, desto lieber stöbere ich in alten Beiträgen.

Wenn ich die Sammelmappe heute noch weiterschreibe, dann ist auch dieser Effekt einer der Gründe. Das, was ich heute schreibe, erscheint mir manchmal leise und unspektakulär, kaum der Rede wert es festzuhalten. Aber wenn ich zwei- oder dreimal hier im Jahr nach etwas suche und mich durch die Sammelmappe lese, finde ich viele Perlen. Einige, die mir besonders gefallen, einige, die mich intensiv erinnern, einige, die etwas in mir bewegen. Ich stöbere dann hier im Blog wie in einem alten Fotoalbum und weil dieses Blog vor allem von mir und meiner Sicht auf die Welt und in der Welt handelt, stehe ich meinem Vergangenheits-Ich besonders intensiv gegenüber. Ich erkenne mich wieder und erkenne mich anders. Oft bin ich überrascht, wie präzise ich eine Situation zusammengefasst habe. Wie notwendig es mir wahr, eine Stimmung festzuhalten. Manchmal habe ich Mitleid mit mir, wie stark ich eingespannt war im Arbeitsleben. Ein anderes Mal berührt mich die Poesie der vergangenen Tage. Meine Lyrik spricht mich an, wie ein Code. Sobald ich sie lese, fühle ich die Vergangenheit.

Heute schreibe ich es hier auf, damit mir das nicht aus den Augen und aus dem Sinn gerät, wenn es hier zu leise wird. Nicht für heute schreibe ich. Für die Begegnung.

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