Vorsätze

Notizhefte halten Wahrheiten, Lügen, Erinnerungen, Kritzeleien oder Telefonnummern fest. Ganz wie die Besitzerin das möchte. Wenn sie dann nach Jahrzehnten wieder auftauchen, stellen sie einen Ausschnitt aus dem Leben eines Menschens dar. Manchmal kryptisch, manchmal berührend, manchmal unverständlich. Der Blick zurück durch Notizhefte unterscheidet sich von dem durch Fotos, die ihr Anliegen bildlich in sich tragen oder den durch Tagebücher, in denen meist schon eine Geschichte angedeutet wird.

Die Notizbücher sind einerseits so viel vager und zufälliger, andererseits so unverstellt und klar, dass der Blick in das jüngere Seelen-Ich ganz großartig ist.

So viele Jahre, Jahrzehnte immer die gleichen Wünsche und Ziele.

Aber jetzt, wo die 60 am Lebenshorizont auftaucht, werde ich so viel ungeduldiger mit mir. Als gelte es da etwas abzuhaken in diesen Büchern. Ziele hinter mir zu lassen. Ein ganz neuer Ansatz.
Eine Perspektive, die mir nicht gefällt.

Silvester

Schubladen haben einiges zu bieten. Manchmal sind es Türen zur Erinnerung. Einblicke in die Vergangenheit. Jedenfalls wenn es sich um die eine, die wichtige Schublade handelt.
Die, in die ein Leben passt.

Sie ist ganz leicht. Trotz ihrer Überfülle.
Etwas peinlich ist sie auch. Aber vor allem ist sie dann doch rührend bei genauerem Hinsehen.

Jahreswechsel

In meinem Büro hängt ein großer Übersichtskalender. Im Laufe des Jahres schneide ich ein Stück davon ab, weil er dem nächsten Jahr schon etwas Platz machen muss. Jedenfalls sehe ich den großen Kalender 2018 schon eine Weile an.
Er schaut zurück –
aus einem Guss.

2018 wird ein schwieriges Jahr werden.
So viel ist klar. Es verrät mir noch nicht, wann und wie schwierig es wird.
Kraft werde ich brauchen. Genauso wie die, die an meiner Seite stehen.

Niemand hat je gesagt, dass das Leben einfach ist und ich habe Glück gehabt. Es hat mir lange seine Schokoladenseite gezeigt. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Jetzt wird sich zeigen, wie viel Reserven und Ressourcen ich habe.
Immer zu wenig, wenn es nach meiner Selbsteinschätzung geht.

In diesem Jahr jedenfalls habe ich Augen und Ohren vor der Politik verschlossen. Ein Akt der Notwehr, denn es fällt mir schwer, mich mit menschenverachtenden Positionen zu beschäftigen. Das schaffe ich einfach nicht. Ernsthaft zu diskutieren, ob die Würde der Menschen teilbar ist, ob sie eine Obergrenze hat, eine Vergangenheit oder ein Staatsangehörigkeit. Oder gar ein Mindesteingang auf dem Bankkonto.

Je älter ich werde desto unwilliger akzeptiere ich die Gesellschaft in der ich lebe.
Ich verschließe meine Augen und Ohren und konzentriere mich auf meine unmittelbare Umgebung und geniesse den Schutz- und Schonraum meiner Online-Filterbubble.

Mit jedem Lebensjahr wird Selftcare – Selbstfürsorge – für mich zu einer Aufgabe, die mich vor neue Herausforderungen stellt. Jedes Jahr fällt es mir schwer, an meinem Selbstbild zu arbeiten. Denn ich wäre gerne die, die stark und unangreifbar ist. Wonderwoman für die Schwachen und Retterin und Aktivistin für eine bessere Welt.
Ich wäre auch gerne die mit dem Sonnenschein im Herzen.

Aber ich bin dann doch nur die, die sich müht an jedem Tag.

Und die, die träumt.
Weil ich das am Besten kann.

Aha-Erlebnis

„Der lohnendste Teil ist das Aha-Erlebnis, die Aufregung der Entdeckung und die Freude, etwas Neues zu verstehen – das Gefühl, oben auf einem Hügel zu stehen und einen klaren Blick zu haben.“

Maryam Mirzakhani über die Mathematik

Lebensritzen

die Poesie der Worte
hochtrabend in Gang gesetzt
und zwischen den Zeilen
nie wiedergefunden
hat sich in all dieser Zeit
in den Ritzen des Lebens
festgesetzt

