Historische Adressbücher
Historische Adressbücher aus Frankfurt digital zugänglich.
Zum Recherchieren und nachfühlen.
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Schwül und heiß ist es. Anstrengender Tag. Noch anstrengender die Rückfahrt im zögerlichen Zug, der sich seiner Strecke nicht sicher scheint. Wir stehen an jeder Biegung, an jeder Weiche, an jedem mystischen Entscheidungsort.
Die Wahl des Sitzplatz ließ keine Kategorie der Himmelsrichtungen zu. Anders ausgedrückt: ein Platz an der Sonne war noch frei.
Die Wolken türmten sich hoch ins Himmelsgewölbe, immer höher.
Kündigen Veränderungen an, Unwetter, Regen, Kühle, Erleichterung und Katastrophe.
Ich träume von klarer Luft und Atem der durch mich fließt. Ich träume von anderen Zeiten. Wieder einmal.
Der Wind macht den starken Max und peitscht die Bäume hin und her. Ist sich seiner Stärke bewusst und spielt mit Türen, Toren und Tonnen. Ein Orchester, dass sich Gehör verschafft.
Ich schaue nach vorne, ich schaue zurück.
Nach vorne möchte ich die Zeit beschleunigen und je öfter ich auf das Gas trete, desto heftiger wirft es mich in die Vergangenheit zurück. Der Wirkung einer inneren Zeitmaschine sehr ähnlich.
Die Weichenstellungen der Vergangenheit holen mich wieder und wieder ein.
Auf der anderen Seite der ungebändigte Sog, der mich der Zukunft entgegenzieht.
Zu kurz kommt gerade die Gegenwart. Die Präsenz. Das Dasein. Das Hier und Jetzt.
Dafür werden mir Karmapunkte abgezogen werden, ich sehe das schon kommen.
Vielleicht richten sie sogar eine Karma-Hölle für mich ein, weil ich die wichtigsten Lebensregeln mißachte.
Möglich wäre aber auch, dass ich wenigstens noch Trostpunkte für Aufrichtigkeit gekomme.
Nein, hier geht es nicht im Melancholie und auch nicht um den Weltschmerz.
Manchmal geht es einfach nur um das Mitleiden.
Wenn die Ungerechtigkeit sich das Denkmäntelchen der Objektivität umhängt. Wenn das Schicksal zuschlägt und dir die Bürokratie anschließend den Stinkefinger zeigt. Wenn fünfmal täglich das passiert, das in Deutschland angeblich nicht möglich ist.
Manchmal bleiben einfach nur die Tränen.
Wenn ein Roman einen Menschen zu einem ehrlichen Steuerzahler machen kann, dann dieser.
Bin erst auf Seite 250 von „Der Bleiche König“ und schließe mich jetzt schon dieser Ansicht an. Da rührt einer alle Themen an, die die Alltags-Arbeits-Routine so schwergewichtig machen und führt eine durch ein Spiegel-Labyrinth – in dem sie überall eine orientierungslose Version von sich selbst sieht.
So viele Perspektiven. So viele Entlarvungen. So viele tiefgründige Gedanken.
Ich lese immer langsamer. Wiederhole einzelne Stellen und weiche dann auf die anderen Bücher aus. Hab mich auch wieder an das Hörspiel vom „Unendlichen Spaß“ gewagt. Lese weiter. Denke weiter.
Da war einer, der alles sehr genau genommen hat.
Der Worte unter das Mikroskop legen musste, weil er sonst nicht zufrieden war.
In Gedenken:
Sie hat 2014 als erste Frau die Fields-Medalle erhalten und ist heute leider an Krebs verstorben.
Der Zeitgeist mag keine Melancholie.
Sie ist konsumfeindlich. Wenig kapitalismuskompatibel. Dazu muss man ihr schon mit pharmazeutischen Mitteln beikommen.
Dann passt alles wieder ins sonnige, luftige, fluffige System der unbegrenzten Marketing-Parallel-Welten.
Melancholie ist nur in der Kunst sexy. Im Alltag wird sie beargwöhnt. Zusammen mit ihrem Bruder dem Weltschmerz in einer Ecke abgestellt. Damit sie die heiteren Kreise nicht stört.
Ich sehe ihr gerne zu. Wie sie schimmert und glänzt. Manchmal leise vor sich hinsummt. Sie ist ganz in ihrer Welt.
Fast 1800 Gedichte hat Emily Dickinson (1830 – 1886) hinterlassen von denen nur ganz wenige anonym zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurden.
Der Wind ist das Thema der Gedichte in dieser kleinen Zusammenstellung. Die Herausgeberin stellt jeweils das Original geschrieben der deutschen Übersetzung gegenüber und gibt kurze Hintergrundinformationen zu ihnen. Dadurch ist ein leichter Zugang möglich, auch für Lyrikinteressierte ohne viel Vorkenntnisse.
You are not required to set yourself on fire to keep other people warm.
Banksy
Nach drei Lesetagen herrscht Literatur-Chaos in meinem Kopf. Neben meinem Bett liegen fünf Bücher von David Foster Wallace von denen ich vier gleichzeitig lese, in meiner Onleihe-App sind sieben ausgeliehen Bücher, davon fünf angelesene, zwei von ihnen habe ich schon einmal vor kurzem gelesen.
Aber ja, ich gehe morgens ins Büro und komme am Nachmittag wieder. Mehr als acht Stunden ohne Lesezeit und schlafen tue ich auch. Viel sogar, denn ich bin müde. Mit der aktuellen Lesemethode kriege ich natürlich kein Buch zu Ende gelesen, jedenfalls nicht in der üblichen Geschwindigkeit.
Ich stecke die Texte gleichzeitig in meinen Kopf. Als wären es Süßigkeiten, die in einem Heißhungeranfall verschlungen werden müssen. Alle auf einmal. Immer mehr und mehr. So viele Wörter und Sätze in meinem Kopf. So viele angefangene Geschichten, so viele Figuren, die auf ihre Entwicklung warten. Alle rein in diesen Kopf. Das ist meine Abschottungsstrategie gegen die Übel der Welt. Die großen und die kleinen. Erst nach und nach wird es mir wieder gelingen mit der Verdauung zu beginnen. In der Zwischenzeit ist alles eine Frage des Überlebens. Des Ertragens.
Die Welt wird sich wieder ordnen, wie die Geschichten in meinem Kopf.