Drift

Drift von Anne Kuhlmeyer

Mit der Einordnung dieses Romans als Krimi tue ich mich schwer. Als Krimi kann ich ihn nicht deuten.

Was ist es dann? Ein spannend geschriebener Roman über die Magie des Geschichten erzählen, des Schreibens und Lesen. Über das Erinnern und das Vergessen. Es ist ein Roman über Schuld und Schuldhaftigkeit. Über das Leben und wie schwierig es ist,  seinen Platz darin zu finden.

Es ist ein Buch mit Unterhaltungswert. Seine Schwäche liegt für mich in der doch etwas zu einfach geratenen Gestaltung der Figuren, die für meinen Geschmack zu sehr an der Oberfläche bleiben. Aber da ja das Erzählen und die Geschichten im Mittelpunkt stehen, bietet der Roman trotzdem spannenden Lesestoff.

Madame Rosella und die Liebe

(Die zwei Bücher von Max Frisch ersparen ich euch. Die las ich, weil er in der Biografie der Christa Wolf so oft auftaucht und ich ihn etwas einordnen wollte.)

Also geht es weiter mit:

Madame Rosella und die Liebe

von Tuna Kiremitci

Eingeladen zum Lesen hat mich die Zusammenfassung des Romans, der in der Türkei ein Bestseller ist: Die Geschichte der Berliner Jüdin Rosella, die während des Zweiten Weltkrieges nach Istanbul geflüchtet war, sucht jemanden, der sich auf türkisch mit ihr unterhält und trifft dabei auf die Studentin Pelin.

Der gesamte Roman ist in Dialogform geschrieben, ohne Beschreibung der Umgebung, ohne zu erläutern wer gerade spricht. So eine stilistisch anspruchsvolle Form gelingt nur, wenn der Autor hervorragend schreiben kann. Aber in diesem Buch gelingt das leider nicht. Die Figuren sind beide nicht besonders überzeugend gezeichnet, die Erzählung bleibt an der Oberfläche, ohne zu langweilen.

Ich schwanke bei der Bewertung zwischen drei und vier Sternen. Entscheide mich dann für vier, weil es sich leicht liest.

Ruhe


Nach einer Woche Urlaub hier in der Idylle sickert die Ruhe durch mich hindurch. Durch alle Zellen. Der einzige, der mir ubergriffiges Verhalten zumutet, ist der Spatz, der mir die Erdnuss klaut.

Jedenfalls hab ich noch endlos viel Lesestoff hier. Schönes und anderes, das ich aus Neugierde lese.

Sechzehn Wörter

Sechzehn Wörter

Nava Ebrahimi

Den Wörtern ihre Macht nehmen, das ist das Anliegen der vierunddreißigjährigen Ich-Erzählerin Mona, die im Iran geboren wurde und in Deutschland aufgewachsen ist. Jetzt fährt sie mit ihrer Mutter zur Beerdigung ihrer Mamam-Bozorg – ihrer Großmutter – noch einmal zurück in den Iran und erzählt in sechzehn Kapiteln ihre Familien- und Beziehungsgeschichte anhand von sechzehn persischen Wörtern.

Es ist ein wunderschönes, erzählerisches Buch über das Leben in zwei Welten, über Liebhaber und Sittenpolizei, über Frauen und Väter. Über Gefängnisse und Freiheit, innere und äußere. Es ist die Geschichte einer Frau, die sich ihr Leben sortiert und am Ende kommt noch eine überraschende Wendung ins Spiel. 

Der Autorin gelingt es, das Leben der Menschen im Iran sehr empathisch zu beschreiben. Ihre Vorstellung von Freiheit, von Freundschaft und ihren Beziehungen zu einander. Auch das Land, die Landschaft, die kulturellen Schätze, die Stadt Teheran und das vom Erdbeben zerstorte Bam werden den Lesern mit viel Liebe vorgestellt. Aber es gibt eben auch dieses Leben in Köln, von dem wir ein bißchen erfahren, und die Autorin macht klar, dass da zwei gleichzeitige Verhaltens- und Denkkulturen in ihr verankert sind, die beide zu ihr und ihrem Leben gehören, die beide ihre Identität begründen.

