Leerstelle
Steht für Luftanhalten, Herzstolpern, Krönchen richten, in Watte packen.
Steht für Luftanhalten, Herzstolpern, Krönchen richten, in Watte packen.
Der langweiligste Ort an der Costa Brava muss es sein. Ganz öde, still und ruhig vor schöner Naturkulisse. Das ist mein Wunschort. Mein kleines Paradies. In der Vor- oder Nachsaison verlaufen sich ein paar Wochenendtouristen her, einheimische Rentnerpaare und wir.
Reizarmut ist für mich das Erholungskriterium Nummer eins. Früher fand ich das ätzend, hätte mir gewünscht, dass es anders wäre. Irgendwann habe ich kapiert, dass ich das nicht ändern kann. Im Alltag nicht. Im Urlaub manchmal, aber irgendwann muss ich die zwei Wochen pro Halbjahr einschieben, sonst rächt es sich.
Mein Paradies kann eine ganze Weile nur aus Lesen, Schreiben und rumliegen bestehen. Mir ist da nicht langweilig und mir fehlt da auch nichts. Ich erinnere mich daran, dass mir von Erwachsenen genau das schon mit sieben, acht Jahren zum Vorwurf gemacht wurde. Selbst als ich jünger war, nur da ging es nicht ums Lesen, sondern ums alleine Spielen und Sachen bauen. Wenn du Dinge allein machst, wirst du mit Argusaugen betrachtet. Was hat die denn im Sinn?
Und überhaupt: Hält sie sich vielleicht für etwas Besseres? Will sie sich absondern von uns?
Nein, unsere Gesellschaft kann nicht besonders gut mit introvertierten Menschen. Sie traut ihnen nicht besonders viel zu. Unterschätzt sie permanent. Wir sind eine extrovertierte Gesellschaft. Was ja nicht generell schlecht ist. Es wird nur blöd, wenn die introvertierten Menschen ihren Platz und ihre Fähigkeiten abgesprochen bekommen. Denn eigentlich ist doch für alle Persönlichkeitstypen Platz und sie stören sich gegenseitig nicht, sondern befruchten sich doch.
Aber vielleicht sind wir als Gesellschaft einfach zu sehr aus der Balance gekommen. Es fehlt das Gleichgewicht in jeder Hinsicht.
Wenn du einmal angefangen hast auf ein Problem zu achten , dann begegnet es dir in seinen unterschiedlichen Varianten und Facetten immer wieder.
Ist euch schon mal aufgefallen, wie sehr die Toilettenbenutzung im öffentlichen Raum an den Konsum gebunden ist?
Wenn du die Möglichkeit und den Willen zum Konsumieren hast, dann stehen dir die Toiletten der Welt offen. Wenn du diese Möglichkeit nicht hast, dann darfst du halt in irgendein stinkiges Eck pieseln und dich dabei auch genauso fühlen, wie der Kapitalismus sich das für Konsumverweigerer vorstellt.
Ja, ich gebe es zu: das ist jetzt etwas zugespitzt. Aber warum fühlt sich sonst niemand mehr für diese menschlichen Bedürfnisse zuständig? Wenn ich meine Tage habe, bin ich auf Toiletten angewiesen, wenn ich Schwierigkeiten mit der Blase habe, bin ich auf Toiletten angewiesen, wenn meine Verdauung mit mir ein Tänzchen aufführt, bin ich auf Toiletten angewiesen.
Aber wenn ich nicht sicher sein kann, dass ich rechtzeitig ein mir zugängliche Toilette erreichen kann, werde ich mir dreimal überlegen, ob ich mein Zuhause – so ich eins habe – verlasse. Nicht auf Toilette gehen zu können, ist eine unwürdige Situation. Das Desaster ist auffällig. Es ist zu sehen und zu riechen. Diese Risiko gehe ich nur ein, wenn ich mir fast sicher bin, dass ich die Wette gegen meinen Körper gewinne.
Denn wer will schon dastehen, als jemand der für alle sichtbar seinen Körper nicht unter Kontrolle hat?
Also noch mal zu dem Ausgangspunkt: Warum kümmert sich dann in unserer Gesellschaft nur der Konsum um dieses Bedürfnis?
Soll das Recht einer würdigen Toilettenbenutzung nur Menschen zustehen, die sich es leisten können auf Vorrat zu konsumieren?
Mir erscheint das keine sympathische Lösung.

Auf Reisen wird mir das Thema Toiletten immer besonders bewusst. Wie sehr Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden, hängt nicht unerheblich vom unkomplizierten Zugang zu Toiletten ab. Zunächst in erster Linie davon, ob sie in ausreichender Zahl vorhanden sind. Mit diesem Kriterium müssen wir schon die erste Hürde nehmen. Aber angenommen, es wären genug da, da sind dann auf einmal immer mehr und neue Hürden. Heute morgen auf dem Umsteigenahnhof für Nachtzüge z.B. gleich zwei: die Öffnungszeiten und die Gebührenpflicht. Die Öffnungsweite auf diesem Umsteigebahnhof ist 7:30 bis 19:00. Bis dahin sind alle nächtlichen Umsteigerinnen schon wieder über alle Berge. Die Benutzungsgebühr ist in Anbetracht dessen, dass sich auf diesem Bahnhof nur Menschen mit gültigen Fahrkarten aufhalten, auch unseriös.
