Fürsorgliche Neandertaler

Aus dem Spiegel lerne ich heute, dass Neandertaler fürsorgliche Betreuer für ihre behinderte Verwandte waren.
Die Care Revolution hat wohl früher angefangen als gedacht.

Geschafft

Es ist getan. Aus, fertig, vorbei, geschafft.
Wieder einmal. Die jährliche Last auf der Seele und auf dem Gemüt darf verabschiedet werden. Aber der Jubelschrei bleibt stecken. Tief drinnen in mir gibt es die Ahnung, dass es sofort wieder weiter geht.

Es ist schon dunkel draußen, obwohl die Uhr noch nicht umgestellt ist. Am Wochenende ist wenigstens diese Erleichterung in Sicht.
Mit Ernst und Zuversicht sehe ich der dunklen Jahreszeit entgegen. Weiß ihre Besonderheiten zu schätzen. Ihre Intensität. Ihren direkten Draht ins Innere meines Gemüts.

Es ist still in meiner Wohnung. Kein Geräusch dringt von außen herein. Ich könnte genauso gut auf einem menschenleeren Planet zuhause sein.

Ohne es zu ahnen.

Oktobertage

Der Regen prasselt auf die Bäume. Noch ist genug Laub da, um den speziellen Regensound zu erzeugen. Dieses beruhigende Geräusch, das die Kuschelhormone freisetzt, solange du selbst trocken in der geheizten Wohnung sitzen kannst.
Bei mir löst das Regenrauschen Assoziation zu vergangen Campingtagen aus. Mit viel Liebe, Freiheit, Abenteuer und Geborgenheit.

Ich kann mich nicht aufraffen, meinen Pflichten nachzugehen. Räumen, packen, vorbereiten und ein bisschen zittern vor den zwei Tagen, die noch anstehen.
Lieber bleibe ich hier liegen und lausche dem Regen und den vergangenen Tagen.

Damals als das Glück sich wortlos in meinem Leben einnistete. Hartnäckig und nachhaltig.
So unvermutet lang.

Nach Worten suchen

Jeden Tag nach Worten suchen
Stockend, zögernd, hoffnungsvoll

ohne Worte kein Leben
ohne Worte keine Geschichte
kein Anfang und kein Ende

nur Staub auf der Seele
und keine Tür zum Glück

Die Last des Lebens


Das Leben lastet schwer auf mir.
Keine Neuigkeit.

Nur eine sich immer wieder verändernde Realität, die auf den gleichen Schultern landet. So sehr sich auch wachse, reife, mich entfalte – und nun auch altere – eins ändert sich nicht:

Die Last des Lebens landet immer irgendwie auf meinen Schultern. Ohne Ansage und mit vollem Gewicht.
Dagegen hilft weder Yoga noch sonst eine spirituelle Übung. Diese Anziehungskraft scheint in den Genen zu liegen.
Eventuell auch in niedergeschrieben in einer Sternenbahn am Himmel.
Ich lausche den Sternen und denen Planeten, um dem zu entgehen, was auf meinen Schultern lastet.
Doch das Lachen ist eindeutig, klar und präzise.

Die Last des Lebens trägt sich nicht leicht auf meinen Schultern.

Freundliche Täuschungen

„Vanessa hatte immer gesagt: „Alles, was ich mir für dich wünsche, ist, dass du glücklich bist, Liebling.“
Und nun, da ich es nicht war, erschien es mir als das mindestens, was ich tun konnte, es vorzutäuschen.“

Angelica Garnett war die Tochter von Vanessa Bell und die Nichte von Virginia Woolf. Sie wächst in einem Umfeld auf, das heute mit dem Level „queer“ bezeichnet werden könnte.

Während sie aufwächst ist es für ein offenes Geheimnis – außer für sie selbst – das sie nicht das eheliche Kind ist, sondern, dass ihr Vater der lebenslange – homosexuelle – Freund von Vanessa Bell ist. Zur Zeit ihrer Geburt hat dieser eine Liebesaffäre mit einem Mann, der an der Wiege von Angelika sagt, dass er sie – das Baby – heiraten wird.
Was er dann auch tut.

Eine ziemlich heikle psychische Gemengelage.

