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TDDL – Tag 3

Bin gerade nicht in der Stimmung den letzten Lesetag zusammenzufassen und verweise vorerst auf den Artikel von Hans Huett im Freitag.
Seine Einschätzung stimmt zwar wenig mit meiner überein, aber dafür ist seine fundiert begründet.

Mir gelang es nach einem nachdenklichen Morgen, wenigstens die ersten drei Lesungen noch konzentriert zu verfolgen. Aus der letzten Lesung bin ich relativ schnell ausgestiegen, jetzt steht der Vorsatz im Raum, mir den einen oder anderen Text noch mal in Ruhe anzuschauen. Später. Irgendwann.

Immer noch nachdenklich, ziehe ich mich für heute zurück.

Vielleicht noch eins: der Jury würde etwas Vielfalt gut tun. Ihr fehlt Farbe, Jugend, Frische und Risiko. Zuviel vom immer gleichen ist nie gut.

Engl scheint ähnliches zu empfinden.

TDDL – Start in den Tag 3

Bin gerade total raus aus der Thematik lesen. Hab die snapchats aus der Nacht von Hamburg gesehen. Ich vermeide schon seit einigen Jahren die Fernsehberichterstattung von Krieg, Terror, Gewalt und Alltagspolitik. Die Wettervorhersage, die sehe mir im Fernsehen an, bei allen anderen „Nachrichten“ vertraue ich auf Print, das ist besser für mein Gemüt.

Hamburg erinnert mich so sehr an Frankfurt 2015 bei der Einweihung der EZB. Da habe ich mir im Traum nicht vorstellen können, was da passieren wird. Diese Gewalt, diese Schäden, dieser Hass. Was da abgeht ist irgendwie komplizierter als: die Polizei macht dies. Wir machen das. Irgendwer hat zuerst angefangen. Wir wollen doch nur demonstrieren.
Klar, das auch. Menschen möchten ihre Meinung sagen. Menschen möchten demonstrieren. Menschen möchten ihre Wohlfühlzone. Polizei will durchgreifen. Polizei erhält Druck. Politik will Größe zeigen. Stärke. Macht.
Macht hält Macht mit starkem Arm fest. Und mitten in dieser Gemengelage agieren Menschen wie in einem Fun-Eskalations-Event.
An solchen Tagen, in diesen Nächten tritt zutage, wie zerstört unsere Gesellschaft schon lange ist. Die Gewalt auf der Straße ist schrill, laut und sichtbar. Die Gewalt, die unsere Gesellschaft täglich erlebt, wird eher leise, unspektakulär und unsichtbar ertragen. Die zehn Jahre Lebenserwartung weniger, die den Armen bleiben. Die Kindergeneration, die von der Armut in die Armut wächst. Der die Perspektivlosigkeit in die Wiege gelegt wird. Die Reichen, die unsere Lebensgrundlage zerstören, die Mittelschicht, die mit dem Abgrenzen nach unten beschäftigt ist.
Das ist alles sehr schlimm. Das sind ungute Zeiten.

Und ich schaue jetzt wieder weg, weiche aus, weil ich nicht weiß, wie ich das Wissen anders ertragen könnte. Wie ich es verarbeiten kann. Ich nehme mich raus.
Ich kann das.
Ich bin privilegiert.

TDDL – Tag 2

Heute bin ich wieder etwas versöhnter mit der Literaturwelt. Habe meine eigenen Höhepunkte gefunden und genossen, vorallem auch den Zugang zu den Texten verstanden, die mir nicht so gefielen.
Aber generell ist mir wieder eine Sache aufgefallen, die mir jedes Jahr bei den Jurydiskussionen auffällt. Vielleicht kann ich als Laie nicht die Qualität der Progression einer Literaturkritikerin beurteilen, aber was ich eindeutig merke ist, dass sie sehr oft aus ihrer eigenen Erfahrungswelt heraus argumentieren oder interpretieren und dies für allgemeingültig halten. Sie reflektieren ihre eigene Situation in der Welt wirklich nur sehr oberflächlich. Das irritiert mich, wenn ihr Beruf doch die Reflexion ist.
Dazu passend gibt es gerade eine Diskussion zu der Frage des Sexismus in Hildesheim. Diese Mechanismen scheinen alle zusammenzugehören.

