Gestern forderte ich das Warnschild für graue, triste Alltagstage. Dabei bedachte ich nicht, dass es manchmal auch von Vorteil ist, wenn der Tag sich in der Landschaft des Alltags versteckt. Wenn er sich tarnt und dem Schicksal keine Gelegenheit bietet, auf sich aufmerksam zu machen. Nicht herausragen, heißt eben auch nicht aufzufallen, damit keine der Schicksalsgöttinnen auf blöde Gedanken kommt.
Versteckte Tage im Alltagstrott. Eine kleine Form des Alltagsglück. Wo doch jede weiß: Das Glück schleicht sich wortlos an.
Es ist eine spezielle Begabung, das Glück in jeder seiner Erscheinungsformen zu erkennen.
Trauriger Weise viel zu wenig verbreitet auf dieser Welt.
So ein Tag will festgehalten werden.
Jeder Tag will festgehalten werden.
Ganz besonders dieser Dienstag. Dieser blasse, unscheinbare Dienstag. Dieser Tag, der zu dem Geröllhaufen gehört, der mit Alltag beschildert ist. Ohne Warnzeichen. Ganz grau und fad. Etwas aufgepeppt durch die Gewissheit, dass es ein Tag deines Lebens ist. Die magst du ja alle, schon aus Pflichtgefühl. Was könnte kostbarer sein als dein Leben?
Aber vielleicht ist es fahrlässig, dass dieser Dienstag ohne Warnkennzeichnung daher kommt. Vorsicht Alltag! Er könnte dich auffressen, ganz langsam. Er könnte dich gar kochen, wie den Frosch im warmen Wasser, der nicht davon springt.
Vorsicht Alltag!
Vergiss es nicht.
man hat mich in Stein gemeiselt
zum Glück wachsen Blumen
aus meinem Herzen
und das Unkraut sprengt den Fels
So sehen sie aus, die Sachen, die aus alten T-Shirts entstehen können.

Auf versunkenen Wegen von Sylvain Tesson

Seit seinem Buch „In den Sibirischen Wäldern“ ist viel passiert im Leben von Silvain Tesson. Er kletterte betrunken nach einem Fest die Fassade eines Hauses hoch und ist dabei schwer verunglückt. Im Krankenhaus wird er monatelang behandelt und statt zur Reha, wandert er durch Frankreich. Er wandert die Wege entlang, die am Verlassensten sind. Keine ausgezeichneten Wanderwege, sondern verborgene Wege durch Gegenden, die ihre Bevölkerung längst an die Urbanisierung verloren haben. Sein Körper erinnert ihn mit jedem Schritt daran, dass er ein anderer geworden ist.
Die vielen Flaschen Wodka aus der Blockhütte sind jetzt Vergangenheit. Die Mediziner haben ihm das Trinken verboten.
„Auf versunken Wegen“ ist noch etwas intensiver und nachdenklicher geschrieben als das Buch in seiner Zeit in der Blockhütte.
Sylvain Tesson ist in Frankreich als großer Denker bekannt und seine Bücher sind mehr als nur Reisebeschreibungen. Sie sind auch tiefgründige philosophische Betrachtungen über das Leben, geschrieben in einer bewegenden poetischen Sprache.
Hab ein neues Projekt am Laufen. Alte T-Shirts aufarbeiten. Meine alte Schere fand das nicht so cool und weigert sich, ihnen Gewalt anzutun. Keine Ahnung, wie ich sie schärfen könnte. Vor einiger Zeit gab es auf dem Wochenmarkt einen Messerschleifer, der hätte sie für viel Geld schleifen können. Aber den habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.
Ein bisschen ärgere ich mich über mich selbst, dass ich an so einer Sache scheitere. Immer dieser banale Alltagskram, der sich als unbezwingbar erweist.
Die Hindernisse meines Lebens sind gerade sehr überschaubar. Ich weiß das zu schätzen. Jedenfalls in den Augenblicken in denen meine Stimmungsschwankungen mir mild gesinnt sind.
Heute habe ich etwas gelernt, was für mich – als im Zeichen der Schnecke geborene – besonders wichtig ist.
„Die Schnecke weicht nie zurück.“

Vorfreude auf das Wochenende. Auf die Illusion der freien Tage, die angefüllt ist mit Verpflichtungen und Verbindlichkeiten.

Eins ist der Roman nicht: ein Krimi.
Daher kommt wohl die Enttäuschung von einigen Lesern, denn zunächst startet die Geschichte mit einer mysteriösen Brandstiftung, die das Potential zum Thriller hätte. Aber Hennig Mankell geht dieses Mal einen anderen Weg. Er lässt seinem Protagonisten freien Raum zum Denken und Fühlen. Sein Verhalten ist an einigen Stellen nicht nachvollziehbar, kaum sympathisch. Man möchte ihn ein ums andere Mal auf den rechten Weg zurück stupsen. Aber er stolpert weiter. Am Rande seines Lebens.
Es ist ein nachdenkliches Buch mit viel Raum für den Tod. Zu empfehlen für Menschen, die beim Lesen in das Leben anderer Menschen eintauchen möchten.
Das Leben ist ohne den Tod nicht denkbar. Trotzdem schafft es der Tod im Allgemeinen sich gut zu verstecken. Um dann überraschend und hinterrücks zuzuschlagen. Seine Macht über uns zu zeigen.
Er kann alles. Laut und leise. Zaghaft und schmerzhaft. Erlösend und voller Grausamkeit. Keine Farbe, die er sich nicht überstreifen könnte, keinen Rhythmus, den er nicht bestimmen könnte.
Sein Repertoire ist umfassend und kreativ. Wir sind ihm ausgeliefert und verdrängen das gern. Leben das Leben als sei es denkbar ohne den Tod.
Rausgefiltert.
Das Filtern beherrschen wir perfekt.
Nur irgendwann wird der letzte Filter aktiv und schlägt zu.
Unvermittelt.