Die Geschichte eines neuen Namens
Elena Ferrante

Die Geschichte um Lila und Lenù ist im zweiten Band noch kräftiger ausgestaltet als im ersten. Die Geschwätzigkeit des ersten Bandes hat sich verlaufen, die Figuren sind schärfer gezeichnet und der Sog der Handlung ist unverändert stark.
Das Verhältnis von Lila und Lenù ist faszinierend und ehrlich angelegt. Jede der beiden Figur funktioniert nur im Kontrast mit der anderen. Sie stoßen sich wie zwei Pole ab und ziehen sich im nächsten Moment wieder an. Die ganze Gefühlspalette zwischenmenschlicher Beziehungen findet sich in ihrer Freundschaft wieder. Sie wirken gegenseitig wie ein magischer Spiegel, sehen im Leben der anderen jeweils das, was auch ihres hätte sein können.
Auch der zweite Band der neapolitanischen Saga ist voller Alltagsgewalt. Es wird eine Welt beschrieben in der der Stärkere meistens recht hat. Das beinhaltet das Recht zu schlagen und zu verletzen. Aber da ist auch diese andere Gewalt, die von der puren Armut ausgeht. In der Abschlussszene, die in der Wurstfabrik spielt, ist es der Autorin zum Beispiel sehr eindringlich gelungen, diese Gewalt, die in diesem Fall von den Arbeitsbedingungen ausgeht, zu beschreiben.
Alles in allem ist es ein Buch, das mit jedem erneuten Lesen weitere Perspektiven eröffnet.
Ellbogen – Fatma Aydemir

Ein Gewaltexzess in einer Berliner U-Bahn-Station ist das zentrale Ereignis dieses Romans. Ungewöhnlich an dieser Geschichte ist die Perspektive: die Täterinnen sind junge Frauen. Sie sind in Deutschland aufgewachsen, erleben aber jeden Tag, dass sie einfach nicht dazugehören.
Eine Stärke des Buches ist das Beschreiben der Situationen, die Enge der Lebenswelten im Wedding, das sich zusammenbrauende Unheil in der Nacht von Hazals 18. Geburtstag, die Beschreibung der Gewalteskalion selbst und später die Istanbul-Szenen.
Eine weitere Stärke liegt darin, dass diese Geschichte konsequent ohne moralischen Unterbau auskommt. Es gibt keine Entschuldigung für die Gewalt, keine „mildernden Umstände“.
Beim zweiten Lesen des Buches frage ich mich, ob diese Stärke nicht auch die Schwäche des Buches ist. Denn ich will doch als Leserin eines Romans genau das wissen: Wie wird jemand so ein Mensch? Wie kommt es zu solchen schrecklichen Taten? In den Nachrichten erhalten wir keine Antworten auf diese Fragen. Da begegnen wir Täter mit einer Personenbeschreibung, aber ohne Geschichte.
In diesem Roman bleiben wir mit unseren Fragen genauso allein, wie wenn wir fassungslos vor Video-Aufnahmen von solchen Gewaltsituationen sitzen.
Dennoch: Das Buch ist gut geschrieben und die Frauenfiguren sind voller unterschiedlicher Facetten. Daher auf jeden Fall eine Leseempfehlung wert.
Seit ich denken kann, fürchte ich mich.
Oder besser gesagt, seit ich von der Vergangenheit weiß, ist mir Angst und Bang.
Seit ich begriff, dass sich die Welt vor mir drehte.
Da gab es etwas, das schlimmer war als alles, was Menschen sich ausdenken konnten.
Vor meiner Geburt. Vor meiner Fähigkeit zu denken, aber allgegenwärtig in der Grausamkeit.
Dass es sich wiederholen kann, hätte ich nie ausgeschlossen.
Aber nie, nie, nie in meiner Lebenszeit.
Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Eine Sammelmappe ist zum Sammeln da.
Daher hinterlege ich mir hier heute die drei Links vom Wochenende, die ich nicht verlieren möchte.
Das wäre zum ersten das Interview mit der Holocaust-Überlebenden Renate Lasker-Harpprecht, die über das KZ Auschwitz spricht.
Der zweite Link nennt sich „Kritik des normierten Lesens“ und ist eine wunderbare theoretische Abhandlung darüber wie unterschiedlich Menschen lesen, was das mit Herrschaft zu tun hat, mit Abwertung und Abgrenzung usw. Er handelt auch davon, warum die Literaturkritik so Schnösel- und dünkelhaft auf die Buchblogger oder Buch-YouTuber runtersieht.
Der dritte Link führt zu einem Vortrag von Antje Schrupp über Maria. Wobei mich da nicht das Thema Maria fasziniert, sondern die Gedanken über das Muttersein – und wie sehr der Begriff Mutter aus dem Alltag verschwindet und der in der Familien- und Elternkiste untergeht, auch da wo die Mutter selbst doch noch so wichtig ist.
Das Interview mit Antje Schrupp zum Stand der Gleichstellung und pseudofeministische Argumente.
Lyrische Novelle
Annemarie Schwarzenbach