Ich lese das Buch jetzt schon zum wiederholten Mal. Mir kommen schon die Seiten entgegen, die sich im Taschenbuch gelöst haben. Und jedes Mal bin ich entsetzt über die Grausamkeit dieses Handelns.

Zwar fließt da kein Blut, aber die Verletzungen sind so rüde.
Wie ungeheuer destruktiv doch Eifersucht sein kann!

Wohlstandsinseln

Hab heute ein neues Wort gelernt: Wohlstandsinseln.

Sich abschotten und absondern von der Armut der Anderen.
Armut ist ansteckend. Trist. Öde und langweilig. Genau wie Leid auf die Dauer.

Leid hat ja zuerst immer so den leicht spektakuläre Touch. Vorerst. Nach einer Weile langweilt es, dann kommt wieder die Spaßwelle und irgendwann haben sie dann wieder die Muse sich auf das nächste spektakuläre Leid-Ereignis einzulassen.
Sie – die Wohlstandsinselbewohnerinnen und -bewohner.

Der nächste Schritt besteht dann darin aus der Wohlstandsinsel eine Wohlfühlinsel zu zaubern. Mit dekorativen Elementen und im minimalistischen Stil.
Wegen der Nachhaltigkeit.

Die ist wichtig: für die Nachkommen der Wohlstandsinselbrwohnerinnen und -Bewohner.
Denn das Paradies soll ja noch vererbt werden.

Zu viel Spaß ist ungesund

Alles soll Spaß machen heutzutage. Grammatik lernen, der Job sowieso, das Yoga, der Haushalt. Kranke dürfen auf keinen Fall ihre Lebensfreude verlieren, Frauen sollen spaßig auf Sexismus reagieren.
Überall ist Spaß gefragt. Vielleicht sogar beim Zahnarzt.

Mir macht diese Spaßinvasion überhaupt keinen Spaß. Ich bin immer nur irritiert, wenn ich höre, was mir alles Spaß machen soll.

Entbunden vom Spaß haben sind nur die klinisch depressiven Menschen. Über die darf kein Spaß gemacht werden. Obwohl auch sie nicht zu lange depressiv sein sollten, denn sonst macht die Depression ja kein Spaß.
Spätestens hier sind wir in einer Sackgasse.

Mein Alltag ist vieles: anstrengend, entmutigend, kompliziert, stressig, abwechslungsreich, langweilig, übersichtlich, öde, aufregend, anregend,

manchmal macht er auch Spaß.

An einigen Tagen bin ich zufrieden, das ist das Gefühl, das ich am meisten mag.

Sonntagmorgen

Der Oktober in seinem goldenen Kleid. Aber ich verschnupft und am Röcheln. Kann ich jetzt gerade gar nicht brauchen. Aber sagt sich dieser Spruch nicht viel zu leicht und viel zu oft daher?

Von der Buchmesse gibt es Schlägerei-Geschichten. Sie kommen wohl zwangsläufig mit der Entscheidung die rechten Türen und Pforten weit auf zumachen. Zu viel Aufmerksamkeit für Rechts auf allen Ebenen.

Dazu ist heute noch Wahltag. Ich mag gar nicht mehr hinhören. Ständig Hiobsbotschaften. Keine Lichtblicke der Vernunft. Keine Lichtblicke der Menschlichkeit.

Ich ziehe mich wieder zurück. Hege und pflege meinen verschnupften Körper. Der wird die nächsten 10 Tage beansprucht werden und braucht jetzt Ruhe.

Zufälligkeiten

1882 wurde Virginia Stephan – spätere Woolf – in London, Hyde-Park-Gate 22 geboren. Zwei Häuser weiter scheint zu dieser Zeit Victoria Woodhull gelebt zu haben.

Das Leben ist voller Zufälligkeiten. Manchmal erscheinen sie uns magisch oder schicksalhaft, aber oft sind es einfach nur belanglose Fakten, die keinen tieferen Sinn ergeben.

Trotzdem suchen Menschen meistens genau das: den tieferen Sinn, der alles miteinander in Verbindung bringt.

Es tröstet und hilft sich im Leben zurechtzufinden, wenn es einen übergeordneten Plan gibt. Wenn es ein Muster gibt, an dem man sich orientieren kann. Wenn die Hoffnung auf ein Licht den Tunnel erträglich macht.
Das ist verständlich.