Zwei Tage auf der Besuchergalerie des Landtags genügen, um eine vollständig zu verbiegen. Im wahrsten Sinn des Wortes. Konzentriert starre ich entweder über oder unter dem Geländer durch, um die Redner – es sind alles Redner keine Rednerin dabei – zu sehen und zu hören. Manchmal lehne ich mich zurück, versuche nur noch zu lauschen, wenn sie dann Fragen von ihrem Platzmikrophon aus beantworten, verstehe ich wenig. Ich strenge mich an, einzelne Worte zu erfassen. Verspanne mich. Verbiege mich.
Am zweiten Tag beobachte ich zwischendurch die Stenografin. Ihre Geduld, ihre Ruhe beim unentwegten Schreiben, ihre Sanftheit beim Umblättern auf das neue Blatt im Blog. Nicht eine Sekunde Ruhe ist ihr vergönnt. Sie sitzt immer in der gleichen Haltung.
Was ihr Rücken wohl dazu sagt?
Ich nehme mir vor herauszufinden, welches Entgelt sie erhält.

Heute fand im Landtag in Wiesbaden eine außergewöhnliche Debatte statt. Eine zweitägige Anhörung zum Thema “Digitalisierung in Hessen“.
Außergewöhnlich insofern, dass Anhörungen normalerweise zu Gesetzesentwürfen stattfinden. Nicht zu gesellschaftlichen Themen.
Begleitet wird so eine Anhörung immer durch viel Papier – oder jedenfalls viel Text auf welchem Medium auch immer. In diesem Fall ca. 500 Seiten schriftliche Stellungnahmen und nochmal 300 Seiten Antwort der Landesregierung auf die 200 Fragen der Großen Anfrage der SPD zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf Arbeit und Wirtschaft in Hessen.
Ich habe mich im Vorfeld durch einen kleinen Teil davon gelesen und war an manchen Stellen überrascht über den Stand der Entwicklung im Land Hessen. Zumal ich mich doch für einigermaßen informiert halte.
Jedenfalls bin ich mit einiger Spannung heute in den ersten Tag der Anhörung auf der Besuchergalerie im Plenarsaal erschienen. Die Anhörung ist öffentlich, aber es waren nur eine Handvoll Menschen dort. Der Tag begann gleich mit einer Überraschung, denn die mündlichen Präsentationen entsprachen nicht wie sonst, den schriftlichen Stellungnahmen.
Die Atmosphäre während der Anhörung war wohltuend sachlich. Man konnte spüren, dass sich die Abgeordneten aller Parteien ein umfassendes Bild von der Vielfalt der Themen machen wollten.
Jetzt bin ich gespannt, wie es morgen weitergeht.
Es sind die kleinen Dinge, die zählen.
Meistens bekommen wir das gesagt, wenn es mit den großen nicht klappt.
Manchmal sagen wir es aber auch, wenn die großen, leuchtenden, prächtigen Dinge fad geworden sind. Wenn alles öde wirkt und muffig riecht. Dann sollen es wieder die kleinen Dinge sein, die zählen.
Einverstanden. Ich mache gerne mit bei diesem Spiel. Kann den Anfang machen mit einem kleinen Ding, das hervorragend ist.
Das Blasenpflaster.
Ein Hoch auf die Erfindung des Blasenpflasters.
Es schützt die wunde Haut, versteckt die Folgen der Tortur, schmiegt sich an die offene Stelle und sorgt im Verborgenen für Heilung.
Es ist ein Segen für die Füsse, die nicht mehr tragen wollen, die ihren Unmut über die geschundenen Haut kundtun. Ihre Streikversuche können ebenso wie ihre widerständlichen Aktionen ignoriert werden.
Das Blasenpflaster ist eine tolle Erfindung. Vielleicht rentiert es sich, ein Äquivalent für die wunden Blasen der Gesellschaft zu erfinden.
Auf dass die Geschundenen endlich Heilung finden.
Die Augen tränen. Seit Tagen schon.
Nichts kann sie stoppen. Keine Allergietablette. Keine Augentropfen.
Kein starker Wille.
Die Tränen bahnen sich ihren Weg. Das Wischen mögen sie nicht, dann fließen sie unaufhörlich, als hätte eine einen Tränenhahn angestellt.
Wir haben nun einen Pakt geschlossen, ich lasse sie einfach laufen. Sie sind unschuldig, die Tränen.
In jeder Hinsicht ohne Schuld.
Allerdings sind sie selbstbewusst und hartnäckig. Sie wissen sehr genau, was sie wollen.
Sie wollen fließen.
Warum weinst du?, frage ich mich von Zeit zu Zeit.
Warum weinst du?
Es ist an der Zeit zu weinen, sagen mir die Tränen.
Wie pathetisch, denke ich mir. Sie wollen doch einfach nur laufen.
Vielleicht sind sie nicht so unschuldig, wie sie sich geben.