Ach, ja es waren nicht nur zwei Hürden, sondern auch die zusätzliche Barrierehürde da. Die Toilette war zwar behindertengerecht, aber von unserem Zug aus nicht. Denn erstens war es der Bahnsteig und der Zug nicht und zweitens, wäre es wegen des defekten Aufzugs nicht möglich gewesen, die Toilette zu erreichen. Da tut sich also eine nach der anderen Hürde auf.
Eine weitere Hürde ist die Sauberkeit. Ich selbst bin da zwar hart im Nehmen, aber das Kriterium hängt auch noch damit zusammen, dass ich mit ein bisschen Beweglichkeit eine gute Kontakt-mit-Schmutz-Vermeidungsstrategie umsetze. Das klappt dann nur bei Überschwemmungen nicht mehr richtig. Jedenfalls: Dreck kann auch eine Hürde sein.
Jetzt fehlt noch das Thema Unisex-Toiletten. Es gibt ja Menschen, die sich weder in den Damen- noch in den Herrentoiletten wohlfühlen und deshalb wird immer öfter von Unisextoiletten gesprochen. Aber was ich gar nicht ab kann, ist, wenn diese Unisextoilette eine Männertoilette mit Einheitsschild ist und hinter diesem Schild pinkelnde Männer vor ihren Pissoirs stehen. Das muss ich wirklich nicht haben.
Mit abgeschlossenen Unisextoiletten könnte ich mich abfinden, allerdings würde ich dennoch der Atmosphäre der guten, alten Damemtoilette vermissen. Im öffentlichen Raum unser einziger Schutzraum, der wirklich anerkannt war. Ein Rückzugsort im patriarchalem Feindesland, wenn es dort wieder mal zu turbulent zu ging.
Wahrscheinlich gibt es noch tausend Sachen zu diesem Thema zu sagen. Aber die müssen jetzt erst mal warten.
Die Augen schließen sich gegen meinen Willen. Es ist Nachmittag, aber mein Körper sagt mir, es ist Zeit zum Schlafen. Zeit zum Träumen. Keine Lust mehr auf Pollenfolter. Kein Interesse mehr an der Außenwelt.
Die Innenwelt wird unterschätzt. Durchgängig und fast überall.
Um gegen die Müdigkeit anzugehen mache ich duolingo auf. Nehme die Verben sinnlos in mich auf und kann jetzt auf Esperanto nachfragen, ob dir ein Krokodil gehört. Oder auf Katalan, ob die Ente Wasser trinkt. Sehr sinnvolle fieberhafte Beschäftigung mit Suchtcharakter. Besser als jedes Ausmalbuch.
81 Tage ohne Unterbrechung die Kurse durchgezogen. Das ist gleichzeitig die Kuba-Zeitrechnung: vor 81 Tagen bin ich aus Kuba zurückgekommen.
Mir wäre echt lieber, ich hätte das duolingo-Fieber eingetauscht und mich mit einer Portion Lebensfreude angesteckt.
Aber wahrscheinlich haben sie mich im frühen Kindesalter geimpft dagegen. Nur nicht zu viel freuen, sonst kommt der Bösewicht und nimmt dir alles weg.
In der Ecke steht der Koffer und schreit nach Inhalten. Nimm mich mit.
Füll mich mit all dem, was dir wichtig ist.
Mein kleiner, roter Koffer weiß schon, dass er meinen Ansprüchen nur selten gerecht werden kann. Liebe, Weltfrieden, Gerechtigkeit, Glück, Freude, Zufriedenheit – ich möchte alles mit mir tragen.
Meine Wünsche sind kindlich, meine Sehnsucht ist groß. Meine Träume unendlich.
Zum Glück.
Gestern haben sie in der Wettervorhersage Wind und Regen angesagt. Ziemlich bedrohlich sah das aus, aber dann war es doch nur ein ganz unspektakulär verregneter Tag geworden. So ähnlich hätte ich mir das auch für die österreichische Bundespräsidentenwahl gewünscht. Aber unspektakulär ist gar nichts an diesem Wahlausgang. In Europa weht ein heftiger kalter Wind von rechts. Ein Sturm der auch die erschüttert, die im Moment noch geschützt in ihrem Häuschen sitzen. Um uns herum kracht und donnert es gewaltig, der Blitz schlägt in Polen ein und Ungarn ist schon von der Sintflut überschwemmt. Nur leider hat das Schicksal vergessen, jemandem rechtzeitig mit dem Bau einer Arche zu betrauen. Beruhigend ist der Blick aus dem Fenster nicht. Regenschirme helfen da längst nicht mehr. Die zerreißt es im Orkan.
Wie kann es nur sein, dass so viele Menschen, die Demokratie abwählen wollen? Einfache Lösungen für komplizierte Fragen führen direkt in die Katastrophe. Mir kommt es so vor, als hätten da einige Leute in den letzten Jahren ihren Job nicht richtig gemacht.
