Die Sammelmappe ist geduldig. Sie harrt der Dinge, wie sie gerade kommen und hält sie fest.
Auf ihre eigene ganz besondere Art.
Vielleicht schafft sie auch erst eine besondere Form der Realität.
Niemals werden die Tatsachen eins zu eins abgebildet. Das wäre zu einfacher, zu schwach angelegt. Die Stärke der Sammelmappe liegt im direkten Zugang zum Herzen und somit auch zu ihrer Entflammbarkeit. Sie leistet treue Dienste. Hält viel aus und schweigt sich aus, wo es sein muss.
Zerbrechlich ist sie genauso, und dann doch wieder sehr robust.

Wenn die Gedanken den Weg nicht mehr finden und nicht mal mehr zu kreisen wagen.
Außen schlägt innen, wie sonst nur das oben nach unten. Lebensnotwendige Distanzierungsmethoden.
Pssst, hörst du die Kraft der Stille.
Mehr als auf diesem Foto zu sehen ist, kann ich nicht preisgeben von mir.

Verschwinden als Lebensgefühl wird unterschätzt.
Schmerzlich, wenn die Freundschaft vor deinen Augen stirbt.
Ich schaue weg. Weil ich es darf.
Frieden auf Erden. Hoffnung auf Einsicht. Immer wieder das gleiche Lied.
Die Wünsche an das Universum Flüstern sich durch die Welt.
Friede wollen viele, Krach noch mehr.
Der Starke tötet, wenn er es kann.
Es endet alles mit Blut. Mal wallend, mal fließend.
Präsent sein ist gerade sehr en Vogue. Überholt ganz unspektakulär die Authenzität.
Mein Büro hat die Anziehungskraft eines Lagerfeuer. Wer sich wärmen will, sucht seinen Schutz.
Zuhören als Konzentrationskunst entwickeln.
Ich höre dir zu, ich nehme dich an.
Dazwischen taumeln die Machttrunkenen. Setzen außer Kraft, was ihnen nicht gefällt. Manches beginnt langsam und rast anschließend den Abhang hinunter.
Volle Kraft, zum Drüber setzen.
Mein Elefantengedàchtnis reicht nicht sehr weit. Bin stolz darauf, dass die Toleranz mir den Boden der Engstirnigkeit entzieht.

Manchmal wünschte ich mir, ich könnte einfach meine Sachen packen und ins Land der Dünnhäutigen, Sanftmütigen und Mimosen ziehen. Mir ist das Klima zu rauh geworden und die Evolution hat es versäumt mir einen giftigen Stachel mitzugeben.
Ich wünschte, ich könnte meine Sachen packen und mir einen Pass besorgen für das Land „Soziale Demokratische Republik“ ohne kackbraune Flecken auf der Fahne.
Ich sehne mich nach einer gerechten Gesellschaft, die Leistung als sich kümmern definiert. Die Platz lässt für die schönen Künste, für Spaß und Freude. Mit Lust auf das Neue und Achtung für das Beständige.
Einen Platz wünsche ich mir, an dem ich in Ruhe und mit Gelassenheit altern kann. Platzverbot für Trolle. Die mögen bitte draußen spielen.
Der Tag rauscht dahin. Mit Brausen. Hier und dort. Ein Ohr wird verlangt, ein Auge wird erwartet.
Die Welt dreht sich und der Büroflur dreht sich mit.
Kopfschütteln ist durchgängig zu vermeiden. Zu groß ist die Gefahr, dass du nicht mehr damit aufhören kannst.
Die Tage fühlen sich anders an. Als hätte jemand einen Schalter gedrückt und alles passiert schneller, alles ist lauter, alles bunter.
Eine Erklärung habe ich dafür, ihre fehlt die wissenschaftliche Grundlage, das faktische Fundament.
Aber wer braucht schon ein Fundament zum Schweben?

