
Es wird ruhiger auf dem Büroflur. Im Laufe der Woche verabschieden sich nach einander die Kolleginnen. Die Türen klappern, die guten Wünsche werden hin und her getauscht. Gedämpft und demütig in diesem Jahr. Gesund zurückkommen – wir wissen jetzt alle, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.
Ich mag diese Zeit, wenn alles langsam ruhiger wird. Hier drinnen zuerst, dann auch draußen. Irgendwann.
Zunächst gibt es dort noch mal Hektik und Stress. Der Konsummotor jault auf und quietscht. Aber auch er kommt vorübergehend zum Stillstand. Ganz kurz. Bis er nach den Feiertagen mit einem kleineren Gang in die Gutschein- und Umtauschphase startet.
In meiner ganzen Lebenszeit war immer auf den Konsum Verlass. Er hat sich durchgesetzt. Gegen alle Vernunft, allen Fakten zum Trotz.
Er wird weiterhin das verbindende Glied sein, auch wenn uns der Rechtspopulismus überrollt.
Wir ernten, was wir gesät haben.
Wir ernten, was wir gepflegt haben.
Tränen und Trauer am heutigen Tag.
Unheil. Glimpflich. Terror. Gerüchte. Hetze. Lügen. Panik.
Es wird gewarnt. Es wird genörgelt. Es wird in die Leere hinein berichtet.
Wir wollen wissen und wenn wir nicht wissen können, wollen wir fragen auch wenn es keine konkrete Antwort gibt.
Sachlichkeit wird vorgetäuscht.
Ein Codex gegen einen anderen ausgetauscht.
Die Toten sind tot. Die Verletzten leiden und sterben.
Die Tränen fließen.
Wir schauen zurück. Terror wird aufgespürt. Aufgeschreckt.
Ein Unfall wäre eine Enttäuschung.
Rechts wird es verdammt laut. Aber nicht sicher.
Auf dem Prüfstand werden Opfer gebracht.

Meine geniale Freundin von Elena Ferrante
Der erste Band der neapolitanischen Saga der Autorin, die unerkannt bleiben wollte und nun doch an die Öffentlichkeit gezerrt wurde. Von diesem Buch geht eindeutig ein Sog aus, der mich total erfasste.
Rein in die Geschichte und wissen wollen, wie es weiter geht. Was passiert da? Wie dreht sich das Schicksal? Wer wehrt sich? Wer duckt sich? Warum um Himmels Willen, lässt sie das jetzt zu?
Die Erzählung ist rasant und tiefgründig. Die Sprache eher einfach.
Von der Presse und dem Feuilleton wurde das Buch in den höchsten Tönen gelobt und ich habe mich zwischenzeitlich gefragt, ob das Lob in diesem Ausmaß gerechtfertigt ist. Außer diesem Sog, der von dieser Geschichte ausgeht, habe ich keine weiteren Argumente gefunden.
Ja, die Sprache ist einfach.
Ja, die Geschichte wird zwischendurch etwas geschwätzig.
Ja, die Figuren haben ihre Schwächen.
Aber, das alles reicht nicht, um der Geschichte ihren Glanz zu nehmen oder ihren Figuren die Anziehungskraft. Ich will mehr wissen über Lila und Elena. Ich will wissen wie ihr Leben weitergeht und wohin das Schicksal sie führt.
Die Sammelmappe ist geduldig. Sie harrt der Dinge, wie sie gerade kommen und hält sie fest.
Auf ihre eigene ganz besondere Art.
Vielleicht schafft sie auch erst eine besondere Form der Realität.
Niemals werden die Tatsachen eins zu eins abgebildet. Das wäre zu einfacher, zu schwach angelegt. Die Stärke der Sammelmappe liegt im direkten Zugang zum Herzen und somit auch zu ihrer Entflammbarkeit. Sie leistet treue Dienste. Hält viel aus und schweigt sich aus, wo es sein muss.
Zerbrechlich ist sie genauso, und dann doch wieder sehr robust.

Wenn die Gedanken den Weg nicht mehr finden und nicht mal mehr zu kreisen wagen.
Außen schlägt innen, wie sonst nur das oben nach unten. Lebensnotwendige Distanzierungsmethoden.
Pssst, hörst du die Kraft der Stille.
Mehr als auf diesem Foto zu sehen ist, kann ich nicht preisgeben von mir.

