Was sind Gedichte wert? Was ist Ruhm wert? Was ist Anerkennung wert? Was ist die Liebe wert? Was ist Berührung wert? Was ist Ekstase wert? Was ist Erleuchtung wert?
Was bin ich mir wert?
Was ist mir die Wahrheit wert? Was ist das Leben wert? Und was der Tod? Was ist die Freiheit wert und was die Niederlage? Was macht den Frieden aus und bin ich mir mein Leben wert?
So viele Fragen ich auch stelle: nicht einen Millimeter komme ich an den Wert der Wertschätzung heran, nicht einen winzigen Schritt komme ich der Antwort näher.
Gedichte sind Gedichte und der Ruhm ist nicht immer rühmlich, die Anerkennung geben die anderen und die Liebe wächst aus mir. Geschichten und das Leben berühren mich und in Ekstase gerate ich nur selten, dafür fühle ich mich von Jahr zu Jahr der Erleuchtung näher. Ich fühle mit mir und kenne die Facetten der wahren Geschichten. Das alles ist mein Leben; begrenzt durch den Tod. Wie leicht fühlt es sich doch an: frei zu sein, trotz mancher Niederlage. Der Wunsch nach Frieden wird so selten erhört und trotzdem bin ich:
der Mittelpunkt meines Lebens
Manchmal bin ich sprachfaul.
Wortträge.
Satzmüde. Manchmal ist mir die Stille lieber. Oder die Bilder. Ab und zu auch die Natur. Alles was das Reden erspart ist willkommen. Als Kind habe ich gern in einer sprachlosen Traumwelt gelebt. Mit dem Erwachsen werden musste ich lernen, dass das mit dem telepathischen Verständnis unter den Menschen nicht immer klappt. Dass ich manchmal etwas sagen sollte, auch selbstverständliches. Das erschien mir so unverständlich. Warum das erwähnen, was eh jeder sehen, hören oder wahrnehmen konnte? Warum sich gegenseitig immer wieder der Banalitäten versichern? Das erschien mir so umständlich. Es kostete so viel Zeit. So viel Zeit und schien mehr Missverständnisse zu fördern, als gar nicht zu reden.
Aber es half nichts. Ich musste das reden lernen, denn Menschen, die nicht reden sind unheimlich. Verstockt. Vielleicht auch verhext. Menschen, die nicht reden, verurteilen. Sie werten. Sie verunsichern.
Nun ja, Erwachsenwerden ist kein Zuckerschlecken. Ratzfatz nehmen sie dir den größten Teil deiner privaten Traumzeit und zwingen dich, deine Lebenszeit mit Konventionen zu verbringen.
Aber ganz ehrlich: Dafür nehme ich mir bis heute das Recht heraus, nur die Konventionen zu erfüllen, die mir zum Miteinander unbedingt notwendig erscheinen. Den Rest lege ich großzügig aus.
Claudia November 14th,2009
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noch ein Zitat zur Vegänglichkeit des Lebens.
“Nichts ist wiederholbar, die Zeit, die Lebenszeit hält nur ein einziges Mal inne, und es ist furchtbar zu wissen, wann und für wie lange.”
Celan schreibt diesen Satz in einem Brief an Ingeborg Bachmann.
Die Wildgans schreibt über ein Projekt eines Bestattungsmenschen. Er schickte Koffer an willige Menschen und bat sie, sie für die letzte Reise auszustatten. Gleich überlegte ich, was ich da wohl hineintun würde: Eine Spieluhrmechanik würde mir gefallen. Musik sollte drin sein im Koffer für die andere Welt. Hier auf dieser Welt, widme ich der Musik so wenig Zeit. Ein Stiefkinddasein führt sie bei mir. Bin oft schon so mit dem Sehen angestrengt, dass ich Musik nicht gebührend beachten kann. Irgendetwas fehlt mir da: Die Zeit, die Aufmerksamkeit, das Wissen. Ich geniese es, wenn mir jemand etwas vorspielt oder wenn ich die alten Melodien aus der Kindheit wieder erkenne. Oder die Schnulzen der Jugendzeit und ein paar Stücke, die mir Menschen nah gebracht haben, die mehr für Musik übrig haben als ich.
Musik. Musik würde ich gerne mitnehmen ins neue Leben und ein Koffer, der beim Öffnen eine Meldodie spielt, der wäre ein geeigneter Begleiter ins andere Leben.
Claudia November 10th,2009
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SuMuze macht dicht. Vor einiger Zeit hat sie das schon mal getan. Dieses Mal scheint sie ernst zu machen – nicht dass sie das andere Mal es nicht ernst gemeint hatte. Nein, ganz sicher. Aber dieses Mal klingt sie rigoroser. Das Internet, der Zeitfresser. Hat sie recht? Klar hat sie recht. Das Internet frisst Zeit. Meine Zeit. Ich schenke sie gerne: noch. Noch schenke ich sie gerne. Ich schenke sie mir, ich schenke sie euch. Ihr schenkt mir eure Zeit und zwischendrinn bekommt das Internet seinen Happen ab.
