Schmerz

Unter den Tisch kriechen und drei Tage dort verweilen. Der aktuelle Wohlfühlfaktor hat sich den Abgrund hinabgestürzt.
Wissen schützt nicht vor dem Schmerz. Schreien auch nicht. Die Tränen kümmern sich nicht um ihre Daseinsberechtigung.
Sie fließen.

Trauertränen. Traurige Tränen.
Es ist die zweite Tür im Flur, die ganz routiniert verschlossen wurde, die aber nie wieder aufgehen wird. Nicht so.

Ich weine. Die Tränen fließen.

Mitleiden. Niemand hat mich gefragt.
Niemand wird mich fragen.

DAZWISCHEN:ICH

DAZWISCHEN:ICH von Julya Rabinowich

Ein Buch nicht nur für Jugendliche.

Das Thema könnte nicht aktueller sein. Die fünfzehnjährige Madina ist mit ihren Eltern, ihrer Tante und ihrem kleinen Bruder vor einem Bürgerkrieg geflüchtet. Jetzt muss sie sich zurechtfinden in einem neuen Leben. In der Enge des Flüchtlingsheim, in einer Welt mit einer anderen Sprache und mit neuen Regeln. Aber auch mit ihrer Rolle als Mittleren zwischen ihrer Familie und dem unbekannten Leben außerhalb des Flüchtlingsheim.
Das Buch erzählt die Geschichte der introvertierten Madina behutsam in einer poetischen Sprache, die mir gut gefällt. Ihre Schwierigkeiten in der Schule, ihre Zerrissenheit, die langsame Veränderung ihrer Persönlichkeit werden sehr sanft erzählt, obwohl auch die Schrecken des Krieges nicht unerwähnt bleiben. Täglich steht Madina vor der Frage, wie sie mit den Kulturunterschiede umgehen soll. Sie hinterfragt vorsichtig die Geschlechterrollen und als es dann notwendig wird, trifft sie Entscheidungen. Für ihr neues Leben. Für eine gemeinsame Zukunft.

Julya Rabinowich ist mit diesem Buch etwas ganz Besonderes gelungen. Den lauten, rechten Stimmen in Österreich und Deutschland stellt sie diese liebevolle und starke Erzählung von Flucht, Vertreibung und Ankommen entgegen.

Lichtblicke

Der Lichtblick der Woche ist eindeutig der Sieg der polnischen Frauen beim Tauziehen um das verschärfte Abtreibungsgesetz.
Sie haben es tatsächlich geschafft! Das gibt mir Hoffnung und Kraft. Es ist ein Zeichen, dass diese nationalistischen Schurken sich nicht alles erlauben können. Dass sie auch einlenken müssen, wenn ihnen der Gegenwind entgegen bläst.

Die Frage kommt auf, ob unsere Demokratie überhaupt etwas taugt. Sie ist anfällig wie ein Mimosepflänzchen. Ratzfatz kann es sein, dass sie ihre Kinder frisst. Die schlimmsten Diktatoren des letzten Jahrhunderts im Herzen von Europa kamen alle durch Wählen an die Macht. Es stimmt schon von Selim Özdogan sagt, dass wählen alleine noch keine Demokratie ergibt.

Ich suche immer den Hoffnungsschimmer. Mein Herz sucht. Mein Kopf weiß schon, dass die Suche ergebnislos ist. Seht ihr, sage ich dann. Seht ihr, es ist alles noch viel schlimmer, als ich es euch ausgemalt habe! Ich bin die Schwarzseherin mit dem Hang zur Schneekugel. Ich schüttle mir die Welt, wie sie mir gefällt.

festhalten

Den Tag festhalten wollen.
Noch immer stellt sich manchmal dieses Gefühl ein, den Tag an seinem Restzipfel festhalten zu wollen.
Er macht sich langsam bereit, hat zum zweiten Mal Tschüs gesagt, aber ich will ihn einfach nicht gehen lassen.
Dabei war es nicht mal ein besonders schönes Tag. Durchschnittlich. Alltäglich.
Klassisch träge pendelt er aus, Obwohl er so dynamisch begann.
Immer festhalten wollen.

Nie loslassen.
Die Lebenszeit fest anspannen.

Was für Bilder das mit sich bringt.

Kraft schöpfen für den neuen Tag wäre eine Alternative. Aber die kindliche Verzweiflung über das Vergehen der Zeit überwiegt.
Was soll das mit der Nacht? Was sollen wir mit dem Dunkeln, wenn das Helle die Seele nährt?

Die hellen Tage. Nur die hellen Tage zählen.

Nie im Leben. Nie.

