Märchenhaft

Heute Morgen ist ein Rotkehlchen vor mir hergehüpft. Von einem Pfosten bis zum nächsten. Immer wenn ich näher als 1m kam, flog es zum nächsten Pfosten.

Kam mir vor wie eine Märchenprinzessin, die einen Wunsch frei hat.

Journal28042021

Vier Tage schweigen in der Sammelmappe ist unüblich und nicht beabsichtigt. Liegt aber daran, dass mich die ewig gleichen Themen beschäftigen. Die ewig gleiche Ignoranz. Sie tritt jetzt gar in tausend verschiedenen Facetten auf. Es wird diskutiert und abgewogen, gefordert und zurückgerudert, aber der Kaiser ist immer noch nackt.

Es hilft nichts, laut Freiheitsrechte zu rufen, wenn das Virus sich dabei ins Fäustchen lacht.

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Gestern hab ich kurz in die mit dem Oscar ausgezeichnete Dokumentation mit dem Oktopus reingeschaut. Bin ungefähr bis zur Hälfte gekommen und hab mir dann den Schluss angeschaut. Mir gefallen ja so emotional überzogene Filme, Bilder oder Bücher, aber ganz ehrlich: als Märchenfilm ginge er gut durch. Als Naturdokumentation deklariert, zeigt er wie unsere Gesellschaft neben der Spur läuft.

Meine Güte! Die Fiktion liegt so deutlich auf der Hand, bekommt aber durch das vorgetragene Pathos so einen Anspruch Realität zu sein, das ist fast gruslig. Besonders weil der Film wirklich schön ist. Wunderschön. Ein wahrer Märchenfilm.

Schaut ihn euch an.

Journal24042021

Es wird vor gerudert und wieder zurück. Noch während die Aktion der Schauspieler*innen anlief, war abzusehen, dass sich am nächsten Tag einige entschuldigen und distanzieren. Es war ebenso abzusehen, dass das Feuer entfacht sein wird und sich nicht mehr austreten lässt. Die Regierenden wird es freuen. Keiner redet mehr über Pannen, Korruption und strategische Fehler.

Unglaublich, dass bei so vielen der Verstand ausgesetzt hat.

Ich hab ein neues Notizbook begonnen. Ein Lese- und Zitate-Tagebuch. Jetzt hab ich gleichzeitig drei in Gebrauch. Ein bisschen viel, deshalb zögerte ich etwas. Aber dann wollte ich mir das Glück ein neues Heft zu erinnern nicht nehmen lassen. Die ersten Seiten sind immer so feierlich.

Journal23042021

Ich hab seit ein paar Tagen das Gefühl, dass wir an einem Kipppunkt stehen und dass es gesellschaftlich brenzlig werden könnte. Jetzt habe ich eine Ahnung, wie so etwas in der Praxis aussehen kann.

Brandstifter*innen, die hinterher unschuldig in die Wäsche schauen und mit der Gewalt, dem Hass  und dem Unglück, die sie auslösen, nichts zu tun haben wollen.

Deutsche Kulturpriviligierte. OMG.

Ganz, ganz schlimme Aktion von viele gut bezahlten Mainstream-Schauspieler*innen. Der rechte Rand jubelt außer Rand und Band.

Journal22042021

Feststellung zum Politikversagen während der Pandemie:

Alles eine Frage der Macht.

Sie machen es, weil sie es können und verhöhnen uns mit Trauerfeiern.
Diese Demokratie hat ihre Glaubwürdigkeit verloren. Vielleicht wird dieser Vertrauensverlust schwerere Schäden nachsichziehen als die eigentliche Gesundheitskrise.

Journal20042021

Seltsame Stimmung um mich herum. Die Energien sind komplett ausgelaufen und einzelne machen schlapp. Der Rest ist dünnhäutig. Die Twitter-Timeline überschlägt sich im Grünen-Sinnesrausch. Ich mag dieses Dunkelgrün nicht. Ist in Hochglanz verpackt und muffig innen drin.

Ganz und gar nicht mein Geschmack.

Seit Wochen höre ich vor dem Einschlafen „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Proust und kann das als Einschlafhilfe sehr empfehlen. Eine Sicht auf und in die Welt, die schläfrig macht. Am Anfang hab ich die Folgen fünf bis sieben Mal gehört, weil ich nach ein paar Minuten einfach weggedämmert war und dachte, ich müsse doch wissen, was im Text passiert. Aber so funktioniert das nicht. Die Folgen sind nur für begrenzte Zeit in der Mediathek, ich muss also Schritt halten. Der Sprecher berieselt mich mit verlorener Zeit und ich träume mich aus meinem Leben raus.

Journal17042021

„Von einem Ort kann man fliehen aus der Zeit kann man nicht ausscheiden, sie muß sich von selbst verflüchtigen. „

Ruth Klüger

Spazierengehen in den Erinnerungen. Auf und ab. Hin und her. Geschenkte Leben in tausend Träumen.

Journal16042021

Der Wind schüttelt die Bäume durch und auf dem Balkon macht sich eine renitente Meise breit, die sich Futterzerstreuungsorgien hingibt. Der April zeigt sein kaltes Gesicht.

Gestern wäre ich beinahe untergegangen und heute habe ich Oberwasser. Erfolgserlebnisse. Wer mag sie nicht.

Journal14042021

„Wenn man lange genug wartet, kommt der Tod“, schreibt Ruth Klüger. “ Man muss fliehen können.“

„Die Toten stellen uns Aufgaben.“

Journal11042021

unterwegs verloren – ich lese den zweiten Teil der Erinnerungen von Ruth Klüger und denke dabei an den Sommergarten in Klagenfurt, als sie ihren wunderbaren Vortrag hielt und ihre Notizen dazu auf dem Kindle nachsah.

Wenn mir etwas fehlt in dieser Pandemie, dann das zwanglose Zusammentreffen, mich in Menschenmengen verlieren, in die Atmosphäre einer Konferenz eintauchen. Von einem Ort zum anderen reisen. Fehlt es mir wirklich? Jedenfalls gefällt es mir in solchen Erinnerungen zu schwelgen.

Heute wird Deutschland die 3 Millionen Neuinfektionen erreichen. Die Intensivstationen sind voll, genau wie vorhergesagt. Wir werden verraten und verkauft, das alte Lied.

Langsam bekomme ich das Gefühl übrig zu bleiben. Rings um mich herum gibt es Impftermine, ich gratuliere jeder einzelnen dazu von Herzen. Aber mit den Wochen, die vergehen und der Gewissheit, dass sie den Impfabstand vergrößern werden, bleibt für mich realistisch nur Ende des Jahres für einen gesicherten Impfschutz übrig. Das ist noch eine lange Zeit.

Möge sich bis dahin die Pandemie verpissen und mögen möglichst viele Menschen nicht vergessen, wer ihnen das angetan hat.

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das Spiegelbild im Wasser / ertränkt die Stadt

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So also ist es gewesen. – / Man frage bitte nicht, was. / Ich hab die Scherben wieder aufgelesen. / Aber alle Scherben zusammen / machen noch immer kein Glas.

Mascha Kaléko