Es ist das erste Buch der Journalistin Nava Ebrahimi, ein Buch mit starken, manchmal skurrilen  Frauenfiguren, einer schönen Sprache und viel Tiefgang.
Ich freue mich auf weitere von ihr.

Astrid Lindgren – Ihr Leben

Astrid Lindgren – Ihr Leben

Von Jens Andersen

Astrid Lindgren, die Kinderbuchautorin, die 1978 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt, Erfinderin der Pipilotta Langstrumpf. Die Mutter, die ihr uneheliches Kind für einige Jahre weggeben musste. Ich war sehr gespannt auf diese preisgekrönte Biografie. Ein Frauenleben, das vor dem Hintergrund der zeitgenössigen Lebensbedingungen einerseits typisch, andererseits außergewöhnlich war. Typisch waren ihre Erfahrungen zunächst als unverheiratete Mutter, später dann als Ehefrau, Hausfrau und Mutter. Aber dann setze mit dem Erfolg von Pipi ein Reigen ein, der dieses Frauenleben so einzigartig macht. Da ist eine Frau, die sich auf tausend Berufe versteht. Sie schreibt Bücher, Theaterstücke, lektoriert, denkt sich Spiele aus und Kinderlieder. Sie versteht sich auf das Geschäftliche, Finanzielle. Sie pflegt ein großes Netzwerk, sowohl beruflich als auch privat. Sie engagiert sich politisch, in der Anti-Atomkraft-Bewegung, im Umwelt- und Tierschutz und selbstverständlich auch für den Frieden.

Das Buch breitet ein begabtes Leben vor uns aus und versucht Antworten zu geben, was für eine Frau diese Astrid ist. Ich bin mir nicht sicher, ob ich durch diese Biografie wirklich mehr über die menschliche Seite von Astrid Lindgren erfahren habe. Jedenfalls kaum mehr, als durch die Lektüre ihrer Kriegstagebücher.

Aber was ich erfahren habe, ist das gewaltige Pensum, das Astrid Lindgren in ihrem Berufsleben bewältigte, die Vielseitigkeit ihrer Arbeiten und die enorme Produktivität.

Chelsea Manning ist frei

Die ersten Schritte auf instagram, das erste Stück Pizza kurz darauf. Chelsea Manning ist frei. Frei, aber nicht freigesprochen.

Trotzdem: aufatmen. Eine viel längere Haft hätte sie wohl nicht überlebt. Nicht unter diesen Bedingungen.

In ihren Worten, aber nicht mit ihrer Stimme, erzählt dieser Podcast bei amnesty international von ihrem Leben, wie sie Soldat wurde, wie sie dazu kam, die Bilder der Kriegsverbrechen weiterzugeben, die sie sichtete und wie sie mit ihrer Geschlechterrolle haderte, bis sie soweit kam, sich im Gefängnis für ihr eigentliches Geschlecht zu entscheiden.

Aufatmen und hoffen, dass sie es schafft. Noch weiß niemand so recht, was alles auf sie zu kommen kann, in diesem Land, dem niemand mehr so wirklich trauen kann.

Gegensätze

Aus technischen Gründen lese ich aktuell immer zwei Bücher parallel. Die aus der Onleihe ausgeliehen kann ich nur auf dem Handy lesen, weil sie nicht Kindle kompatibel sind. Die gekauften Bücher lese ich auf dem alten Kindle Touch in der Sonne oder am Strand, weil dort das Lesen auf dem Handy fast unmöglich ist.

Zur Zeit lese ich rein zufällig zwei Biografien über Schriftstellerinnen, die gegensätzlicher kaum sein könnten.
Die eine ist die von Christa Wolf, die andere von Astrid Lindgren.

In dem gegensätzlichen Licht, der jeweiligen anderen Autorin, wirken sie besonders klar und prägnant.
Beide erfolgreich, beide früh Mütter zweier Kinder, beide fest in ihrem Beruf stehend, engagiert in ihrer Überzeugung.
Die eine kühl, beherrscht und sich an der politischen Wahrhaftigkeit orientierend, die andere gefühlsbetont, sich für Kinderrechte einsetzend, warmherzig.