„Wer den Wind sät, wird Sturm ernten.“ fällt mir dazu ein. Und es wurde verdammt viel ausgesät in den letzten Jahren und wenig kultiviert. Aber Demokratie funktioniert nicht ohne Pflege. Demokratie ist ein Prozess, der viel Arbeit erfordert. Kein Selbstläufer.
Und die Idee mit der Brandrodung scheint mir auch nicht so ideal zu sein. Nicht immer hinterlässt ein Brand fruchtbare Erde.
Also von mir aus könnten die Experimente wieder eingestellt werden. Mir reicht es mit dem Nervenkitzel.
Vielleicht sollte ich mich schon mal erkundigen, ob es nicht irgendwo Guerilla-Archenbauerinnen gibt, die mir einen Platz anbieten können?
Hier ist endlich ein ausführlicher Artikel der darlegt, warum das menschliche Gehirn kein Computer ist. Diese Metapher sagt mehr über die Zeit aus in der wir leben, als über unser Gehirn.
Aber wir brauchen wohl immer Bilder die uns genehm sind, um das Gefühl zu haben, alles um uns herum zu verstehen.
Tag eins nach der Wahl. Alles ist gut gegangen, die Anspannungen der letzten Tage fallen langsam von mir ab. Vier weitere Jahre Personalratstätigkeit liegen vor mir. Vier Jahre, die auf keinen Fall so weiterlaufen können wie die vergangenen. Es ist jetzt Zeit einen Richtungswechsel einzuschlagen und mehr auf meinen Energiehaushalt zu achten, das hat leider nicht immer so geklappt in der letzten Zeit. Selfcare wurde mir nicht in die Gene gelegt und auch nicht beigebracht. Selfcare ist ein Prozess von dem ich wenig verstehe.
In meinem Leben habe ich schon so viele Sachen gelernt. Auch als Erwachsene habe ich einen Riesenspaß am Lernen neuer Dinge. So sollte das mit der Selfcare doch irgendwie auch möglich sein?
Jedenfalls ist es höchste Zeit, denn das Leben gibt den Rythmus vor. Der Herbst meines Lebens ist angebrochen. Die Lebenszeit wird kostbarer, die Haut wird dünner, der Geist wird strenger und der Körper verlangt nach Aufmerksamkeit.
Mein Leben und mein Lebensgefühl verändern sich fließend unterhalb meiner Wahrnehmungsgrenzung und manchmal stehe ich an einem Meilenstein und bemerke dort erst, wie sehr sie sich verändert haben. Obwohl die Erinnerung und die erinnerten Geschichten mehr und mehr mein Bild von mir formen. Bin ich doch schon wieder auf dem Weg der Veränderung, auf dem Weg zu neuen Geschichten und neuen Anekdoten.
Mag es auch Züge meiner Persönlichkeit und meines Charakters geben, die sich nie verändern, einen Garant dafür, mein Leben auf einem Zustand einzufrieren gibt es zum Glück nicht.
Kaum zu glauben, dass Differenzialgleichungen einen Terrorverdacht auslösen können. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und des begrenzten politischen Verstandes ist das möglich. Dann zum Beispiel, wenn ein dunkelhäutiger Universitätsprofessor mit Vollbart im Flugzeug einen Vortrag über Fluktuationen in der Arbeitslosenquote vorbereitet.
Kaum zu glauben wie gefährlich dieses Differentialgleichungen sind. Aber ich hab das ja schon lange vermutet, denn ihr müsst zugeben, dass sie äußerst merkwürdig aussehen. Eine normale – an unser westliches Wertesystem angepasste – Formel, würde sich doch ein weniger furchterregendes Auftreten zulegen.
Und eine ordentliche Lösung.
42 zum Beispiel.
Eben ist mir aufgefallen, dass ich seit ein paar Tagen meine Abendgewohnheiten verändert habe. Ich sehe mir gerne die Snaps aus meiner Timeline zum Abend hin an. Kurz vor dem Schlafen schaue ich rein. Die kleinen Fotos, die perfekten Stories, die unterhaltsamen, die wiederkehrenden, die inovativen, die vertrauten Snaps.
So schnell verändern sich Gewohnheiten. Manchmal. Die anderen halten sich hartnäckig. Sind mir nicht immer die liebsten, aber die die tiefste Spur gruben.
Ansonsten drücke ich mir gerade selbst die Daumen. Aufregung ist bei einer Wahl immer dabei. Meine berufliche Situation ist mit dieser Wahl verbunden. Mir fehlt leider der Jagdinstinkt, dann könnte ich das alles etwas anders sehen. Aber das ist eins der vielen Gene, die mir fehlen.
Eines der Gene, die das Leben leichter machen.
Aber da ich es nicht ändern kann, nehme ich das, was mir das Schicksal mitgab.
Morgen ist auch noch ein Tag, übermorgen auch und dann ist die Spannung schon aufgelöst.
Wünscht mir Glück! Mindestens so viel, wie ich euch wünsche, dann habe ich genug um dem Schicksal gegenüberzutreten.
Gute Nacht!