Annemarie Schwarzenbach geb. 1908 stammte aus einer der reichsten Schweizer Familien.
Sie war eng mit Erika und Klaus Mann befreundet, drogenabhängig, psychisch instabil und starb früh. Außerdem schrieb sie und war lesbisch. Sehr androgyn. (So weit das mir bisher bekannte Klischee.)
Ich war schon länger neugierig, was das für eine Frau war, die immer wieder als Randfigur bei den Manns auftaucht.
Einige wenige ihrer Texte gibt es kostenlos bei den Kindle-Klassikern. Die Lyrische Novelle zum Beispiel.
Die Lyrische Novelle handelt von einer unglücklichen Liebesgeschichte. Als Leserin irre ich lange durch den Text, ehe das männliche Geschlecht des Erzählers benannt wird. Und ganz stimmig fühlt es sich auch dann nicht an. Der Erzähler – der eigentlich eine diplomatische Laufbahn einschlagen soll – ist auf der Flucht vor seiner leidenschaftlichen Liebe zu einer Varieté-Sängerin. Er schreibt seine Geschichte auf, um sich selbst zu vergewissern. Komplett aus der Bahn geworfen, sucht er Ruhe in einer kleinen Stadt und erinnert sich an die vergangenen Monate.
Äußerlich ist die Geschichte unspektakulär, aber auch ohne Kenntnisse des biografischen Hintergrunds, entspinnt sich eine seltsame Atmosphäre in der Erzählung. Getragen vor allem durch die Beziehungen des Erzählers zu den andren Figuren.
Die Verzweiflung und das Leid – vielleicht auch die Einsamkeit – durchziehen die Novelle so sehr, dass sie immer scharf auf der Kante zum Kitsch und ins Klischee entlang hangelt. Aus meiner Sicht wird sie durch die diffuse Geschlechtszuordnung und die dadurch entstehende Hintergrundspannung gerettet.
Linktipp: Vom Helden, der ein Mädchen ist

Nicht immer gehe ich vorwärts. Erst habe ich es mir mühsam angewöhnt, aber dann doch wieder verworfen.
Es hat sich einfach nicht bewährt. Immer diese Zielstrebigkeit und diese nervige Geradlinigkeit. Das war nicht so mein Ding. Na gut, ich hätte das noch optimieren können. Immer gerade aus. Immer vorwärts. Immer voran.
Aber mir ist schwindlig geworden, von diesem Unfug. Also lasse ich das jetzt.
Im fortgeschritten Alter besteht meine größte Kompetenz darin, Lichtblicke aus dem Alltag herauszuklitzeln.
Kann ich nur jedem empfehlen.
Sie purzeln dann manchmal schillernd aus den Wochentagen heraus.
claudia Mai 5th,2017
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Amanda Lee Joe – Ministerium für öffentliche Erregung
Fünfzehn Geschichten aus Singapur in denen die Liebe die Hauptrolle spielt, ohne dass eine der Geschichten in Kitsch und Klischee abrutscht. Das ist fast nicht vorstellbar. Die Autorin schafft das, indem sie die Liebe und Anziehung zwischen den Menschen aus den verwegensten Blickwinkeln beschreibt. Es gibt viel Traurigkeit, aber auch Trost in den Geschichten. Die Liebe lastet schwer auf den jeweiligen Protagonisten. Sex, Identität, Abhängigkeit und Ängste werden thematisiert.
Die Autorin hat viele internationale Preise für ihre Texte bekommen und beim Lesen dieser Erzählungen über verpasste Lieben, versäumte Gelegenheiten und schicksalhaften Begegnungen wird klar warum. Sie führt uns ein in eine Welt voller bunter Figuren, die um ihr Leben kämpfen, sich darin zurechtfinden.
Ein melancholisches Buch mit viel Tiefgang.

