Isabel Allende – Amandas Suche

Da hat sich jemand in ein falsches Genres verirrt.
Isabel Allende schreibt einen Krimi, verwendet exzellente Zutaten, vermischt diese nach bewährten Rezepten, aber es kommt trotzdem kein guter Krimi dabei heraus. Für einen Kinder- und Familienkrimi ist er zu grausam, für einen Thriller auf den ersten 350 Seiten zu dröge, für einen konventionellen Krimi agieren die Akteure zu konstruiert.

Lässt man die Schublade Krimi weg, erhält man eine weite Figuren-Landschaft. Menschen, die miteinander in den unterschiedlichsten Beziehungen stehen, außergewöhnliche Lebensläufe. Es bleibt eine klare Sprache, manchmal kluge, manchmal platte Interpretationen der US-amerikanischen Lebensrealität.

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Barbara Honigmann – Ein Kapitel aus meinem Leben

Das Buch ist ein Beispiel dafür, wie anspruchsvoll und energiegeladen autobiographisches Schreiben sein kann. Es kreist um das Leben der Mutter der Autorin in dem es einen bestimmten Abschnitt fokussiert, der dem Buch den Namen gibt. Die Zeit ihrer Ehe mit einem Doppelagenten. Auch die Mutter war eine Agentin des KGBs, Jüdin, Kommunistin, die ihr Leben immer wieder neu findet sich neu verortet.
Es ist ein Sammelportrait vieler interessanter Frauen und Männer, die in den Zeiten der Diktaturen ihre Überzeugungen lebten. Mal gegen das System, mal mit ihm.

Es ist ein Buch über das Schweigen. Denn die Tochter erfährt nicht wirklich etwas von der Mutter über die Zeit als Agentin. Ein Leben nahe an der Wahrheit, aber immer ein bisschen daran vorbei. Die Tochter achtet diesen Zustand und will nichts recherchieren, nichts erforschen. Das ist genau der Punkt, der mich unbefriedigt lässt. Es ist verständlich nicht als Voyeurin dastehen zu wollen, es ist verführerisch, die Mythen der Kindheit in getragenen Farben aufrecht zu halten. Es schmerzt in die Schicht darunter zu gehen. Aber gerade die hätte mich interessiert.

Die Autorin ist vielfach ausgezeichnet, das war mir beim Lesen nicht bewusst.

Milena Moser – Das wahre Leben

Das wahre Leben ist ein gewagter Titel für einen Roman.

Richtig ist, dass Milena Moser viel Leben in dieses Buch packt. Multiple Sklerose, Hirntumor, Epilepsie, Tablettenabhängigkeit, Essstörungen, problematische Jugendliche und wohlstandsverwahrloste Eltern.

Ich mag den lockeren Ton und die Überzeichnung der Figuren und Handlungen. Vielleicht hätte ich es mir an der einen oder anderen Stelle noch satirischer gewünscht, damit die Konstruktion der Geschichte nicht so nackt im Raum steht.
Was ich weniger mag, ist die doch etwas klischeehafte Einteilung der Welt und Ausgestaltung der Figuren.
Einfach mal das Milieu gewechselt und schon klappt das mit der Aufarbeitung der Kindheitswunden, ist ein bisschen wenig.

Aber wett gemacht werden diese Schwächen sowohl durch die Leichtigkeit der Sprache und des Tons in diesem Buch als auch durch die Überzahl der Frauen als Akteurinnen.

Milena Moser ist eine Schweizer Autorin von der ich noch viel zu wenig gelesen habe.
Kann ich ja noch nachholen.

Strand-Stillleben

Es lebt sich still am Strand.
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Gehen und stehen

Maike lebt seit einer Weile in Japan und bloggt und snapt fleißig aus ihrer neuen Lebensrealität. Gerade hat sie einen Blogartikel zum Thema Rolltreppen-Nettiketten-Kulturunterschiede geschrieben, über den ich etwas gestolpert bin.

Zuerst dachte ich, das sei wieder so eine Berlinerinnen Attitüde, Berlin mit dem Nabel von Deutschland gleichzusetzen, wenn sie schreibt, dass die Rolltreppen-Disziplin in Deutschland zu wünschen übrig ließe. Denn für Frankfurt kann ich das nicht bestätigen.
Kaum hatte ich das angedeutet ging es los mit: diese eine Freundin aus Frankfurt kann das nicht bestätigen und die nächste meldet sich und kann das auch nicht bestätigen.
Nun ja, an meinem Erleben ändert das natürlich nichts.