und lässt sich
nicht einfach entsorgen
oder herausschaben

höchstens
ein wenig
entpoppeln

Ferrante-Fieber

Es sind vier Bände von Elena Ferrante, die zur Saga um Lila und Lenú gehören.
Drei davon habe ich bisher gelesen und mir seither viele Gedanken gemacht. Vor allem der dritte Band brachte mich so richtig durcheinander. Vorher war ich zu beschäftigt damit, die Geschichte in eine passende Schublade zu stecken.
Bestseller haben oft ihre eigenen Harken und Ösen. Damit sich viele wiedererkennen beim Lesen, muss das Leben auf den geschriebenen Seiten abgeschliffen werden. Die scharfen Kanten abgeglättet.
Jetzt habe ich die ersten beiden Bände der Saga noch einmal gelesen. Sozusagen im Windschatten der rasanten Fahrt des dritten Bandes.
Die Geschichte einer Freundschaft wird beschrieben. Eine Freundschaft, in der Elena sich spiegelt wie in den Zerrspiegel eines Jahrmarkts. Lila wird großzügig, wenn sie neidisch ist. Sie ist böse, wenn ihre Freundin tugendhaft ist. Wenn sie anhänglich ist, stößt sie das Leben weg. Beide leben in einem Sumpf in dem es scheinbar eine Möglichkeit des Entkommens gibt. Das Schicksal tritt in den grantigsten Figuren auf und immer, immer, immer scheint nur ein Überleben möglich zu sein, wenn eine Flucht möglich ist.

Die Bücher machen ziemlich deutlich klar, warum es so anstrengend ist arm zu sein. Das was immer weniger Menschen der Mittelschicht sich im zeitgenössigen Deutschland vorstellen können. Da werden Artikel darüber geschrieben, dass arme Eltern doch nur ihren Kindern vorlesen müssten, dann hätten diese doch schon die gleichen Bildungschancen.
Aber so einfach ist das leider nicht.

Ich komme ab vom Thema, denn die Beschreibung der Armut, so gelungen sie auch ist, ist nicht das Faszinierenste an den Ferrante Büchern. Es ist diese Frauen-Freundschaft. Diese Hass-Abneigungs-Schicksals-Liebe zwischen den beiden Frauen.
Dieses auf tausend Perspektiven gespiegelt werden. Verzerrt, zerlegt und wieder zusammengesetzt werden.

Die Bücher werden mit jedem Lesen großartiger.

Stille Nacht

Es ist dunkel draußen. Und still.
Stille Nacht. Genau mein Geschmack. Ich mag es still.

Das tut gut und ist so notwendig. Jedes Jahr mehr.
Es ist eher ein Unfall als im Fernsehen dann die Nachrichten des öffentlich rechtlichen ertönen. Sarkasmus oder Ironie? Ziemlich affig und kaum auszuhalten. Es scheint fast als seien Obdachlose genau für den einen Zweck gut: am Weihnachtstag sollen die gut da stehen, die auf ihre Kosten leben. Deren Reichtum die Ursache für ihre Armut ist.
Obszön ist das Wort, das besser passt.

Schnell abschalten, und Stille genießen.
Stille Nacht.

Das tut gut. Im Netz den ganzen Tag der Gefahr ausgesetzt ungefragt und ungewollt gesegnet zu werden. Weihnachten ist leider auch die Zeit der Übergriffigkeit.

Alles hat seine Tradition.
Auch die Wunder.
Sie passen gut zu diesem Tag.

Aufregendes

Seit einiges Zeit öffne ich die Briefe meiner Wohngenossenschaft mit freudiger Spannung. Meistens stehen da nur langweilige organisatorische Informationen in unfreundlicher Juristensprache drin, seit ein paar Monaten gibt es dabei aber auch ein paar Highlights.
Das sind die Schreiben, bei denen es um unrechtmäßiges Parken auf dem Gelände geht.

Sobald es ums Autofahren geht, hört der Spaß des Lebens auf. Was ich als Nicht-Autofahrerin nicht wusste, ist, dass der Spaß auch bei parkenden Autos aufhört.
Aber hallo, das geht ja gar nicht! Da muss so eine Genossenschaft schon mal die verbale Keule rausholen und schriftlich ihre Mieter beschimpfen. Ahnungslos wie ich bin, dachte ich so ein falsch parkendes Auto könnte man einfach über sein Kennzeichen identifizieren und entsprechende Maßnahmen einleiten.
Aber das wäre sicher zu einfach. Mir ist übrigens nie ein Auto aufgefallen, das gefährlich auf dem Gelände rumsteht. Dabei bin ich was Autos anbelangt auch eher eine Meckerliese.

Allerdings nicht ganz so sehr, wie die Vorstandsmänner der Genossenschaft. Die verstehen mit vielem Spaß. Nur beim Auto hört er auf.

Ich hoffe, in 2018 fließt kein Blut deswegen. Schmerzen wurden schon angedroht. Allerdings in kapitalistischer Manier mit hohen Abschleppsummen.

Bin sehr gespannt auf die Fortsetzung dieser Reihe.

Schweigen

Manchmal ist Schweigen der Beste Blog-Kommentar.

Sozialpornografie

Menschen, die sich genüßlich über die Lebensrealitäten von Menschen mit wenig Einkommen auslassen.
Anleitung dazu gibt es in Ihrem Fernsehprogramm, wahlweise auch am Stammtisch. Aber der ist zum Teil ja umgezogen. In diverse Landtage und den Bundestag.

Also wenden wir uns doch lieber den notorischen Besserwissern zu. Denen mit dem fundierten Selbstbewusstsein und der großen Klappe.

Nein, ich bin kein bisschen verärgert. Ich höre mich immer so an.

Dieses Reallife bekommt einigen Menschen nicht. Es zerstört ihre sozialen Fähigkeiten.