Dass ich keine Feuilleton-Leserin bin, bringt manchmal auch Nachteile mit. Auf die wunderbare türkische Autorin Asli Erdogan bin ich erst aufmerksam geworden, als sie in der Türkei verhaftet wurde. Zur Zeit ist sie frei, aber sie rechnet damit, dass sie verurteilt wird. Einfach so. Einen Grund gibt es nicht. Aber das kennen wir ja leider schon.
Ich habe jetzt von ihr „Die Stadt mit der roten Pelerine“ gelesen. Einen Roman, den sie schon 1998 veröffentlichte. Ein Buch einer türkischen Autorin, dessen gesamte Handlung in Rio der Janeiro spielt. Protagonistin ist Özgür, eine junge, gebildete Türkin, die seit zwei Jahren in Rio lebt und dort einen Roman schreibt.
Ein Roman im Roman. Viele Leben im Leben. Chaos, Leid und Tod ist in dieser Stadt allgegenwärtig. Der Text hat so viele Ebenen, dass einem schwindlig werden kann. So viele Interpretationsansätze. So viel Spiel mit der Sprache und immer wieder dieses Leid, die Gewalt und der Tod. Durch das ganze Buch hindurch möchte eine der Protagonistin zurufen: Geh weg! Rette Dich! Noch kannst du weglaufen.
Aber so ist das leider nicht. Weglaufen lässt diese Stadt nicht zu, das Abenteuer geht schlecht aus. Der soziale und mentale Abstieg ist konsequent und unausweichlich.
Das Nachwort von Karin Schweißgut sortiert die Erzählung im Anschluss noch mal, mir tat es gut, mit dem harten Ende nicht weggeschickt zu werden.

Nadja Tolokonnikowa
Anleitung für eine Revolution
St 74 „Von Kindheit an bringt man uns bei, Grenzerfahrungen zu vermeiden, obwohl man uns beibringen sollte, wie man sich so an Grenzen bewegt, dass man sich nicht den Arsch aufreißt und gestärkt daraus hervorgeht.“
Nadja Tolokonnikowa ist eine der Gründerinnen der feministischen Punk Band Pussy Riot. Zwei Jahre verbrachte die junge Mutter in einem Straflager. Die Strafe für einen ihrer Auftritte in einer orthodoxen Kirche bei der die Aktivistinnen auf die unheilsame Verbindung zwischen Staatsmacht und Kirche aufmerksam machten.
Nadja Tolokonnikowa ist mutig, beharrlich, stark. Sie erzählt in diesem Buch ihre Geschichte. Die Entstehungsgeschichte von Pussy Riot, ihre Zeit im Straflager, ihre Überzeugung, dass Widerstand Pflicht ist, wenn der Staat oder die Kirche Freiheit und Menschenrechte missachtet und mit Füssen tritt. In diesem Buch mit den 200 Notaten verarbeitet sie die Zeit des Prozesses und in der Gefangenschaft. Der Text gleicht einer Collage. Bunt, schrill, poetisch und mutig, auf literarisch hohem Niveau.
„Du hast keine 500 Jahre. Lebe mit voller Wucht.“ St 101
Der Mut, die Kraft und die Aufrichtigkeit der Autorin berührt mich sehr.
claudia April 28th,2017
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