Fleißiges Bienchen

Es ist bekannt,dass ich Fleiß nicht für eine Tugend halte. Fleiß sagt nichts darüber aus, wie sinnvoll eine Arbeit ist, die ich mache oder welche Qualtät sie hat.
Aber manchmal umgibt den Fleiß so eine Pseudo-Beruhigung. Ich arbeite, das ist wichtig und nur ich entscheide, ob ich mich davon abbringen lasse und mich um den Kram von anderen Menschen kümmere.
Ich arbeite vor mich hin und mein Kopf wird leer. Weiter und weiter. Nur nicht unterbrechen lassen, es fühlt sich richtig an.

Nicht denken, nur den Stapel bearbeiten. Gute Strategie um Distanz zu schaffen.
Eine Aura von Geschäftigkeit.

So ein Tag war das heute.

Lernziele

Die witzigste Meldung am Wochenende war die zur Einstellung eines Sprachexperiments zwischen zwei Bots. Die sollten eigentlich gemeinsam englisch lernen, damit sie mit Menschen kommunizieren können. Aber was machen sie? Sie erfinden eine neue effizienter Sprache und unterhalten sich damit.

So ist das, wenn künstliche Intelligenz am Werk ist.
Es wird spannend in den nächsten Jahren.

Lebenswege

Als ich eine junge Frau war, lag mein Berufswunsch klar vor mir. Mit allen Einschränkungen und Hindernissen, die mein zweiter Bildungsweg so mit sich brachte. Mitte Zwanzig gab es dann eine Weiche, die den Weg zu einem komplett anderen Beruf öffnete, den ich aber nicht gegangen bin. Heute sehe ich mindestens sechs oder sieben andere Wege, die ich genauso gut hätte gehen können, die mich alle erfüllt hätten, wenn ich nur gewußt hätte, dass sie möglich gewesen wären.
Plötzlich liegt da ein ganzer Fächer aus unbeachteten Möglichkeiten, die erst jetzt sichtbar sind.
Jetzt, wo mein Auge sich daran gewöhnt hat, Lebenswege zu erkennen, wenn sie sich zeigen.

Bewältigungsstrategie

den Tag in Stücke gießen
in kleine Häppchen
nicht eins davon verdaulich
aber alle in Sorgfalt
gepackt

Ab und zu

Regen, Wind, grau, Zugfahren, Baustellen, halten, warten, Überholung, Rufumleitung, vergewissern, Schreibtisch, Anteilnahme, kriminell, Zeitplan, unterhaltsam, Zucker, geputzt, Calamar, Respekt, von Herzen, Straßenbahn, Freifahrt, Routine, Tastaturbewegung, nicht gläsern sondern nackt, Wolken, Trauer, suchend, spanisch, Träume, Frieden, Kontoauszüge, verschlimmert, gute Nachrichten, von vorne, nie mittig

Ziehen lassen

Wolken am Himmel

Nach dem gestrigen Regenguss und dem heutigen fast ganztägigen Auftritt in Grau wechselt der Himmel gerade auf strahlend blau. Ich schaue aus dem Fenster und sehe den Wolken beim Vorbeiziehen zu. Und den Bäumen durch die der Wind sanft fährt. Auf einmal ist das Wetter wieder auf Freundlichkeit aus. Ein Angebot zur Versöhnung, das ich gern annehme.

In Gedanken plane ich die nächsten beiden Tage. Versuche zu planen, aber ich schweife immer wieder ab. Da ist dieses Licht, da ist diese zarte Bewegung in den Bäumen, vielleicht hat das gerade mehr mit mir zu tun, als die Alltagspläne, die ich eben noch erstellen wollte.

Die Traumtänzerin fällt mir wieder ein. Aber heute gibt es nicht mehr den Wunsch mitzuziehen. Eher den im Grün zu verschwinden. Darin aufzugehen oder wenigstens mit dem Baum Freundschaft zu schließen.

Ende der Träumerei.

Für den Baum bin ich unbedeutend. Er hat pflegt seine eigenen Freundschaften. Wahrscheinlich hat er intensive Beziehung mit verschiedensten Regenfronten, die alle noch auf ihren Auftritt warten.

Regen-Blues

Der Sommer kann dieses Jahr nur binär. Entweder 35 Grad Hitze, die mich in einen Standby-Modus versetzen, von dem mir mein Verstand sagt, dass ich gerade noch so lebendig sei, aber mein Bewusstsein kauft es ihm schon nicht mehr ab – oder Regen der in Bächen vom Himmel fällt. Nicht sehr ausgehfreundlich, aber immerhin: ich fühle, dass ich am Leben bin.