Verschwinden als Lebensgefühl wird unterschätzt.
Schmerzlich, wenn die Freundschaft vor deinen Augen stirbt.
Ich schaue weg. Weil ich es darf.
Frieden auf Erden. Hoffnung auf Einsicht. Immer wieder das gleiche Lied.
Die Wünsche an das Universum Flüstern sich durch die Welt.
Friede wollen viele, Krach noch mehr.
Der Starke tötet, wenn er es kann.
Es endet alles mit Blut. Mal wallend, mal fließend.
Präsent sein ist gerade sehr en Vogue. Überholt ganz unspektakulär die Authenzität.
Mein Büro hat die Anziehungskraft eines Lagerfeuer. Wer sich wärmen will, sucht seinen Schutz.
Zuhören als Konzentrationskunst entwickeln.
Ich höre dir zu, ich nehme dich an.
Dazwischen taumeln die Machttrunkenen. Setzen außer Kraft, was ihnen nicht gefällt. Manches beginnt langsam und rast anschließend den Abhang hinunter.
Volle Kraft, zum Drüber setzen.
Mein Elefantengedàchtnis reicht nicht sehr weit. Bin stolz darauf, dass die Toleranz mir den Boden der Engstirnigkeit entzieht.

Manchmal wünschte ich mir, ich könnte einfach meine Sachen packen und ins Land der Dünnhäutigen, Sanftmütigen und Mimosen ziehen. Mir ist das Klima zu rauh geworden und die Evolution hat es versäumt mir einen giftigen Stachel mitzugeben.
Ich wünschte, ich könnte meine Sachen packen und mir einen Pass besorgen für das Land „Soziale Demokratische Republik“ ohne kackbraune Flecken auf der Fahne.
Ich sehne mich nach einer gerechten Gesellschaft, die Leistung als sich kümmern definiert. Die Platz lässt für die schönen Künste, für Spaß und Freude. Mit Lust auf das Neue und Achtung für das Beständige.
Einen Platz wünsche ich mir, an dem ich in Ruhe und mit Gelassenheit altern kann. Platzverbot für Trolle. Die mögen bitte draußen spielen.
Der Tag rauscht dahin. Mit Brausen. Hier und dort. Ein Ohr wird verlangt, ein Auge wird erwartet.
Die Welt dreht sich und der Büroflur dreht sich mit.
Kopfschütteln ist durchgängig zu vermeiden. Zu groß ist die Gefahr, dass du nicht mehr damit aufhören kannst.
Die Tage fühlen sich anders an. Als hätte jemand einen Schalter gedrückt und alles passiert schneller, alles ist lauter, alles bunter.
Eine Erklärung habe ich dafür, ihre fehlt die wissenschaftliche Grundlage, das faktische Fundament.
Aber wer braucht schon ein Fundament zum Schweben?

Flughafenwandern von Aleks Scholz
Beim Betreten eines Flughafens spüre ich es jedes Mal: der Flughafen ist ein ganz besonderer Ort, der sofort Einfluss auf mein Verhalten, meine Gestik und meinen Tonfall hat.
Aleks Scholz geht der Atmosphäre der Flughäfen auf den Grund und ich lasse mich von seiner Sprache durch die Flughäfen der westlichen Welt führen.
Mit trockenen Humor und einer Mischung aus Sachlichkeit und genialer Übertreibung erzählt das Buch von den Erlebnissen des Flughafenwanderers, von der Entstehung der Flughäfen, von ihren Veränderungen und eben auch von den Wechselwirkungen dieser Orte mit der menschlichen Psyche und der Persönlichkeit.
„In einer fußgängerfeindlichen Umgebung wird der Akt des Streunens unweigerlich zur politischen Subversion.“
Es sind die ungewöhnlichen Perspektiven und Interpretationen, die diesen Text so mitreißend wirken lassen.
Gleich nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, habe ich noch mal von vorn damit begonnen – und nun überlege ich, dass ich eigemtlich ganz schnell, die S-Bahn zum Flughafen erreichen muss.
claudia Dezember 4th,2016
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