Als Tochter einer Putzfrau ist es mir peinlich den Ergüssen der Jury zu diesem Thema zuzuhören und mir wird klar, wie wenig Bodenhaftung da vorhanden ist.
Aber jetzt erst Mal von vorne. Aber in Kurzform.

Ferdinand Schmalz
Nun ja, ich sehe gleich zu Beginn ein, dass das weder mein Humor noch meine Art von Text ist. Aber ich kann nachvollziehen, dass anderen Menschen das Herz dabei aufgeht. Sandra Kegel hat ihn eingeladen und fast alle Jury-Mitglieder sind angetan. Hinreißende Figuren, eröffnet Sprachraum, Herr Kastberger meint es sei ein österreichischer Text. Mir wird jedenfalls das „sprechende Rehragout“ als Erinnerung bleiben.

Barbie Markovic
Sie musste leider schwer mit ihrer Stimme kämpfen. Ich fand die Wohnung, die die Menschen zerstört und hinterher aufräumt, creepy. Total unheimlich, auswegslos. So wie eben das Leben für manche Menschen ist. Eingeladen hat sie Klaus Kastberger. Aber außer ihm scheint der Rest der Jury wirklich nicht begriffen zu haben, dass die Familie eine Vorgeschichte hat. Dass da etwas Unheimliches mitten im Heim ist, weil etwas Schreckliches passiert war. Vor der Geschichte. Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht, weil sie nur auf die Lichtung schauen.
Spätestens jetzt war klar – Herr Wiederstein ist kein Sympathieträger.

Verena Dürr
Ebenfalls eingeladen von Klaus Kastberger. Ihr Text kam auf Twitter gar nicht an, bei der Jury nur bedingt, aber ich mochte ihn sehr gern. Dieser Text über die Einlagerung eines Klavier in einem Zollfreilager in den Schweizer Bergen. Da war nur noch kalt, künstlich, kein Hauch von Natur mehr. Konservierte Kultur sozusagen. Ein Thema, dass unsere Gesellschaft spalten wird. Auch in Zusammenhang mit der Vererbungswelle.

Jackie Thomae
Aus meiner Sicht hat sich da jemand an einer Putzmann-Geschichten-Idee überhoben. Die Jury diskutiert lange und ausführlich, denn das ist jetzt ein Thema, das sie anspricht. Da werfen sie mit Assoziationen nur so um sich, sie loben und kritisieren. Phantasieren sich weitere Geschichten zusammen. Gewohntes Terrain eben. Hubert Winkels hat eingeladen. Mittlerweile kann ich auch abschätzen, welcher Juror welche Art von Autorin einlädt. Welche Art von Text noch nicht, aber die Person, die kann ich schon abschätzen. Es ist wie bei uns im Amt mit den Auswahlgesprächen. Die Menschen halten sich für objektiv und sind so durchschaubar.

Jörg-Uwe Albig
Eingeladen von Meike Feßmann. Ich erspare Herrn Albig meine Einschätzung seines Textes, davon wäre er nicht erfreut. Aus der Jury-Diskussion lerne ich die Theorie der Ding-Liebe kennen. Falls ich die nicht schon vorher kannte. Meike Feßmann muss den Juroren erklären, dass es eine Liebesgeschichte sei.
Eher Sex- als Liebesgeschichte möchte ich da als Liebesexpertin dazwischen rufen.

Ich bin jetzt bis oben hin mit Text angereichert. Das fühlt sich gut an. Satt und wohlig.

Anerkennung

„Ich beneide sie

um ein Herz, das imstande war, für den ganzen Erdkreis zu schlagen.“

(Simone de Beauvoir über Simone Weil)

TDDL Tag 1

Ich hätte heulen können, so enttäuscht war ich nach den Lesungen am ersten Tag. So viel Spannung und Vorfreude auf diese Tage und dann das. Liegt es an mir? Habe ich mich verändert? Bin ich zur Literatur-Nörglerin mutiert in diesen Jahren? Ich erinnere mich an Zeiten, da fand ich fast alle Texte gut. Manche mehr auf meiner Wellenlänge, manche weniger. Aber auch bei den Texten, die ich nicht möchte, konnte ich irgendwie erkennen, warum andere Menschen sie mögen. Heute war das komplett anders.