Ich bin jetzt in dem Alter, in dem Wetter ein Wohlfühlthema geworden ist. Überhaupt sind so viele Themen anders als früher. Nicht dass das jetzt eine spektakuläre Erkenntnis wäre, spektakulär ist für mich nur der Wandel an der eigenen Person. Manchmal muss ich überlegen, welche Person ich jetzt denn gerade bin, muss außen und innen irgendwie zur Deckung bringen. Erinnerungen, Realitäten, Gefühle und Wünsche in Übereinstimmung kriegen.

Träume auch.

Träume ganz besonders.

Flugschnee

Flugschnee von Birgit Müller-Wieland

Ein Buch über Familiengeheimnisse und Familiengeschichten. Geschrieben aus vielen verschiedenen Perspektiven, mit zahlreichen Rückblenden und Ortswechseln zwischen Berlin und Hamburg.

Lucys Leid über den verschwundenen Bruder Simon steht im Zentrum des Buchs und ist auch der Ausgangspunkt dieses Romans.

„Was macht das Glück einer Familie aus? Wenn es – neben vielen Komponenten wie der Abwesenheit von Krankheiten, sicherem Einkommen und dergleichen – gemeinsame Erinnerungen sind, die Zusammenhalt ermöglichen, miteinander gelebte Vergangenheit“, denkt Lucy nachdem Simon schon eine Weile verschwunden ist. Sie versucht sich alles in Erinnerung zurufen, was mit seinem Verschwinden zu tun haben könnte. Da ist dieser eine verschneite Tag im Haus der Großeltern in Hamburg vor zwanzig Jahren. Der seine Geheimnisse birgt und über den die Erwachsenen später schweigen.
Die Autorin lässt ihren Figuren viel Raum, um die eigene Perspektive auszubreiten. Besonders gelungen sind die Passagen, in denen die Großmutter Helene um jede Erinnerung kämpft.

Nicht ganz so gut gefiel mir die überinszenierte Spannung, die sich dann doch nicht bis zum Ende durchhalten ließ. Mir erschien sie etwas aufgesetzt, vor allem weil ich die Geschichten selbst sehr berührend und mitreißend fand, sie tragen auch ohne künstlichen Spannungsbogen weiter.

Schwarz, innen

In Wellen und meist anlassbezogen ziehen sich die Diskussionen über den Umgang mit Depressionen hoch. Betroffene melden sich, Unbeteiligte zeigen Verständnis in den Kommentaren, im Arbeitsleben wird dann eher gelästert, wenn die Kolleginnen nicht zur Arbeit erscheinen.

Letztendlich enden die Diskussionen hilflos und drehen sich nur immer weiter um das große schwarze Loch, dessen Sog die einen so gut kennen und das für die anderen nur ein diffuses Lichtspiel ist.

Zoë Beck schreibt in ihrem Beitrag sehr gut, wohin sie die Krankheit führt und sie beschreibt die medizinische Hilflosigkeit.

Es ist eine heimtückische Krankheit, die immer auch den Tod mit im Gepäck tragen kann. Selbst wenn sie für einige Zeit, ganz offen Harmlosigkeit ausstrahlt.

Es ist eine Krankheit, die nicht nur den Betroffenen viel abverlangt. Auch die Angehörigen lernen die Macht des schwarzen Loches kennen.

Bewegung

Bald beantragte ich die Mitgliedschaft im Club der Unbewegten.
Überhaupt gibt es viel zu viel Bewegung auf dieser Welt. Immer ist Bewegung positiv besetzt. Tausend Assoziationen gehen mit ihr einher, um ihren guten Ruf zu stärken.
Nur so ein Griesgram wie der alte Blaise Pascal hat es gewagt sich gegen sie zu stellen. In dem Zitat in dem er sinngemäß sagt, dass viele schlechte Dinge auf dieser Welt passiert sind, weil zu viele Menschen einfach nicht mit ihrem Popes zuhause bleiben können.

Der Club der Unbewegten ist natürlich ein Scherz. Aber einer mit Potential. Im Club der Unbewegten könnten Menschen ihre Bewegtheit ablegen. Stundenweise. Als Ausgleich.

Je stärker die innere Bewegtheit, desto mehr erstarre ich äußerlich. Der Ausgleich der Seele sucht sich seine eigene Balance.