Flughafenwandern von Aleks Scholz
Beim Betreten eines Flughafens spüre ich es jedes Mal: der Flughafen ist ein ganz besonderer Ort, der sofort Einfluss auf mein Verhalten, meine Gestik und meinen Tonfall hat.
Aleks Scholz geht der Atmosphäre der Flughäfen auf den Grund und ich lasse mich von seiner Sprache durch die Flughäfen der westlichen Welt führen.
Mit trockenen Humor und einer Mischung aus Sachlichkeit und genialer Übertreibung erzählt das Buch von den Erlebnissen des Flughafenwanderers, von der Entstehung der Flughäfen, von ihren Veränderungen und eben auch von den Wechselwirkungen dieser Orte mit der menschlichen Psyche und der Persönlichkeit.
„In einer fußgängerfeindlichen Umgebung wird der Akt des Streunens unweigerlich zur politischen Subversion.“
Es sind die ungewöhnlichen Perspektiven und Interpretationen, die diesen Text so mitreißend wirken lassen.
Gleich nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, habe ich noch mal von vorn damit begonnen – und nun überlege ich, dass ich eigemtlich ganz schnell, die S-Bahn zum Flughafen erreichen muss.
claudia Dezember 4th,2016
Fundstücke,
Gedanken,
Kulturtagebuch,
Kunst,
Leben,
Lesen,
Literatur | tags:
Bücher,
Flughafen,
Frankfurt,
Literatur,
Reisen,
Rezension,
Rezensionen |
1 Comment
Den nichtlinearen Systemen Empathie entgegen stellen.
Ich habe noch lange nicht verarbeitet, was da politisch um mich herum passiert. Irgendwie wiederholt sich die Vergangenheit und gleichzeitig werden wir in eine traumatische Zukunft katapultiert.
Als ich den Artikel über die Psychometrik las, wurde mir schlecht. Ich musste aufstehen und konnte nur weiterlesen, indem ich im Zimmer auf und ab gegangen bin.
Mehr Worte von mir braucht es dazu im Moment nicht.
Mit Erinnerungen geflutet.
Jede Haltestelle löst eine Assoziationswelle aus.
Die Szenen aus der Vergangenheit leuchten in allen Farben.
Hier habe ich geweint und hier gefroren. Hier habe ich geträumt und dort gezittert. Hier habe ich gestanden und da alles verloren.
Hier habe ich gehofft und dort gegammelt.
Jede Haltestelle eine Lebensstation –
und an der Endhaltestelle den Trauerstrauß abgelegt.
Die Witwe der Brüder van Gogh ein Roman von Camilo Sánchez gelesen von Doris Wolters

Dass die Bilder von Vincent van Gogh erhalten geblieben sind, verdanken wir einer starken Frau. Johanna van Gogh-Bonger war die Frau von Vincents Bruder Theo, der Vincent zehn Jahre lang finanziell unterstützte. Als junge Mutter wurde sie von ihrem Schicksal geradezu überrollt. Mit dem Suizid von Vincent begann der seelische und körperliche Verfall von Theo, der innerhalb weniger Monate nach Vincents Tod verstarb.
1891 stand sie alleine mit einem Säugling und einer Wohnung voller Bilder, Skizzen und Briefe. Zu ihrer Zeit bedeutete das für die meisten jungen Witwen, dass sie wieder von ihren Eltern abhängig wurden. Johanna van Gogh-Bonger wählt einen anderen Weg. Sie eröffnet eine kleine Pension, die ihr die Möglichkeit gibt, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, die Bilder ihres Schwagers dort aufzustellen und sich auch um deren Verbreitung zu kümmern.
Noch heute liest man böse Kommentare über ihre Vorgehensweise, eine Frau, die sich einmischt und nicht davor zurück scheut, die Briefe von Vincent an Theo zu kürzen und zu glätten, um sie besser zur Vermarktung der Bilder einsetzen zu können.
In der Romanbiografie begegnen wir einer starken Frau, die Entscheidungen trifft, anpackt wenn es um die Renovierung der Pension oder den Transport der Bilder geht. Einer klugen Frau, die die Bilder nicht wahllos verkauft und Schritt für Schritt ihre Vorgehensweise überdenkt und weiterentwickelt. Wir erleben eine Frau, die sich Gedanken über die gesellschaftliche Situation macht und über ihren Körper bestimmt.
Die Stimme von Doris Wolters trägt ruhig durch die spannende Lebensetappe ausgehend von Vincents Selbsttötung bis zu der Zeit in der seine Bilder am Kunstmarkt an Bedeutung gewinnen.
claudia Dezember 1st,2016
Kulturtagebuch,
Leben,
Literatur,
Schreiben | tags:
Bücher,
Bilder,
Biografie,
Frauen,
Frauenleben,
Rezension,
Rezensionen,
Van Gogh |
No Comments