Heute morgen war mir noch ganz klar, über was ich bloggen wollte. Aber dann hat sich die Klarheit wieder zurückgezogen und übrig bleibt der obligatorische Gedankenkreisel. Ohne Richtung, ohne Priorität, ohne Anfang, aber doch wieder mit Ende.
Die Nachrichten sind beunruhigend in diesen Tagen, meine Angst regt sich, allerdings erreicht sie noch lange nicht den Pegel, den sie in den 80ern bei mir hatte. Das wenige, das ich von den News an mich heran lasse, ist verstörend, aber nicht verwunderlich. Die Welt hat sich nicht von einem Tag gewandelt, sie hat sich nur nach und nach weiter nach rechts gedreht.
Mein Wunsch wäre jetzt, dass sie Schwung holt und sich wieder in besonnenere Gewässer begibt.
Wunschdenken. Ich weiß.
Darin war ich immer schon gut.
Das ist meine Art der Karmapunkte-Sammlung
22,5 Grad zeigt der Thermostat in der Wohnung an. Wohlfühltemperatur in Begleitung von Nieselregen. Ich zerre die beiden Teppiche auf den Balkon und hoffe, dass der Regenduft in sie eindringt. Mir gefällt der Gedanke, den Duft des Regens in die Wohnung hineinzulassen.
Trotz Husten, Schnupfen und brennenden Augen. Die Augen so schlimm wie seit zehn Jahren nicht mehr. Kaum noch allergiefreie Wochen im Jahr.
Dazu die heftigen Belastungen während der Woche im belasteten Bürogebäude.
Offensichtlich ist es vollkommen in Ordnung Arbeitnehmerinnen langsam zu vergiften – oder in den Wahnsinn zu treiben.
Aber heute ist der Nacht der Sterne. Auch wenn sie sich hinter den Wolken verstecken. Ich stelle mir einfach vor wie die Sternschnuppen fliegen.
Für mich.
Jedenfalls auch für mich.
hinter den sieben Bergen
nein, warte das ist falsch
mitten drin – das passt eher –
mitten drin gibt es diese Parallelwelt
in der wird angemessen-unangemessen
oder war es anders herum?
jedenfalls werden da Privilegien zelebriert
die selbstverständlich niemand Privilegien nennt
unangemessen-angemessen wird der Status verteilt
auf dass die Kinder den richtigen Aufzug nicht verfehlen
das Treppenhaus im Kapitalismus ist längst gesperrt
mit rot-weißen Bändern verhängt und gesperrt,
hier kommt nur weiter, wer den Zugang zum Aufzug kennt
dass Wohl der Kinder wird in Schichten verpackt
(Wohl denen, die früh lernen mit ihren Privilegien umzugehen.)
Es ist Nacht, ich liege im Bett und denke darüber nach, dass bald Weihnachten ist. Das ist schön, denke ich. Ich mag die Weihnachtszeit, diese ruhigen Tage. Ich mag den Silvestertag, die Musik, die 3sat dann spielt. Ich mag diese Zeit, aber …
Nein, es kann nicht Weihnachten sein. Es ist doch Sommer. Sommer und Weihnachten schließen sich aus. Es könnte eventuell Juli sein, Juli ist doch im Sommer, das ist jedenfalls ein Anhaltspunkt.
Langsam kriecht eine Angst durch mein Gemüt.
Jetzt wirst du auf dem Kalender nachsehen müssen, denn deine innere Kalenderuhr ist für immer auf Weihnachten stehen geblieben. Das wird dein Geheimnis bleiben müssen, denn das wird niemand verstehen. Niemand wird dich mehr ernst nehmen mit diesem inneren, kaputt gegangen Kalender.
Vergiss das nicht, wenn du aufwachst.
Vergiss nicht, dass du das verstecken musst.
Lese zum ersten Mal ein Buch von Lydia Davis und fange nach fünf Seiten mit dem inneren Jauchzen an. Diese Texte sind ganz nach meinem Geschmack. Warum sind sie mir nicht früher über den Weg gelaufen?
Ernsthafte Fragestellung. Vertane Lesezeit ist vertane Lebenszeit. Sie ärgert mich mehr, als wenn der Süssigkeitenautomat mir die Süssigkeiten nicht ausspuckt.
Hab mein Herz nie verschenkt, weil ich nicht ohne es dastehen wollte. Aber manchmal hab ich es in die Hand genommen und ihm einen kleinen Schubs gegeben. Damals als ich noch sicher war, dass das Schubsen hilfreich und nötig sei. Später im Leben, habe ich verstanden, dass es mein Herz ist, das mich durch das Leben stupst. In ihm eigenen Rhythmus.
Und immer war ich stolz darauf, dass mein Herz links schlägt.
Nicht nur weil das am besten in jede Weihnachtsgeschichte passt. Vielleicht weil rot die einzige wahre Farbe ist.
Mein Herz flüstert mir auch heute noch manchmal Ungeheuerlichkeiten ins Ohr. Viel weniger als früher, aber nachdrücklicher.