Beide außergewöhnlich begabt, aber auch sehr arbeitsam und fleißig.
(Ich bin ja der Meinung, dass Fleiß per se keine Tugend ist. Aber in diesem Fall auch kein Schaden.)

Ich komme zu dem Schluss, dass diese Lesekonstellation, strategisch besonders befruchtend ist.

Zurück zum Feuer

Zurück zum Feuer

Saskia Hennig von Lange

Es ist gar nicht so einfach, Inhalt und Form dieses Buches zusammenzufassen.

Da sind Inge und Max, jeder für sich allein mit der Trauer um den verunfallten Sohn, und da ist der sterbende Max Schmeling, der legendäre Boxer, dem die Welt einst zu Füssen lag. Das Buch besteht fast ausschließlich aus den inneren Monologen dieser Figuren. Es handelt von deren Trauer, Schmerz, Verlust und Einsamkeit. Aber vor allem handelt es vom Sterben und vom Tod.

Trotz dieser ernsten Thematik ist das Buch nicht ohne Komik, eine finstere Heiterkeit, wie sie das Leben eben auch manchmal bereithält.

Der Schmerz über den Verlust des Sohnes ist mitreißend dargestellt. Die Frage, ob es ein Suizid war, als der junge Mann mit dem Auto von der Straße abkam, wird sehr weitläufig umgangen. „Das Leben muss doch weitergehen“, sagt Max und geht am Tag nach der Beerdigung wieder ins Büro. Aber so einfach ist das nicht, mit dem Weitergehen. Nichts ist einfach in so einer Situation und so gerät alles langsam außer Kontrolle in diesem Roman. Alle kämpfen für sich ganz alleine ihren Kampf ohne Gegner.

Es ist ein außergewöhnliches Buch, aber nicht für jeden Lesertyp zu empfehlen. Wer Sinn für das Absurde und das Abstruse hat, wird es sicher mögen.

Lesemodus

Hab mich fest gelesen. Dank Kindle und Onleihe sind die Lesegrenzen weit nach außen geschoben, fast alles erreichbar, hier in der Sonne und am blauen Meer.

Ein, zwei Wehwehchen plagen mich. Zwei, drei Sorgen hab ich mit in mein Gepäck gepackt. Überschaubar würde ich meinen.

Sehr überschaubar.
Großartige Lesezeit.

Duft nach weiß

Duft nach weiß
Stefanie Gregg

Dieser Roman verwebt die fiktive Geschichte Anelijas mit realen, historischen Begebenheiten und Personen aus Bulgarien. Er erzählt zunächst von dem Mädchen Anelija, das bei seiner Großmutter und Urgroßmutter – den beiden Babas – im kommunistischen Bulgarien auf dem Land aufwächst, weil die Mutter nach Deutschland ausgereist ist. Anelija weiß genau, was sie im Leben erreichen will und arbeitet sehr gewissenhaft darauf hin, um zu ihrer Mutter nach Deutschland – in ein freies Land – zu kommen.
Außerdem ist da noch die Geschichte des „Regenschirmmord“, reale Ereignisse, die Stefanie Gregg in ihren Roman fiktiv mit verarbeitet.

Die Stärke des Buches sind die Spannung und die Komplexheit der Thematik. Die Schwächen sind die zu kleinteiligen Zeitsprünge der Rückblenden und dass die Handlung ab und an doch sehr am Rand zum Kitsch balanciert. Z.B. wenn Anelija gegen Ende der Geschichte zur Hütte geht, und da ihr geplantes Vorhaben nicht umsetzt. Schwierig finde ich als Leserin auch, den ständigen Wechsel der Erzählperspektive.

Alles in allem ist es dennoch ein gelungenes, spannendes Buch. Mit viel Tiefgang, Detail-Kenntnissen der politischen und gesellschaftlichen Situation von Bulgarien zur Zeit des kalten Krieges und viel Anlass zum Nachdenken über die Welt in der wir leben.
Es ist ein Bekenntnis zur Freiheit und Demokratie, ein Appell gegen Gewalt, Korruption und Unterdrückung.