Journal17122022

Neun Grad unter Null und die Gasspeicher sind zu 88% gefüllt. Im Falle eines Krieges wären die Gasspeicher sicher ein super Angriffsziel. Ich verstehe nicht, warum weiter und weiter auf diese zentralen Infrastrukturlösungen gesetzt wird. Aber was verstehe ich schon davon?

Ich sammle Zahlen und ordne sie mir zum Frühstück, zum Mittag- und zum Abendessen. Ich sammle Zahlen zum Winter und zur Temperatur und vermeide jede Zahl, die den Krieg und das damit verbundene Elend zählbar macht. Zu viel Leid auf dieser Welt. Eindeutig zu viel Leid.

Journal15122022

Kaum legt sich die Anspannung und eine Ahnung von Besserung schwebt in der Luft, vergesse ich alle Vorsichtsmaßnahmen und renne prompt ohne Netz oder Seilsicherung in die mentale Falle. Innerhalb von Stunden ist mein Energievorrat aufgebraucht und ich liege emotional am Boden.

Nachwievor fehlt mir eine brauchbare Schutzausrüstung. Ein Warnsystem. Eine Unfallvermeidungsstrategie. Tief in mir lebt eine unverbesserliche Optimistin im Gewand einer Pessimistin, die sich immer aus der Deckung locken lässt.

Einmal, zweimal, im Märchen gerne dreimal: dann folgt der böse Zauber.

Journal13122022

Nächste Woche ist Weihnachten. Ich sage es vor mir her wie ein Mantra. Nächste Woche ist Weihnachten und für einen kurzen Moment fährt die Welt ihr Tempo herunter. Jedenfalls die Welt, in der ich lebe. An die anderen Welten mag ich gar nicht denken. Zu unvorstellbar in ihrem Leid.

Bei mir, in mir rüttelt sich gerade etwas zurecht. Das Leben wir einfacher, leichter, der Druck, die Spannung lässt nach.

Nächste Woche ist Weihnachten. Das sind ruhige Tage für mich. Stille Tage, sanfte Nächte.

Für mich.

Journal10122022

Mich schreibend selbstvergewissern. Die Worte wiederfinden und mein Leben ausschmücken.

Heilung setzt Fürsorglichkeit voraus. Aufmerksamkeit. Rücksichtnahme. Wenn ich heilen will, sollte ich weiterschreiben. Mir eine Schutzhülle erschreiben.

Worte als Zwischenwelten.

Sätze, die Unterschlupf bieten.

Journal09122022

Komme mir vor, als würde ich einen Steilhang hochklettern und jedesmal wenn ich es ein paar Meter nach oben geschafft habe, verliere ich den Halt und rutsche wieder nach unten. Weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Hab keine Ahnung, ob mein Ziel oben am Steilhang noch existiert.

„Wege entstehen durchs Gehen.“ Trampelpfade vielleicht.

In der Zwischenzeit wird das Kortison ausgeschlichen. Poetische Umschreibung für einen harten medizinischen Prozess. Vielleicht kann ich mich bald intensiver mit meinem Krankheitsbild auseinandersetzen. Begreifen, was da vorgeht. Besser verstehen.

Und heilen.

(Jetzt höre ich auf, sonst greife ich vielleicht noch nach den Sternen und fange mir versehentlich Sternschnuppen ein.)

Journal05122022

Der frühe Vogel sollte dringend etwas gegen seinen Schlafmangel tun. So lautet mein Konterspruch auf den „frühen Vogel und den Wurm“. Dabei bin ich gerne der frühe Vogel. Laufe gerne durch die Stadt, begrüße gerne mein Büro am frühen Morgen. Am frühen Morgen bin ich wach. Das ist meine Zeit. Da gehört mir die Welt. Später trübt sie ein. Ich werde müde, ausgelaugt schleppe ich mich durch die zweite Tageshälfte.

Ansonsten bin und bleibe ich die Sorgen-Drama-Queen. Nehme alle Sorgen auf meine Schultern. Kummer aller Art packe ich in meinen Gemütsrucksack. Ziehe alle Seufzer der Umgebung auf mich.

Mein Lebenstalent besteht im mitleiden. Mitsorgen. Mitkümmern.

Einigeln

stacheliges Schneckenhaus

explosionsgefährdet

mit Glitzer gepudert

ein Heim für mich

Journal25112022

Sachstand: Mitten in der Bürokratiehölle zusammengebrochen.

Aussicht: Ohne professionelle, rechtliche Unterstützung geht es auf keinen Fall weiter.

Ich sammle meine mentalen Splitter ein. Soviel zerbrochen.

Bin nicht sicher, ob das ein Unfall oder ein Unglück ist.

Aufstehen und Krone richten.

Weitergehen.

Bei mir bleiben.

Was war das?

Journal19112022

Ich sah die Kraniche ziehen!

Es beginnt immer damit, dass ihr Lärm sich in mein Bewusstsein drängt. Sie sind laut. Was ist so laut? Obwohl ich jedes Jahr sehnsüchtig darauf warte sie ziehen zu sehen, geschieht es meistens unverhofft. Aus dem Nichts heraus. Ich dachte schon: Dieses Jahr hast du Pech. Sie sind weg. An anderen Orten waren sie schon. Du hast sie verpasst.

Aber heute morgen auf dem Heimweg vom Einkauf hörte ich plötzlich ihre Schreie und nahm sie erst nicht bewusst wahr. Dann sah ich endlich in den Himmel und da flogen sie. Hoch oben. In ihrem anmutigendem V. Da bleibt nur noch stehen zu bleiben und mit offenem Mind zu staunen. Was für ein Anblick.

Was für eine Erhabenheit.

Ich sehe die Kaniche ziehen.

Journal18112022

Die schweigsamen Tage halten an. Novembertrüb.

Jede einzelne Entscheidung wiegt schwer. Ja, nein, vielleicht. Nein doch nicht.