Schade SuMuze. Ich werde dich vermissen. Aber ich vestehe, dass du gehen musst.
Sie ist zurück. Das freut mich. Ich hoffe, sie schlängelt sich noch eine Weile kryptisch durch die Realität.
Hört ihr was? Psst, ganz leise. Der Sonntag summt ein Ständchen. Ein graues Novemberständchen. Ich schaue mir meinen Kalender an und hoffe, dass Weihnachten nicht so schnell kommt, wie es scheint. Es ist noch so viel zu tun und erfahrungsgemäß werden die Wochen immer hektischer und nervöser. Die Menschen, sollte ich schreiben, die Menschen werden empfindlich und hektisch.
Es ist noch viel zu tun.
Und wie heißt es so schön: Wir können froh sein, dass wir viel zu tun haben. So froh wie die Karstadt-Menschen, die auf ihre Zulagen verzichten. Lohnverzicht, um die Stellen zu retten. Meistens stehen die Arbeitnehmerinnen und Arbeiter hinterher dann doch ohne Stelle da. Ohne Stelle und mit weniger ALG I. Jeder tut was er kann. Aber was machen wir alle mit unserer Gesellschaft?
Psst! Nicht weiter denken. Es weihnachtet bald. Dann wird alles bunt und heimelig.
stehen mit beiden Beinen fest in der Scheiße und tun so als würde sie überhaupt nicht stinken.
Da war ich ganz schön sauer, als ich diesen Satz in mein Tagebuch schrieb. Heute muss ich drüber lachen, weil der Satz so gut passte: Genauso hat sie sich präsentiert.
Claudia November 7th,2009
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In den letzten Tagen denke ich viel über das Tagebuch schreiben nach. Darüber, was es für ein Unterschied ist, für sich selbst zu schreiben oder öffentlich zu bloggen. Wie wäre es wohl, wenn ich im Blog tatsächlich über meinen Alltag schriebe? Das mache ich in keinem meiner Blogs. Nicht mal in den anonymen. Seltsam: In den anonymen Blogs schreibe ich viel abstrakter und verschlüsselter, als hier in der Sammelmappe. Hier weiche ich nur aus, filtere Personen oder Arbeitsumstände aus meinen Beschreibungen, färbe sie neu ein oder bringe sie in eine verfremdete zeitliche Reihenfolge. So bilde ich mir ein, dass ich auf dem schmalen Grad gehen kann: Persönlich schreiben ohne einen Seelenstriptease hinzulegen oder andere Menschen bloss zu stellen.
Ich bin ich – schrieb das Engelchen letzte Woche in ihrem Blog “Worte an sich sind nichts”. Ich bin ich – ein Eintrag über den Wunsch nach autobiographischem Schreiben. Wie gut ich das nachvollziehen kann! Der Wunsch, die Geschichten festzuhalten. Die Erinnerung soll nicht weiter verblassen. Das wünsche ich mir. Aber so viel ist schon verblasst, so weit in den Hintergrund getreten. Seit ca. zwei Jahren schreibe ich nun täglich meine kleinen Kladden voll. Vorher nur sporadisch – und so viele Dokumente musste ich schon vernichten. Nein, ich habe keinen Krieg und keine Vertreibung erlebt und trotzdem gab es viele Jahre in meinem Leben, in denen ich keine meiner schriftlichen Aufzeichnungen aufbewahren konnte. Einen kleinen Teil der Aufzeichnungen aus meiner Teenagerzeit hatte ich in mein Erwachsenenleben retten können, aber dann habe ich den Packen vernichtet. Aus Notwehr, sozusagen. Aus Notwehr, weil es in meiner Ehe keinen Schutzraum gab.
Ohne die Aufzeichnungen war ich nicht so verletzbar. So konnte ich besser durch das Leben kommen. Es hat so lange gedauert, bis ich bei Engls “Ich bin ich” angekommen bin. Ich war zwar schon immer ich, aber ich war auch immer ein stark polarisiertes Ich: Ein äußeres und ein inneres Ich. Das innere Ich galt es zu schützen.
Und jetzt? Jetzt hab ich mir den Schutz angewöhnt und brauche so lang mich an die Freiheit zu gewöhnen. Daran, dass ich mich frei bewegen kann, frei denken darf und mich frei äußern kann.
Ich weiß nicht richtig, wie ich diesen Eintrag beenden kann. Er klingt so trübsinnig, so traurig. Vielleicht wirft er auch ein falsches Licht. Beleuchtet mein Leben von einer verzerrten Seite. Aber Nachdenken werde ich weiter: über das autobiographische Schreiben.