Gott ist nicht schüchtern
Olga Grjasnowa

Syrien – Olga Grjasnowa traut sich etwas zu mit dieser Thematik.
Ihre Figuren leben ein westliches, privilegiertes Mittelstandsleben und werden von den politischen Ereignissen aus diesem Leben gerissen. Der Plot des Romans ist gut durchdacht und trotzdem bleiben mir die Figuren fremd. Ob es an der Grausamkeit des Bürgerkrieges oder der Unterdrückung durch das Regime liegt? Mir kommen die Ereignisse vor, als entstammen sie aus Nachrichten oder Dokumentationen, die von der Autorin personalisiert wurden. Da bleibt eine Distanz und nach einmaligem Lesen kann ich nicht sagen, ob der Text oder die Thematik zu dieser Distanz führt.
Auf jeden Fall ist es ein lesenswertes Buch. Eins zum Nachdenken darüber, was der Krieg in Syrien mit unserem Leben zu tun hat.
claudia April 17th,2017
Gedanken,
Kulturtagebuch,
Leben,
Lesen,
Literatur | tags:
Bürgerkrieg,
Flucht,
Frieden,
Krieg,
Politik,
Rezension,
Syrien |
No Comments
Sehnsucht nach Höflichkeit und Distanz
Liebe sei nicht immer die Antwort, meint Jutta.
In der Theorie schon. Jedenfalls ist es richtig, die Menschheit nicht in Lieblosigkeit versinken zu lassen. Vielleicht bedeutet das auch manchmal klar die Grenzen zu ziehen.
Das Referendum wird Spuren hinterlassen. In der Türkei und in der EU.
Irgendwo las ich heute, die Demokratie hätte ein besseres PR-Konzept verdient. Daran mangelt es gerade sehr.
Aber wahrscheinlich nicht, weil die Menschen die Geschichte vergessen hätten. Nein, eher weil sie immer nur die Geschichte der Stärke kennen wollen.
Weil leise kein angesagtes Lebensmodell ist.
claudia April 17th,2017
Fundstücke,
Gedanken,
Kulturtagebuch,
Leben | tags:
Demokratie,
Diktatur,
EU,
Gesellschaft,
Politik,
Staat,
Türkei |
No Comments
Briefe von Brigitte Reimann an ihre Eltern

Brigitte Reimann, geb. 1933 in Burg bei Magdeburg, war Lehrerin und seit ihrer ersten Buchveröffentlichung 1955 freie Autorin. 1960 zog sie nach Hoyerswerda, 1968 nach Neubrandenburg. Nach langer Krankheit starb sie 1973 in Berlin.
Die Briefe beginnen im Jahr 1960 und enden 1973 mit der letzten Karte, die Brigitte Reimann ihren Eltern kurz vor ihrem Tod schreibt. Die weitverstreute Familie pflegte intensive Briefkontakte und daher erfährt man durch diese Briefe viel über den Alltag in der DDR zu dieser Zeit. Geldschwierigkeiten durch die Freiberuflichkeit, aber auch Konsumwünsche und der Weg zu neuen Anschaffungen – mit und ohne Beziehungen – werden angesprochen. Persönliche und familiäre Verwicklungen, literarische Herausforderungen, Trennungen, Umzüge, Krankheiten nichts wird in diesen Briefen als Thema ausgelassen. Das Verhältnis zu den Eltern ist warm und sehr innig.
Das Verhältnis von Brigitte Reimann zur Partei und zum Staat veränderte sich in diesem Zeitraum spürbar. Die Realität holte sie zusehends ein und die Hoffnungen, die sie in die Republik gesetzt hat, verblassen durch die Unannehmlichkeiten des Alltags und die Bevormundung durch die Funktionäre.
Auch wenn in den Briefen manches erst spät angesprochen wird, wirken sie sehr offen und aufrecht. Meinungen, Ansichten und Geschehnisse von denen die Schriftstellerin weiß, dass sie nicht die Zustimmung der Eltern finden, werden trotzdem thematisiert. Immer mit der deutlich Aufforderung trotz des eventuellen Missfallens, die elterliche Zuneigung nicht zu entziehen.
Es ist berührend und mitreißend, zu lesen, wie die seelisch und körperlich immer mehr eingeschränkte Schriftstellerin mit jeder Zeile ihres Romans kämpft, um ihn noch abschließen zu können.
Die Briefe zeigen eine tolle Frau und eine starke Familie, deren Mitglieder sich gegenseitig unterstützten, miteinander diskutierten, aber auch kritisierten.
Und morgen die ganze Türkei
Der Aufstieg des Recep Tayyip Erdogan (Kursbuch)
Deniz Yücel

