Es regnet. Novemberregen mit Wolkenlücken. Badewannenwetter mit Nachdenk-Modus.
Das Leben sortiert sich immer wieder aufs Neue und ich wundere mich, auf wie viele verschiedene Arten etwas mißverstanden werden kann.
In Gedanken gehe ich meine Planungen bis zum Jahresende noch mal durch. Es sieht gut aus. Organisatorisch sieht es gut aus.
Menschlich und persönlich wird es Kraft kosten und zehren. So ist das Leben in einem bestimmten Alter. Es lehrt dich Abschiednehmen.
Höre das Buch „Salz des Lebens“ von Benoite Groult, in dem sie grausam ehrlich über das Alter schreibt.
Die Tagebücher der hochbetagten Autorin scheinen auch noch ein besonderer literarischer Schatz zu sein. Ich mag die verklärende Altersliteratur ganz und gar nicht. Ein Brise Ehrlichkeit tut mir in dieser Hinsicht besser.
Das Plakat zur Ausstellung von Making Van Gogh hoch oben beim Hohlbeinsteg in der Dunkelheit. In der Ferne ist das Städelmuseum zu sehen. Gemälde von Vincent van Gogh mit Titel „Weiden bei Sonnenuntergang“ 1888 Der Himmel ist leuchtend gelb, mit einer strahlenden Sonne, die Horizontlinie in leuchtendem hellblau, im Mittelgrund drei gespenstische Weidenstämme, vorn Gräser, das ganze Bild mit zarten Pinselstrichen gemalt
Links das Porträt von Johanna Van Gogh-Bonger der Schwägerin von Vincent Van Gogh, die die Bilder so gut vermarktet.
Ohne Johanna – die Witwe von Theo Van Gogh – gäbe es heute keine Vincent-Liebe.
Ich lese mit mir selbst um die Wette. Deadline ist der Rückgabetermin von Unrast, den Jacobsbüchern und den Effingers. Das Vormerk-Schicksal der Stadtbücherei hat mir die drei dicksten Bücher auf der Bücher Liste gleichzeitig zugetragen.
Unrast ist das Buch, das mich am meisten in seinen Bann zieht. Auf jeder Seite möchte ich meine Anmerkungen machen, Markierungen und Ausrufezeichen hinter lassen. Immer wieder frage ich mich, wie so eine Schriftstellerin an mir vorüber ziehen konnte. Aber immerhin: es ist noch nicht zu spät. Ich lese mich durch ihre Welten und möchte am liebsten dort verweilen. Als Zuschauerin und ewige Leserin.
Vorfreude auf Morgen. Hab eine Einladung für das SocialMediaEvent im Städel zur großen Van Gogh Ausstellung.
Hab den Podcast Making Van Gogh gehört, die Doku auf Arte angesehen, mir das Buch über das Porträt Doctor Gachet bestellt. Die Briefe von ihm las ich vor langer Zeit.
Und immer wenn es um Vincent geht, ist es wichtig zu erwähnen, dass seine Schwägerin Johanna Bogner-Van Gogh, die Person war, die seine Bilder nach seinem Tod professionell vertrieb. Ohne Johanna kein Vincent Modus.
61. Glaubst du
an ein Leben nach dem Tod? Leider nein.
Das macht den Tod sehr traurig.
62. Auf wen bist du böse? Auf die Menschen, die uns offenen Auges in eine neue faschistische Gesellschaft führen.
63. Fährst du häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln? Ja. Immer.
64. Was hat dir am meisten Kummer bereitet? Leiden, Krankheit und Tod von Menschen, die ich liebe.
65. Bist du das geworden, was du früher werden wolltest? Ganz bestimmt.
66. Zu welcher Musik tanzt du am liebsten? Einfach irgendwelche.
67. Welche Eigenschaft schätzt du an einem Geliebten sehr? Verlässlichkeit.
68. Was war deine grösste Anschaffung? Oh, das ist schwierig. Ich schaffe mir so gut wie nie „was Großes“ an. Doch, jetzt fällt es mir ein: der erste PC. Allerdings konnte ich mir den erst nach dem Studium leisten. Der kostete 4.000 Euro. Ich habe seit zwei Jahrzehnten keine Anschaffung im vierstelligen Bereich mehr gemacht.
69. Gibst du Menschen eine zweite Chance? Gern auch eine dritte und vierte.
70. Hast du viele Freunde? Nein, ich habe sehr wenig Freundinnen. Aber mit denen bin ich herzlich verbunden.
Die Fragen stammen ursprünglich aus dem Flow Magazin, und Beyhan hat daraus eine PDF-Datei erstellt.
Blätter auf den Balkonfliesen, vorne links der Ausschnitt eines gebundenen Strohbesens zum Zusammenkehren der Blätter
Als Kind war der Herbst für mich keine Jahreszeit, die besonders zählte.
Der Frühling schon. Mit seinem Versprechen auf Wärme, Licht und Sonne. Der Sommer auch, er verhieß lange Tage, große Ferien und Schwimmbadspaß.
Selbst der Winter war großartig mit Weihnachtsduft, Kerzen und Tannenzweigen.
Nur der Herbst blieb seltsam blass. Bis auf seinen Auftritt im Märchenbuch. Mit einem Wind-Puste-Gesicht voller dicker Backen, den Drachen und den bunten Bäumen.
Jahrzehnte bin ich nun von meiner Kindheit entfernt und weiß den Herbst in all seinen Ausprägungen zu schätzen.
Was für eine Freude ein Leben mit Jahreszeiten bereitet!
Alles was sich wiederholt wird mir langsam suspekt. Immer fährt mir ein „Wie lange noch?“ durch den Kopf. Die Endlichkeit legt sich um meinen Bewusstseinsraum.
Zeit zu leben, Zeit zu gehen.
Zeit an Großes zu denken und Kleines zu verzeihen.
Es ist Herbst. Goldener Herbst. Hab so viel verpasst. Die Kraniche nicht ziehen sehen.
Hier wird gelesen. Bei Tag und bei Nacht. Im Morgengrauen. Zwischen den Versammlungsspitzen. Zum Stressabbau. Aber auch zum Vergnügen. Die reinste Folter ist es, dass die Realität sich ständig zwischen die Lesezeiten drängt.
Ausschnitt des Buchcovers, das ich in der Hand halte. Schrift auf dem Buch: Gabriele Tergit Effingers Roman Schöffling & Co Im Hintergrund unscharf das Bettzeug zu erkennen.
Hier wird im Wettstreit gelesen. Olga Tokarczuk ruft in der Onleihe mit der Unrast und den Jacobsbüchern. Auch so ein Lese-Großprojekt.
Ich wechsle zwischen den Wten und zwischen den Büchern.
Den Berg hinauf getastet und jetzt steht noch der Abstieg bevor. Es wird weitergehen. So wie es immer weiterging. Trügerische Hoffnung, denn in Wahrheit geht es nicht weiter bis in die Unendlichkeit.