Es begann mit Karin Peschka und ihrem Kindl-Hunden-Text. Bei ihr war ich schon vorgewarnt, denn ich hatte ihren Roman „Watschenmann“ in der Bibliothek ausgeliehen und es kaum äuf 30 Seiten geschafft, so abstoßend fand ich die Thematik. Nun gut, dass ich in Hinsicht physischer und psychischer Gewalt empfindlich bin, weiß ich, das soll kein Maßstab für andere sein. Aber jedenfalls war ihr Text schon nichts für mich.

Bei Björn Treiber und seinem peinlichen Trauerkitsch-Text mit rasanten Adjektivüberschuss fing meine Verärgerung an. Das Los hatte dafür gesorgt, das beide von Stefan Gmünder eingeladene Autoren mit den Lesungen begannen. Vielleicht ist das ein österreichisches Schreibtrauma? Keine Ahnung!

Mit John Wray eingeladen von Sandra Kegel las dann der einzige Lichtblick an diesem ersten Tag, der einzige Text von dem ich verstehe, dass er die Qualität für diesen Bewerb hat. Die Jurydiskussion im Anschluss dann wie im Lehrbuch. Leidenschaftliche Fürsprecherinnen gegen literarische Bedenkenträger.

Noemi Schneider brachte die Lesung dann dann wieder zurück auf Schreibkursniveau. Zu dem ich nicht viel sage, weil ich nicht verletzend sein möchte. Ich bin schließlich keine Literaturkritikerin. Ich bin die, die Texte mag, die sie berühren, aufrütteln, erschüttern oder unterhalten. Spaß haben mit einem Text, trauern oder weinen. Alles das mag ich, aber alles das gab es nicht.

Daniel Goetsch von Hildegard Keller eingeladen gab mir den Rest. Die Jury-Diskussion schaute ich nicht mehr bis zum Ende an, weil mich ihr Gewäsch einfach nur noch nervte.
Heute habe ich nicht das Gefühl, dass da Menschen ihre Arbeit gut gemacht haben.

Diese Taktiererei im Hintergrund bei den Einladungen und Seilschaften im Literaturbetrieb tun dieser Veranstaltung ganz und gar nicht gut. Aber wahrscheinlich geht deren kleine Individualrechnung trotzdem auf.

So schade. Ich hoffe darauf, dass die Texte morgen besser werden.

TDDL – Start in den Tag 1

Dieses Mal also wieder vor dem Fernseher wie in den Anfangsjahren und nicht im Studio.
Die Tage der deutschsprachigen Literatur mit dem Twitter-Hashtag TDDL haben begonnen. Die Lesungen zum Bachmannpreis.

Seit 5 Uhr bin ich wach. Lese die Tweets vom Eröffnungsabend. Überlege, wie ich es mir nachher bequem mache. Denke darüber nach, ob ich enttäuscht bin. Oder eher stolz, dass ich mich so weise entschieden habe. Neidisch bin ich nicht.

Zur Einstimmung ein Text zum Ereignis mit vielen Fragen gelesen.

Sag nie: „Das ist normal.“

Sag nie: „Das ist normal.“ Wache jeden Tag mit dem Wissen auf, dass du deine Freiheit verteidigen musst.

Marjane Satrapi

Hindernisse

„Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach dem Hindernis. Vielleicht ist keins da.“

Franz Kafka – Heute ist sein Geburtstag, was diesen Tag besonders macht. Außerdem ist das hier das 4000te Beitrag in der Sammelmappe. So viele Worte und noch mehr Schweigen.

Ich bin eine Meisterin im Aufspüren der Hindernisse und auf diesem Gebiet fühle ich mich Franz Kafka verbunden. Denn er hat sich nie an den obengenannten Ratschlag gehalten. Bei ihm wuchsen die Hindernisse in den Himmel und gleichzeitig bis in die Hölle hinein.

Im Namen der Biene

Im Namen der Biene –
Und des Schmetterlings –
Und der Brise. Amen!

(Emily Dickinson)