leiser

Wie so oft in meinem Leben reagiere ich auch auf die derzeitige politische Situation ganzheitlich.
Das Mimosenseelchen zieht sich zurück und leckt ihre Wunden.
Es ist laut da draußen. Sehr laut.

Schreist du, dann schreie ich lauter. So will es das Ritual. Niemand möchte ungehört bleiben.

Laut. Stolz. Auf der richtigen Seite sein. Das ist gerade sehr wichtig da draußen. Aufrecht stehen. Ausrufezeichen. Appelle.

Gewaltfreiheit ist nicht länger Konsens. Vielleicht war es das noch nie und ich habe es nicht bemerkt.

Es ist laut da draußen und ich verstehe, dass das für einige Menschen auch so sein muss. Dass sie gehört und gesehen werden wollen. Dass sie die Hoffnung haben, dass die Welt sich wieder verändert, wenn sie als letzte und am lautesten ihre Wahrheit, ihre Meinung und ihre Überzeugung in den Kampf geschrien haben.
In der Realität des Kindergartens wird dieser Kampf von einer höheren Macht beendet. In unserer Realität verfügt das böse Kind über fiese Spielzeugwaffen.

Je lauter es draußen ist, desto mehr Stille brauche ich.
Mir tut es körperlich weh, die wenigen Nachrichten aus der Weltpolitik zu ertragen, die ich an mich ran lasse.

Mein Intellekt weiß ganz genau, was da gerade passiert. Er weiß auch um das große Privileg der vergangenen Jahre. Geboren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ein kleines Raum-Zeit-Fenster für Leben ohne Kriegsbedrohung und Hunger.

Mein Körper und meine Seele trauern. Sie müssen den Abschied von einer Epoche verkraften. Nicht dass ich keine Hoffnung hätte – nein, das kann ich so nicht sagen.
Aber die Hoffnung, die hat im Moment hier noch keinen Platz.

Zuerst gilt es Abschied zu nehmen.

Das Kleid meiner Mutter


Das Kleid meiner Mutter von Anna Katharina Hahn

Der Roman startet 2012 mitten in der Krisen-Realität der spanischen jungen Menschen und wechselt mit viel Fantasie zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Tagebuchauszüge, Rückblicke, Briefwechsel, die Autorin verarbeitet abwechslungsreich die verschiedenen Handlungsstränge. Es entsteht eine surreale Erzählung, die mich vom ersten Moment an mitriss.

Liebe, Krieg, Schreiben, Erwachsenwerden, wirtschaftliche und seelische Unabhängigkeit – alle großen Lebensthemen finden Platz in diesem Buch.

Ein erzählerischer Genuss für Menschen, die nicht immer fest am Boden der Tatsachen kleben möchten.

eine Ahnung von Frühling

Kalt ist es draußen.
Dennoch liegt eine Ahnung von Frühling in der Luft.

Vielleicht ist es das Licht, das sich über den Hang ergießt?
Oder die Vögel, deren Gezwittscher den Weg durchs geschlossene Fenster findet?

Der Frühling wird kommen.
Eine Hoffnung, die sich vergewissert.

Die Bäume werden knospen, das Gras wird sprießen, die Pollen werden fliegen.

Ich halte mich an der Hoffnung fest. Im Privaten, wie im Politischen.

Es ist kalt da draußen.
Aber der Frühling wird kommen.

erschöpft

Gerne möchte ich die Erschöpfung an mir abtröpfeln lassen, aber es gibt ein technisches Problem. Ein inneres Leck.
So rinnt denn auch meine Seele voll bis oben hin mit Erschöpfungstropfen.
Mittlerweile ist auch der Überlaufbehälter namens Körper vollgelaufen und ich strecke alle Viere von mir.

Ich bin erschöpft.
Heute hat mich diese Krankheit aus der Vergangenheit erwischt. Volle Breitseite sozusagen.

Jetzt ziehe ich den Stöpsel und setze auf Entleerung.

Was ich nicht brauche, kann auch weg.

aufgefallen

Ich mag diesen Fensterblick zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Muss mir jetzt noch zwei Links festhalten. Den über die Socialbots.
Dann noch IFTTT – If this than that. Damit kann man sich Dienste gegenseitig vernetzen. Auch nicht schlecht.

Auf Facebook ist mir gerade aufgefallen, wie viele tolle Sachen ich mit dem Internet gelernt habe und wie viele tolle Menschen ich durch das Internet getroffen habe.

Mir ist es ein Rätsel, dass es so viele Menschen gibt, die Internet-Abstinenz für eine intellektuelle Großtat halten.
Leises Bedauern meinerseits, denn ich gönne allen etwas ab vom Guten.

Ihr verpasst was, kann ich da nur sagen.

Als letztes noch: ich bin ganz sicher, dass Stricken die Welt verbessert und befriedet. Ebenso wie häkeln, spinnen, nähen und was es da noch so alles gibt.

Merkt ihr was?
Ich blogge mir die Welt, wie sie mir gefällt.

es sprießt

Hab heute ein Handvoll Lob geerntet und jetzt sprießen schon die Knospen.