Was geht da vor in der Türkei? Deniz Yücel fasst in diesem Essay die politische Geschichte der letzten Jahrzehnte der Türkei zusammen. Die Orientierung der Bevölkerung an der Europäischen Union und die Brüskierung durch die Ablehnung spielen eine große Rolle bei der aktuellen Situation.
Deniz Yücel beschreibt auch genau, wie eine Diktatur entsteht, die sich den Anschein gibt, durch demokratische Wahlen legimitiert zu sein.
Diese Variante kennen wir in Deutschland ja auch. Genauso wie die Festigung der Macht durch Kriegsbeteiligung.
Bestimmt sähe die Situation heute anders aus, wenn wir früher genauer hingeschaut hätten.
Seltsam diese Überheblichkeit der EU, vielleicht zerbricht sie einmal genau daran.

Der Russe ist einer, der Birken liebt
Olga Grjasnowa
Mascha ist eine junge, eigenwillige Übersetzerin, sie stammt aus Aserbaidschanerin, ist Jüdin und besitzt einen deutschen Pass. Als Immigrantin musste sie in Deutschland früh als Kind die Erfahrung der Sprachlosigkeit machen. Nun spricht sie fünf Sprachen fließend und hofft bei der UN arbeiten zu können. Aber plötzlich verunglückt ihr Freund Elias, erkrankt danach schwer und stirbt. Mascha flieht vor ihrer Trauer nach Israel und gerät dort in Situationen, denen sie nicht gewachsen ist.
Das Buch fasziniert mich durch seine Weitläufigkeit. Alle Figuren sind unglaublich komplex, widersprüchlich und tiefgründig angelegt. Die Welt ist kein friedlicher Ort und die Figuren werden von ihren Emotionen und ihrer Vergangenheit getrieben. Irgendwie hängt alles miteinander zusammen und ergibt aber dennoch nicht immer Sinn.

A.L. Kennedy hat eine intensive, fast körperliche Beziehung zum Schreiben, die sie in den Blogposts in The Guardian vor den Leserinnen und Lesern offenlegt. Was macht Recherche mit einem oder Signierstunden. Sie spricht alles an, was zum Leben einer schreibenden und veröffentlichenden Person gehört. Das Buch enthält zu den Blogposts noch Essay über das Handwerk des Schreiben und die Textfassung ihrer Performance Words.
Die Autorin gibt in diesen Text viel von sich preis. Sie lässt uns ziemlich nahe kommen. Krankheiten, seelische Untiefen, finanzielle Ängste, alles spricht sie an und aus.
Diese Ehrlichkeit und Offenheit hat mich beim Lesen des Buches am meisten berührt.
claudia April 8th,2017
Gedanken,
Kulturtagebuch,
Kunst,
Leben,
Lesen,
Literatur | tags:
Bloggen,
Lesen,
Literatur,
Rezension,
Rezensionen,
Schreiben |
No Comments
Die Fähigkeit angemessen zu Handeln unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen nennt sich Klugheit.
Ich mag das Wort klug. In meinen Ohren klingt das Wort sehr angenehm. Es trägt eine Aura der Wärme und Harmonie mit.
Klugheit wird unterschätzt.
Es wird oft durch das aalglatte „smart“ersetzt. Oder durch das technokratische „intelligent“.
„gescheit“ und „schlau“ müssen auch schon längst hinten anstehen.
Ganz abgehängt ist das „weise“ sein. Wer gibt schon freiwillig zu, zum alten Eisen zu gehören?
Jedenfalls ist das schönste Adjektiv, das ich zu vergeben habe, aktuell „klug“.