Herbstliches

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Der Herbst ist jetzt meine Lebenszeit. Das merke ich, wenn ich am Morgen aus dem Bett aufstehe. Es lässt sich nicht leugnen, die Lebenszeit schnurrt zusammen.
Ich sitze auf einem Viererplatz und mache mich breit, intensiv mit meinem Strickwerk beschäftigt. Fein, dieses Mal. Sehr sein und leicht ist die Wolle. So unterschiedlich ist dieses Strickgefühl mit den verschiedenen Wollsorten. Manche robust, sie laden zum Schnellstricken ein. Dabei klappern die Stricknadeln stilgerecht.
Manche Wollsorten sind ganz zart und fein. Die aktuell will besonders sanft behandelt werden.
Aber bitte, gerne!

Das Meer wurde am Wochenende Herbstfest gemacht. Es wurde von den Bojen befreit. Was für eine Weite das plötzlich gab!

Ich mache mir keine Illusionen und denke nicht, dass mir mein Lebensherbst viel Weite bringt. Vielleicht Tiefe. Damit bin ich einverstanden.

Jetzt heißt es, mich erst mal wieder zurechtzufinden.
Vom Paradies in den Alltag des Büroflurs wechseln. Die Stimmung anpassen. Die Sinne wieder umstellen. Die Einstellung neu justieren.
Ach, da kracht und knirscht es schon wieder.
Wird schon werden mit dem Herbst.
Wird schon werden.

hinhalten

die leichte Schulter
an die Wange
halten

die hingehaltene
nie schlagen

Juli Zeh – Alles auf dem Rasen

Kein Roman heißt der Untertitel des 2006 erschienen Buchs von Juli Zeh. 30 Erzählungen oder Essays aus vergangenen Jahren, manche davon zuvor als Zeitungsartikel veröffentlicht. Es hat was, aus heutiger Sicht ihre Beiträge in der Kategorie Politik oder Gesellschaft zu lesen.
Die Erinnerung an die geführten Debatten wird wieder wach.
Mein Verhältnis zu Juli Zeh ist etwas zwiespältig und das merke ich auch beim Lesen dieses Buches. Sie schreibt gut und greift intelligent breite Themen auf. Auf mich wirkt ihre Sichtweise aber oft von oben herab.

Für alle die gerne in den Zeiten stöbern, kann ich das Buch empfehlen.
Es ist eine Rückschau der unterhaltsamen Art.

Klick-Klack II

Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Ich glaube natürlich nicht, dass die Welt so gestrickt ist, wie in Klick-Klack I beschrieben.
Faschismus und Krieg funktionieren so. Diskriminierung und Unterdrückung auch.

Aber die Menschheit wäre schon lange ausgestorben, wenn das Leben nur so ticken würde. Die Menschen hören durchaus manchmal auf die leisen Töne und der Stärkere ist nicht immer der King.

Die Klick-Klack-Philosophie führt direkt in eine Aufrüstungsspirale und wohin die führt, haben wir auch schon gesehen. Dennoch wird sie oft als Naturgesetz angesehen.
Der Mensch, dieses Raubtier, dem ein Hang zur Gewalt und Zerstörung in die Wiege gelegt wurde.

Aber noch so vieles mehr.

Klick-Klack

Wer laut schreit, kriegt am Ende recht.
Wer Grenzen verletzt, kriegt zum Schluss mehr.
Wer hat, der bekommt dazu.

Was bin ich doch so schlau!
Schau, schau!

Ich kenne keine Scham. Die ist was für Rückständige.
Kurz mal drauftreten auf die, die am Boden liegen, kann doch notwendig sein.
Jedenfalls solange ich nicht selbst am Boden liege.

Sieh an, sieh an.

Klick-Klack.

Hauptsache es klickt.

Eveline Hasler – Stürmische Jahre

Stürmische Jahre – Die Manns, die Riesers und die Schwarzenbachs

Unter diesem Titel würde ich eine historische Dokumentation über die drei genannten Familien vermuten. Aber das Buch ist eher als historischer Roman einzuordnen, mit bekannten Persönlichkeiten als Akteure.

Der Inhalt dreht sich sehr konkret um die 12 Jahre von 1926 bis 1938, in denen das Ehepaar Rieser das nichtsubventionierte Schauspielhaus Zürich betreibt.

Es war die Zeit der Emigranten und Exilanten aus dem Nazideutschland in der Schweiz, die selbst auch mit faschistischen Tendenzen zu kämpfen hatte. Nicht immer war klar, ob sie ihren neutralen Status halten können würde.

Marianne Rieser-Werfel war die Schwester von Franz Werfel, der mit Alma Werfel-Mahler verheiratet war. In diesem Buch treten viele weitere bekannte Namen auf, das macht es sehr lebendig.

Was mir fehlt, wäre eine genauere Abgrenzung der historischen Fakten und Quellen von der fiktionalen Handlung.

Insgesamt gibt es einen tiefen Einblick über das Spannungsfeld der künstlerischen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Umgebung der emigrierten Künstlerinnen und Künstler in der Schweiz.
Es macht auch sehr deutlich, wie groß der Einfluss der Frauen am kulturellen Leben war.