Stephan Hawking

Jetzt wird er 75.
Überirdisch im Geist. Überirdisch im Körper.

Was bedeutet die Zeit? Was bedeutet das Leben?

Sie.
Sie hat es nicht geschafft.
So stark.
So präsent.
So sehr von dieser Welt.

Mir bleibt es ein Rätsel, wie ein Mensch so körperlos leben kann.

(Dabei weiß ich genau: Körperlos ist Wunschdenken. Die Muskeln schwinden, die Schmerzen brennen.)

Überschlag

Das Jahr dreht einen Salto und schwups, hast du 2017 an der Backe.
Kalt und unberechenbar, ein bisschen schnodrig, mit himmelblauen Potential, dafür mit der Duftnote hoffnungslos ausgestattet.

Ich rechne mein Leben durch. So ein Hamsterrad-Leben ist schnell durch kalkuliert. Was noch fehlt, ist die sinnvolle Auswertung der Berechnungen.

Aber lassen wir uns doch noch etwas Zeit dafür. Die Sinnsuche endet nicht mit einer Kalkulation.

Die Kopfschüttelmentalität greift um sich, ist längst schon ein Merkmal der Corporate Identidy.

Zynische Danksagungen lassen tief in unsere Wertesystem blicken.

So genau, wollte ich das eigentlich nicht wissen. Nein, so genau nicht.

Durch Mauern gehen

Marina Abramović ist sicher die zur Zeit bekannteste Peformancekünstlerin.

Mit 70 Jahren veröffentlicht die Partisanentocher ihre Autobiografie und gibt Einblicke in ihr Leben, ihre Beziehungen und ihr künstlerisches Schaffen.
Sie erzählt von Eltern, die beide in der Nacht mit einer geladene Pistole neben sich schliefen. So ist es nicht überraschend, dass sie zu dem Schluss kommt, dass die glücklichste Zeit ihrer Kindheit das Jahr war, das sie im Krankenhaus verbrachte.
Ihre Performances sind voller Schmerzen, Blut, Wunden und Narben.
„Der Schmerz ist wie eine Tür, die einen schützt, die einen davor bewahrt, die Wahrheit auf andere Weise zu sehen. In dem man durch den Schmerz hindurchgeht, öffnet man diese Tür und erfährt eine neue Art der Wahrnehmung.“

Sie lebt ein kompromissloses Leben und strebt Beziehungen an, in denen sie ganz aufgeht. Es verblüfft, wie wahrhaftig sie über den Schmerz des Verlassenwerdens spricht.
Dabei verspürt sie ständig den Drang die Welt vollständig zu erfassen. Fährt zu den Aborigines nach Australien und lebt eine Weile mit ihnen, sie holt sich Rat zu ihrem gebrochenen Herzen bei einer Schamanin.
Sie ist eine großartige Künstlerin und beherrscht das Marketing auf dem Kunstmarkt.

Das Buch rundet ihre Selbstinszenierung perfekt ab.

Was wird sein?

Was wird das für eine Welt sein in 2017?

Diese Frage habe ich mir in den letzten Wochen oft gestellt.

Brexit, Trump als Präsident, in der EU Staaten, mit totalitären Systemen, Russland gibt sich kriegerisch in der Ukraine und anderswo, die Türkei ist ein machtpolitischer Alptraum, in Syrien ist Krieg, Menschen sind auf der Flucht und werden nicht aufgenommen und von denen, die immer noch verhungern wird kaum noch gesprochen.
Das ist die Welt in der ich lebe.

Das ist die Welt, die ich nicht verstehe und vor der ich mich fürchte.

Ich mag nicht in einer Schutzzone leben, arbeiten oder feiern.
Ich mag meine Sicherheit nicht in die Hand des Staates legen, der seine Gewaltenteilung nicht im Griff hat.
Ich mag es nicht, dass nur der Konsum zählt und den Menschen nicht die Wertschätzung entgegen gebracht wird, die ihnen zusteht.

Nach einigen Wochen und Monaten persönlicher Verunsicherung habe ich nun eine Position für mich gefunden. Sie ist noch wackelig und instabil, aber sie ist die einzige, die ich habe.

Die Welt ist, wie sie ist und ich werde meinen Weg darin suchen. Eigentlich war sie schon immer bedrohlich, feindlich und ungerecht – nur in den letzten Jahren halt ein bisschen weniger zu mir. Für viele andere Menschen galt es leider nicht.

Also:

Ich werde Angst haben und ich werde mich fürchten. Aber damit werde ich leben, so gut ich eben kann.
Ich werde mutig sein. Weil ich in meinem Leben auch immer wieder mutig gewesen war.
Ich werde öfters neue Perspektiven einnehmen.
Ich werde lernen mehr zu vertrauen.
Ich werde meine Freundschaften vertiefen.

Ich werde mir selbst mehr Gewicht geben.

Ich werde klug und umsichtig sein.

Ich werde lieben.