Meine erste Reaktion darauf war:
Hihi, was wollt ihr? Ein Video von der Bahnhofs Rolltreppe Montagmorgen um 6:30 wie sich alle Rollkofferschieberinnen brav in die Schlange zu stehen einreihen? Denen die dann 30m hinten stehen, wird das manchmal zu doof, die überholen dann die Linksüberholer der Rolltreppe noch mal weiter links (weil sie ihr Rollköfferchen tragend nicht die Rolltreppe links gehen könnten ohne die Rechts stehenden anzurempeln) sie gehen dann also auf der Lauftreppenspur.
Also der Spur, von der es in Antje Schrupp s Timeline gestern hieß sie würde für irgendwas knackiges sorgen.

Aber natürlich würde das Video nur wenig „beweisen“, um das genau zu untersuchen müssten wir eine Studie machen. Vielleicht sind unsere Lebensrealitäten anders, war ein weiterer Gedanke von mir. Ich dachte dabei an andere Fahrzeiten und andere Stationen.

Bis mir auf einmal klar wurde, worum es geht: Ich stehe, sie gehen.

Das ist der wesentliche Unterschied in der Perspektive. Ich steuere konzentriert die rechte Seite der Rolltreppe an, wenn ich Gepäck habe sorge ich dafür, dass ich trotzdem die rechte Hand frei habe, um mich am Handlauf festzuhalten, konzentriere mich dann auf das Besteigen der fahrenden Treppe, immer mit einer gewissen Unsicherheit bezüglich der schwierigen Perspektive, die ich nur schlecht sehen kann. Dann stehe ich und vor mir stehen die anderen Menschen und links rempeln mich die gehenden Menschen an, wenn sie an mir – und an zehn oder fünfzehn stehenden Menschen – vorbei hasten. Und steht ihnen die elfte oder siebzehnte Person im Weg ist das „mangelnde Rücksichtnahme“.

(Nicht, dass ich Maike für eine rücksichtslose Person halte!) Aber es ist doch verwunderlich, wie sich die Wahrnehmung ändert, wenn sich die Perspektive ändert.

Mir fiel in diesem Zusammenhang dann auch die eine Studie ein, derzufolge befördern Rolltreppen knapp 30 Prozent mehr Menschen, wenn diese auf beiden Seiten stehen.

Wenn also beide stehen, dann kommen alle schneller ans Ziel.

Die gefühlte „Rücksichtnahme“ ist also eher ein Hintenanstellen.

Wir Stehenden stehen also länger in der Schlange und müssen uns mehr anpassen, damit die die gut sehen, gut zu Fuss sind und eine gute Koordination haben, noch ein bisschen schneller ans Ziel kommen?

Oder habe ich etwas übersehen?

(Nicht dass das jetzt ein großes Ding wäre, mir geht es nur um die Wahrnehmung der Rücksichtnahme bzw. Höflichkeit oder Disziplin.)

Datenrauschen

100 MB täglich auf das mobile Datenvolumen und zweimal am Tag am Wifi-Tropf im Café. Ich bin sparsam und geizig mit den Daten im Urlaub und doch weit davon entfernt genügsam zu sein.
Ehe ich mich versehe, meldet mein Handy, dass es 15 neue Updates laden möchte. Warum 15? Warum jetzt? Es hatte doch keine Update-Pause.
Es hilft nichts, die Daten rauschen.

Ich sehe keine Videos, höre keine Podcast, die snappenden Frauen muss ich mir verkneifen, die dauern auch beim Wifi-Café zu lange bis sie laden, nur mir selbst einen Filter aufsetzen, das mache ich mal schnell. Ein bisschen Spass will ich ja auch im Datenrausch.

Ein Blogartikel ist mir verloren gegangen, eine Folge der Panik beim Daten versagen. Schade ist das, aber wie das Leben halt so ist, manche Augenblicke holst du nie zurück.

Zum ersten Mal bin ich mit der Onleihe der Stadtbücherei auf Reisen. Was für eine Wonne, dort zu stöbern. Das gefällt mir so gut. Wenn ich das E-Book nicht mag, könnte ich ihm einfach einen Klick geben, dann wäre es weg. Ohne Ärger, ohne Reue.

Mobiles Datenvolumen ist wirklich teuer, das merke ich erst jetzt, zuhause bin ich verwöhnt, hab zwei großartige Nester in denen ich gut versorgt bin, daher komme ich mit wenig aus. Aber was, wenn das nicht ausreicht? Dann hängt eine in der Kostenfalle, die scheint es tatsächlich noch zu geben. Deutschland tut sich schwer in der Digitalisierten Welt.

Freie Fahrt für freie Daten wünsche ich mir, angerichtet ohne Überwachung und freien Einstieg in die öffentlichen Verkehrsmittel. Damit wäre die Welt schon ein klein bisschen zugänglicher.

Alles kein Zufall

Alles kein Zufall – Elke Heidenreich

Mit Elke Heidenreich geht es mir wie bei Radio Eriwan. Im Prinzip ja, aber …

Im Prinzip halte ich sie für eine starke Frau, aber ich ertrage sie nicht. Zu laut, zu hektisch, zu penetrant. Vor zwanzig (oder waren es dreißig?) Jahren habe ich ein Buch mit Erzählungen gelesen, da fand ich mein Leben und meine Herkunft seltsam gespiegelt und dachte : Nein, danke! bei mir.

Bei der Onleihe konnte ich jetzt gefahrlos ihr Buch herunterladen, mit einem Klick wäre es ja problemlos wieder zu geklappt. Kurze Geschichten lautet der Untertitel und kurz ist gut dachte ich.

Kurz war besser als erwartet. Kurz war kürzer als gedacht. Kleine Miniaturen. Unverkennbar Elke Heidenreich. Ich hörte ihre Stimme während ich las und da mein Gehirn diese Stimme stimmig runterregelte, war es auch nicht unangenehm. Es sind ganz viele Kleinst-Erzählungen, Anekdoten mit autobiografischen Hintergrund.

Ich habe sie in einem Rutsch durchgelesen und mich erfreut an ihnen.

Ein Engel an meiner Tafel

Janet Frame – Ein Engel an meiner Tafel

Eine junge neuseeländische Schriftstellerin landet in der Psychiatrie und wird nach Jahren wegen ihrer Erfolge als Schriftstellerin wieder entlassen. So lautet der Inhalt des Buches und des bekannten Films dazu und so stellte ich mir den Inhalt auch vor: Leicht süßliche Tragödie mit Happy End. Aber da täuschte ich mich.
Es ist die Autobiografie einer unangepassten, introvertierten jungen Frau voller Schüchternheit. Das macht die Erzählung zu etwas besonderem, denn es gibt zahllose Erzählungen über unangepasste, extrovertierte und kämpferische Frauen, aber ganz wenige über schüchterne, hoch sensibel veranlagte. Janet Frames Autobiografie ist mittlerweile ein Klassiker und sehr berührend. Sie beschreibt, wie es dazu kommen konnte, dass sie sich von ihrer Schüchternheit in auswegslose Situationen treiben ließ. Dass sie immer weiter auf den Abgrund der Krankheit zu lief. Dass der Name der Krankheit Schizophrenie ihr Deckung, Schutz und Aufmerksamkeit gab, die sie so sehr suchte, sie aber dann in die Tiefe riess. In die Tiefe der psychiatrischen Behandlungsmethoden der 40er und 50er Jahre, die aus Demütigungen, Freiheitsberaubung, Elektroschokbehandlungen und Gehirnoperationen bestanden.
Sie erzählt aber auch, von einem großartigen weiten Land mit einer abwechslungsreichen Natur, von Menschen, die auf unterschiedliche Weise ihr Leben leben, vom Übernehmen oder Ablehnen von Verantwortung. Von Glück und Unglück, das das Schicksal mit sich bringt.
Ein Engel an meiner Tafel ist der zweite Band der dreiteiligen Autobiografie. Eindringlich und in farbigen Bildern geschrieben. Es steckt voller Lyrik und Poesie, die auch in Originalen zitiert werden. Von den Klassikern der englischen Dichtung, zu den Liedern der Schule oder der zeitgenössischen Schlagerhits.

bei mir

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